Kinderwohl unter Corona – Instrumentalisierung statt Hilfe und Schutz

Von Martin Nowak
13. Mai 2020

Seit Wochen werben die großen Zeitungen mit reißerischen Artikeln dafür, die Kindergärten wieder zu öffnen. „Die Angst vor der Kita-Öffnung“, titelte die Zeit. „Öffnet die Kitas und die Horte“, appellierte die taz. Und der Deutschlandfunk klagte: „Kinder werden entwürdigt.“

Dabei werden die unterschiedlichsten Argumente ins Feld geführt: Die Kinder erlitten in sozialer Isolation, ohne gleichaltrige Spielpartner, psychische Schäden; ohne Zugang zu Kitas gebe es frühkindliche Entwicklungsstörungen und Bildungsdefizite; in den auf sich allein gestellten Familien stiegen die Belastung, die Kindeswohlgefährdung und die häusliche Gewalt; die Grundrechte und, anknüpfend an Wolfgang Schäuble, auch die Würde der Kinder würden verletzt.

Zu den energischsten Werbern für eine rasche Öffnung der Kitas gehört der Theologieprofessor Peter Dabrock. Als Ex-Vorsitzender des von der Bundesregierung handverlesenen Deutschen Ethikrats ist Dabrock bestens vernetzt., nicht nur in der Politik, sondern als Leiter des Facebook-Gesprächskreises „Digitalität & Verantwortung“ auch unter den Spitzen der Wirtschaft.

Mit Phrasen wie „Kinder brauchen Kinder“ und „Kinder sind nicht nur unsere Zukunft – sie haben ein Recht auf Gegenwart“ salbaderte Dabrock ohne jegliche pädagogische Expertise über das Leid von Kindern und Familien. Zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Zahl der Corona-Infizierten in Europa der ersten Million näherte (inzwischen liegt sie bei 1,67 Millionen), allein in Deutschland täglich hunderte Tote zu beklagen waren und keinerlei fundierte Kenntnisse über die spezifische Ausprägung des Virus bei Kindern vorhanden waren, plädierte er für eine Teilöffnung von Kindertagesstätten.

Als Hauptargument diente dabei anfangs die angeblich geringe Gefährdung von Kindern durch das Coronavirus. Ein genauer Blick auf die dürftige medizinische Faktenlage zeigt, wie willkürlich und verantwortungslos dies war.

Tatsächlich gibt es noch kaum gesicherte Erkenntnisse über die Auswirkungen des Virus auf Kinder. Eine Studie des Berliner Virologen Christian Drosten hat ergeben, dass Kinder etwa die gleiche Viruslast in ihren Atemwegen haben wie Erwachsene. Das lässt vermuten, dass sie das Virus ebenso stark verbreiten wie Erwachsene, selbst wenn sie geringere Symptome zeigen.

Sicher ist bisher nur, dass sich das Coronavirus bei Kindern anders ausprägt als bei Erwachsenen. Wie genau muss noch solide erforscht werden. Besonderen Grund zur Sorge geben Berichte über Erkrankungen von Kindern am „Kawasaki-Syndrom“ infolge einer Coronainfektion. Das allein bei Kindern auftretende Syndrom führt zu einer Entzündung der Blutgefäße, die vermutlich auf eine Fehlreaktion des Immunsystems zurückgeht. Das potenziell lebensgefährliche Syndrom ist wie das Coronavirus noch nicht vollständig erforscht und kann offenbar auch nach einer überstandenen Coronainfektion auftreten.

Ein weiteres zentrales Argument in der Debatte über die Öffnung der Kitas und Schulen lautet, dass deren kompensatorische Funktion wegfalle und somit das Konfliktpotenzial in Familien steige, insbesondere bei bereits vorher schwierigen Familienverhältnissen.

Auch dieses Argument ist äußerst zynisch. Die Zahl der betreuten Familien, die nach dem Sozialgesetzbuch Anspruch auf „Hilfe zur Erziehung“ haben, steigt seit Jahren an. 2018 erreichte sie über eine Million. Doch obwohl die Jugendämter dadurch chronisch überlastet sind, hat keine Regierung in den massiven Ausbau von Hilfs- und Betreuungsangeboten investiert. Ebenso hat der hohe Wert, den Kindergärten jetzt auf einmal als frühkindliche Bildungseinrichtungen erhalten, sich bisher nie in einer Verbesserung des Betreuungsschlüssels, der finanziellen Ausstattung oder der Bezahlung der Pädagogen widerspiegelt.

Dass das Kindeswohl nur ein vorgeschobenes Argument ist, hat Peter Dabrock bereits im Spiegel-Interview ausgesprochen, als er erklärte, „erfolgreiches Wirtschaften“ brauche „eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Die Kindergärten sollen also geöffnet werden, damit die Eltern zurück an die Arbeit können.

Viele Eltern haben sich und ihre Kinder bisher ohne jede Unterstützung über Wochen geschützt, mittels Voll-, Teilzeitarbeit oder Home Office ihre finanzielle Existenz abgesichert und nebenbei ihre Kinder betreut. Dass dies keine Familie auf Dauer durchhalten kann und dass sie Unterstützung benötigen, ist offensichtlich. Bisher wurden Millionen Eltern mitten in einer weltweiten Pandemie einfach im Stich gelassen. Nun wird ihre Verzweiflung schamlos ausgenutzt, um sie zurück an die Arbeit zu zwingen und sie und ihre Kinder gesundheitlichen Risiken auszusetzen.

Das jüngste Argument in der Debatte lautet, man könne Kinder nicht ein „halbes Jahr lang quasi wegsperren“, während Schulen, Geschäfte und selbst die Fußball-Bundesliga wieder den Betrieb aufnehmen. Tatsächlich waren die drastischen Einschränkungen eine direkte Folge der kriminellen Untätigkeit der Regierung in den ersten Wochen der Pandemie. Diese Rücksichtslosigkeit setzte sich in den letzten Wochen mit den hektischen und chaotischen Lockerungsmaßnahmen fort. So ist vor kurzem die für die Ausbreitung der Pandemie maßgebliche Reproduktionszahl bereits wieder über den Wert 1 gestiegen.

Bereits die letzten Lockerungen haben viele Einrichtungen an das Limit des Verantwortbaren und darüber hinaus gebracht. Die Kitas und Schulen werden immer voller, die Gruppen immer größer und das Personal knapper. Die Einhaltung von Abstandsregeln, um Ansteckungen zu vermeiden, war gerade in Kindergärten von Anfang nicht möglich. So liefen Schutzmaßnahmen immer auf räumliche Trennung hinaus. Bei Kleingruppen um die fünf Kinder stoßen Einrichtungen deshalb bereits bei einem Drittel der normalen Belegung an ihre Grenzen. Vielerorts sind diese bereits überschritten, insbesondere da der Schutz von Erziehern aus Risikogruppen auch die teils ohnehin knappen Personalkapazitäten weiter verringert.

So beklagte der Berliner Kitabetreiber Oxxymoron bei NTV, dass er „keinerlei Unterstützung“ bekomme, „weder von der Kita-Aufsicht oder dem Jugendamt noch von der Senatsverwaltung“. Kindertagesstätten und Schulen mussten auch oft innerhalb weniger Tage auf politische Beschlüsse reagieren. „Ohne Hinweise zur Organisation, den möglichen Gefahren oder die Nutzung von Hygieneartikeln“ sei man damit konfrontiert gewesen, dass auf einmal sehr viel mehr Eltern Anspruch auf Notbetreuung hatten, sagte Oxxymoron-Geschäftsführer Jürgen Grieger.

„Dass in der derzeitigen Ausnahmesituation manches kurzfristig kommuniziert werden muss, ist leider unvermeidlich“, antwortete zynisch die Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Gesundheitsschutz falle generell in die Zuständigkeit der Kita-Träger. In Wahrheit war die Ausweitung der Notbetreuung unverantwortlich und nicht dringend nötig. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sterbt sogar eine Belegung von 70 Prozent an, obwohl es bereits bei den aktuellen 40 Prozent nicht mehr funktioniert.

Ernüchtert erklärte der Kita-Geschäftsführer daher: „Im Prinzip können wir unser Personal nicht wirklich schützen.“ Es sei „eigentlich unverantwortlich, was wir hier machen. Es würde mich nicht wundern, wenn wir in wenigen Wochen in den Kitas neue Infektionsketten haben.“

Eine der Hauptgefahren besteht darin, dass es in der Notbetreuung keinerlei Tests gibt. Viele Erzieher beklagen seit Wochen die vollkommen unverantwortlichen Regelungen. So dürfen Kinder, bei denen ein Elternteil wegen Coronaverdachts in 14-tägiger häuslicher Quarantäne bleiben muss, weiterhin in die Notbetreuung gehen. Eine Erzieherin berichtet von einem Fall, bei dem das positive Testergebnis einer Mutter nach acht Tagen bekannt wurde. Erst dann wurde auch das Kind, das während der ganzen Zeit in der Notbetreuung war, getestet. Zum Glück war in diesem Fall das Kind negativ.

Andersherum sind die bisherigen Regelungen ebenso absurd. Im Kreis Unna, NRW, klagten Eltern über die „grob fahrlässige“ Politik des Gesundheitsamtes. Nach einem positiven Fall in der Kita sollten die Kinder in Quarantäne. Die Eltern sollten trotzdem weiterarbeiten. Da weder Eltern noch Kinder Symptome zeigten, erhielten sie keine Krankschreibung. Die Eltern mussten sich selber um den Verbleib der Kinder kümmern.

Unter welchen Druck hierbei auch Erzieher gesetzt werden, zeigt ein Kommentar einer Erzieherin aus Brandenburg. Sie schrieb: „Ich gehöre einer Risikogruppe an, werde schon dezent oder auch weniger dezent darauf hingewiesen nun mal wieder zur Arbeit zu kommen oder mir eine neue Anstellung zu suchen… Also kann ich nur hoffen, dass ich und mein auch kranker und arbeitender Partner die Coronainfektion überleben… Vertrauen auf irgendjemanden habe ich absolut nicht mehr.“

In Mecklenburg-Vorpommern können einige Kitaträger bereits jetzt nicht mehr alle Notbetreuungsansprüche erfüllen und keine Kinder mehr aufnehmen, wie der NDR berichtet. Und dies obwohl bereits Gruppengrößen von zehn Kindern zulässig sind und landesweit erst rund 20 Prozent der Normalbelegung erreicht wurde.

Die politischen Erklärungen, die von „behutsamen“, „vorsichtigen“ und „schrittweisen“ Öffnungen sprechen, sind ein Hohn auf die Realität. Wie eine Erzieherin gegenüber der WSWS erklärte, sind diese Lockerungen ein „Experiment mit Kindern auf Leben und Tod“.