Wenige Minuten vor Ablauf des alten Tarifvertrags am Sonntag um Mitternacht gab die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) bekannt, dass sie eine vorläufige Einigung mit Mack Trucks erzielt habe.
Ein Streik bei dem zur Volvo-Gruppe gehörenden Nutzfahrzeughersteller soll offenbar in letzter Minute verhindert werden, obwohl sich die Belegschaft im September mit 98 Prozent dafür ausgesprochen hat. Die Arbeiter wollen frühere Verschlechterungen rückgängig machen, die Lohnspaltung im Unternehmen abschaffen und Lohnerhöhungen erkämpfen, mit denen die jahrelange Verschlechterung des Lebensstandards gestoppt wird.
Um 23:50 gab die UAW auf X (vormals Twitter) in zwei kurzen Sätzen bekannt: „BREAKING: Fast 4.000 UAW-Mitglieder bei Mack Trucks in Pennsylvania, Maryland und Florida (UAW-Region 8 & 9) haben eine vorläufige Einigung! Weitere Details folgen, sobald die Mitglieder diese Einigung geprüft haben.“
Unterdessen setzt die UAW unter ihrem Vorsitzenden Shawn Fain die isolierten „Schwerpunktstreiks“ bei Ford, General Motors und Stellantis fort, die so gut wie keine Auswirkungen auf die Produktion haben.
Fain lässt die überwiegende Mehrheit (83 %) der Beschäftigten der „Big Three“ (Ford, General Motors und Stellantis) weiterarbeiten, obwohl kein Tarifvertrag mehr in Kraft ist. Die Gewerkschaftsführung ruft nur begrenzte Streiks in Betrieben aus, die keine Auswirkungen auf die Herstellung der profitträchtigen Pick-up-Trucks haben. Zweifellos hat die UAW deshalb bei Mack Trucks keinen Streik ausgerufen, weil sie die zunehmenden Forderungen nach einem Generalstreik in der gesamten Autoindustrie eindämmen will.
„Die UAW-Bürokratie hat die Beschäftigten wochenlang über die Einzelheiten ihrer Gespräche mit der Geschäftsleitung im Unklaren gelassen“, sagt Will Lehman, der bei Mack Trucks arbeitet und letztes Jahr für das Amt des UAW-Vorsitzenden kandidierte. „Wir als Basis müssen uns dem Gewerkschaftsapparat widersetzen, der uns überreden möchte, die Vereinbarung auf der Grundlage vereinzelter ‚Highlights‘ zu akzeptieren.
Die Mack-Beschäftigten fordern bereits Einblick in die gesamte vorläufige Einigung, was ein wichtiges Zeichen dafür ist, dass sie vor einem Ausverkauf auf der Hut sind“, so Lehman weiter. „Alle Arbeiter sollten fordern, dass der vollständige Vertrag samt zugehöriger ‚Memos‘ online veröffentlicht wird und dass wir genügend Zeit erhalten, um ihn zu lesen und auf Massenmitgliederversammlungen darüber zu diskutieren. Den UAW-Bürokraten liegt der Vertrag bereits vor und sie sollten ihn jetzt freigeben, nicht erst am Tag der Abstimmung oder kurz davor.“
Vieles deutet darauf hin, dass die Einigung der UAW mit der Unternehmensleitung ein vollständiger Verrat an den Forderungen der Arbeiter ist.
Mack Trucks erklärte: „Die vorläufige Einigung würde den Mack-Beschäftigten und ihren Familien deutlich höhere Löhne und weiterhin erstklassige Sozialleistungen bieten. Gleichzeitig würde sie es dem Unternehmen ermöglichen, sich erfolgreich auf dem Markt zu behaupten, in unsere Mitarbeiter, Anlagen und Produkte zu investieren und ein nachhaltiger Arbeitgeber zu sein.“ [Hervorhebung hinzugefügt]
Erst am vergangenen Donnerstag hatte die UAW in einem Schreiben an die Mack-Beschäftigten erklärt, die Unternehmensleitung verlange „so viele Zugeständnisse, dass sie hier gar nicht aufgezählt werden können“, und sei weiterhin nicht bereit, „unsere Klauseln zur Arbeitsplatzsicherheit zu akzeptieren, die Zahlungen für die Altersvorsorge zu erhöhen, alle Beschäftigten in den Rentenplan aufzunehmen, einen Inflationsausgleich zu leisten und alle anderen Forderungen, die für unsere Mitglieder wichtig sind, zu erfüllen.“ In einem Facebook-Livestream am Freitag wiederholte der UAW-Vorsitzende Shawn Fain, dass Mack „dem üblichen Drehbuch“ folge und „eine lange Liste von Zugeständnissen auf den Tisch gelegt“ habe
Die Behauptung der Gewerkschaft, das Unternehmen habe seinen Kurs in den letzten vier Tagen komplett geändert und biete den Arbeitern nun ohne Streik annähernd das, was sie brauchen, ist absurd.
Die Ankündigung einer Einigung durch die UAW löste einen Aufschrei der Mack-Beschäftigten auf Facebook aus.
Ein Arbeiter berichtete, ihm sei mitgeteilt worden, dass er vor der Abstimmung an diesem Wochenende nur einige „Highlights“ des Vertrags erfahren würde: „Mein Gewerkschaftsvertreter hat mir gesagt, dass wir bis zur Abstimmung am Sonntag keine Einzelheiten erfahren und nur die Highlights erhalten werden.
Wir, die Mitglieder, haben ein Recht darauf, den Vertrag in seiner Gesamtheit im Voraus zu sehen, damit wir richtig abstimmen können. Es ist ein verbindlicher Vertrag, der uns alle betrifft. Wie sollen wir abstimmen, ohne den gesamten Vertrag mit eigenen Augen gesehen zu haben? Wir müssen geschlossen fordern, dass wir ein Recht darauf haben, den gesamten Vertrag vor der Abstimmung einzusehen!“
Andere Beschäftigte prangerten die Informationsblockade der UAW an und vertraten die Ansicht, dass die Einigung unweigerlich einen Ausverkauf bedeuten würde. „Wann werden wir erfahren, was sie vereinbart haben? Bislang gab es null Transparenz“, schrieb einer.
Weitere Kommentare waren:
„Typisch Gewerkschaft, erst große Töne spucken und dann Hinterzimmerdeals abschließen, die nur ihr helfen und nicht den kleinen Leuten.“
„Wir haben keine Chance, einen einigermaßen vernünftigen Vertrag zu bekommen, wenn sich die großen Drei noch nicht geeinigt haben! Wir haben Besseres verdient!!!!!“
„Die ‚Einigung‘ ist ein Witz und die Mitglieder wissen das. Danke, dass ihr uns wieder einmal ausverkauft!!!“
Ein Arbeiter des Mack-Trucks-Werks in Hagerstown, Maryland, sagte gegenüber der WSWS: „Die Arbeiter hier sind stinksauer. Am Freitag wurden die Öfen abgestellt und Polizei vor den Toren platziert. Wir sind alle mehr und mehr bereit zuzuschlagen.
Sie hatten uns gesagt, wir sollten zum Gewerkschaftshaus kommen, um Transparente zu machen, dann haben sie das abgesagt und behauptet, sie hätten schon genug Transparente. Daraus schlossen wir alle, dass sie bereits wussten, dass wir nicht streiken, aber sie haben uns angelogen und behauptet, sie wüssten von nichts.“
Ein anderer Mack-Mitarbeiter in Macungie sagte der WSWS: „Zunächst einmal war es Blödsinn, bis fast zur letzten Minute zu warten. Der Streik war für Mitternacht angesetzt. Manche wohnen eine Stunde entfernt; ihr ganzer Tag war im Eimer! Wenn eine vorläufige Einigung erzielt wurde, warum müssen wir dann noch ein paar Tage auf Einzelheiten warten?“
Der Arbeiter stellte auch in Frage, ob überhaupt ein vollständiger Vertrag ausgearbeitet worden sei. „Wenn heute Fragen unbeantwortet bleiben, und ich bin sicher, davon gibt es VIELE, dann vermutlich nicht!“
Andere Arbeiter berichten, dass ihnen gesagt wurde, der Vertrag habe eine Laufzeit von fünf Jahren anstelle des bisherigen Vierjahresvertrags. Ein Vierjahresvertrag würde 2027 auslaufen würde, also ungefähr zur gleichen Zeit wie der Tarifvertrag bei Volvo Trucks im Werk New River Valley im Südwesten Virginias. Ein Fünfjahresvertrag würde bedeuten, dass der Tarifvertrag bei Mack Trucks in einem anderen Jahr ausläuft als bei Volvo und den Großen Drei, sodass die Mack-Beschäftigten weiter isoliert würden. (Die Arbeiter von Volvo Trucks sind bei derselben Muttergesellschaft angestellt und beliefern Mack Trucks, aber die UAW schließt für sie einen separaten Vertrag ab.)
Bei der Mack-Tarifrunde 2019 verkaufte die UAW einen zwölftägigen Streik der Belegschaft aus und sorgte dafür, dass die Lohnspaltung beibehalten wurde und die Reallöhne gekürzt wurden. Über einen Zeitraum von vier Jahren gab es nur 6 Prozent Lohnerhöhung, also durchschnittlich 1,5 Prozent pro Jahr, was weit unter der Inflationsrate liegt. Gleichzeitig wurden den Arbeitern höhere Gesundheitskosten aufgebürdet.
Die Bürokratie setzte den Vertrag 2019 auf eklatant undemokratische Weise durch, indem sie den Streik beendete, bevor überhaupt eine Urabstimmung stattgefunden hatte. Außerdem legte sie nur selektive „Highlights“ des Vertrags zur Abstimmung vor.
Im Jahr 2021 bemühte sich die UAW-Bürokratie, die streikenden Volvo-Trucks-Beschäftigten von den Mack-Arbeitern zu isolieren. Die Volvo-Beschäftigten lehnten drei von der UAW vorgeschlagene Tarifeinigungen in Urabstimmungen ab. Dies war ein erstes Anzeichen für die wachsende Rebellion der Belegschaften. Während des Streiks zwang die UAW die Mack-Beschäftigten, Fahrerkabinen aus dem bestreikten Werk in New River Valley zu bearbeiten, obwohl die Arbeiter forderten, dies aus Solidarität zu unterlassen.
„Die Revolte der Basis gegen die von der UAW unterstützten Zugeständnisse nimmt zu“, erklärt Lehman. „In diesem Jahr haben die Arbeiter des Batterieherstellers Clarios bereits zwei Ausverkaufs-Tarifeinigungen der UAW abgelehnt, und bei Lear Seating haben sie drei Einigungen abgelehnt.
Wir brauchen in den Betrieben Strukturen, die von den Arbeitern kontrolliert werden, um diesen Widerstand zu organisieren und einen echten Kampf für unsere Forderungen zu führen. Ich rufe meine Kolleginnen und Kollegen bei Mack auf, dem Aktionskomitee von Mack Trucks beizutreten und sich mit dem wachsenden Netzwerk von Aktionskomitees in der gesamten Autoindustrie zu verbinden.“
