„Es steht in unserer Gewalt, die Welt von Neuem anzufangen“

250 Jahre „Common Sense“ von Tom Paine

Nur wenige revolutionäre Streitschriften erlangten eine solche Bedeutung wie Common Sense von Tom Paine. Das Traktat, das am 9. Januar 1776 (also vor genau 250 Jahren) erschien, war ein Frontalangriff auf die gesamte aristokratische Welt und gilt als Wegbereiter für die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die nur sechs Monate später verabschiedet wurde.

Paines Angriff auf die Monarchie gewinnt heute neue Aktualität. Denn Donald Trumps unverhüllte Neigung zu absoluter Herrschaft und seine Verachtung für die amerikanische Verfassung entspringen nicht einfach seinem persönlichen Wahn. Vielmehr ist er der auserkorene Führer einer superreichen Oligarchie und die Ausgeburt eines kranken politischen Systems, das immer weniger mit dem Leben der Bevölkerung zu tun hat – ein Zustand, der an die Welt zu Paines Zeiten erinnert, wenn auch in moderner Form. Und der Massenwiderstand, der sich in den „No Kings“-Demonstrationen und den Protesten nach den Polizeimorden in Minneapolis Bahn brach, wirft auch heute wieder grundlegende Fragen der Souveränität, der Gleichheit und des Rechts auf Widerstand gegen Willkürherrschaft auf. Um eben diese Fragen geht es in Common Sense.

Tom Paine, Portrait von Laurent Dabos 1792

Common Sense erschien zu einer Zeit, in der – genau wie heute – den meisten Menschen noch nicht klar war, worin eigentlich die zentralen Probleme bestanden. Bis zur Veröffentlichung des Pamphlets kreiste die öffentliche Debatte über die „Imperial Crisis“ zwischen Großbritannien und seinen rebellischen nordamerikanischen Kolonien um die Frage, ob das Parlament seinen althergebrachten Pflichten im Rahmen der britischen Verfassung nachgekommen war. Es ging nicht darum, ob die bestehende Ordnung selbst das Problem war. Die Debatte ging auf den Wunsch der amerikanischen Siedler zurück, zu einem imaginären Status quo ante zurückzukehren, d. h. zu dem Zustand vor dem Stempelgesetz von 1765, seit dessen Verabschiedung das britische Empire seine Autorität immer nachdrücklicher geltend machte. Die Auseinandersetzung erfolgte in Form von Polemiken über das Recht des Parlaments, die Siedler zu besteuern, obwohl diese keine direkte Vertretung im Parlament hatten.

Äußerlich betrachtet drehte sich die Debatte also um rechtliche Fragen, aber es wäre ein Fehler, sie deshalb als „konservativ“ zu betrachten. Denn hinter der Kontroverse über Besteuerung und parlamentarische Vertretung verbargen sich revolutionäre Fragen. Es ging um Macht, Freiheit und vor allem Gleichheit.

Bis 1775 machten sich die meisten Siedler in den amerikanischen Kolonien nicht klar, welche Sprengkraft ihre Standpunkte bargen – eine Schwäche, die von den königstreuen Loyalisten weidlich ausgenutzt wurde. Die britischen Konservativen beriefen sich auf den großen englischen Juristen William Blackstone, der argumentierte, dass es in jedem Staat eine einzige, endgültige Autorität geben müsse – eine „absolute despotische Macht“, die das letzte Wort hatte. Im britischen Empire lag diese Macht beim „King‑in‑Parliament“. Das bedeutete, dass der Monarch zusammen mit dem Unterhaus (Commons) und dem Oberhaus (Lords) die oberste gesetzgebende Gewalt und Souveränität ausübte. Ein Glied dieser Institution infrage zu stellen, war gleichbedeutend mit einem Angriff auf die gesamte Ordnung.

Aus dieser weithin akzeptierten Prämisse ergab sich eine unmittelbare Schwierigkeit im Hinblick auf die Kolonialherrschaft. Denn wenn das Parlament, das „das Reich konstituiert“, nicht über die Kolonien herrschen sollte, wem stand dann die Souveränität zu?

Paine wusste eine Antwort[1]: „Aber wo, sagen einige, bleibt hierbei ein König von Amerika? Ich will es euch sagen, Freunde, er herrscht dort oben und beschafft nicht das Unglück der Menschen wie die königliche Bestie von Britannien … In Amerika sei das Gesetz König.“ Hier nahm Paine vorweg, was später als „amerikanische Staatstheorie' bezeichnet wurde – zumindest, bevor sie von der Trump-Regierung ins Gegenteil verkehrt wurde. Das Volk, nicht der Monarch, sollte der Souverän sein. Paine benutzte eine Metapher, um die Übertragung der Souveränität vom König auf den Bürger zu beschreiben. Die Krone sollte „alsbald zerbrochen und die Stücke unter das Volk, bei dem das Recht der Krone ist, ausgestreut“ werden.

Als Paine diese Zeilen schrieb, hatte sich die Verfassungskrise bereits zu einem Krieg ausgewachsen. Die Krone hatte die Stadt Boston unter Kriegsrecht gestellt. Die Kolonisten wurden zu Rebellen erklärt und Armeen zur Befriedung von Massachusetts entsandt. So kam es zu den ersten Schlachten der Revolution. Durch die Eskalation vonseiten der britischen Regierung wurde der Widerstand nur verstärkt. Überall in den Kolonien bildeten sich revolutionäre Komitees, die die königliche Autorität schwächten und mancherorts sogar verdrängten. Auf proto-nationaler Ebene bildete sich in Philadelphia der Kontinentalkongress als rivalisierendes Machtzentrum, das 1775 eine eigene Armee mit George Washington an der Spitze aufstellte. Nach der britischen Verfassung, zu der sich die meisten Siedler nach wie vor bekannten, war dies eindeutig illegal.

Doch selbst inmitten des Krieges und der Ausbreitung außergesetzlicher Institutionen wurde das Thema „Unabhängigkeit“ weitgehend nur zaghaft im Privaten angesprochen. Es galt eher als entfernte Möglichkeit denn als unmittelbares Programm. Einige führende Politiker der Kolonien – Samuel und John Adams, Benjamin Franklin und der junge Thomas Jefferson – traten für einen vollständigen Bruch mit Großbritannien ein. Dennoch herrschte weiterhin die Meinung vor, dass das Parlament und die korrupte Regierung – und nicht der König – für die Krise verantwortlich waren.

John Dickinson, Portrait von Charles Willson Peale, ca. 1780

Versöhnler wie John Dickinson und Joseph Galloway aus Pennsylvania hofften weiterhin auf eine Einigung durch irgendeine Umgestaltung des Empire, beispielsweise durch getrennte Parlamente unter einer gemeinsamen Monarchie. Tatsächlich gründeten Dickinsons Verbündete am selben Tag, an dem Common Sense erschien, ein Komitee, um den Einwohnern – und dem König – zu versichern, dass der Kontinentalkongress nicht die Unabhängigkeit anstrebe. Und das stimmte tatsächlich. Keine einzige Kolonialversammlung hatte ihre Delegation in Philadelphia angewiesen, die Unabhängigkeit zu erwägen. Die Monarchie als Institution war noch nicht auf die Anklagebank gesetzt worden.

Diese festgefahrene Situation – ein König, der gegen seine Kolonien Krieg führte, und eine politische Kultur, die sich nicht dazu durchringen konnte, das Königtum selbst anzuklagen – wurde von Tom Paine durchbrochen.

Er schien zunächst wenig geeignet für die dramatische Rolle, die er übernehmen sollte. Paine war erst 14 Monate zuvor in Amerika eingetroffen, mit einem Empfehlungsschreiben von Franklin, mit dem er in London über Newtonsche Physik gesprochen hatte – ein Thema, das beide interessierte. Der damals 39-jährige Paine war in seinem Heimatland England gänzlich unbekannt und „bei allem, was er je versucht hatte, gescheitert“, wie der Historiker Robert Middlekauff schreibt – als Korsettmacher (das Gewerbe, das er von seinem Vater in Norfolk übernommen hatte), als Schullehrer und als kleiner Angestellter.

Als er am 30. November 1774 in Philadelphia an Land ging, reiste der Erste Kontinentalkongress gerade aus der Stadt ab. Damit befand sich Paine zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Philadelphia war damals die größte Stadt der Kolonialzeit – mit nur 30.000 Einwohnern für unsere heutigen Verhältnisse allerdings eher ein Städtchen. Außerdem hatte es nach London und Liverpool den drittgrößten Hafen des britischen Empire und war mit einer großen Zahl von Einwanderern aus vielen Teilen Europas und zahlreichen Handwerkern und einfachen Arbeitern der kosmopolitischste Ort Amerikas.

Philadelphia war auch die Heimat der radikalsten Kreise in der Politik. Paine brachte sich in dieses Milieu ein und freundete sich mit Persönlichkeiten wie dem Wissenschaftler David Rittenhouse, dem Künstler Charles Willson Peale und den Ärzten Thomas Young und Benjamin Rush an. Young und Rush behandelten die Armen der Stadt kostenlos und propagierten die neue Idee, Menschen gegen Krankheiten zu impfen. Von Rush stammte der Vorschlag, dass Paine zur Feder greifen sollte, um für die Unabhängigkeit zu streiten.

Eine ausgesprochen kluge Wahl.

Common Sense schlug ein wie eine Bombe. Das Pamphlet „schoss aus der Druckerpresse“, schrieb Rush, „mit einer Wirkung, wie sie selten von Schriften und Papieren in irgendeinem Zeitalter oder Land erzeugt worden ist“. Paine hatte „die Fackel an den Zunder gelegt“, so Edmund Randolph aus Virginia. Die Streitschrift ergoss sich über das Land „wie eine Flut, die alles mit sich reißt“, schrieb ein Zeitgenosse aus Connecticut. „Wir waren blind, aber... die Schuppen sind uns von den Augen gefallen.“

Das Deckblatt von Tom Paine's „Common Sense“

Kein Teil der Debatte sollte je wieder in denselben Bahnen verlaufen wie zuvor. In den ersten drei Monaten wurden 120.000 Exemplare von Common Sense verkauft, und die Schrift erlebte im ersten Jahr 25 separate Auflagen. Ein vergleichbarer Erfolg in Amerika heute würde sich auf etwa 15 Millionen verkaufte Exemplare innerhalb weniger Monate belaufen. Und die damalige Leserschaft beschränkte sich nicht auf diejenigen, die lesen und schreiben oder sich ein Buch leisten konnten. In einem Bericht aus Philadelphia heißt es, dass das Pamphlet „allen Schichten vorgelesen“ wurde. Auf den öffentlichen Plätzen, in den Gaststätten und in den Wohnhäusern wurde darüber diskutiert. Washington befahl, ganzen Regimentern der Kontinentalarmee Passagen daraus vorzulesen. Kurz, durch Common Sense wurde die gesamte Bevölkerung mit revolutionären Ideen gesättigt.

Ein solcher Erfolg kann nicht allein der Prosa von Paine zugeschrieben werden. Franklins viel früherer Erfolg mit der Serie Poor Richard’s Almanack und die Entwicklung des kolonialen Postsystems hatten dazu beigetragen, eine gemeinsame Kultur gedruckter Schriften – und die Mittel für ihre Verbreitung – zu schaffen. So war die umfassende Debatte zwischen den Verfassern von Pamphleten und Kommentatoren entstanden, deren krönender Abschluss Common Sense war. Die Druckkultur wiederum wurde durch schrittweise, aber wesentliche Fortschritte der Drucktechnik und der Papierherstellung, durch das Wachstum der Märkte für billige Druckerzeugnisse und durch expandierende Netzwerke von Zeitungen, Buchhändlern und informellen Nachdrucken vorbereitet, die es ermöglichten, kurze, aktuelle Werke schnell zu produzieren und in den Kolonien zu verbreiten.

Diese Entwicklungen traten nun in Wechselwirkung mit den Bewusstseinsveränderungen, die durch die Krise des Empire hervorgerufen wurden, den Veränderungen „im Denken des Volkes“, wie John Adams es später ausdrückte. Die Genialität von Paine bestand darin, dieser Sensibilisierung einen überzeugenden Ausdruck zu verleihen und Gedanken zu artikulieren, die nach Jahren der Krise allgemein geteilt wurden: „Zeit belehrt besser als Vernunft“, stellte er fest.

Der Verlauf der Geschichte mag durchaus den Löwenanteil beigetragen haben, wie Paine vermutete. Dennoch ist unklar, ob ein anderer als Paine hätte leisten können, was er leistete. Über sein Leben in England ist nur wenig bekannt, aber seine Schriften zeugen von einem Eintauchen in die „Republik der Schriften“, die Welt der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Ebenso sicher ist, dass Paine die radikalen Untergrundtraditionen des englischen Bürgerkriegs in sich aufgesogen hatte – antimonarchische, republikanische Strömungen, die Cromwells Niederlage überlebten und in der englischen politischen Kultur weiter zirkulierten, halb unterdrückt.

Darüber hinaus nährte sich Paines Talent aus seinen Misserfolgen und seiner Armut, wie Bernard Bailyn vermutet:

Seine Streitschrift gab der Empörung und dem Zorn der nahezu Besitzlosen eine Richtung – denjenigen, die am Rande der respektablen Gesellschaft lebten, stets mit einem Bein im Schuldgefängnis standen und auf Schritt und Tritt vom endgültigen Abstieg in die Hölle bedroht waren, die Hogarth in seinen drastischen „Moralgeschichten“ so eindrücklich dargestellt hat.

„Die zweite Stufe der Grausamkeit“ von Hoghart: Kutscher, der ein gestraucheltes Pferd schlägt

Unabhängig von seiner persönlichen Herkunft stellte das Werk von Paine etwas radikal Neues dar. Er schrieb in einer zugänglichen Art und Weise, die nicht nur auf diejenigen abzielte, die man heute „Meinungsführer“ nennen würde, sondern auf die Masse der Siedler. Paine war in Englands verachteten „niederen Schichten“ aufgewachsen. Er kannte sein Publikum. Er schrieb in einfacher, direkter und anschaulicher Sprache. Dabei stützte er sich auf gründliche Kenntnisse des Alten Testaments und des Book of Common Prayer. Er verzichtete auf die lateinischen Ausdrücke und Verweise auf die Römische Republik, die seit zehn Jahren die Pamphlete und Zeitungsspalten der Debatte füllten. Diese unverständliche Ausdrucksweise reichte zurück bis zu Dickinsons einflussreichen Letters from a Pennsylvania Farmer, in denen die Krise auf das Thema Vertretung und Besteuerung zurückgeführt worden war.

In schnörkellosem Stil legte Paine die tatsächlichen Verhältnisse dar: Eine Aussöhnung mit dem Empire war nicht mehr möglich. Nicht das Parlament, nicht die Regierung, nicht einmal König George als Einzelperson trug die Schuld. Die Tyrannei und alle Bedrohungen gegen das Volk gingen aus dem System der Monarchie und Aristokratie, dem Empire selbst, hervor. Die einzige Antwort war die Revolution, die Unabhängigkeit mit dem Ziel, eine republikanische Regierung zu errichten.

Ein Großteil des Pamphlets war einer heftigen – und oft urkomischen – Attacke auf Monarchie und Aristokratie gewidmet. Um diese Kühnheit zu würdigen, muss der heutige Leser wissen, dass sich die Siedler nur zehn Jahre zuvor sogar vor den untersten Rängen der britischen Aristokratie verbeugten, Kratzfüße machten und ihre Mützen abnahmen. Symbole des Königs waren allgegenwärtig. Der Geburtstag des Königs war ein Feiertag. Die Monarchie schüchterte ihre Untertanen ein.

Doch nun stellte Paine mit schonungslosem Spott fest, dass das Erbrecht sowohl der Vernunft als auch der Natur widersprach. „Einer der stärksten natürlichen Beweise für die Torheit des Erbrechts bei Königen ist der, dass die Natur es missbilligt“, schrieb er, „sie würde es sonst nicht so oft dadurch lächerlich machen, dass sie dem Menschengeschlecht statt eines Löwen einen Esel gibt.“

König George III.

Paine nahm kein Blatt vor den Mund, um seine Verachtung für die Monarchie als Herrschaftsform zu begründen:

In der Zusammensetzung der Monarchie ist etwas überaus Lächerliches. Erstlich benimmt sie einem Monarchen die Mittel, sich zu unterrichten, und gleichwohl berechtigt sie ihn, in Fällen zu handeln, in denen das höchste Urteil erforderlich ist. Der Zustand eines Königs schließt ihn von der Welt aus, gleichwohl verlangt das Geschäft desselben, dass er durchaus damit bekannt sein müsse; die Verschiedenheit der Teile, die mithin einander wechselseitig widerstreben und zerstören, beweisen, dass die ganze Einrichtung widersinnig und ohne Nutzen ist.

Diese Beschreibung einer zunehmend komplexen Gesellschaft, die von Ignoranten regiert wird, trifft in noch stärkerem Maße auf das Amerika von Donald Trump zu, das von riesigen Konzernen beherrscht wird, deren Chefs ein Vielfaches oder sogar Tausendfaches des Gehalts der normalen Beschäftigten erhalten, die das Geschäft kollektiv viel besser verstehen.

Nach Ansicht von Paine enthielt die lange Geschichte des Feudalismus keine Rechtfertigung für die gekrönten Häupter Europas. Wilhelm der Eroberer – von dem alle englischen Monarchen abstammten – war lediglich ein „französischer Bastard, welcher mit einer Schar bewaffneter Banditen landet und sich selbst zum König von England gegen die Einwilligung der Eingeborenen einsetzt.“ Aus diesen schäbigen Ursprüngen ging eine korrupte politische Ordnung hervor. Darin hatte George III. auch Jahrhunderte später „wenig anders zu tun, als Krieg zu führen und Stellen zu vergeben“. „Eine weise Erfindung fürwahr“, höhnte Paine, „einem Manne achtmalhunderttausend Pfund Sterling zuzugestehen und ihn noch obendrein zu verehren!“

Paine fasste seine Ansichten über die Monarchie in einem nüchternen Kalkül zusammen, an dem auch 250 Jahre später kein Wort geändert werden muss: „Ein einziger rechtschaffener Mann ist für die Gesellschaft und vor Gottes Augen mehr wert als alle gekrönten Räuber, die je lebten.“

Unmittelbar zielte Paine mit seiner Kritik allerdings nicht auf King George ab, sondern auf die Vorstellung von Zeitgenossen wie Dickinson, dass noch eine Verständigung mit der Monarchie möglich sei. Paine betonte, dass nach den Schlachten von Lexington und Concord die Vorstellung einer Versöhnung so antiquiert war wie „die Almanache vom vorigen Jahr“. Nachdem die Armeen des Königs in Massachusetts einmarschiert waren und das Blut der Kolonien vergossen hatten, war die Versöhnung laut Paine „ein trügerischer Traum“, denn König George hatte sich als der „verhärtete Pharao von England“ entpuppt – „ein Frevler, der mit dem vorgeblichen Namen eines Vaters seines Volkes gefühllos von Metzeleien hören und mit dem Blut der Seinigen auf seiner Seele schlafen kann.“ Wer heute diese Zeilen liest, muss unweigerlich daran denken, wie Donald Trump die Polizeimorde an Alex Pretti und Renée Nicole Good in Minneapolis guthieß.

Eine Darstellung des Einmarschs der britischen Truppen in Concord aus dem Jahr 1775 von Amos Doolittle

Nach dem Blutvergießen in Lexington und Concord wandte sich Paine der Außenwelt zu. Durch das Verhalten Englands – eine „Kriegserklärung gegen die natürlichen Rechte aller Menschen“ – ging es in dem Konflikt nicht mehr nur um eine koloniale Auseinandersetzung, sondern um das Schicksal der Menschheit insgesamt. „Die Sache Amerikas“, erklärte er, „ist großenteils die Sache des menschlichen Geschlechts.“

In seinem Aufruf zur amerikanischen Unabhängigkeit von der britischen Herrschaft atmet Paines Pamphlet den Geist des revolutionären Optimismus. Er sagte den Amerikanern, dass sie den Schritt wagen könnten, vor dem sie gerade standen. „Es steht in unserer Gewalt“, erklärte er, „die Welt von Neuem anzufangen.“ Dies sei ein Moment, an den man sich auf der ganzen Welt für immer erinnern werde:

Oh! Ihr, die ihr das Menschengeschlecht liebt! Ihr, die ihr nicht allein der Tyrannei, sondern auch dem Tyrannen euch zu widersetzen wagt, steht auf! Jeder Fleck der alten Welt ist mit Unterdrückung überschwemmt. Die Freiheit ist auf dem ganzen Erdbreite gehetzt worden. Asien und Afrika hat sie längst ausgetrieben. Europa sieht sie als eine Fremde an, und England hat sie zur Abreise aufgefordert. O, empfangt den Flüchtling und bereitet beizeiten dem menschlichen Geschlecht einen Zufluchtsort.

Amerika sollte als „Zufluchtsort für die verfolgten Liebhaber bürgerlicher und Religionsfreiheit“ und dazu dienen, „Verfolgten in zukünftigen Zeiten ein Heiligtum zu öffnen, wenn ihre Heimat ihnen weder Freundschaft noch Sicherheit bot“. In Paines Vision waren alle, die sich in Amerika versammelten, „Landsleute“, und die neue Republik sollte diejenigen aufnehmen, die vor Unterdrückung flohen – eine Auffassung, die Trumps Sprüchen über „Invasion“, „Tiere“ und die „Vergiftung unseres Landes“ im Zusammenhang mit Einwanderern und Flüchtlingen direkt entgegensteht.

Paine betrachtete den Kampf aus einer globalen Warte und war damit in der revolutionären Generation nicht allein. Die Gründerväter, schreibt Gordon Wood, „hatten nie die Absicht, eine nationale Revolution im modernen Sinne durchzuführen“. In seiner Zusammenfassung der Ansichten Paines erklärt der Historiker, dass die Amerikaner „das kosmopolitischste Volk der Welt“ waren. Sie betrachteten alle Menschen aus verschiedenen Nationen als ihre Landsleute und lehnten es ab, sie nach Siedlungen, Städten und Ländern einzuteilen. Unterscheidungen dieser Art seien „zu eng für den kontinentalen Verstand'.

Die Vorstellungskraft der republikanischen Revolutionäre der 1770er und 1780er Jahre, allen voran Paine, war weitreichend, ja universell. Aber die Entwicklung der Weltwirtschaft blieb damals noch weit hinter solchen Visionen zurück. Die materiellen Grundlagen für eine wirklich globale Brüderlichkeit waren noch nicht vorhanden. Die Produktion war zersplittert, die Kommunikation langsam und das soziale Leben bewegte sich überwiegend innerhalb imperialer und aufstrebender national-kapitalistischer Rahmenbedingungen, die selbst den kühnsten revolutionären Bestrebungen Grenzen setzten.

Unsere heutige Gegenwart stellt sich ganz anders dar. Der Kapitalismus hat mittlerweile etwas geschaffen, das frühere Revolutionäre nur erahnen konnten: eine integrierte globale Wirtschaft und eine Arbeiterklasse, deren Arbeit, Produktionsverbünde und Kämpfe alle Grenzen überschreiten. Die Idee der universellen Brüderlichkeit ist nicht mehr nur ein moralischer Appell oder eine philosophische Hoffnung; sondern in objektiven sozialen Beziehungen verwurzelt.

Zum ersten Mal in der Geschichte verfügen die Arbeiter heute über die materiellen Voraussetzungen, die es ermöglichen, das Versprechen von Paine in die Tat umzusetzen. Sie haben es in der Hand, in einem weitaus wörtlicheren Sinne, als Paine es sich hätte vorstellen können, „die Welt von Neuem anzufangen“.


[1]

Die Zitate aus Paines Schrift entstammen der zeitgenössischen Übersetzung, die hier öffentlich zugänglich ist: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10770179?page=5. Die Rechtschreibung wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit angepasst.

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