Wie Bild einen „Sex-Mob“ in der Silvesternacht erfand

Von Marianne Arens
28. Februar 2017

Am 6. Februar titelte die Bild-Zeitung in ihrer Frankfurter Lokalausgabe: „37 Tage nach Silvester brechen Opfer ihr Schweigen. Sex-Mob tobte in der Fressgass“. Das Ganze war eine frei erfundene Story, die sich jedoch rasch weiter verbreitete.

Gestützt auf die Aussage eines AfD-Sympathisanten, des Szenewirts Jan Mai, der in Frankfurt mehrere Lokale betreibt, schrieb Bild-Reporter Stefan Schlagenhaufer, im Frankfurter Zentrum habe ein Mob von „900 größtenteils betrunkenen Flüchtlingen“ an Silvester randaliert, Feiernde beraubt und Frauen sexuell belästigt.

Nach den Angaben von Jan Mai schilderte Bild, was in der Flaniermeile „Fressgass“ (Große Bockenheimer Straße) angeblich geschehen war. Dutzende ausländischer Männer hätten sich in Mais Bar First-In gedrängt, die Frauen angefasst und mehrere Jacken gestohlen.

Das Boulevard-Blatt zitierte den Gastronomen mit den Worten: „Als ich reinkam, war der ganze Laden voll mit einer Gruppe von rund 50 Arabern. Sie sprachen kein Deutsch, tranken den Gästen die Getränke weg, tanzten sie an. Die Frauen baten mich um Hilfe, weil sie angegrabscht werden. Die Stimmung kippte komplett.“ Auch noch zwei Stunden später habe es vor dem Lokal „Probleme mit Massen an Flüchtlingen“ gegeben.

Bild präsentierte auch eine Zeugin, die Geschäftsfrau Irina A., die aussagte, im First-In sexuell belästigt worden zu sein.

„Rund 50 Araber“, „Massen an Flüchtlingen“, „900 größtenteils betrunkene Flüchtlinge“ – das Vokabular, das Bild hier benutzte, stammte direkt aus AfD- und Pegida-Kreisen. Die Falschmeldung in ihrer FrankfurterLokalausgabe mit einer Druckauflage von hunderttausend Exemplaren breitete sich rasch aus und wurde sowohl vom Sat.1-Frühstücksfernsehen („Wieder sexuelle Übergriffe an Silvester!“), als auch von rechten Publikationen wie der Jungen Freiheit übernommen. In Großbritannien kolportierte sie auch die UK-Ausgabe von Breitbart News.

Aber auch renommierte Zeitungen wie die Frankfurter Rundschau („Übergriffe in der Fressgass‘“), die Frankfurter Neue Presse („Szenegastronom erbost über angebliche Randale in seiner Bar“), die Frankfurter Allgemeine Zeitung („Übergriffe in der Silvesternacht auf der ‚Freßgass‘?“) und die Offenbacher Post („Randale und Übergriffe in der Silvesternacht?“) übernahmen am 6. und 7. Februar zunächst die „Nachricht“, wenn auch zum Teil mit Fragezeichen und dem Wort „angeblich“ versehen.

Am nächsten Tag schickten die Frankfurter Neue Presse und die Frankfurter Allgemeine Zeitung kritische Kommentare hinterher: „Ein Sex-Mob, den keiner gesehen hat“ (F.A.Z.). Da hatte sich die Falschmeldung über rechte Gruppen auf Facebook und Twitter schon weit verbreitet.

Mehreren Lokalpolitikern kam sie gerade recht. So hetzte Christoph Schmitt (CDU) über die „Schattenseiten der Flüchtlingspolitik“, nämlich über „Männer-Massen … die die Stadt unsicher machen“, und forderte „mehr Polizei auf den Straßen, mobile Videoüberwachung“.

Stephanie Wüst von der FDP-Fraktion im Römer sekundierte: „Der Rechtsstaat sollte die Täter bei einer Verurteilung mit der vollen Härte des Gesetzes bestrafen und sich auch nicht vor Abschiebungen scheuen.“ Unterstützt wurden diese Stimmen einmal mehr von der Bild-Zeitung, die einen neuen Titel zum Thema mit den schreienden Forderungen versah: „Nulltoleranz! Videoüberwachung! Mehr Polizei!“

Dabei lagen der Frankfurter Polizei bis dahin keinerlei Hinweise auf die behaupteten Vorfälle vor. Sie leitete eine Untersuchung ein, konnte aber nichts feststellen. Auch auf Nachfrage bei den benachbarten Lokalbetreibern auf der Fressgass‘ ergab sich nichts, was Mais Behauptungen hätte stützen können.

Darauf schaltete die Polizei die Staatsanwaltschaft ein, welche Ermittlungen wegen Vortäuschens einer Straftat gegen die Zeugen der Bild-Zeitung aufnahm. Bei einer Haussuchung bei Irina A., der Kronzeugin des Bild-Berichts, wurden Flugtickets und andere Indizien sichergestellt, die einwandfrei bewiesen, dass Irina den Silvesterabend in Belgrad verbracht hatte. Die Frau, die behauptet hatte, fremde Männer hätten ihr im First-In „überall hin“ gefasst, gab zu, dass sie über Silvester gar nicht in Frankfurt gewesen war.

Nach weniger als einer Woche war das Lügengebäude komplett zusammengebrochen. Die Polizei gab bekannt, dass die Vorwürfe aufgrund ihrer „intensiven und umfangreichen Ermittlungen … haltlos“ seien und „jeder Grundlage entbehrten“. Die ganze Geschichte über Flüchtlinge, die zu Silvester in Frankfurt randalierten, war erstunken und erlogen.

Am 16. Februar musste sich die Bild-Zeitung öffentlich für die „nicht wahrheitsgemäße Berichterstattung und die erhobenen Anschuldigungen gegen die Betroffenen“ entschuldigen. Da war die Story schon um die ganze Welt gereist.

Die New York Times schrieb am 23. Februar: „Die Geschichte über einen Mob arabischer Männer, die in den gut betuchten Straßen Frankfurts randalierten und deutsche Frauen sexuell angriffen, muss unwiderstehlich gewesen sein – so unwiderstehlich, dass Bild … sie ohne große Nachprüfung publizierte.“

Dies gestand auch die Bild-Zeitung selbst indirekt ein. Julian Reichelt, ihr oberster Redaktionschef, räumte gegenüber dem Berliner Tagesspiegel ein: „Da wurde der Vorwurf, wir würden über gewisse Vorfälle beim Flüchtlingsthema nicht berichten, quasi zum Treiber der Berichterstattung.“

Bild hatte sich auf einen „Zeugen“ gestützt, der leicht als AfD-Anhänger zu identifizieren war. Auf seiner Facebook-Seite (die er mittlerweile abgeschaltet hat) schrieb Mai hetzerische Kommentare über Flüchtlinge und lobte die AfD. Als sie in Berlin über vierzehn Prozent erhalten hatte, schrieb er: „Weiter so, AfD.“ Er teilte auch ein rechtsradikales Video mit dem Titel „Merkel muss weg“.

Der Inhaber der MAI Gastro Gruppe GmbH gehört zu einer Schicht von Aufsteigern, die sich offenbar durch den Amtsantritt Donald Trumps und die „alternativen Fakten“ seiner Beraterin Kellyanne Conway ermutigt fühlen. Mai besitzt eine ganze Reihe von Bars, Restaurants und Luxusetablissements in Frankfurt und im Taunus und zahlreiche weitere Immobilien. Er diente zwei Jahre lang als Zeitsoldat und Fallschirmspringer.

Die Entlarvung seiner Story und der darauf gestützten Lügen der Bild-Zeitung wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die Ereignisse der Kölner Silvesternacht 2015 und 2016. 2015 dienten angeblich massenhafte sexuelle Belästigungen als Vorwand für eine beispiellose Flüchtlingshetze und Staatsaufrüstung, obwohl es dafür bis heute keine stichhaltigen Beweise gibt.

Im folgenden Jahr wurden dann tausende Polizisten in Köln aufgeboten und Schreckensmeldungen über hunderte sogenannte „Nafris“ (Polizeideutsch für „Nordafrikanische Intensivtäter“) in Umlauf gesetzt. Der WDR-Hörfunk geiferte: „Da waren sie wieder: die gewaltgeilen Männerhorden.“ Die Polizei selektierte die Menschen auf rassistische Weise nach ihrem Aussehen, hielt mehrere Hundert junge Männer in einem Polizeikessel fest und ließ sie nicht in die Kölner Innenstadt.

Später musste sich die Polizei entschuldigen und ihre Angaben berichtigen: Obwohl sieunmittelbar nach Neujahr noch von 2000 „nordafrikanisch aussehenden jungen Männern“ gesprochen hatte, die nach Köln gekommen seien, hatte sie am Ende lediglich 674 Personen identifiziert, davon stammten gerade dreißig aus Nordafrika!

Auch in Hamburg wurden die Ereignisse der Silvesternacht 2015 verfälscht und aufgebauscht. Eine Richterin des Landgerichts Hamburg, die am 1. November 2016 die letzten drei Beschuldigten freisprach, erhob schwere Anschuldigungen gegen die Ermittlungsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft.

Das Bild von „gefährlichen, kriminellen Ausländer-Horden, die deutsche Frauen und Mädchen belästigen“, gehört ins Arsenal des Rechtsextremismus und dient als Propaganda für den starken Staat.