Am 3. Januar 2026 gegen 6 Uhr morgens löste ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke über den Teltow-Kanal in Berlin‑Lichterfelde den längsten Stromausfall der Nachkriegsgeschichte aus.
Durch die Zerstörung von fünf 110‑kV‑Hochspannungs‑ und zehn 10‑kV‑Mittelspannungskabeln fiel nicht nur die Hauptversorgung aus, sondern auch die Redundanz des Netzes, die dafür sorgt, dass, wenn eine Leitung ausfällt, eine andere übernimmt. Eine schnelle Wiederherstellung war dadurch nicht möglich. Der Netzbetreiber Stromnetz Berlin konnte die Versorgung nur schrittweise wiederherstellen; erst am 7. Januar mittags waren alle Nutzer wieder am Netz, die Mobilfunknetze erholten sich gestaffelt.
Rund 50.000 Haushalte mit etwa 100.000 Menschen sowie über 2.200 Betriebe in Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde waren betroffen. Aufzüge blieben stecken, Kühlketten und Mobilfunk kollabierten, S‑Bahn, Straßenbeleuchtung, Schulen, Kitas und Lebensmittelgeschäfte blieben geschlossen.
Besonders dramatisch traf es Hochhaussiedlungen: In 22‑stöckigen Häusern wurden gehbehinderte Menschen durch den Ausfall der Aufzüge in ihren schnell auskühlenden Wohnungen eingeschlossen, und ab dem siebten Stock fiel die (Kalt‑)Wasserversorgung aus, weil die elektrischen Pumpen stillstanden.
Das Gesundheitswesen geriet in eine akute Notlage: Krankenhäuser mussten auf Notstromaggregate umstellen, die nur Minimalbetrieb ermöglichen. Operationen, Dialysen und komplexe Behandlungen wurden abgesagt, Arztpraxen und Apotheken blieben geschlossen, und lebenswichtige Medikamente verdarben ohne Kühlung. In Pflegeheimen fielen Beatmungs‑ und Sauerstoffgeräte aus, Personal arbeitete unter katastrophalen Bedingungen, Evakuierungen wurden improvisiert — eine Folge des Angriffs auf eine zentrale Lebensader moderner Großstädte.
Die Behörden kümmerten sich kaum um die Notlage und reagierten im Schneckentempo. Erst nach 33 Stunden rief der CDU‑SPD geführte Berliner Senat die Großschadenslage aus und forderte Unterstützung durch Bundeswehr und THW an. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegener (CDU), der auf Nachfragen von Medien erklärt hatte, er habe den ganzen Tag im Homeoffice verbracht, um Hilfe zu organisieren, ging, wie sich später herausstellte, nach Ausbruch der Katastrophe Tennis spielen.
Sofortige Hilfe kam fast ausschließlich aus der Bevölkerung und von Freiwilligenorganisationen: Nachbarschaften, Cafés, Restaurants und Einzelpersonen, Feuerwehr, THW und verschiedene Vereine stellten Notunterkünfte, Duschen, warme Mahlzeiten, Ladegeräte und Gaskocher zur Verfügung. Schulen richteten Turnhallen als Notunterkünfte ein, in die auch hochbetagte und pflegebedürftige Menschen zeitweise unter oft unzumutbaren Bedingungen gebracht wurden.
Hotelaufenthalte blieben für die allermeisten unerschwinglich. Zwar boten über 150 Hotels Sonderkonditionen an, doch für große Teile der arbeitenden Bevölkerung, die durch hohe Mieten, Energiekosten und sinkende Reallöhne an der Existenzgrenze stehen, waren solche Zusatzkosten schlicht untragbar. Erst nach drei Tagen kündigte der Senat die Übernahme von Kosten in Partnerhotels an.
Politische Instrumentalisierung
Während die politisch Verantwortlichen die Nöte der Bevölkerung weitgehend ignorierten, begannen sie innerhalb von Stunden, den Anschlag auf das Stromnetz politisch auszuschlachten. Der Sabotageakt wird rücksichtslos genutzt, um den Ausbau eines Polizeistaats und die Militarisierung im Inneren voranzutreiben.
Obwohl über die Urheber der professionell durchgeführten Tat bis heute so gut wie nichts bekannt ist, wurde sie von Politikern und Medien sofort als „linksextremistisch“ denunziert und jegliche Opposition von links als „terroristisch“ diffamiert.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und seine Stellvertreterin Franziska Giffey (SPD) bezeichneten den Brandanschlag als „Angriff auf unsere freie Gesellschaft“. Innensenatorin Iris Spranger (SPD), verantwortlich für die Unterdrückung zahlreicher pro-palästinensischer Demonstrationen, geiferte: „Der menschenverachtende Anschlag auf unser Stromnetz war kein Linksextremismus. Das war Linksterrorismus.“
Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) erklärte: „Egal, unter welchem Label die Tat am Ende eingeordnet wird: Es bestehen hinreichende Anhaltspunkte dafür, dass es sich um politisch motivierte Täter aus der linksextremen Szene handelt.“ Auch die Grünen verurteilten den Sabotageakt als „linksextremistisch“.
Sowohl der Berliner Senat wie die Bundesregierung kündigten verschärfte Sicherheitsgesetze an. In Berlin soll das zu Beginn des Jahres in Kraft getretene verschärfte Polizeigesetz (ASOG) weiter ausgebaut und die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Geheimdienst intensiviert werden.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte eine Verschärfung des Kurses gegen Linksextremisten und Klimaaktivisten an. „Wir schlagen zurück – und überlassen den Linksextremisten und Klimaextremisten nicht das Feld,“ sagte er der Bild am Sonntag. Sicherheit habe oberste Priorität, weshalb mehr Personal für Nachrichtendienste, erweiterte digitale Überwachungsbefugnisse und strengere Schutzgesetze für kritische Infrastruktur erforderlich seien.
Was Dobrindt im Sinn hat, demonstrierte er am vergangenen Wochenende in Jerusalem. Dort vereinbarte er mit Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu eine „enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich“. Dobrindt will offenbar die Erfahrungen nutzen, die das israelische Regime bei der Ermordung zehntausender Palästinenser in Gaza und auf der Westbank gesammelt hat. Unter anderem werden Deutschland und Israel bei der Cybersicherheit und der „Terrorabwehr“ enger zusammenarbeiten.
Wer steckt hinter der „Vulkangruppe“
Die Behauptung, der Anschlag auf die Stromversorgung einer Großstadt habe etwas mit linker Politik zu tun, ist offensichtlich absurd. Der Begriff „links“ bedeutet, soweit er überhaupt einen Sinn hat, eine Politik im Interesse der Arbeitenden und der Jugend, von Rentnern, Kranken und anderen Hilfsbedürftigen und erfordert deren demokratische Mitwirkung.
Ein anonymer Anschlag auf die städtische Infrastruktur, von der die Existenz, die Gesundheit und sogar das Leben zehntausender Unbeteiligter abhängt, bewirkt das Gegenteil. Er liefert den Herrschenden einen willkommenen Vorwand, den Staatsapparat aufzurüsten, demokratische Rechte einzuschränken und politische Opposition zu unterdrücken.
Der einzige Beleg, dass es sich um einen „linksextremen“ Anschlag handle, sind zwei Bekennerschreiben einer „Vulkangruppe“. Danach richtete sich der Anschlag gegen „fossile Energien“, „die Reichen“, die „imperiale Lebensweise“ und den „Raubbau an der Erde“.
Es ist völlig unklar, wer hinter dieser „Vulkangruppe“ steckt und ob es überhaupt eine Organisation dieses Namens gibt. Seit 2011 haben sich in Berlin mehrmals „Vulkangruppen“ zu Brandanschlägen bekannt. Meist richteten sich die Anschläge gegen Kabelschächte an Bahntrassen sowie gegen Strom- und Datenleitungen. Der spektakulärste war die Sprengung eines Strommasts, die im März 2024 die Tesla-Fabrik in Grünheide stilllegte.
Obwohl er sie seit 15 Jahre beobachtet, behauptet der Berliner Verfassungsschutz, die Urheber dieser Anschläge nicht zu kennen. Er ist sich noch nicht einmal sicher, ob es sich jeweils um dieselbe Gruppe handelt. In der jüngsten Ausgabe des Berliner Verfassungsschutzberichts, der im Februar 2025 erschien, heißt es dazu lediglich:
In mindestens acht Fällen ähneln sich die Texte in Aufbau, Stil und inhaltlichen Aussagen so, dass von einem (teil-)identischen Autorenkreis auszugehen ist. Auch ein Strategiepapier aus dem Jahr 2015 deutet auf eine feste Struktur. Bezugnahmen auf ein in Szenekreisen bekanntes Pamphlet sprechen dafür, sie ideologisch im anarchistischen Spektrum zu verorten.
Dass die Anschläge von unterschiedlichen Akteuren verübt wurden, legt auch das Schreiben einer weiteren „Vulkangruppe“ nahe, das auf Indymedia veröffentlicht wurde. Es distanziert sich ausdrücklich vom Anschlag in Lichterfelde und wirft den Autoren des Bekennerschreibens und den Medien vor, „eine Kontinuität zu behaupten, die es nicht gibt“.
Es ist also durchaus möglich, dass der Anschlag in Lichterfelde unter falscher Flagge stattfand, dass es sich um eine rechte Provokation handelt und das Bekennerschreiben eine falsche Spur legen soll. Stellt man die Frage „Cui bono?“ – Wem nützt der Brandanschlag –, ist die Antwort eindeutig: Den Rechten und den autoritärsten Vertretern des Staatsapparats.
Es wäre naiv, die Möglichkeit einer Provokation auszuschließen. Es gibt in Europa und Deutschland zahlreiche Präzedenzfälle, bei denen Geheimdienste und Rechtsextreme zusammenarbeitet haben, um Spannungen zu schüren und ein rechtes politisches Klima zu erzeugen.
Am bekanntesten sind die „bleiernen Jahre“ in Italien, die von etwa 1968 bis 1982 dauerten. Damals erschütterten heftige Arbeitskämpfe das Land und große Teile der Jugend, der Arbeiter- und der Mittelklasse orientierten sich nach links. Rechtsextreme Gruppen verübten in Zusammenarbeit mit staatlichen Geheimdiensten Bombenanschläge, Entführungen und Morde, die Dutzende Todesopfer forderten. Im Zentrum der Verschwörung stand die Geheimloge „Propaganda Due“ (P2) von Licio Gelli, deren Verbindungen bis in höchste Geheimdienstkreise reichten. Die Taten wurden der Linken zur Last gelegt. Ziel dieser „Strategie der Spannung“ war es, die Voraussetzungen für die Errichtung einer autoritären Diktatur zu schaffen.
In Deutschland konnte der Nationalsozialistische Untergrund von 2000 bis 2007 neun Migranten und eine Polizistin ermorden, obwohl mindestens 25 V-Leute von Geheimdiensten und Polizei in ihrem Umfeld tätig waren und die Existenz der Gruppe in rechtsextremen Kreisen gut bekannt war. Trotzdem weigerten sich die Sicherheitsbehörden jahrelang, die rechte Spur zu verfolgen, und verdächtigten stattdessen die Angehörigen der Opfer. Es gibt außerdem zahlreiche dokumentierte Fälle, bei denen Agenten oder V-Leute der Sicherheitsbehörden als Agents provocateurs Straftaten anstifteten oder selbst begingen.
Selbst wenn es sich bei den Tätern von Lichterfelde tatsächlich um Klimaschützer aus dem anarchistischen Milieu handeln sollte, ist die Tat Ausdruck von politischer Desorientierung und abgrundtiefer Verzweiflung, die äußerst reaktionäre politische Folgen hat.
Man schützt die Umwelt nicht, indem man die Infrastruktur zerstört, auf die die arbeitende Bevölkerung angewiesen ist. Der Schutz der Umwelt ist, wie alle großen gesellschaftlichen Fragen, untrennbar mit dem Kampf gegen das kapitalistische Gesellschaftssystem verbunden, das nur noch Krieg, soziale Zerstörung und autoritäre Regimes hervorbringt. Das erfordert die Mobilisierung der breitesten Schichten der Arbeiterklasse, der Jugend und von Teilen der Mittelklasse für ein sozialistisches Programm.
