Münkler erhält Schützenhilfe von ganz rechts

Von Peter Schwarz
28. Mai 2015

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler erhält Unterstützung von ganz rechts. Hinter seine Kampagne gegen kritische Studenten, die jede Woche seine Vorlesung an der Humboldt-Universität kritisieren, hat sich nun auch das Sprachrohr der Neuen Rechten, die Wochenzeitung Junge Freiheit, gestellt.

Unter der Überschrift „Ins Blickfeld der Blockwarte gerückt“ denunziert Karlheinz Weißmann dort den Blog „Münkler-Watch“ als Teil einer „totalitären Bewegung“. Münkler selbst überschüttet die Junge Freiheit dagegen mit Lob. Sie preist seine Neigung, „jene Barrieren in Frage zu stellen, die um die Politikwissenschaft in Deutschland aufgestellt sind“.

Die Verantwortung für diese „Barrieren“ sieht Weißmann bei der „Siegermacht USA“, die „es von Anfang an darauf abgesehen (hatte), im Rahmen ihres Reeducation-Programms die Schlüsselstellung der Historiographie und der klassischen Staatslehre im Geistesleben zu brechen“. An deren Stelle sei eine „Demokratiewissenschaft“ getreten, die „dazu führte, dass sich hier flächendeckend Auffassungen durchsetzen konnten, die nur linke oder bestenfalls linksliberale Positionen als legitim betrachteten“.

Münkler habe seit langem „gegen diese Generaltendenz opponiert“. Sein Wirken sei nur durch Zufall oder als Folge taktischen Geschicks so lange unbeanstandet geblieben. Doch jetzt werde er wie viele konservative Kollegen „linkem Gesinnungsterror ausgesetzt“ und rücke „ins Blickfeld der Blockwarte, die daran arbeiten, das Land in eine ‚DDR mit menschlichem Antlitz‘“ zu verwandeln.

Münklers Kritiker beschuldigt Weißmann des Gesinnungsterrors: „Wie jede totalitäre Bewegung basiert auch die, die sich an der Humboldt-Universität breitmacht, weniger auf der Allmacht eines Apparats als vielmehr auf dem guten Gewissen derer, die über die reine Lehre wachen. Hinzu kommt die Bereitschaft, nicht aus Zwang oder auf Kommando, sondern aus tiefer innerer Überzeugung jene ans Messer zu liefern, die sich nicht erst durch ein Handeln verdächtig gemacht haben, sondern durch ein Meinen – oder ein vermutetes Meinen.“

Dass sich die Junge Freiheit derart nachdrücklich für Münkler einsetzt, verrät viel über den politischen Inhalt der Auseinandersetzung an der Humboldt-Universität. Das 1986 gegründete Blatt bewegt sich im Dunstkreis zwischen dem rechten Rand der CDU und offen neonazistischen Kreisen. Es versteht sich als intellektuelles Organ der äußersten Rechten. Während es allzu plumpe Neonaziparolen, wie etwa die offene Leugnung des Holocaust, vermeidet, versucht es ideologische Strömungen wieder zu beleben, die den Nazis den Weg geebnet hatten und teilweise in deren Ideologie eingeflossen waren.

Der Soziologe Albert Scherr bescheinigte der Junge Freiheit, sie suche eine „taktisch kluge Balance“ zwischen den „Elementen eines anspruchsvollen und seriösen Journalismus einerseits, einer deutlich geschichtsrevisionistischen, völkisch nationalistischen, fremdenfeindlich und kulturrassistisch akzentuierten Positionierung andererseits“.

Karlheinz Weißmann, der den Artikel über „Münkler-Watch“ verfasst hat, ist ein führender Vertreter dieser Tendenz. Er schreibt seit langem für die Junge Freiheit und gründete und leitete von 2000 bis 2014 das eng mit ihr verbundene Institut für Staatspolitik.

Laut Wikipedia gilt Weißmanns 1993 erschienenes Buch„Rückruf in die Geschichte“ als eine Art Programmschrift für die deutsche Neue Rechte. Er bezeichne sich „als Schüler Armin Mohlers, über den er eine umfangreiche Biografie verfasste“, und versuche wie dieser, „das Gedankengut von Ernst Jünger, Carl Schmitt, Arthur Moeller van den Bruck und anderen Vertretern der ‚Konservativen Revolution‘ in der Weimarer Republik zu erneuern“.

Weiter heißt es bei Wikipedia, Weißmann wolle „mit der Forderung einer ‚selbstbewußten Nation‘ (Buchtitel) die Vergangenheitsbewältigung der NS-Zeit revidieren“. Er stelle „die Westbindung der Bundesrepublik Deutschland in Frage, um langfristig eine traditionelle deutsche Großmachtpolitik zu erneuern“.

Mit Münkler, der in seinem jüngsten Buch „Macht in der Mitte“ dafür eintritt, dass Deutschland in Europa eine Vormachtstellung einnimmt und „die schwierige Rolle eines Zuchtmeisters“ spielt, hat Weißmann offenbar politische Gemeinsamkeiten entdeckt. Hätte es eines Beweises bedurft, dass Kritik an Münklers Auffassungen gerechtfertigt und notwendig ist, hat ihn die Junge Freiheit geliefert.

Weißmann solidarisiert sich aber nicht nur mit Münkler, sondern auch mit seinem Kollegen Jörg Baberowski. Der Historiker sei wie Münkler Opfer eines Vorgehens geworden, dessen Drahtzieher „in einer trotzkistischen Kleinstgruppe zu suchen sind“, schreibt er. Gemeint sind die Partei für Soziale Gleichheit und ihre Jugend- und Studentenorganisation IYSSE, die Baberowski wegen seinem Bekenntnis zu Ernst Nolte und der Verharmlosung nationalistischer Kriegsverbrechen kritisiert haben.

Nolte, der 1986 mit seiner Beschönigung des Nationalsozialismus den Historikerstreit auslöste und inzwischen zum offenen Hitler-Verteidiger mutiert ist, zählt zu den Helden der Jungen Freiheit. Sie verlieh ihm 2008 den von ihr gestifteten Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreis. Anlässlich seines 92. Geburtstags im Januar dieses Jahres pries sie ihn als einen der „prägendsten politischen und historischen Denker deutscher Sprache im 20. Jahrhundert“.

2008 hatte die Junge Freiheit Noltes Niederlage im Historikerstreit in einem ausführlichen Artikel zu seinem 85. Geburtstag auf die „mangelnde Unterstützung im bürgerlichen Lager“ zurückgeführt und diese mit der „Selbstaufgabe“ des Bürgertums gleichgesetzt.

„Von nun an war die tradierte bürgerliche Interpretation der deutschen Nationalgeschichte obsolet, ja verdächtig, durchgesetzt hatte sich vielmehr das neue (…) Geschichtsverständnis, das in seiner Konsequenz darauf abzielte, den bürgerlichen deutschen Nationalstaat als historischen Irrtum und moralisches Vergehen abzuwickeln“, klagte Moritz Schwarz. Er führte dies auf den „Untergang des freien deutschen Nationalstaats 1933 und erneut 1945/49 und dessen Ersetzung durch die geistigen Bürgerkriegsregime des Nationalsozialismus und der westgebundenen Bundesrepublik (statt etwa einer nationalen Bundesrepublik)“ zurück.

Der Artikel endete mit der Voraussage, dass die Stunde der Propheten eines Tages kommen werde. „Von dem Geschichtsdenker Ernst Nolte und seinen kühnen Vorstößen ins Reich der historischen Genese wird noch gesprochen werden, wenn sich an die Namen seiner heute triumphierenden Gegner längst niemand mehr erinnert.“

Es ist also keine Überraschung, wenn die Junge Freiheit Jörg Baberowski verteidigt, der sich im Februar letzten Jahres gegenüber dem Spiegel ausdrücklich zu Ernst Nolte bekannt hatte.

Das Lob der äußersten Rechten für Münkler und Baberowski zeigt, um welche Fragen es bei den Auseinandersetzungen an der Humboldt-Universität geht: Um die Rückkehr Deutschlands zu Großmachtpolitik, Militarismus und Krieg, und um das Umschreiben der Geschichte, um diese Rückkehr zu rechtfertigen.

Das verträgt sich nicht mit Kritik. Aus diesem Grund fallen nahezu alle bürgerlichen Medien wütend über die Autoren von „Münkler-Watch“ her, die nichts weiter getan haben, als ihr Recht auf freie Meinungsäußerung auszuüben und einen Professor zu kritisieren.