Wolfsburg: VW-Aufsichtsrat sorgt für Rauswurf eines kritischen Museumsdirektors

Von Sybille Fuchhs
3. Januar 2019

Weder chronisch erfolglose Ausstellungen noch die Verschwendung von Museumsgeldern oder sonstige Fehlleistungen haben Dr. Rolf Beil, den Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, kurz vor Weihnachten sein Amt gekostet. Vielmehr wurde er mitten in den Vorbereitungen auf das 25-jährige Jubiläum des Museums offenbar auf Druck des Aufsichtsrats des Volkswagenkonzerns entlassen, obwohl sein Vertrag noch bis Ende 2020 lief.

Das Museum und sein Kuratorium gaben in ihrer mageren Pressemitteilung keine nähere Auskunft über die wirklichen Gründe für die Entlassung des renommierten Kunsthistorikers. Er hatte sich bei seinen Geldgebern wohl unbeliebt gemacht, weil die von ihm kuratierten Ausstellungen auch kritische Aspekte der Geschichte und der gegenwärtigen Politik des Autoriesen behandelten.

Die Autostadt Wolfsburg war zusammen mit dem Konzern 1938 in der Zeit des Nationalsozialismus gegründet worden. Von Beginn an waren die Stadt, ihr Schicksal, ihre Politiker, ihre Einrichtungen, ihre Bewohner und ihr Wohlergehen auf Gedeih und Verderb mit dem Autoriesen verknüpft. Das Kunstmuseum wird von der Kunststiftung Volkswagen getragen. Sein Kuratorium steht unter der Leitung von Hans Dieter Pötsch, dem Aufsichtsratsvorsitzenden des VW-Konzerns.

Seit seiner Eröffnung im Jahr 1994 hat sich das Kunstmuseum Wolfsburg durch vielbeachtete Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst einen Namen gemacht, die auch den Schwerpunkt seiner Sammlung bildet. Es verfügt über eine riesige Halle, in der die Werke großzügig und flexibel je nach Bedarf präsentiert werden können.

Ralf Beil, der das Museum seit 2015 geleitet hatte, bedauerte nach seinem Rauswurf in einer Mail, dass er zwei geplante Ausstellungen nicht mehr betreuen könne. Er stellte klar, dass seine Entlassung erfolgt sei, weil er einigen Leuten auf die Füße getreten sei. So habe es ihm Pötsch vermittelt.

Beil schildert den Vorgang der Entlassung folgendermaßen: Er habe das Gespräch mit Pötsch gesucht, um über die Verlängerung seines Vertrags zu reden. Doch der habe ihm erklärt, man werde seinen Vertrag nicht verlängern und suche bereits einen Nachfolger. Beil solle bis auf Weiteres im Amt bleiben und einen goldenen Handschlag erhalten, sobald der neue Direktor gefunden sei.

Dieser ist inzwischen gefunden worden. Es ist der derzeitige Leiter des Ludwig Forums für Internationale Kunst in Aachen, Andreas Beitin.

Beil wurde nahegelegt, einen Aufhebungsvertrag, d. h. eine Lösung des Arbeitsverhältnisses in gegenseitigem Einvernehmen, zu unterschreiben, was dieser ablehnte. Daraufhin habe Pötsch wort- und grußlos den Raum verlassen und die Kündigung mit sofortiger Freistellung eingeleitet, wie Ralf Beil gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärte. Auf Nachfrage erklärte der Sprecher von Pötsch, Michael Brendel, die Entlassung sei kein „Hauruck“-Verfahren gewesen, vielmehr habe das Kuratorium des Museums sich schon länger mit dem Vorgang beschäftigt.

Im Kuratorium, das für Beils Rauswurf mitverantwortlich ist, sitzen auch der Bürgermeister und der Kulturdezernent von Wolfsburg. Normalerweise spielen schwindende Besucherzahlen oder schlechte Wirtschaft mit den Haushaltsmitteln eine Rolle, wenn ein Museumsleiter oder Theaterdirektor entlassen wird, was ziemlich selten vorkommt. Aber bei Beil war nichts davon der Fall. Die Besucherzahl lag 2015 bei 66.500, 2016 bei 70.230 und 2017 bei 65.000, und es waren keine negativen Zahlen zu vermelden, wie der kaufmännische Geschäftsführer und jetzige Interims-Direktor des Museums, Otmar Böhmer, gegenüber der Süddeutschen erklärte. Der einzige Kündigungsgrund war offenbar, dass sich Beil in seiner Ausstellungspraxis zu kritisch mit dem VW-Konzern auseinandergesetzt hatte.

Beil erklärt in seiner Mail, am Kunstmuseum Wolfsburg sei „künstlerische Freiheit“ nicht mehr gegeben. Bei seinem Amtsantritt 2015 seien ihm noch „kuratorische Freiheit und Unabhängigkeit fest zugesichert worden“, doch nun habe er von dritter Seite erfahren, dass „das Museum den Konzern unterstützen sollte“.

2016 hatte Beil seine erste große Ausstellung unter dem Titel „Wolfsburg unlimited“ kuratiert. Sie legte den Schwerpunkt auf die Stadt, ihre internationale Bedeutung aber auch ihre Geschichte. Sie setzte sich kritisch mit der Geschichte des Volkswagenwerks auseinander.

Der von Ferdinand Porsche konstruierte KdF-(Kraft-durch-Freude)Wagen, der spätere VW-Käfer, sollte nach Hitlers Vorgaben ein erschwingliches Auto für alle sein, wurde aber nie ausgeliefert. Obwohl viele Menschen darauf gespart hatten, wurde seine Technik, die Porsche mitentwickelt hatte, ausschließlich für Kübelwagen und Schwimmwagen der Wehrmacht verwendet.

Beils Ausstellung thematisierte u. a. auch die Rolle Porsches und seiner Familie im Dritten Reich. Ferdinand Porsche war ab 1938 nicht nur führender Konstrukteur, sondern zusätzlich auch Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Aufsichtsrats der Volkswagen GmbH. Er wurde vielfach ausgezeichnet. Seinen Schwiegersohn, den Wiener Rechtsanwalt Anton Piëch, machte Porsche als Werksleiter zu seiner rechten Hand. Die Familien Porsche und Piëch sind noch heute größte Anteileigner des VW-Konzerns und Verfügen im Aufsichtsrat über die Stimmenmehrheit.

Besonders kritisch beleuchtete Beils Ausstellung den Umgang Porsches mit seinem jüdischen Kollegen, Josef Ganz, sowie den Einsatz von Zwangsarbeitern im Krieg und von Gastarbeitern nach 1945. In der Fotoschau Robert Lebeck (2018) waren unter anderem die Wolfsburg-Aufnahmen des berühmten Fotoreporters zu sehen.

Mit großem Bedauern muss Beil jetzt die von ihm geplante Ausstellung „Oil – Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters“ einem ungewissen Schicksal überlassen. Offenbar befürchteten die VW-Manager, dass dieses Thema den Museumsmann ebenfalls zu einiger Kritik an der Rolle des Konzerns – nicht zuletzt auch im Hinblick auf den Dieselskandal – veranlassen könnte.

Viele seiner Kollegen sind von der Entlassung Beils schockiert. Der Kunsthistoriker und Museumsdirektor Ulrich Krempel hält sie für keinen Einzelfall, sondern für einen auch andernorts zu beobachtenden Trend, Kulturschaffende zu „kujonieren“, die in ihrer Arbeit kritische Fragen stellen. Er meinte: „Das ist eine großartige Blamage für Leute, die noch nicht einmal ihre eigene Blamage aufgearbeitet haben. Das wird Wolfsburg auf die Füße fallen.“

Die Entlassung Beils wurde von einem Konzern entschieden, der gerade dabei ist, Tausende vor Arbeitsplätzen zu vernichten. Sie ist Teil eines umfassenderen Trends, unliebsame Ansichten zu unterdrücken. Soziale Ungleichheit und wachsender Militarismus vertragen sich weder mit unabhängiger Kunst noch mit freier Meinungsäußerung. Vor allem im Internet zensieren Facebook, Google, Twitter und andere Dienste unter dem Vorwand, es handle sich um „Fake News“, zunehmend unabhängige Auffassungen, insbesondere wenn sie links oder sozialistisch sind. Alle VW-Beschäftigten sollten die Entlassung Beils entschieden zurückweisen.

Der Vorgang wirft auch ein Licht auf die Kommerzialisierung der Kunst, die wie alle anderen gesellschaftlichen Bereiche der Bereicherung einiger Weniger unterworfen wird. Viele „Kunstevents“ können nur noch durch große Spenden privater Sponsoren verwirklicht werden, viele Museen nicht mehr unabhängig arbeiten. Der Kunstmarkt wird nicht nur vom Kommerz beherrscht, Kunstwerke dienen als Kapitalanlagen und werden Besuchern nur gezeigt, wenn sich potente Geldgeber finden, denen die Werke gefallen.