GM-Streik stößt auf große Unterstützung bei Arbeitern in Deutschland

Von unserem Reporterteam
17. September 2019

Die Nachricht vom Streik von fast 50.000 GM-Arbeitern in den USA verbreitete sich gestern wie ein Lauffeuer in deutschen Betrieben. Auch hier stehen die Zeichen auf Sturm. Die Arbeitsbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. In den Autowerken und Zulieferbetrieben jagt ein Rationalisierungsprogramm das nächste. Festarbeitsplätze werden durch Leiharbeit, Werkverträge und andere Billiglohnjobs ersetzt.

Viele Tausend Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Im Frühsommer kündigte Ford den Abbau von 12.000 und BASF den Abbau von 6000 Arbeitsplätzen in Europa an. Seit Beginn des Jahres hat General Motors 14.000, Volkswagen 7000, Jaguar 4500 und Tesla 3000 Entlassungen angekündigt. Fast jeden Tag kommen neue Hiobsbotschaften dazu.

Ein Opel-Arbeiter, der seinen Namen lieber nicht nennen will, weil er Repressionen fürchtet, sagte, der Streik in den USA sei eine sehr wichtige Entwicklung. Er wundere sich überhaupt nicht darüber, dass die Arbeiter jetzt den Streik aufnehmen: „Die Ausbeutung hat sich weltweit ausgebreitet, das ist eine allgemeine Entwicklung, die überall sattfindet. Die Erfahrung haben wir hier selbst gemacht.“

„Die Opel-Werke haben lange zu GM gehört,“ fuhr er fort, „aber vor zwei Jahren sind sie an den französischen PSA-Konzern verkauft worden. Auch dort wird mehr und mehr auf Leiharbeiter gesetzt. Die kann man ganz einfach rausschmeißen, wenn man sie nicht mehr benötigt. Dasselbe System soll auch bei uns mehr und mehr durchgesetzt werden. Dann werden die Arbeiter, die man nicht einfach entlassen kann, auf Fremdfirmen wie Segula abgeschoben.“

Murat Yilmaz

Murat Yilmaz, Betriebsrat bei BMW in München, sagte der WSWS, den streikenden GM-Arbeitern habe er aus eigener Erfahrung vor allem eines mitzuteilen: „In Deutschland wie in aller Welt stehen die offiziellen Gewerkschaften auf Seiten der Arbeitgeber.“ Das müsse jeder Arbeiter verstehen. „Gewerkschaften wie die IG Metall und die UAW sind nicht zu reformieren. Arbeiter müssen sich neu aufstellen. Sie müssen neue, saubere Organisationen aufbauen, in denen nur Arbeiter vertreten sind.“

Murat selbst steht seit Jahren in Opposition zur IG Metall und hat daher sogar eine eigene Gewerkschaft aufgebaut, weshalb er ins Visier der IGM und des BMW-Konzerns geraten ist. Als er im März bekannt machte, dass ein Betriebsrat ihm angeboten habe, mithilfe der von ihm organisierten Stimmen sicher als „Arbeitnehmervertreter“ in den Aufsichtsrat gewählt zu werden, wurde er von BMW u.a. deshalb fristlos entlassen.

Der IGM-geführte Betriebsrat stimmte der Kündigung zu. Seit Anfang April ist Murat aus dem Betrieb und geht gerichtlich gegen seine Kündigung vor. Er selbst spüre, dass sich gerade „die Zeiten ändern“. Jetzt sei die Gelegenheit, auch international Kontakte zu knüpfen. „Arbeiter müssen international zusammenstehen.“

Jochen Kuhlmann, ein Arbeiter aus Berlin, arbeitet im Messebau. Er schrieb der WSWS:

„Ich hoffe, dass es die Autoarbeiter in den USA jetzt schaffen, sich aus den Klauen der Gewerkschaften, insbesondere der UAW, zu befreien. Durch den monströsen Korruptionsskandal der UAW ist die Gelegenheit vielleicht günstig, den Streik selbst zu organisieren und Aktionskomitees zu bilden, um von Anfang an die Kontrolle zu behalten. Verbindungen zu den mexikanischen und kanadischen Kollegen in der Autobranche bestehen ja bereits.

Es wäre eine große Ermutigung für alle Autoarbeiter/innen auf der Welt, besonders für die europäischen und deutschen, die es ja mit einer ‚smarteren‘ Korruption ihrer Gewerkschaften über die sogenannte ‚Sozialpartnerschaft‘ zu tun haben.

Ich wünsche den Autoarbeitern in den USA viel Kraft und Durchhaltevermögen bei ihrem Arbeitskampf, um sich endlich von zunehmender Arbeitshetze, schlechter und ungleicher Bezahlung zu befreien und um jeden existenzsichernden Job und für menschenwürdige Sozialleistungen zu kämpfen.“

Michael Krannich

Michael Krannich ist 52 Jahre alt und Tischler von Beruf. Er schrieb der WSWS:

„Ich wohne und lebe in Stuttgart, der Stadt, die man auch als Auto-Stadt bezeichnen kann. Es gibt hier mehrere Auto-Werke und bedeutende Zulieferer. Das Porschewerk in Stuttgart-Zuffenhausen, Mercedes-Benz-Werke in Sindelfingen und Stuttgart-Untertürkheim, sowie Zulieferer wie die Bosch-Werke in Stuttgart-Feuerbach und die Mahle-Kolbenwerke in Stuttgart-Bad Cannstatt.

Dass die GM-Arbeiter seit Mitternacht in Streik gegangen sind, hat hier viele Bewohner der Stadt aufhorchen lassen. Ich hoffe, dass von dem Arbeitskampf in den GM-Werken in Detroit ein internationales Signal an alle Autoarbeiter ausgehen wird. Die Arbeiterklasse ist eine internationale Klasse, die weltweit von denselben Konzernen und Finanzinstituten ausgebeutet wird. Arbeiter müssen hier und jetzt die Gelegenheit ergreifen, in den Arbeitskampf einzusteigen und für bessere Löhne und gerechte Sozialleistungen zu kämpfen.“

Sandra

Sandra ist eine junge Mutter aus Stuttgart, deren Mann in Deutschland für die amerikanische Regierung arbeitet. Sie sagte der WSWS:

„Mein deutscher Onkel arbeitet seit 40 Jahren für Daimler. Auch ich wollte eigentlich einen Job bei Daimler als Leiharbeiterin annehmen, habe aber beschlossen, einen anderen Weg einzuschlagen, nachdem ich so viel Negatives gehört hatte. Und ja, ich habe von den Streiks bei GM gehört. Mein Schwiegervater ist vor einigen Jahren in Rente gegangen, nachdem er dort gearbeitet hatte, und wir haben nach wie vor Familie bei GM in Michigan.“

Auf den Korruptionsskandal bei GM angesprochen sagte Sandra:

„Ich habe von dem Korruptionsskandal gehört, und meiner Meinung nach sollten nicht nur die Beschäftigten von GM streiken. Es ist Zeit für die Leute, die diese Firmen aufgebaut haben, aufzustehen und diesen riesigen Unternehmen entgegenzutreten. Sie sollen erkennen, dass sie nichts sind ohne die Arbeiter, die für sie die schmutzige Arbeit erledigen – nur damit sie noch reicher werden.“

Auf die Frage, ob sie den Beschäftigten bei Daimler in Deutschland raten würde, es ihren Kollegen in den USA gleichzutun und ebenfalls zu streiken, antwortete Sandra:

„Ja, ich würde Daimler-Arbeitern dasselbe raten. Erst recht Daimler-Arbeitern in Deutschland. Denn sobald man einmal aufsteht, ist man dem Konzern ein Dorn im Auge, und sie werden womöglich versuchen, dich hinterher loszuwerden. Arbeiter in Deutschland waren bisher aber dank des Sozialsystems besser abgesichert und haben deshalb mehr Freiheit – in den USA wäre ein Jobverlust ein richtiger Kampf.

Manchmal muss man einfach tun, was getan werden muss. Es kann nicht sein, dass große Unternehmen Milliarden Dollar einnehmen und ihre Arbeiter weder richtig bezahlen, noch ihnen eine Krankenversicherung ermöglichen. Bei Daimler ist es dasselbe. Sie heuern Arbeiter mittlerweile bei Zeitarbeitsfirmen an, die exakt die gleiche Arbeit leisten wie Festangestellte, aber unter schrecklichen Bedingungen für den Mindestlohn schuften. Die Regierung müsste dem ein Ende setzen. Niemand sollte bei einer großen Firma angestellt sein, die ihn derart mies behandelt und ihm dann auch noch nur den Mindestlohn zahlt, sodass er auf staatliche Unterstützung angewiesen bleibt. Es macht mich wirklich wütend!“

Sven Ehm (35) ist Gabelstaplerfahrer in Berlin. Er schrieb der WSWS:

„Ich unterstütze den Streik der Autoarbeiter von General Motors von ganzem Herzen! Was sich die Autokonzerne erlauben, ist eine Unverschämtheit!

Mein verstorbener Vater, der nur 55 Jahre alt geworden ist, hatte 38 Jahre bei Daimler Benz in Berlin-Marienfelde gearbeitet. Er konnte schon damals sehen, dass große Unternehmen wie Daimler Benz immer mehr Zeitarbeiter einstellen, um noch mehr Profit zu machen. Obwohl die Leiharbeiter dieselben Arbeiten wie die Festangestellten tätigen, haben sie nicht einmal die Hälfte des Lohnes bekommen, den die Festangestellten verdienten!

Selbst ich war vor einigen Jahren in einer Zeitarbeitsfirma und konnte mit eigenen Augen sehen, was dort im Betrieb passierte. Ich durfte nicht einmal an einem angemeldeten Streik der IG Metall teilnehmen! Mir wurde gesagt, ich hätte das Recht teilzunehmen, aber würde für die Zeit, in der ich nicht im Betrieb arbeite, auch nicht entlohnt werden! So viel zu der schönen Demokratie in Deutschland!!! Auch die Festangestellten hatten nur Frust. Die einzigen, denen es gut ging, waren die Anzug tragenden Herren aus der Chefetage!

Ich habe auch darüber gelesen, unter welchen Bedingungen ein Arbeiter bei Ford, Chrysler oder General Motors arbeiten muss, und kann das definitiv nicht befürworten! Ich begrüße es außerordentlich, dass die Arbeiter von General Motors in den USA einen Streik organisieren und letztendlich auch durchführen! Ich wünsche mir, das Aktionskomitees entstehen, um Arbeitern eine Plattform zu geben! In den USA und auch in Deutschland!“

Korruption: UAW und IGM

Über den aktuellen Korruptionsskandal der UAW wird in den deutschen Medien kaum berichtet. Aber Arbeiter können auch in Deutschland von der Korruption der Gewerkschaften ein Lied singen, insbesondere in der IG Metall.

Schon beim letzten großen Arbeitskampf im Zuständigkeitsbereich der IGM vor über 30 Jahren, der sich gegen die Schließung des Krupp-Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen richtete, hatten die IGM-Funktionäre und Betriebsräte nach dem Ausverkauf des Arbeitskampfs „Ersatzarbeitsplätze“ erhalten, während die Stahlarbeiter ihren Job verloren.

Franz Steinkühler, der als Vorsitzender der IG Metall beim Ausverkauf in Rheinhausen 1988 die Fäden zog, musste fünf Jahre später von seinem Posten zurücktreten, weil er in Verdacht geraten war, seinen Aufsichtsratsposten bei Daimler Benz für Insidergeschäfte genutzt zu haben. Er hatte für eine Million DM Aktien gekauft. Auf die Frage eines Journalisten, woher er dieses Geld habe, antwortete Steinkühler: „Die IG Metall zahlt gut.“ Nach seinem Rücktritt machte sich Steinkühler als Vermögens- und Unternehmensberater selbständig. In einem Interview erklärt er, für ihn habe sich nichts geändert, er werde jetzt nur direkt von den Unternehmern bezahlt, statt wie früher von den Gewerkschaftsmitgliedern.

Eine der größten Skandale der IGM drehte sich vor nun fast 15 Jahren um den VW-Betriebsrat. Der Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert musste ebenso wie Personalchef Hartz seinen Hut nehmen, weil Hartz dem Betriebsrat Prostituierte und Luxusreisen auf Konzernkosten spendiert hatte. Volkert wurde schließlich wegen „Untreue“ verurteilt und saß fast zwei Jahre in Haft. Er hatte für seine Betriebsratstätigkeit weit mehr als 300.000 Euro im Jahr erhalten, die Luxusreisen nicht eingerechnet.

Sein Nachfolger, der gelernte Industriekaufmann Bernd Osterloh, war bereits 1990 in den VW-Betriebsrat eingezogen. Damals bezog er 6500 Euro brutto monatlich oder 78.000 Euro im Jahr. Als Betriebsratsvorsitzender erreichte sein Jahresgehalt bis zu 750.000 Euro, die weit über 200.000 Euro, die er jedes Jahr für seine Tätigkeit im Präsidium des Aufsichtsrats erhält, nicht eingerechnet.

Osterlohs Kollege bei der VW-Tochter Porsche, der Betriebsratsvorsitzender Uwe Hück, verließ im Februar dieses Jahres überraschend den Konzern. Hück soll jahrelang 400.000 bis 500.000 Euro Jahresgehalt bekommen haben. Er war zudem stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche Automobil Holding SE und der Porsche AG. Für beide Posten strich er zusätzlich hohe fünf- bis sechsstellige Summen ein.