Perspektive

Der 1. Mai 2021 und der globale Klassenkampf

Wir veröffentlichen an dieser Stelle die Eröffnungsrede von David North zur internationalen Mai-Kundgebung 2021, die am 1. Mai von der World Socialist Web Site und dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale abgehalten wurde. David North ist Leiter der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site und nationaler Vorsitzender der Socialist Equality Party in den USA.

Es ist mir eine Ehre, zur Eröffnung dieser Maikundgebung die Grüße des Internationalen Komitees der Vierten Internationale an das weltweite Publikum zu übermitteln, das an diesem historischen Feiertag am Bekenntnis zur globalen Solidarität der Arbeiterklasse teilnimmt.

Unter den aktuellen Umständen ist es nicht möglich, den Maifeiertag 2021 als „Feier“ zu begehen. Das Ausmaß des Leids während des vergangenen Jahres, das bis heute anhält, war zu groß. Die Menschheit zahlt einen schrecklichen Preis für die kriminelle Reaktion der mächtigsten kapitalistischen Regierungen auf die Covid-19-Pandemie.

Die Priorisierung der geopolitischen Ziele der imperialistischen Großmächte, das unerbittliche Streben nach Konzernprofiten und die unersättliche Gier der kapitalistischen Oligarchen nach obszönem persönlichem Reichtum haben die Umsetzung einer wissenschaftlich geleiteten und international koordinierten Antwort auf die globale Pandemie verhindert.

Opening report delivered by David North to the 2021 International May Day Online Rally

Die Folgen der soziopathischen Politik der kapitalistischen Regierungen werden durch den schwindelerregenden Tribut an Menschenleben deutlich.

Vor genau einem Jahr, am 1. Mai 2020, hatte die weltweite Zahl der Pandemie-Toten 240.000 erreicht. Heute liegt die Zahl der Verstorbenen bei fast 3.200.000 – ein Anstieg um mehr als das 13-fache.

Von dieser Gesamtzahl entfallen auf Europa 1.015.000 Opfer. In Nordamerika sind 861.000 Menschen gestorben. In Südamerika liegt die Zahl der Todesopfer bei 670.000. In Asien haben 520.000 Menschen ihr Leben verloren. Und in Afrika wird die offizielle Zahl der Opfer mit 122.000 angegeben.

An der Spitze der Todesfälle stehen die USA, das reichste und mächtigste Land der Welt und die Heimat der meisten Milliardäre. An diesem Tag vor einem Jahr lag die Zahl der Amerikaner, die der Pandemie erlegen waren, bei 65.000. Innerhalb von zwölf Monaten hat die Zahl der amerikanischen Opfer 590.000 erreicht.

Diese Zahl übertrifft bereits die Gesamtzahl der US-Soldaten, die in allen von den Vereinigten Staaten geführten Kriegen seit dem Ausbruch des Spanisch-Amerikanischen Krieges vor 123 Jahren getötet wurden. Bis Herbst 2021, wenn nicht früher, wird die Zahl der Pandemie-Toten die Zahl der Todesopfer während des blutigsten Konflikts des Landes, des vierjährigen Bürgerkriegs von 1861-65, übersteigen.

Laut einer Analyse der Übersterblichkeit durch die Centers for Disease Control and Prevention starben von März 2020 bis zum 20. Februar 2021 574.000 Amerikaner mehr, als in einem typischen Jahr zu erwarten wäre.

Die amerikanische Tragödie ist – wie ein Überblick über die regionalen Statistiken zeigt – Teil einer globalen Katastrophe. In Brasilien hat die Zahl der Todesopfer 400.000 überschritten. In Mexiko nähert sich die Zahl der Toten der Marke von 220.000. In England sind 127.000 Menschen gestorben. In Russland hat die Pandemie 110.000 Menschenleben gefordert, in Frankreich 105.000, in Deutschland 85.000, in Spanien 80.000 und in der Türkei 40.000.

Während wir uns treffen, konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Welt auf die schrecklichen Auswirkungen der Pandemie in Indien, wo die Zahl der Opfer 210.000 überschritten hat und jeden Tag um Tausende steigt. Diese Tragödie unterstreicht die unbestreitbare Tatsache, dass es keine nationale Lösung für etwas gibt, das in Wirklichkeit eine globale Krise ist.

Solange sich das Covid-19-Virus in dem einen oder anderen Land oder der einen oder anderen Region ungeschützt ausbreitet, sich also vermehrt und mutiert, wird es weiterhin einen schrecklichen Tribut an Menschenleben fordern. In den kommenden Monaten werden die ärmsten Länder die Hauptlast der Krise tragen. Wie ein Harvard-Mediziner in einem am Freitag in der Financial Times veröffentlichten Interview erklärte, ist der Ausbruch der Pandemie in Afrika südlich der Sahara nur noch eine Frage der Zeit.

Trotz der Beteuerungen, dass Impfungen die wohlhabenden Länder vor den Verwüstungen schützen würden, die das Virus in Ländern anrichtet, die nicht über den notwendigen Vorrat an Impfstoffen verfügen, warnen Epidemiologen vor einer ungerechtfertigten und gefährlichen Selbstzufriedenheit.

Tatsache ist, dass die Pandemie kein vorübergehendes Ereignis ist, das einfach abklingt und eine Rückkehr zum Status quo vor der Pandemie ermöglicht. Weit davon entfernt, sich dem Ende der Krise zu nähern, hat die Pandemie das gesamte kapitalistische Weltsystem zutiefst destabilisiert. Die Welt nähert sich nicht nur nicht dem Ende der Pandemie oder gar dem Anfang ihres Endes. Vielmehr hat sich etwas, das ursprünglich als medizinische Krise begann, zu einer grundlegenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krise der gesamten kapitalistischen Weltordnung entwickelt.

Letztes Jahr, ganz zu Beginn der Pandemie, definierte die World Socialist Web Site – das Organ des Internationalen Komitees der Vierten Internationale – sie als ein historisches „Trigger-Event“, als auslösendes Ereignis, vergleichbar mit dem Ersten Weltkrieg. Der plötzliche Ausbruch des Krieges – ausgelöst durch einen zunächst scheinbar unbedeutenden politischen Zwischenfall – nahm Dimensionen an, die sich im August 1914 nur sehr wenige, abgesehen von einer kleinen Anzahl isolierter marxistischer revolutionärer Internationalisten, hätten vorstellen können.

Als der Krieg ausbrach, zogen die jungen Männer Europas unter großem Jubel in den Kampf und waren zuversichtlich, dass sie rechtzeitig wieder zu Hause sein würden, um mit ihren Familien Weihnachten zu feiern. Das ist nicht geschehen. Hunderttausende dieser jungen Männer, die im August 1914 voller Begeisterung waren, waren im Dezember tot. Und der Krieg ging weiter und weiter, bis in die Jahre 1915, 1916 und 1917, und tränkte die Schlachtfelder Europas, sowohl an der Ost- als auch an der Westfront, mit dem Blut von Millionen von Soldaten.

Der Krieg entfaltete sich mit einer schrecklichen Eigendynamik. Der Tod wurde normalisiert. Die Regierungen und die militärischen Befehlshaber begannen, sich auf Menschen als „Menschenmaterial“ zu beziehen, als abstrakte „Dinge“, die so verbraucht werden konnten, wie die Logik des Konflikts es erforderte. Der Krieg konnte trotz seiner Schrecken nicht beendet werden, weil die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der herrschenden Klassen der kriegführenden kapitalistischen Mächte eine Verhandlungslösung nicht zuließen.

Um den Krieg zu beenden, musste die Führung der Gesellschaft aus den Händen der kapitalistischen Machthaber genommen werden. Das heißt, es musste eine Kraft mobilisiert werden, die größer war als die von den damaligen Regierungen befehligten Armeen. Das war die Arbeiterklasse aller kriegführenden Länder. Bewaffnet mit einem revolutionären sozialistischen Programm, musste die internationale Arbeiterklasse Krieg gegen den Krieg führen. Das war die Perspektive von Lenin und Trotzki. Im September 1915 traf sich eine kleine Gruppe von Antikriegssozialisten in Zimmerwald in der Schweiz. Trotzki wurde am Ende einer viertägigen Konferenz ausgewählt, ein an die Arbeiterklasse gerichtetes Manifest zu schreiben.

Dieses unvergleichliche politische Genie, dieser revolutionäre Kämpfer fand die passenden Worte, mit denen er an die Arbeiter Europas appellierte.

Mehr als ein Jahr dauert der Krieg. Millionen von Leichen bedecken die Schlachtfelder, Millionen von Menschen wurden für ihr ganzes Leben zu Krüppeln gemacht. Europa gleicht einem gigantischen Menschenschlachthaus. Die ganze, durch die Arbeit vieler Generationen geschaffene Kultur ist der Verwüstung geweiht. Die wildeste Barbarei feiert heute ihren Triumph über alles, was bis jetzt den Stolz der Menschheit ausmachte.

Welches auch immer die Wahrheit über die unmittelbare Verantwortung für den Ausbruch dieses Krieges sei – das eine steht fest: Der Krieg, der dieses Chaos erzeugte, ist die Folge des Imperialismus, des Strebens der kapitalistischen Klassen jeder Nation, ihre Profitgier durch die Ausbeutung der menschlichen Arbeit und der Naturschätze des ganzen Erdballs zu nähren.

Die treibenden Kräfte des Krieges treten in seinem Verlauf in ihrer ganzen Niedertracht hervor. Fetzen um Fetzen jenes Schleiers fällt, mit dem der Sinn dieser Weltkatastrophe vor dem Bewusstsein der Völker verhüllt wurde.

Nur 18 Monate später, im Februar 1917, brach in Russland die Revolution aus. Acht Monate später, im Oktober desselben Jahres, führten Lenin und Trotzki die russische Arbeiterklasse beim Sturz der bürgerlichen Provisorischen Regierung an. Sowjetrussland zog sich aus dem Krieg zurück. Ein Jahr später, im November 1918, erhob sich die deutsche Arbeiterklasse, inspiriert von der bolschewistischen Revolution, gegen den Krieg. Dieser Aufstand beendete schließlich den Ersten Weltkrieg.

Wie der Ausbruch des Ersten Weltkriegs mag die Pandemie zunächst als eine jener unvorhersehbaren Tragödien erschienen sein, die die Menschheit gelegentlich heimsuchen und für die niemand mit Recht direkt verantwortlich gemacht werden kann. Aber das galt nicht für den Ersten Weltkrieg und es gilt nicht für die Pandemie. Der Ausbruch des Krieges im Jahre 1914, unabhängig von den unmittelbaren Umständen, und seine katastrophalen Folgen waren in der Politik und den Interessen der damaligen imperialistischen Mächte begründet.

Die genauen Umstände und der genaue Ort der Erstübertragung des Covid-19-Virus vom Tier auf den Menschen hätten nicht vorhergesagt werden können. Aber Epidemiologen haben in den letzten 30 Jahren mit immer größerer Dringlichkeit vor einem solchen Ereignis gewarnt. Die schrecklichen Auswirkungen einer Pandemie in Form von Sterblichkeit, sozialer Verwerfung und emotionalem Trauma wurden detailliert beschrieben. Doch weder die Regierungen der Vereinigten Staaten noch diejenigen Europas beherzigten diese Warnungen. Die notwendigen wirtschaftlichen Ausgaben wurden als ungerechtfertigte Abzüge von den Gewinnmargen und den riesigen Summen gesehen, die für die unzähligen Formen der Finanzspekulation bereitgestellt wurden, die das Vermögen der Superreichen genährt haben.

Spätestens Anfang Januar 2020 wussten die Regierungen der Vereinigten Staaten, Kanadas und Europas mit Sicherheit, dass der Ausbruch der Pandemie zu einem massiven Verlust an Menschenleben führen könnte. Aber sie waren weitaus besorgter, dass die Umsetzung der kritischen Maßnahmen zur Verhinderung der unkontrollierten Ausbreitung des Covid-19-Virus – flächendeckende Tests, die Rückverfolgung von Kontakten und die strikte Schließung aller nicht lebensnotwendigen Betriebe – zu riesigen Verlusten an den Finanzmärkten führen und den massiv verschuldeten Unternehmen dringend benötigte Einnahmen entziehen würde. Die Trump-Regierung beschloss – mit stillschweigender Zustimmung des Kongresses –, die Gefahr absichtlich herunterzuspielen. Die kritischen Monate Februar und März 2020 wurden nicht genutzt, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, sondern um eine massive Multi-Billionen-Dollar-Rettungsaktion für die Banken, Konzerne und Finanzspekulanten vorzubereiten.

Wachsende Forderungen der Arbeiterklasse nach einer Schließung unsicherer Betriebe und Schulen führten zu verspäteten und begrenzten Eindämmungsmaßnahmen. Doch sobald Banken und Konzerne Ende März 2020 gerettet waren, entfesselten die herrschenden Klassen eine üble Kampagne für die Wiedereröffnung von Betrieben und Schulen unter dem Motto „Die Heilung darf nicht schlimmer sein als die Krankheit.“ Schwedens rücksichtslose und katastrophale Entscheidung, die ungehinderte Ausbreitung des Virus zuzulassen, um eine Herdenimmunität zu erreichen, wurde in der kapitalistischen Presse Amerikas und Europas als Vorbild für alle Regierungen propagiert.

Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass die Unterordnung von Menschenleben unter finanzielle Interessen zu Millionen von vorzeitigen Todesfällen geführt hat. Die überwältigende Mehrheit der Covid-19-Todesfälle hätte verhindert werden können. Die verheerenden Auswirkungen der Pandemie sind weit mehr auf die wirtschaftlichen Interessen der Kapitalistenklasse zurückzuführen als auf die biologische Struktur des Virus.

Darüber hinaus hat die Pandemie, ähnlich wie der Erste Weltkrieg, die tief verwurzelten wirtschaftlichen, politischen und sozialen Widersprüche des kapitalistischen Systems sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene offenbart und verschärft. Die Pandemie hat ein Ausmaß an Ungleichheit aufgedeckt, das mit sozialer Stabilität offensichtlich unvereinbar ist, ganz zu schweigen von traditionellen demokratischen Herrschaftsformen. In seiner Rede zur Lage der Nation räumte Präsident Biden ein, dass die Vereinigten Staaten eine dysfunktionale Gesellschaft sind, in der Millionen von Menschen unter akut verzweifelten Bedingungen leben. Er berichtete von seinen Begegnungen mit Amerikanern, die ihm erzählten, dass ihnen die Zwangsräumung ihrer Häuser drohe, dass sie ihre Familien nicht ernähren könnten und dass sie sich keine medizinische Versorgung leisten könnten. 35 Prozent der Amerikaner auf dem Land, gab Biden zu, hätten keinen Zugang zum Internet.

In seiner Rede nur 114 Tage nach dem bewaffneten faschistischen Angriff auf den Kongress, der vom vorherigen Präsidenten organisiert worden war, erklärte Biden – geschützt von Soldaten und Polizisten, die das Kapitol umstellten –, dass das amerikanische Volk „in den Abgrund von Aufruhr und Autokratie, Pandemie und Schmerz gestarrt hat“. Er beschrieb die Ereignisse des 6. Januar als „eine existenzielle Krise – ein Test, ob unsere Demokratie überleben kann“.

Dann stellte er fest, dass „der Kampf noch lange nicht vorbei ist“, und fuhr fort, in Frage zu stellen, ob die Demokratie in den Vereinigten Staaten überleben wird. „Die Frage, ob unsere Demokratie lange Bestand haben wird, ist ebenso alt wie dringlich, so alt wie unsere Republik – und auch heute noch wichtig.“

Noch nie in der Geschichte der Vereinigten Staaten hat ein Präsident in einer öffentlichen Ansprache vor der gesamten Bevölkerung ein solches Ausmaß an Demoralisierung und Verzweiflung zum Ausdruck gebracht.

Und was hat Präsident Biden als Lösung für diese existenzielle Krise angeboten? Nichts als eine Reihe von vagen Versprechungen von Halb- und Viertel-Maßnahmen. Er wird versuchen, einen Ozean der Ungleichheit mit einem Teelöffel zu leeren. Die Wall Street und die Konzernoligarchie werden ihm kein größeres Gerät zur Verfügung stellen. Bidens „Reform“-Programm enthält keine einzige Maßnahme, die den Reichtum und die Macht der amerikanischen herrschenden Klasse auch nur im Geringsten untergraben würde. Er beruhigte ausdrücklich die Oligarchen und die wohlhabendsten Teile der Mittelschicht: „Ich denke, Sie sollten in der Lage sein, Milliardär und Millionär zu werden...“ Alles, was er verlangt, ist, dass sie ihren „fairen Anteil“ zahlen. Als ob die Anhäufung von Millionen und Milliarden durch die Kapitalisten ohne die massive Ausbeutung der Arbeiterklasse in den Vereinigten Staaten und international möglich wäre.

Die wirkliche Agenda Bidens kam zum Vorschein, als er seine Aufmerksamkeit auf die globalen Ziele der amerikanischen herrschenden Klasse richtete. Die Vereinigten Staaten, so erklärte er, stünden „im Wettbewerb mit China und anderen Ländern darum, das 21. Jahrhundert zu gewinnen. Wir befinden uns an einem großen Wendepunkt in der Geschichte.“

Bidens innenpolitisches Programm war ganz im Sinne des wirtschaftlichen Nationalismus und des Kampfes um die Aufrechterhaltung der globalen Vorherrschaft der Vereinigten Staaten gestaltet. Er versprach, dass sein „American Jobs Plan“ von einem Prinzip geleitet sein wird: Kauft amerikanisch. Kauft amerikanisch.“

Die Stoßrichtung von Bidens Programm des wirtschaftlichen Nationalismus ist die Schaffung einer „Festung Amerika“, die sich darauf vorbereitet, China und andere geopolitische und wirtschaftliche Rivalen zu bekämpfen in „dem Wettbewerb, den wir mit dem Rest der Welt austragen, um das 21. Jahrhundert“.

Ein wesentlicher Bestandteil des Strebens der USA nach globaler Hegemonie ist die Unterdrückung jeder unabhängigen Äußerung der Arbeiterklasse, wenn es um deren eigene soziale Interessen geht.

Die Biden-Regierung und die herrschende Klasse als Ganzes sind sich voll und ganz bewusst, dass die Pandemie einen Prozess der Radikalisierung der Arbeiterklasse beschleunigt hat, der sich seit zehn Jahren entwickelt. Die größte Angst der herrschenden Klasse ist ein unkontrollierter Ausbruch des Klassenkampfs, der alle bestehenden Institutionen überrollt – das Zweiparteiensystem, die Propagandamedien, die Unterhaltungs-, Sport- und Religionsindustrie, die akademischen Zitadellen der Rassen- und Geschlechterpolitik und die bestehenden Gewerkschaften.

Vor allem die weit fortgeschrittene Diskreditierung der AFL-CIO und der ihr angeschlossenen Gewerkschaften ruft innerhalb der herrschenden Klasse tiefe Ängste hervor. In den letzten vier Jahrzehnten hat sich die amerikanische herrschende Klasse auf diese korrupten Organisationen – „Gewerkschaften“ nur noch dem Namen nach – verlassen, um den sozialen Widerstand der Arbeiterklasse zu unterdrücken. Und man muss zugeben, dass diese reaktionären und repressiven, gegen die Arbeiterklasse gerichteten Unternehmenssyndikate – mit Tausenden von Führungskräften und Bürokraten, die Milliarden von Dollar an Gehältern kassieren – ihre Arbeit mit großer Effizienz erledigt haben. In den letzten 35 Jahren sind Streiks in den Vereinigten Staaten praktisch verschwunden, Löhne wurden gekürzt und Millionen von Arbeitsplätzen vernichtet.

In diesem Kontext zielt Bidens Aufruf zur Stärkung der bestehenden Gewerkschaften nicht darauf ab, die Militanz der Arbeiterklasse zu fördern, sondern einer solchen Entwicklung zuvorzukommen und ihre weitere Unterdrückung sicherzustellen.

Darüber hinaus ist die Auslöschung jeder Form von unabhängiger Arbeiterorganisation in einer von der Regierung geförderten Arbeiterbewegung – die vollständig in den kapitalistischen Staat nach korporatistischem Vorbild integriert ist – ein strategischer Imperativ für den amerikanischen Imperialismus. Er bereitet sich unter den Bedingungen einer tiefgreifenden Wirtschaftskrise auf eine Konfrontation mit China vor, die in herrschenden Kreisen als unvermeidlich angesehen wird. Es ist höchst bezeichnend, dass die „White House Task Force on Worker Organizing and Empowerment“, die von Präsident Biden in der vergangenen Woche per Dekret geschaffen wurde, als ihre drei führenden Mitglieder Verteidigungsminister Lloyd Austin, Finanzministerin Janet Yellen – ehemals Vorsitzende der Federal Reserve – und Heimatschutzminister Alejandro Mayorkas umfasst. Mit anderen Worten: Bidens „Empowerment“ der von der Regierung unterstützten Gewerkschaften wird unter der Ägide der Mitglieder seines Kabinetts stattfinden, die hauptsächlich für militärische Operationen, Wirtschaftspolitik und Repression im Inneren verantwortlich sind.

Was Biden erschafft, ähnelt der Art von korporatistischer Staatsstruktur, die auf der gewaltsamen Verschmelzung von Unternehmensmanagement und offiziellen, staatlich gelenkten Gewerkschaften basiert und unter faschistischen Regimen in den 1920er und 1930er Jahren etabliert wurde. Trotzki erklärte den objektiven ökonomischen Impuls, der diesen Prozess antreibt:

Der Monopolkapitalismus fußt nicht auf Privatinitiative und freier Konkurrenz, sondern auf zentralisiertem Kommando. Die kapitalistischen Cliquen an der Spitze mächtiger Trusts, Syndikate, Bankkonsortien usw. sehen das Wirtschaftsleben ganz von derselben Höhe wie die Staatsgewalt und benötigen bei jedem Schritt deren Mitarbeit. ... Indem der Faschismus die Gewerkschaften in Organe des Staates verwandelt, erfindet er nichts Neues; er entwickelt nur die dem Imperialismus innewohnenden Tendenzen zu ihrer letzten Schlussfolgerung.

Die Biden-Regierung ist nicht faschistisch, aber ihre Politik, die von den ökonomischen und geopolitischen Imperativen des amerikanischen Imperialismus bestimmt wird, nimmt die Politik vorweg, die ein faschistisches Regime umsetzen würde, wenn es an die Macht käme und dann mit unbegrenzter Brutalität und ohne jeden Anschein gesetzlicher Beschränkungen bei der Ausübung von Gewalt gegen die Arbeiterklasse vorgehen würde.

Die Tendenz zur korporatistischen Unterdrückung der Arbeiterklasse ist keineswegs ein rein amerikanisches Phänomen. Obwohl die Methoden, die von bestimmten kapitalistischen Regierungen angewandt werden, von nationalen Bedingungen und Traditionen beeinflusst werden, manifestiert sich die grundlegende Tendenz zu einer immer stärkeren Eindämmung und Unterdrückung des Kampfs der Arbeiterklasse in jedem Land. Die Arbeiterklasse darf nicht die Möglichkeit erhalten, ihre eigenen sozialen Interessen im Gegensatz zu den von den herrschenden Eliten verfolgten innen- und außenpolitischen Pläne durchzusetzen. Für die Aufrechterhaltung der Kontrolle über die Gesellschaft sind Militär und Polizei nicht ausreichend. Gerade in einer Zeit zunehmender sozialer Radikalisierung kann der verfrühte Einsatz dieser grundlegenden Unterdrückungsinstrumente zu einer politischen Katastrophe führen. Die Funktion der Gewerkschaften besteht darin, die Arbeiterklasse fest an die kapitalistische Agenda zu binden. Der Apparat muss Streiks unterdrücken und dafür sorgen, dass sie sofort abgebrochen werden, wenn sie nicht ganz verhindert werden können. Der von den Gewerkschaften begangene Verrat schafft die Demoralisierung, die den Weg für den Sieg des Faschismus frei macht.

Aber diese Niederlagen müssen verhindert werden. Der Klassenkampf – der notwendige gesellschaftliche Prozess, von dem die revolutionäre Erneuerung und fortschreitende Entwicklung der menschlichen Zivilisation abhängt – darf nicht unterdrückt werden. Die große schöpferische Kraft der Arbeiterklasse muss innerhalb der Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt entfesselt werden.

Wenn die Pandemie endlich unter Kontrolle gebracht werden soll, wenn der Drang zum Krieg gestoppt werden, wenn Diktatur verhindert und wenn eine ökologische Katastrophe abgewendet werden soll, müssen neue Mittel und Instrumente des sozialen Kampfes geschaffen werden.

Aus diesem Grund hat das Internationale Komitee der Vierten Internationale den Aufruf zur Gründung der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) veröffentlicht. Ziel dieser globalen Initiative ist es, eine echte, breit angelegte Bewegung der internationalen Arbeiterklasse zu entwickeln. Sie soll die Arbeiter in allen Ländern ermutigen, die gefängnisartigen Fesseln zu sprengen, die ihr von den bestehenden staatlich kontrollierten und antidemokratischen Gewerkschaften, die mit rechten, prokapitalistischen Führungskräften besetzt sind, angelegt wurden.

Die IWA-RFC wird danach streben, nationale Schranken zu überwinden. Sie wird sich allen Bemühungen widersetzen, die Klasseneinheit durch die Förderung ethnischer und verwandter Formen der Identitätspolitik zu untergraben, und die Koordination des Klassenkampfes auf internationaler Ebene erleichtern.

Sie wird durch diese Bemühungen, Arbeiter über nationale Grenzen hinweg zu vereinen, einen mächtigen Beitrag dazu leisten, eine globale Bewegung zu schaffen, die der Kriegstreiberei Einhalt gebietet und den Krieg verhindert.

Und lasst mich eines ganz klar sagen: Das Internationale Komitee verurteilt nachdrücklich die Verleumdungen, mit dem der amerikanische Imperialismus das chinesische Volk überzieht. Es sind Lügen und nichts als Lügen.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale, die ihm angeschlossenen sozialistischen Gleichheitsparteien und die World Socialist Web Site werden in ihren Bemühungen, den Arbeitern bei der Gründung und dem Aufbau der IWA-RFC zu helfen, diesen Initiativen eine klare internationale Strategie vermitteln und den Zusammenhang zwischen lokalen Kämpfen und dem sich entfaltenden globalen Kampf der Arbeiterklasse gegen Kapitalismus und Imperialismus erklären.

In den dunkelsten Stunden des Ersten Weltkriegs erkannte Trotzki, dass die globale Krise mächtige Kräfte des revolutionären Wandels entfesseln würde. Er schrieb:

Die revolutionäre Epoche wird aus den unerschöpflichen Ressourcen des proletarischen Sozialismus neue Organisationsformen schaffen, neue Formen, die der Größe der neuen Aufgaben gewachsen sein werden.

Diese Worte gelten mit noch größerer Kraft für die Krise der heutigen Welt. Die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees ist eine neue Form der Organisation, deren Gründung eine Antwort auf die Anforderungen einer neuen Epoche des revolutionären Kampfes ist.

Es sind die internationale Arbeiterklasse und der Sozialismus, die das 21. Jahrhundert gewinnen werden.

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