In ihrem Leitartikel vom Dienstag schreibt die New York Times, dass die Aussicht auf eine parteiübergreifende Untersuchung der Pandemieauswirkungen in den Vereinigten Staaten „schwindet“. Der Artikel vergleicht die Covid-Pandemie mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und beklagt das Versagen des politischen Systems der USA, eine Katastrophe zu untersuchen und die Lehren aus einem Ereignis zu ziehen, bei dem Hunderte Male mehr Menschen starben als am 11. September.
Nach dem Vorbild der Untersuchungskommission zum 11. September 2001 wurde auch ein Gesetzesentwurf zur Einrichtung einer parteiübergreifenden Kommission für die Pandemie in den Senat eingebracht, der jetzt aber auf Eis liegt. Der Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, Charles Schumer, hat den Gesetzentwurf nicht auf die Tagesordnung gesetzt, im Repräsentantenhaus wurde er noch nicht einmal vorgestellt, und das Weiße Haus lehnt ihn ab, ohne dies öffentlich zu sagen.
Die Times stellt zwar nicht die Frage nach dem Warum. Aber es ist offensichtlich, dass in der herrschenden Elite der USA niemand Interesse an einer ehrlichen Bilanz der Umstände und politischen Entscheidungen hat, die zum Tod von Millionen Menschen auf der ganzen Welt, darunter 1,1 Millionen in den Vereinigten Staaten, führten. Die Demokraten, die Trumps wissenschaftsfeindliche Possen, seine Propagierung von Pseudoheilmitteln und sogar einer Injektion von Bleichmittel angeprangert haben, wollen trotzdem keine Untersuchung, weil in Bidens Regierungszeit mehr Menschen an Covid-19 gestorben sind als unter Trump.
Auch die Times, die wichtigste Zeitung der USA, will keine echte Untersuchung der Fragen, die die größte Gesundheitskrise seit mehr als einem Jahrhundert aufgeworfen hat. Das zeigt sich schon daran, dass sie die 9/11-Kommission als Vorbild heranzieht. Dieses Gremium, das sich aus bewährten Verteidigern des amerikanischen Kapitalismus zusammensetzte, vertuschte die Rolle der US-Geheimdienste und wichtiger Klientenstaaten der USA wie Saudi-Arabien. Die Kommission betrieb Schönfärberei, nicht Aufdeckung.
Sollte eine solche Covid-19-Kommission einberufen werden, würde sie zweifellos dazu benutzt werden, die Verschwörungstheorie zu fördern, dass SARS-CoV-2 in einem chinesischen Labor erzeugt und versehentlich oder absichtlich freigesetzt wurde. Die Republikanische Partei hat bereits deutlich gemacht, dass eine der ersten Aufgaben eine solche „Untersuchung“ der Labor-These sein würde, wenn sie im Januar die Kontrolle über das Repräsentantenhaus übernimmt. Diese Provokation ist Teil der Konfrontationspolitik der Biden-Regierung gegen Peking und der Kriegsvorbereitungen der USA.
Der Times-Artikel stellt eine Reihe von Fragen, die eine überparteiliche Kommission beantworten sollte. Sie reichen von der Entdeckung von Krankheitserregern, unzureichender Datenerfassung, Problemen bei der Versorgung mit Masken und anderer notwendiger Ausrüstung, den Auswirkungen von Schulschließungen und der Verbreitung von Fehlinformationen über das Virus und die Impfstoffe. Ohne eine Antwort vorzuschlagen, stellt sie die „dringende Frage: Warum haben die Vereinigten Staaten eine höhere Covid-Todesrate als andere wohlhabende Nationen?“
Aber die wichtigste Frage wird nicht gestellt: Was waren die politischen Erwägungen, die die Reaktion der Regierung unter Trump und Biden auf die Pandemie bestimmten? Warum wurde die öffentliche Gesundheit den Finanzinteressen untergeordnet?
Die Wall Street und die Unternehmen forderten die Wiederaufnahme der Produktion nach dem ersten Lockdown, den die Arbeiter durchgesetzt hatten, weil sich das tödliche Virus rasch in Fabriken, Büros und Schulen ausbreitete. Die Medienkampagne für die Wiederöffnung der Betriebe und Schulen wurde von der Times selbst angeführt. Ihr Hauptkolumnist Thomas Friedman prägte das Mantra „Die Heilung darf nicht schlimmer sein als die Krankheit“.
Der Artikel der Times ist voller Verzerrungen der Realität. Er verbreitet die Lüge, dass die Pandemie vorbei sei, womit die Propaganda der Biden-Regierung wiederholt wird. „Die Vereinigten Staaten kommen aus der Krise heraus“, schreibt die Times, obwohl die Zahl der Todesopfer mit dem Beginn des dritten Coronawinters rapide ansteigt. Die Todesfälle hatten einen „Tiefpunkt“ von 300 pro Tag erreicht – das entspricht einmal 9/11 alle zehn Tage. Doch seit Thanksgiving sind die Todeszahlen wieder auf mehr als 500 pro Tag gestiegen und haben laut den Daten der Johns Hopkins University an mindestens einem Tag in der letzten Woche die 1.000er-Marke erreicht.
Selbst diese erschütternden Zahlen liegen bekanntermaßen weit unter den realen Zahlen, da viele Bundesstaaten aufgehört haben, die Infektionen, Krankenhausaufenthalte und Todesfälle zu erfassen, oder sie nicht regelmäßig an die Gesundheitsbehörden Centers for Disease Control and Prevention (CDC) melden.
In dem Artikel der Times wird behauptet, dass die Zeit für eine Untersuchung knapp wird, da „die Pandemie bereits fast drei Jahre läuft. Wichtige Fakten könnten im Laufe der Zeit verloren gehen.“
Die vorsätzliche Tötung von mehr als einer Million Menschen in der Pandemie durch die herrschende Klasse der USA ist offenbar das einzige Verbrechen, für das Verjährung geltend gemacht werden kann, während das Verbrechen noch andauert!
Vor etwas mehr als einem Jahr initiierte die World Socialist Web Site den Global Workers’ Inquest, der weltweite Ermittlungen zur Covid-19-Pandemie durch die Arbeiterklasse einleitete. Der Aufruf zu der Untersuchung wurde am Vorabend des Auftretens der Omikron-Variante veröffentlicht, die sich als noch ansteckender erwies und die Immunität umgeht. Omikron forderte mindestens 1,5 Millionen Todesopfer weltweit und mehr als 300.000 in den Vereinigten Staaten, obwohl Impfstoffe und Medikamente in großem Umfang zur Verfügung standen.
Die WSWS schrieb damals zum Global Workers’ Inquest:
Grundlagen dieser Initiative sind die wissenschaftliche Forschung, das Fachwissen von Experten für öffentliche Gesundheit und die praktischen Erfahrungen von arbeitenden Menschen und Studierenden. Sie wird die katastrophale Reaktion der Regierungen, Unternehmen und Medien auf den Ausbruch von SARS-CoV-2 (dem Virus, das Covid-19 verursacht) untersuchen und dokumentieren. Sie soll aufdecken, welche politischen und wirtschaftlichen Kräfte und Interessen hinter der Politik stehen, in deren Folge sich das Virus unkontrolliert verbreiten und zu einer katastrophalen Pandemie führen konnte, die weltweit Millionen Todesopfer gefordert hat.
Der Global Workers’ Inquest stützte sich auf zwei internationale Webinare zur Pandemie auf, die von der WSWS organisiert wurden und an denen zahlreiche Wissenschaftler, darunter führende Epidemiologen, teilnahmen, die sich gegen die Politik der „Herdenimmunität“ und „Mitigation“ (eine Abschwächung der Ausbreitung durch Maßnahmen) aussprachen und stattdessen für eine Politik der Eliminierung und Ausrottung des Virus eintraten. In diesen Webinaren wurde folgende Strategie für den Kampf zur Beendigung der Pandemie erarbeitet:
SARS-CoV-2 – das Virus, das Covid-19 verursacht – nimmt nicht einzelne Personen ins Visier, sondern ganze Gesellschaften. Die Übertragungsweise des Virus ist darauf ausgerichtet, Massen von Menschen zu infizieren. SARS-CoV-2 hat sich biologisch so entwickelt, dass es Milliarden von Menschen befällt und dabei Millionen tötet.
Daher ist die einzig wirksame Strategie eine global koordinierte Kampagne, die auf die Eliminierung des Virus auf jedem Kontinent, in jeder Region und in jedem Land abzielt. Eine wirksame nationale Lösung für diese Pandemie gibt es nicht. Die Menschheit – Menschen jeder Herkunft, Hautfarbe und Nationalität – muss sich dieser Herausforderung stellen und sie durch eine große kollektive und selbstlose globale Anstrengung überwinden.
Die von praktisch allen Regierungen seit dem Ausbruch der Pandemie verfolgte Politik muss zurückgewiesen werden. Die Unterordnung des Schutzes von Menschenleben – der unbestritten die Priorität der Politik sein sollte – unter die Profitinteressen der Konzerne und die Anhäufung von privatem Reichtum kann nicht weiter zugelassen werden.
Die Initiative für eine entscheidende Wende, hin zu einer auf die globale Auslöschung ausgerichteten Strategie, muss von einer sozial bewussten Bewegung von Millionen Menschen ausgehen.
Diese globale Bewegung muss sich auf die wissenschaftliche Forschung stützen. Die Verfolgung von Wissenschaftlern – von denen viele unter Gefahr für ihren Lebensunterhalt und sogar ihr Leben arbeiten – muss beendet werden. Die weltweite Eliminierung des Virus erfordert ein enges Arbeitsbündnis zwischen der Arbeiterklasse – der großen Mehrheit der Gesellschaft – und der wissenschaftlichen Gemeinschaft.
Der Global Workers’ Inquest ist die einzige echte Untersuchung des internationalen Verbrechens, das von den kapitalistischen Regierungen aller Länder begangen wurde. Sie haben alle Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung aufgegeben und zugelassen, dass das Virus zu neuen, immer gefährlicheren und ansteckenden Varianten mutiert. Wir haben Zeugenaussagen von Wissenschaftlern, Ärzten und anderen Mitarbeitern des Gesundheitswesens sowie von Arbeitern eingeholt, die entweder selbst an Corona und Long Covid erkrankt sind oder dessen Auswirkungen auf ihre Kollegen und Familien erlebt haben. Die WSWS hat die Interviews sowohl in Text- als auch in Videoform veröffentlicht, um die Arbeiterklasse und die Jugend zu informieren.
Die Ermittlungen gehen weiter, und wir rufen unsere Leser und Unterstützer auf, sich an dieser Kampagne zu beteiligen und das nachstehende Formular auszufüllen.
