Gaskammern des NS-Vernichtungslager Sobibor ausgegraben

Von Elisabeth Zimmermann
7. Oktober 2014

Die Archäologen Yoram Haimi aus Israel und Wojciech Mazurek aus Polen haben gemeinsam mit Unterstützern die Überreste des jahrzehntelang verborgenen Nazi-Vernichtungslagers Sobibor in der Nähe von Lublin an der Ostgrenze Polens ausgegraben, wie SpiegelOnline am 23. September berichtete.

In einer Waldlichtung in der Nähe des alten Bahnhofs von Sobibor kann man jetzt die frisch freigelegten Fundamente und Mauerreste sehen. Es handelt sich um die mutmaßlichen Überreste von vier Gaskammern, jede etwa fünf mal sieben Meter groß – Todeszellen für jeweils 70 bis 100 Menschen. Haimi und Mazurek hoffen, dass ihre Funde das Grauen von Sobibor begreifbar machen. Die Nazis hatten das Vernichtungslager vor 71 Jahren zerstört, nachdem SS-Offiziere und ihre Helfershelfer zwischen 170.000 und 250.000 Menschen, vor allem wehrlose Juden und Roma, umgebracht hatten.

Die Lager Sobibor, Belzec und Treblinka dienten der systematischen Vernichtung der Juden und Roma im „Generalgouvernement“, das von der Wehrmacht besetzte Teile Polens und der Ukraine umfasste. Auch Juden aus den Niederlanden, Deutschland und anderen Staaten wurden dort ermordet. Die drei Lager waren von Anfang an reine Vernichtungslager. Nur ganz wenige der angelieferten Menschen wurden zur Zwangsarbeit eingesetzt. Die meisten wurden direkt von den Güterwaggons in die Gaskammern getrieben.

Insgesamt wurden in den drei Lagern zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 mindestens 1,7 Millionen Juden sowie rund 50.000 Roma umgebracht, mehr als in Auschwitz-Birkenau, dem Synomym für industriellen Massenmord. Mit der Durchführung des Massenmords, der den Tarnnamen „Aktion Reinhardt“ trug, hatte SS-Führer Heinrich Himmler den Lubliner SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik beauftragt.

Laut Spiegel Online sorgten die Nazis dafür, dass die „Aktion Reinhardt“ keine Spuren hinterließ: „Mitten im Krieg machten sich die Verbrecher daran, nach den Juden auch ihre eigenen Spuren methodisch auszulöschen: Zwischen November 1942 und Dezember 1943 exhumierten sie Leichen, töteten fast alle verbliebenen Insassen der drei ostpolnischen Lager und verbrannten sämtliche sterblichen Überreste.“

Pläne und Dokumente, die auf das Lager hinwiesen, wurden ebenso zerstört wie die Gebäude. Das Gelände wurde eingeebnet, Wälder angepflanzt und Bauernhöfe angesiedelt. Von den monströsen Verbrechen, die im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ geplant und durchgeführt worden waren, sollten möglichst keine Spuren übrig bleiben.

Nur ganz wenige Menschen überlebten die drei Vernichtungslager. Aus Sobibor waren es 50, die bei einem Aufstand am 14. Oktober 1943 ausbrachen und die anschließende Flucht und den andauernden Krieg überlebten. In Treblinka wurden 800.000 Menschen ermordet, nur etwa 60 überlebten. In Belzec wurden mehr als 430.000 Menschen umgebracht, nur acht überlebten.

Die Initiative für die Ausgrabungen kam von dem israelischen Archäologen Yoram Haimi, der im April 2007 als Besucher nach Sobibor kam, um seiner beiden Onkel zu gedenken, die hier starben. „Damals war das Museum geschlossen. Es gab Monumente zu sehen, aber nichts, das zeigte, wie und wo gemordet wurde.“

Er entschloss sich, selbst nach den Überresten von Sobibor zu suchen, und fand in dem polnischen Archäologen Wojciech Mazurek einen genauso engagierten Partner für das Projekt. Gemeinsam kämpften sie für die notwendige finanzielle Unterstützung sowie die erforderlichen Genehmigungen der Behörden.

Bereits 2010 entdeckten die Archäologen neben dem Platz mit dem Denkmal Überreste von Sperrzäunen. Ein Jahr später fanden sie die sogenannte „Himmelfahrtstraße“, über die die neu ankommenden Opfer hin zu den Gaskammern getrieben wurden. „Uns war ziemlich klar, dass am Ende die Gaskammern sein würden,“ berichtete Haimi SpiegelOnline.

Aber zunächst kamen sie nicht weiter. Die Gedenkstätte stand kurz vor dem Aus. Aus Geldmangel mussten die Besuchereinrichtungen zwischenzeitlich geschlossen werden. Dann übernahmen die Stiftung polnisch-deutsche Aussöhnung und das Museum Majdanek die Verantwortung für das Gelände.

Haimi und Mazurek setzten ihre Ausgrabungsarbeiten fort und fanden schließlich die Reste von Zäunen, Baracken und Krematorien sowie mehrere Skelette. Der Rabbi von Warschau gab ihnen die Erlaubnis, den Asphalt über dem vermutlichen Massengrab aufzureißen.

Am 8. September dieses Jahres stießen die Archäologen auf Mauerreste aus roten Ziegeln. Alles deutete darauf hin, dass sie auf den Fundamenten der Gaskammern standen: die Lage zwischen „Himmelfahrtstraße“, Krematorium und den Resten einer Baracke des „Sonderkommandos“ sowie einem Wasserloch. Experten aus Auschwitz bestätigten den Fund.

Die Entdeckung sei von „größter Wichtigkeit für die Holocaust-Forschung“, sagte David Silberklang, Historiker an der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Er gehe davon aus, dass man die Zahl der Opfer präziser werde schätzen können und auch genauer wissen werde, wie die Morde in dem Lager vor sich gingen.

Auch Spuren von jüdischem Leben wurden bei den Ausgrabungen in Sobibor gefunden, wie ein Ehering mit der Gravur „Sieh, du bist mir angetraut“ oder eine Metallmarke mit Namen und Geburtsdatum der damals sechsjährigen Lea Judith de la Penha aus Amsterdam. Ein Fernsehteam aus den Niederlanden drehte aufgrund dieser Funde einen Dokumentarfilm über das Kind und seine Familie. So bekommen zumindest einige der anonymen Toten von Sobibor ein Gesicht.

Erfreut reagierte auch der 84-jährige Philip Bialowitz, einer der wenigen noch lebenden Überlebenden von Sobibor. Er hatte als Jugendlicher zu der Gruppe der Verschwörer gehört, die den Aufstand von Sobibor am 14. Oktober 1943 vorbereitet hatten.

Es gelang ihm die Flucht und er wurde mit seinem Bruder von einem polnischen Bauern aufgenommen und versteckt, bis die Rote Armee kam. Zeit seines Lebens reiste er um die Welt, „weil ich geschworen habe, dass ich meine Geschichte jungen Menschen erzähle, solange ich das kann. Was damals geschehen ist, darf niemals in Vergessenheit geraten.“

Ein weiterer Überlebender des Vernichtungslager Sobibor und Teilnehmer an dem Aufstand vom 14. Oktober 1943 ist Thomas Blatt. Er hat die Erinnerungen daran in dem Buch „Sobibor – der vergesessene Aufstand“ niedergeschrieben.

Sowohl Philip Bialowitz wie auch Thomas Blatt hatten im Januar 2010 während des Prozesses gegen den SS-Gehilfen John Demjanuk in München als Zeugen und Nebenkläger ausgesagt und die schrecklichen Erfahrungen, die sie als Arbeitshäftlinge im Vernichtungslager Sobibor gemacht hatten, geschildert.

Der Historiker des Münchner Instituts für Zeitgeschichte Dieter Pohl, hatte dem Gericht ein Gutachten vorgelegte. Er beschrieb den Aufbau des nationalsozialistischen Judenvernichtungssystem in den von den Nazis besetzten Gebieten Osteuropas und die Entstehung der Vernichtungslager, darunter Sobibors. Seit Mai 1942 seien Juden aus ganz Europa systematisch in diesem Lager in Polen ermordet wurden, erklärte Pohl vor Gericht. „Der einzige Zweck war die Ermordung.“ Die Lagerleitung bestand aus 25 bis 30 SS-Leuten, die Drecksarbeit wurde von 100 bis 120 sogenannten Trawniki, zu denen Demjanuk gehörte, erledigt.

Obwohl der Prozess gegen John Demjanjuk ein Schlaglicht auf die nationalsozialistischen Verbrechen warf, lies er viele entscheidende Fragen offen. Demjanjuk selbst starb bald nach der Urteilsverkündung im Mai 2011, bevor das Urteil – eine Haftstrafe von fünf Jahren wegen der Beihilfe zum Mord an 28.000 Juden im Vernichtungslager Sobibor – rechtskräftig wurde.

Ein Hauptdilemma im Prozess gegen Demjanjuk bestand darin, dass viele der Hauptverantwortlichen für die Nazi-Verbrechen und auch die meisten Helfershelfer nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Bundesrepublik nie vor Gericht gestellt wurden. Viele der Verantwortlichen aus Justiz, Geheimdiensten und Polizei setzten ihre Tätigkeit in führenden Positionen der Bundesrepublik nahtlos fort, ohne dass sie jemals zur Rechenschaft gezogen wurden.

In den sechziger und siebziger Jahren wurden in der Bundesrepublik in den Sobibor-Prozessen nur die Hälfte der zwölf angeklagten SS-Männer verurteilt. Der Lagerleiter erhielt damals eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, die anderen fünf Verurteilten Haftstrafen zwischen drei und acht Jahren.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen