Humboldt-Universität: IYSSE-Resolution zur Verteidigung von Meinungsfreiheit und „Münkler-Watch“ stößt auf Unterstützung

Von unseren Korrespondenten
11. Juni 2015

Die Humboldt-Universität hat sich in den letzten Wochen verändert. Sie hat sich politisiert. Die Diskussion über rechte Professoren wie den Politikwissenschaftler Herfried Münkler und den Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski sowie ihre studentischen Kritiker ist auf dem Campus allgegenwärtig.

Seit einigen Wochen ist die studentische Gruppe „Münkler-Watch“, die die Vorlesungen Münklers auf ihrem Blog protokolliert und kritisiert, in aller Munde. Insbesondere Münklers Eintreten für eine deutsche Großmachtpolitik wird von den Studierenden in Frage gestellt.

Auch die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) an der HU hatten Münklers Kriegspropaganda kritisiert und auf die Verharmlosung von Naziverbrechen durch Baberowski aufmerksam gemacht. Professoren, Unileitung und zahlreiche Medien hatten deshalb beide Gruppen heftig angegriffen.

Am Eingang der HU

Im Innenhof des Hauptgebäudes trifft man viele Studierende der Sozialwissenschaften, die Münkler aus Lehrveranstaltungen kennen. Sie diskutieren angeregt über die Kritik, die von ihren Kommilitonen auf „Münkler-Watch“ veröffentlicht wird. Die Meinungen über deren Texte gehen auseinander, aber die große Mehrheit der Studierenden verteidigt das Recht auf Kritik.

„Empörend finde ich die Stellungnahme der Professoren zur Verteidigung Münklers. Die ist völlig einseitig“, sagt ein SoWi-Student, der auch in seiner Fachschaftsinitiative aktiv ist. „Die schaffen ein Klima, in dem niemand mehr wagt, Kritik zu äußern.“ Gerade viele Mitarbeiter des akademischen Mittelbaus stünden Münkler kritisch gegenüber, fürchteten aber Repressionen, wenn sie sich öffentlich mit den Studierenden solidarisierten.

Am heutigen Donnerstag um 18:30 debattiert das Studierendenparlament über eine Resolution zur Verteidigung von „Münkler-Watch“, die die IYSSE eingebracht haben. Unterstützer der IYSSE verteilten in den letzten Tagen tausende Kopien des Texts und riefen Studierende auf, an der öffentlichen Sitzung im Hauptgebäude teilzunehmen, um ihn zu unterstützen.

Am Montag hatte die Fachschaftsinitiative Biologie Vertreter der IYSSE eingeladen, um die Resolution zu diskutieren und sich über die Vorgänge an der Universität auszutauschen. Unter den Anwesenden gab es viel Unterstützung für die Initiative der IYSSE. Zuvor hatten schon die Fachschaftsinitiativen der Fächer Geschichte, Gender Studies und Erziehungswissenschaften eine Stellungnahme veröffentlicht, die die Meinungsfreiheit an der Uni verteidigt und Angriffe auf die Studierenden zurückweist.

Gerade die Verteidigung des Rechts, Kritik an Professoren auch anonym zu äußern, findet auf dem Campus große Unterstützung unter Studierenden. So erklärte Felix, der Gartenbauwissenschaften an der HU studiert: „Die Anonymität ist wichtig. Wenn man eine Meinung hat, ist es notwendig und richtig, diese zu artikulieren, gegebenenfalls auch anonym.“ Wie mehrere andere Studierende bat er die IYSSE um mehr Flyer, um sie selbst in seinem Wohnheim und Institut auszulegen.

Alexander studiert seit diesem Semester Philosophie und Musik an der HU. Er hat die Arbeit der IYSSE, auch ihre Kritik an Professor Baberowski, bereits seit einigen Wochen verfolgt und unterstützt sie.

Er sagte: „Studierende haben das Recht, anonym Kritik zu üben. Offenbar bedenken Münkler und seine Verteidiger nicht, dass es durchaus eine Hierarchie – und damit auch ein Machtgefälle – an den Universitäten gibt und es für Studierende ernsthafte Konsequenzen haben kann, wenn sie ihre Kritik nicht anonym äußern. Mag man die Ansicht von ‚Münkler-Watch‘ teilen oder nicht, so muss dennoch eine Universität, die sich als Ort des freien und unabhängigen wissenschaftlichen Austauschs versteht, auch Raum für anonyme Kritik lassen.“

Auch Andreas, der Germanistik und Geschichte studiert, verteidigt die IYSSE und „Münkler-Watch“: „Solche inhaltlichen Diskussionen sind wichtig, und es ist auch gut so, dass so etwas anonym stattfinden kann, gerade da es ein ziemliches Machtgefälle zwischen Studenten und Professoren gibt“, sagt er.

Die Angriffe, die Unileitung und Professoren gegen die Studierenden veröffentlicht haben, kritisiert er scharf. „Das hat nichts mehr mit Verteidigung der eigenen Meinung zu tun, sondern mit Unterdrückung anderer Meinungen.“

Den Grund für die aggressive Haltung der Lehrenden sieht Andreas im wachsenden Militarismus, der an der Uni seinen Niederschlag finde: „Militaristische Tendenzen hier an der Uni sind eindeutig. Gerade im Kontext des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts wird versucht, die Rolle Deutschlands zu beschönigen. Das passiert in den Medien auch über eine Gleichsetzung des Stalinismus mit dem Hitlerfaschismus.“

Studentische Initiativen, die solche Standpunkte hinterfragen und kritisieren, hält er deshalb für wichtig. „Dazu gehört aber auch eine Unileitung, die solche inhaltlichen Auseinandersetzungen fördert und zulässt.” Ähnlich äußerten sich viele Studierende, die die Resolution der IYSSE deshalb unterstützen.

Das im Mehring-Verlag erschienene Buch "Wissenschaft oder Kriegspropaganda?" dokumentiert den Kampf der IYSSE und der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) gegen die Wiederkehr des deutschen Militarismus in den vergangenen zwei Jahren.

Wer nicht bereit ist, die Wiederbelebung des deutschen Militarismus und die Verwandlung der Universitäten in staatlich gelenkte Kaderschmieden für rechte und militaristische Ideologien hinzunehmen, muss dieses Buch lesen. 

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