Perspektive

Vorwort zum Buch »Wohin geht Amerika? Faschismus oder Sozialismus«

Trump, die Epstein-Akten und die Fäulnis der amerikanischen Oligarchie

Wir veröffentlichen im Folgenden das Vorwort zu dem neuen Buch »Wohin geht Amerika? Faschismus oder Sozialismus« (hrsg. von David North), das in Kürze im Mehring Verlag erscheint und im März auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wird. Es kann hier beim Verlag vorbestellt werden.

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Ein Jahr nach Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump sind die Debatten darüber, ob sich die Vereinigten Staaten auf eine faschistische Diktatur zubewegen, durch das Handeln des Staates entschieden worden. Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.

Am 6. Januar 2026 entsandte das Heimatschutzministerium 2000 Bundesagenten in die Metropolregion Minneapolis-Saint Paul, um die laut eigenen Angaben größte Durchsetzungsoperation der Einwanderungspolitik in der Geschichte der USA durchzuführen. Was folgte, war die militärische Besetzung einer amerikanischen Stadt. Maskierte Agenten in Kampfmontur durchkämmten Stadtviertel, Verkehrsknotenpunkte, Einkaufszentren und Parkplätze und postierten sich in der Nähe von Kirchen, Moscheen und Schulen. Am 7. Januar erschoss Jonathan Ross, ein Agent der Einwanderungspolizei Immigration and Customs Enforcement (ICE), die 37-jährige Renée Nicole Good, eine US-Staatsbürgerin und Mutter von drei Kindern, in ihrem Auto. Videoaufnahmen, die von mehreren Nachrichtenorganisationen überprüft wurden, widersprachen direkt der Behauptung der Regierung, dass Good den Agenten angegriffen habe. Am 24. Januar ermordeten Grenzschutzpolizisten Alex Pretti, einen 37-jährigen Intensivpfleger und Bundesangestellten, als er versuchte, eine Frau zu schützen, die von den Beamten zu Boden gestoßen worden war. Auf Videoaufnahmen von Augenzeugen, die von Reuters, der BBC, dem Wall Street Journal und der Associated Press überprüft wurden, ist zu sehen, wie mehrere Agenten Pretti niederringen und innerhalb von fünf Sekunden mindestens zehnmal auf ihn schießen.

Eine Frau geht während einer Solidaritäts-Radtour für Pretti in Minneapolis an Plakaten von Renee Good und Alex Pretti vorbei, 31. Januar 2026 [AP Photo/Julia Demaree Nikhinson]

Unzählige Menschen auf der ganzen Welt wurden nicht nur Zeugen dieser Morde, sondern auch der Tatsache, dass der Präsident sie verteidigt. Trump verleumdete Good als »inländische Terroristin« und beschuldigte lokale Politiker, sie würden mit ihrer Kritik an den ICE-Operationen die Bevölkerung »zum Aufstand anstacheln«. Er drohte mit der Anwendung des Insurrection Act (Aufstandsgesetz). Vizepräsident JD Vance erklärte, Goods Tod sei »eine Tragödie, die sie selbst verursacht hat«. Die US-Bundesregierung schloss die Strafverfolgungsbehörden des Bundesstaats von den Ermittlungen aus. Ein Bundesrichter stellte fest, dass die ICE in Minnesota allein im Januar gegen mindestens 96 Gerichtsbeschlüsse verstoßen hat. Schulen wurden geschlossen oder stellten auf Distanzunterricht um. Unternehmen stellten ihren Betrieb ein. Kinder wurden ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem sie von Bundesagenten mit Tränengas angegriffen worden waren.

Minneapolis ist jedoch nur der sichtbarste Ausdruck einer weitaus umfassenderen Kampagne staatlichen Terrors gegen Einwanderer in den gesamten USA. Seit Trumps Rückkehr ins Amt sind Bundesagenten bei nächtlichen Razzien in Wohnhäuser eingedrungen, haben Menschen in Schulen und an Arbeitsplätzen festgenommen, Kinder von ihren Eltern getrennt und Einwandererfamilien – man kann es nicht anders beschreiben – systematisch entführt. Mindestens 31 Menschen starben 2025 in ICE-Gewahrsam und damit mehr als in irgendeinem anderen Jahr in den letzten zwanzig Jahren. Weitere Todesfälle folgten in den ersten Wochen des Jahres 2026. In Minneapolis wurde der fünfjährige Liam Ramos von Bundesbeamten festgenommen, als er mit seinem Spider-Man-Rucksack und einer blauen Mütze mit Hasenohren von der Vorschule nach Hause kam. Die Agenten verschleppten ihn zusammen mit seinem Vater, einem legalen Asylbewerber ohne Vorstrafen, in eine Haftanstalt im texanischen Dilley, mehr als eintausend Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.

In Dilley spielen sich Szenen ab, die in die Annalen des Totalitarismus gehören. Hier steht das South Texas Family Residential Center, eine Einrichtung für 1200 Häftlinge – ein Drittel davon Kinder –, die von einem privaten Gefängnisunternehmen im Auftrag der Bundesbehörden betrieben wird. Dutzende inhaftierte Kinder strömten dort auf den Gefängnishof und riefen mit ihren hohen Stimmen über den Stacheldrahtzaun hinweg nach Freiheit. 80 Prozent der Häftlinge in dieser Einrichtung schlossen sich dem Protest an. Mütter und Väter hielten handgeschriebene Schilder hoch, auf denen stand: »Libertad para los niños!« (Freiheit für die Kinder) Der Rechtsanwalt Eric Lee, der zu Beginn des Protests vor Ort war, berichtete, dass das Trinkwasser verdorben sei, die Mahlzeiten Insekten und Fremdkörper enthielten und die Wärter die Familien mit der gleichen Brutalität behandeln würden wie in Gefängnissen für Erwachsene. Ein 13-jähriges Mädchen sagte: »Es sollte keine Käfige für Kinder geben.« Das ist die Realität im Herzen der »freien Welt«: Kinder, die hinter Stacheldraht eingesperrt sind und nach Freiheit schreien – in einer Sprache, die ihre Gefängniswärter nicht verstehen und auf die sie auch andernfalls nicht reagieren würden.

Die internationale Presse sieht sich gezwungen, über den Zusammenbruch der Demokratie in Amerika zu berichten. In einem Leitartikel des Wochenmagazins The Economist heißt es, dass das Vorgehen der Bundesbehörden in den Straßen von Minneapolis »weit über Einwanderungspolitik hinausgeht« und »eine Bewährungsprobe für die Macht der Regierung darstellt, Gewalt gegen die eigenen Bürger anzuwenden – eine Trennlinie zwischen Freiheit und Tyrannei«. Der Economist warnt: »Und es wird nicht das letzte Mal sein.«[1] In derselben Woche brachte der deutsche Fernsehsender ARD einen ausführlichen Bericht, in dem explizite Vergleiche zwischen den Methoden der Trump-Regierung und denen des Nazi-Regimes in den 1930er Jahren gezogen werden – eine Anspielung auf die »Gleichschaltung«, also die erzwungene Ausrichtung von Staat und Gesellschaft auf den Willen des Führers. Noch vor einem Jahr wäre ein solcher Bericht von einem großen europäischen Sender undenkbar gewesen.

Doch obwohl der faschistische Charakter der Regierung zunehmend anerkannt wird, konzentrieren sich die meisten Analysen weiterhin auf die Person Trump – seine Psychologie, sein Temperament, seine vermeintliche Einzigartigkeit. Die tieferen Ursachen für den Zusammenbruch der amerikanischen Demokratie werden ausgeklammert. Aber die Geschichtsversion vom »bösen Trump« erklärt reichlich wenig. Es drängt sich eine Frage auf, die beantwortet werden muss: Wie konnte dieser Soziopath in das mächtigste politische Amt der Welt aufsteigen? Welche sozialen, wirtschaftlichen und politischen Prozesse haben seinen Aufstieg hervorgebracht? Und welche Klassenkräfte sind hier am Werk?

Leo Trotzki hat in seinen Schriften über den Aufstieg des deutschen Faschismus folgende scharfsinnige Bemerkung gemacht: »Nicht jeder erbitterte Kleinbürger könnte ein Hitler werden, aber ein Stückchen Hitler steckt in jedem von ihnen.«[2] Man könnte diese Erkenntnis auf die heutigen Verhältnisse in Amerika übertragen: Nicht jeder Geschäftsmann ist ein Trump, aber mehr als nur ein Stückchen Trump steckt in einem beträchtlichen Teil der amerikanischen Unternehmerklasse.

Unter den Führungskräften unzähliger Immobilienkonzerne, Private-Equity-Firmen und Kryptowährungsunternehmen finden sich jede Menge Menschen, deren Persönlichkeit, Verhaltensweisen, Ziele und Methoden mehr oder weniger denen des amerikanischen Präsidenten entsprechen. Trump hat diese Kultur nicht geschaffen. Er ist sowohl die Personifizierung der herrschenden Unternehmens- und Finanzoligarchie als auch deren krimineller Endpunkt. In seiner Person und seinem Modus Operandi verschwimmt die Grenze zwischen CEO und Mafiaboss.

Trumps jahrzehntelange Karriere in den Jauchegruben der New Yorker Immobilienbranche, der Casino-Welt von Atlantic City und des Reality-TV gründete sich auf Finanzbetrug, getäuschte Auftragnehmer, eine Insolvenz nach der nächsten, unzählige Gerichtsverfahren und Scheinuniversitäten. In seinem Universum sind Verhandlungen und Erpressung eng miteinander verwandt. Kürzlich erklärte er ohne jede Ironie, dass das Einzige, was ihn in der Ausübung seiner präsidialen Macht einschränke, seine eigene Moral sei. Wahrhaftig. Aber es ist die »Moral« der Oligarchie, die bei ihrem Streben nach Reichtum und persönlicher Macht keinerlei Einschränkungen akzeptiert.

Trump prahlt gern mit seinem überlegenen Intellekt. Doch das auffälligste Merkmal seiner endlosen Redeflut ist der völlige Mangel an auch nur ansatzweise systematischem Denken. Auf Fragen zu seiner Politik und seinen Absichten antwortet Trump oft mit dem vielsagenden Satz: »Mal sehen, was passiert.« Offenbar versteht der Mann kaum, welche Folgen sein Handeln hat. Es ist von einer gewissen improvisierten und impulsiven Boshaftigkeit geleitet. Seine öffentlichen Äußerungen bestehen aus einer endlosen Selbstbeweihräucherung in Superlativen – »fantastisch«, »unglaublich«, »wie es noch nie jemand gesehen hat« –, aneinandergereiht ohne logischen Zusammenhang, ohne sachlichen Inhalt und ohne jeden Hinweis darauf, dass der Sprecher irgendwann auch einmal ein anderes Buch als Hitlers »Mein Kampf« gelesen hat.

Und dann ist da noch die Schar von Sonderlingen und Schurken, mit denen er sich umgibt. Caligula scherzte einst darüber, dass er sein Pferd zum Konsul ernennen wolle. Trump, dem der Sinn für Humor des verrückten römischen Kaisers fehlt, war bei der Auswahl der führenden Mitglieder seiner Regierung weniger zimperlich.

Stephen Miller, der Goebbels-Imitator; Pete Hegseth, der ehemalige Wochenendmoderator von Fox News, der auf seltsame Weise von den Taillenmaßen seiner Generäle und Obersten besessen ist; Kristi Noem, die Ministerin für Heimatschutz, die einmal damit prahlte, ihren eigenen Hund erschossen zu haben; Robert F. Kennedy Jr., der Impfgegner und Verschwörungstheoretiker, dem die Verantwortung für die öffentliche Gesundheit übertragen wurde; Tulsi Gabbard, die Direktorin der Nationalen Geheimdienste, bei der selbst die CIA darüber rätselt, was genau sie zur Leitung von 17 Geheimdiensten qualifiziert; und Kash Patel, FBI-Direktor und Trump-Getreuer, dessen wichtigste Referenz seine unterwürfige Ergebenheit gegenüber seinem Führer ist.

Gerade weil die Geschichtstheorie vom »bösen Trump« so unzureichend ist, braucht es eine tiefergehende Analyse. In diesem Zusammenhang erschließt sich die volle Bedeutung der Enthüllungen über die enge Verflechtung zwischen dem Multimillionär, Sexualstraftäter und Menschenhändler Jeffrey Epstein und Trump sowie unzähligen anderen mächtigen und berühmten Persönlichkeiten.

Donald Trump und Jeffrey Epstein auf einer Party in Mar-a-Lago in Palm Beach, Florida, im November 1992 [Photo: NBC]

Die Veröffentlichung von mehr als 3 Millionen Seiten Dokumenten, Tausenden von Videos und Hunderttausenden von Bildern im Zusammenhang mit Epsteins Verbrechen durch das US-Justizministerium ist ein bedeutendes politisches Ereignis. Aber die Bedeutung geht weit über die schmutzigen Details der sexuellen Übergriffe eines Einzelnen hinaus, so monströs diese Verbrechen auch waren. Die Epstein-Akten offenbaren die soziale Physiognomie einer degenerierten herrschenden Klasse und einer oligarchischen Gesellschaft in einem fortgeschrittenen Stadium der Zersetzung. Ihre Taten sind faul, sie stinken zum Himmel.

Die Dokumente bestätigen, was seit Langem vermutet wurde und was Millionen von arbeitenden Menschen instinktiv begriffen haben: dass sich die mächtigsten Personen der amerikanischen Gesellschaft – die Präsidenten und Ex-Präsidenten, die milliardenschweren Finanziers, die Titanen des Silicon Valley, die gefeierten Intellektuellen, die Prinzen und Diplomaten – aus freien Stücken und wissentlich im Umfeld eines verurteilten Kinderschänders bewegten. Sie taten dies nicht in Unkenntnis seiner Verbrechen, sondern aus Gleichgültigkeit gegenüber diesen und waren in vielen Fällen sogar direkt daran beteiligt. In ihrem gesellschaftlichen Umfeld herrschen völlig andere Regeln als im Leben normaler Menschen.

Jeffrey Epstein pflegte Beziehungen in allen Bereichen der amerikanischen und internationalen Elite. Trump, der fast zwanzig Jahre lang sein enger Freund war, beschrieb Epstein als einen »großartigen Kerl«. Zu Epsteins Kreis gehörten der ehemalige Präsident Bill Clinton, Prinz Andrew aus der britischen Königsfamilie, dem inzwischen seine Titel aberkannt wurden, sowie Bill Gates, Elon Musk, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Sergey Brin, Larry Page und Reid Hoffman – also jene Männer, die die digitale Infrastruktur der modernen Welt kontrollieren. Ebenfalls dazu gehören Larry Summers, der ehemalige Finanzminister und Präsident der Harvard University, der nun gezwungen war, sich aus dem Lehrbetrieb zurückzuziehen; Steve Bannon, der führende Ideologe des amerikanischen Faschismus und Trumps graue Eminenz hinter den Kulissen; Noam Chomsky, der weithin als der prominenteste liberale Intellektuelle der Vereinigten Staaten gefeiert wird und der Epstein in einem Brief als seinen »besten Freund« bezeichnete; Leon Botstein, Präsident des Bard College; Richard Branson, Peter Thiel, Alan Dershowitz und Leon Black. Epsteins Telefonbücher enthielten mehr als 1.700 Namen, darunter Medienmanager, Politiker, Unternehmer, Schauspieler und Akademiker.

Foto aus dem Jahr 2011, aufgenommen in Jeffrey Epsteins Villa in Manhattan. Von links: James E. Staley, damals führender Investmentbanker bei J.P. Morgan; der ehemalige Finanzminister Lawrence Summers; Epstein; Bill Gates, Mitbegründer von Microsoft; und Boris Nikolic, wissenschaftlicher Berater der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung

Das Netzwerk reichte über die USA hinaus – bis zur norwegischen Kronprinzessin, zu israelischen Politikern wie Ehud Barak, zu Geschäftsleuten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, zu britischen Politikern und Aristokraten. Es handelte sich im wahrsten Sinne des Wortes um ein zwielichtiges internationales Netzwerk der kapitalistischen Elite.

Die bürgerlichen Medien fokussieren ihre Berichterstattung über den Epstein-Skandal vor allem auf die Frage der individuellen Schuld. Welche konkreten Personen haben Verbrechen begangen? Kann Anklage erhoben werden? Gibt es eine »Kundenliste«? Diese Fragen sind wichtig. Aber sie sind im Grunde genommen zweitrangig. Sie sollten nicht die wichtigere politische Frage verdecken: Was sagt das Epstein-Netzwerk über den Charakter der Gesellschaft aus, die es hervorgebracht hat?

Es ist nicht gerade so, dass Epstein seine Aktivitäten besonders geschickt verschleiert hätte. Er wurde 2008 wegen Sexualdelikten verurteilt. Er war als Sexualstraftäter registriert. Und dennoch – und das ist der entscheidende Punkt – standen ihm die Türen zur High Society weiter offen. Universitäten nahmen weiterhin sein Geld an. Akademiker besuchten weiterhin seine Salons. Der Literaturagent John Brockman organisierte weiterhin Treffen von Intellektuellen, bei denen Epstein mit Wissenschaftlern und Tech-Managern zusammenkam. Die Publizistin und PR-Beraterin Peggy Siegal lud ihn weiterhin zu privaten Veranstaltungen ein. Harvard-Professoren trafen sich mit ihm in ihren Büros. Ihm wurden Wohnungen zur Verfügung gestellt, er wurde auf Privatinseln eingeladen und zu verschiedensten Themen von Ölpreisen bis Dating um Rat gefragt.

Noam Chomsky und Jeffrey Epstein

In der Welt dieser Menschen zählt Reichtum mehr als alles andere – selbst der sexuelle Missbrauch von Kindern hat weniger Bedeutung. Die Anbetung des Geldes hat die Moralvorstellungen der amerikanischen und internationalen herrschenden Klasse derart gründlich zersetzt, dass ein verurteilter Sexualstraftäter, sofern er nur reich genug und gut vernetzt ist, weiterhin ein angesehenes Mitglied der Elite-Gesellschaft bleiben konnte. Der Fall Epstein ist keine Anomalie innerhalb dieses sozialen Milieus. Er ist dessen konzentriertester und schmutzigster Ausdruck.

Eines der politisch bedeutsamsten Merkmale des Epstein-Netzwerks ist sein parteiübergreifender Charakter. Demokraten gehörten ebenso dazu wie Republikaner. Clinton und Trump. Summers und Bannon. Reid Hoffman und Peter Thiel. Liberale Akademiker und rechte Funktionäre. Dieselben Menschen, die sich auf der Bühne der offiziellen Politik entlang der hauchdünnen »Parteigrenze« gegenüberstehen, trafen sich zum Dinner mit Epstein und beteiligten sich in einer noch unbekannten Anzahl von Fällen an dem von ihm orchestrierten Kindesmissbrauch.

Die parteiübergreifende Perversion ist das Spiegelbild der parteiübergreifenden Politik. Die Leichtigkeit, mit der sich diese Leute in ihrem Privatleben über die Parteigrenzen hinwegbewegten, zeigt eine tiefere politische Realität: Die Differenzen zwischen den beiden großen Parteien, Demokraten und Republikanern, die in den USA die meiste politische Energie binden, haben in den entscheidenden Punkten einen ganz oberflächlichen Charakter. Es handelt sich um Meinungsverschiedenheiten innerhalb einer einzigen herrschenden Klasse über Fragen des Stils, der Schwerpunktsetzung und der Steuerung der öffentlichen Meinung – nicht um grundlegende Differenzen über die ökonomische Struktur der Gesellschaft.

Ein von den Demokraten im Ausschuss für Aufsicht und Rechenschaft des Repräsentantenhauses veröffentlichtes Foto zeigt den ehemaligen Präsidenten Bill Clinton (Mitte) zusammen mit Ghislaine Maxwell und Epstein (rechts).

Trotz aller Schlammschlachten sind die Unterschiede zwischen Demokraten und Republikanern bemerkenswert gering. Sie sind größtenteils »voller Klang und Wut, das nichts bedeutet«. Obama erklärte wenige Stunden nach Trumps erstem Wahlsieg mit ungewöhnlicher Offenheit, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gebe, und beschrieb das Gerangel zwischen den beiden Parteien als nichts weiter als einen »internen« Konflikt. Letztendlich waren alle im gleichen Team. Nur drei Tage nach Trumps Putschversuch vom 6. Januar 2021 erklärte der gewählte Präsident Joe Biden auf einer Pressekonferenz: »Wir brauchen eine Republikanische Partei. Wir brauchen eine Opposition, die Prinzipien hat und stark ist.«

Soweit es tatsächliche Differenzen gibt, betreffen diese größtenteils Aspekte der Außenpolitik und imperialistischen Taktik. Der Konflikt über Trumps mangelnden Eifer beim imperialistischen Stellvertreterkrieg in der Ukraine war dabei außergewöhnlich heftig. Die Kritik der Demokraten an Trumps reaktionärer Innenpolitik ist hingegen kaum mehr als Theater. In Fragen, die die Verteilung des Reichtums, die Macht des Finanzkapitals und den Fortbestand des Militarismus betreffen, unterscheiden sich Demokraten und Republikaner nicht wesentlich.

Die Deregulierung der Finanzmärkte wurde von Reagan vorangetrieben und von Clinton vollendet. Die Kriege im Nahen Osten wurden von Bush begonnen und von Obama ausgeweitet. Die Bankenrettung von 2008–2009 war von Anfang bis Ende eine parteiübergreifende Operation – die Wall Street wurde gerettet, während Millionen Arbeiter ihre Häuser verloren. Der nach dem 11. September 2001 errichtete Überwachungsstaat wurde von beiden Parteien aufgebaut. Sie arbeiteten ebenso zusammen, wenn es darum ging, Streiks niederzuschlagen und das Recht der Arbeiterklasse, sich gegen die Angriffe der Unternehmen zu wehren, faktisch auszuhebeln.

Es ist allgemein in Vergessenheit geraten, dass der republikanische Präsident Ronald Reagan mit der Entlassung der Fluglotsen von der Gewerkschaft PATCO einen Plan in die Tat umsetzte, der von der vorherigen Regierung unter dem demokratischen Präsidenten Jimmy Carter ausgearbeitet worden war. Im Jahr 1983 war es der demokratische Gouverneur von Arizona, Bruce Babbitt, der die Polizei des Bundesstaats gegen die streikenden Kupferbergarbeiter beim Bergbaukonzern Phelps Dodge einsetzte. Man könnte noch unzählige weitere Beispiele nennen, die bis zum heutigen Tag reichen und beweisen, dass beide Parteien Streiks niederschlagen.

Schaute man von Epsteins Speisesaal, Schlafzimmer oder Massagetisch auf das Geschehen herab, so war der Parteienkrieg, der der amerikanischen Öffentlichkeit als »Politik« präsentiert wird, also nur ein Nebenschauplatz. Die Menschen, mit denen Epstein verkehrte, wussten das im Gegensatz zur Öffentlichkeit ganz genau. Sie teilten eine Klassenposition, bestimmte materielle Interessen und – wie die Dokumente nun deutlich machen – einen Moralkodex, oder besser gesagt: das völlige Fehlen eines solchen.

Die heftigen Konflikte über Fragen der Kultur und Identität, die zwischen den beiden Parteien ausgetragen werden, erfüllen einen objektiven Zweck: Sie verschleiern die grundlegende Klassenspaltung in der Gesellschaft und absorbieren politische Energie, die sich andernfalls gegen das kapitalistische System selbst richten könnte. Solange die Arbeiterklasse zwischen Demokraten und Republikanern gespalten ist und sich über Provokationen im Kulturkampf streitet, ist sie nicht vereint gegen die Klasse, der beide Parteien dienen. Dies ist ein strukturelles Merkmal eines politischen Systems, in dem beide Parteien von derselben Klasse wohlhabender Geldgeber finanziert werden und von ihr abhängig sind – eben jener Klasse, die sich in Epsteins Welt bewegte.

Der Epstein-Skandal liefert einen entscheidenden Hintergrund für die politische Einordnung von Trumps Präsidentschaft. Trump personifiziert auf dem Gipfel der Macht die Verwesung der »freien Marktwirtschaft« in den USA.

Trumps persönliche Eigenschaften sind gut dokumentiert und kein Geheimnis – seine krankhafte Unehrlichkeit, sein viehisches Sexualverhalten, seine Verachtung für Rechtsnormen, sein Missbrauch staatlicher Macht gegen politische Gegner und sein Narzissmus, in dem alle politischen Fragen der persönlichen Loyalität untergeordnet werden. Aber dieser Mann dominiert seit mehr als zehn Jahren das politische Leben der USA. Er wurde von der Republikanischen Partei dreimal als Präsidentschaftskandidat aufgestellt und zweimal zum Präsidenten gewählt. Zwei Amtsenthebungsverfahren und eine Verurteilung wegen einer Straftat reichten nicht aus, um seine politische Karriere zu beenden oder ihn auch nur aus dem Weißen Haus fernzuhalten.

Trumps eigene Verstrickung mit Epstein ist an sich schon aufschlussreich. Er unterhielt über lange Zeit eine soziale Beziehung zu diesem Kriminellen. Die Regierung behandelte die Epstein-Akten offensichtlich selektiv. Sie versuchte, sie als Waffe gegen politische Gegner einzusetzen und gleichzeitig den Schaden für Trump selbst zu begrenzen. Dass all dies für Trump politisch folgenlos bleibt, offenbart den erbärmlichen Zustand des amerikanischen politischen Systems.

Der Zusammenhang zwischen Trump und dem Niedergang Amerikas kommt im MAGA-Slogan selbst zum Ausdruck. »Make America Great Again« erzeugt eine reaktionäre Nostalgie – die Sehnsucht nach einem verlorengegangenen goldenen Zeitalter, das größtenteils nur in der Vorstellung existiert und niemals wiederhergestellt werden kann.

Trump bei einer Rede am 19. März 2016 [AP Photo/Matt York]

Dabei gibt es auch einen biografischen Aspekt, der erwähnenswert ist. Trumps eigenes Leben erstreckt sich über die gesamte Entwicklung des amerikanischen Kapitalismus in der Nachkriegszeit – von seinem Höhepunkt bis zu seinem gegenwärtigen Zustand, dem Bankrott Amerikas, der zwar nicht eingestanden wird, aber sehr real ist. Donald Trump wurde am 14. Juni 1946 geboren. Nur zwei Jahre vorher war auf der Konferenz von Bretton Woods im Juli 1944 ein neues internationales Währungssystem eingeführt worden, das darauf basierte, dass eine Feinunze Gold zum festen Kurs von 35 US-Dollar getauscht werden konnte. Diese Vereinbarung war keine Abstraktion, sondern basierte auf der überwältigenden Industriemacht der Vereinigten Staaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kontrollierten die USA etwa die Hälfte der globalen Industrieproduktion, besaßen den größten Teil der weltweiten Goldreserven und verfügten über einen militärischen und wirtschaftlichen Machtapparat, der in der Geschichte seinesgleichen suchte.

Doch der stetige Verlust dieser industriellen Vormachtstellung im Laufe der 1950er und 1960er Jahre zwang die Nixon-Regierung dazu, das Bretton-Woods-System aufzukündigen. Am 15. August 1971 – nur zwei Monate nach Trumps 25. Geburtstag – hob Nixon die Goldbindung des Dollars auf. Dieser Schritt markierte de facto das Ende der ökonomischen Nachkriegsordnung und war das Eingeständnis, dass der amerikanische Kapitalismus die globalen Strukturen, die er selbst geschaffen hatte, nicht länger aufrechterhalten konnte.

Das Ausmaß dessen, was seither geschehen ist, lässt sich anhand einer einzigen Zahl verdeutlichen. 1971 hatte Gold einen Wert von 35 Dollar pro Feinunze. Heute liegt der Kurs bei etwa 5000 Dollar pro Feinunze, was einer mehr als 140-fachen Entwertung des Dollars gegenüber dem historisch festgelegten Wertmaßstab entspricht. Hierin kommt der langanhaltende Niedergang der amerikanischen Wirtschaftsmacht im Bereich des Geldwertes zum Ausdruck – ein Niedergang, den weder hohe Militärausgaben, Finanzmanipulationen noch nationalistische Rhetorik umkehren können.

Die MAGA-Ideologie verspricht die Wiederherstellung früherer Wirtschaftsmacht durch Zölle, Einwanderungsbeschränkungen und die Einschüchterung von Verbündeten und Gegnern gleichermaßen, während die zugrunde liegenden wirtschaftlichen Prozesse, die den Niedergang verursacht haben, mit unerbittlicher Kraft fortwirken. Trump selbst ist die Personifizierung dieses Widerspruchs: ein Mann, der geboren wurde, als die USA im Zenit ihrer Macht standen, der sein gesamtes Erwachsenenleben in einer Gesellschaft verbracht hat, deren wirtschaftliche Grundlagen zunehmend ausgehöhlt wurden, und der jetzt vorschlägt, diesen historischen Prozess durch rohe Gewalt umzukehren.

Trump reagiert mit seiner rücksichtslosen und brutalen Politik auf den Niedergang der globalen Stellung des amerikanischen Kapitalismus. In den 1950er Jahren wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) um durchschnittlich 4,2 Prozent pro Jahr. In den 1960er Jahren waren es 4,5 Prozent. Der Industriesektor machte zwischen 21 und 25 Prozent des BIP aus. Daten des Bureau of Labor Statistics (BLS) zeigen, dass der Höhepunkt der Nachkriegszeit im September 1953 erreicht wurde: 16,4 Millionen Menschen arbeiteten in der Industrie, was einem Drittel aller Arbeitsplätze entsprach.

1962 entfielen 46,1 Prozent aller Unternehmensgewinne auf das verarbeitende Gewerbe, während der Finanzsektor nur 15,1 Prozent ausmachte. Das zeigen Daten aus den Tabellen über Unternehmensgewinne des US-Statistikamts Bureau of Economic Analysis.

Doch das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich kontinuierlich und unaufhaltsam. Das durchschnittliche jährliche BIP-Wachstum sank von über 4 Prozent in den 1950er und 1960er Jahren auf etwa 3 Prozent in den 1970er und 1980er Jahren und auf unter 2,5 Prozent in den folgenden Jahrzehnten. Die 2000er Jahre waren besonders verheerend, mit einem Durchschnitt von kaum 1,9 Prozent, bedingt durch den Zusammenbruch der Dotcom-Blase und die katastrophale Finanzkrise von 2008. Unterdessen ist der Anteil des verarbeitenden Gewerbes am BIP von 25 Prozent auf etwa 10 Prozent gefallen.

Rückgang des Wirtschaftswachstums in den USA (in Prozent) über die Jahrzehnte

Die Beschäftigungsentwicklung im Industriesektor ist ebenso verheerend. Die Lohn- und Gehaltsdaten des BLS zeigen den Rückgang mit gnadenloser Präzision: Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft lag im Jahr 1953 bei 32 Prozent. Seitdem sank er auf 25,7 Prozent im Jahr 1970, auf 16,2 Prozent im Jahr 1990, auf 8,7 Prozent im Jahr 2010 und schließlich auf nur noch 8 Prozent im Januar 2025, was etwa einem Zwölftel der Erwerbsbevölkerung entspricht.

Dieselbe Entwicklung lässt sich aus einer anderen Perspektive an den Unternehmensgewinnen ablesen: 1963 entfielen 47,8 Prozent aller Unternehmensgewinne auf das verarbeitende Gewerbe, 13,4 Prozent auf den Finanzsektor. Bis 1990 hatte sich dieser Abstand drastisch verringert – das verarbeitende Gewerbe lag bei 28,7 Prozent, der Finanzsektor bei 23,1 Prozent. Bereits 1991 überholte der Finanzsektor das verarbeitende Gewerbe zum ersten Mal und bis 2010 hatte sich das Verhältnis vollständig umgekehrt: Der Finanzsektor machte 27,8 Prozent aus und der Anteil des verarbeitenden Gewerbes war auf 12,2 Prozent gesunken. Während Mitte des 20. Jahrhunderts noch fast die Hälfte aller Gewinne in der Industrie erzielt wurden, ist es mittlerweile kaum noch ein Achtel. Umgekehrt hat sich der Anteil des Finanzsektors an den Profiten mehr als verdoppelt. Die Deindustrialisierung Amerikas ist das Ergebnis des Zusammenwirkens mächtiger objektiver wirtschaftlicher Kräfte und bewusster politischer Entscheidungen der herrschenden Klasse, die von beiden Parteien im Interesse kurzfristiger finanzieller Profite getroffen werden.

Anteil an Unternehmensgewinnen: Industrie vs. Finanzsektor

Aus der Perspektive des Kapitals war die Reaktion der herrschenden Klasse auf diese Krise nicht irrational. Wenn die wirtschaftlichen Überschüsse nicht mehr schnell genug anwachsen, um sowohl die Profite der Unternehmen als auch soziale Zugeständnisse aufrechtzuerhalten, müssen Letztere zurückgenommen werden. Der Angriff auf die Gewerkschaften, die Deregulierung der Finanzmärkte, die Steuersenkungen für Reiche, die Aushöhlung von Sozialprogrammen, die Verlagerung von Produktion ins Ausland – all das wurde seit Reagan von beiden Parteien immer stärker vorangetrieben und war Teil einer kohärenten Klassenstrategie, um direkt auf Kosten der Arbeiterklasse die Profitrate wieder zu steigern.

Die Folgen dieser Klassenstrategie lassen sich den Statistiken zur Vermögenskonzentration und sozialen Ungleichheit entnehmen. Die Zahlen sind derart extrem, dass sie als eine Erfindung sozialistischer Propagandisten abgetan würden, wenn sie nicht aus den Datenbanken der Federal Reserve selbst stammen würden.

Die Daten der US-Notenbank für das dritte Quartal 2025 zeigen, dass das oberste Prozent der amerikanischen Haushalte 31,7 Prozent des gesamten Vermögens des Landes kontrollierte – der höchste Anteil seit Beginn der Erfassung der Haushaltsvermögen durch die Federal Reserve im Jahr 1989. Dieses eine Prozent verfügte über ein Vermögen von rund 55 Billionen US-Dollar, was in etwa dem gesamten Vermögen der unteren 90 Prozent der amerikanischen Bevölkerung entspricht. Die obersten 10 Prozent kontrollierten mehr als zwei Drittel des gesamten Haushaltsvermögens. Am anderen Ende des Spektrums verfügten die unteren 50 Prozent der amerikanischen Haushalte – etwa 66 Millionen Familien – nur über 2,5 Prozent des Gesamtvermögens. Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt mehr als die unteren 90 Prozent. Diese Zahl muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Die Zahlen zur langfristigen Entwicklung der Vermögenskonzentration sind nicht weniger vernichtend. Im Jahr 1989 verfügten die unteren 50 Prozent über 3,4 Prozent des Gesamtvermögens – schon damals ein kümmerlicher Anteil. Bis 2025 war selbst dieser magere Anteil weiter geschrumpft. Der Anteil des obersten 0,1 Prozent stieg im gleichen Zeitraum um fast 60 Prozent. Die 905 Milliardäre, die gegenwärtig in den USA leben, besitzen zusammen 7,8 Billionen Dollar – fast doppelt so viel wie die untere Hälfte der gesamten Bevölkerung. Drei Einzelpersonen besitzen mehr Vermögen als die unteren 160 Millionen Amerikaner zusammen.

Die Kluft zwischen denen, die besitzen, und denen, die arbeiten, wird besonders deutlich, wenn man die Vorstandsgehälter mit den Löhnen gewöhnlicher Arbeiter vergleicht. Nach Angaben des Economic Policy Institute erhielten die CEOs der 350 größten börsennotierten amerikanischen Unternehmen im Jahr 2024 durchschnittlich 23 Millionen Dollar Gesamtvergütung – das 281-Fache des Lohns eines typischen Arbeiters. Im Jahr 1965 betrug dieses Verhältnis 21 zu 1. Im Jahr 1978 lag es bei 31 zu 1. Seitdem hat sich der Abstand beinahe verzehnfacht. Bei den schamlosesten Konzernen sind die Dimensionen kaum zu fassen: Der CEO von Starbucks erhielt im Jahr 2024 eine Gesamtvergütung von 97,8 Millionen Dollar – das 6.666-Fache des Durchschnittslohns eines Starbucks-Beschäftigten.

Das Verhältnis von Manager- zu Arbeitergehältern von 1965 bis 2024

Seit 1978 ist die tatsächliche Vergütung von CEOs um 1.094 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum stieg der Lohn eines durchschnittlichen Arbeiters nur um 26 Prozent – während die Arbeitsproduktivität netto um mehr als 80 Prozent zunahm. Nahezu den gesamten Zuwachs der Arbeitsproduktivität seit den 1970er Jahren hat sich die Kapitalistenklasse angeeignet.

Die Folgen dieser Ungleichheit durchdringen alle Bereiche der amerikanischen Gesellschaft. Fast die Hälfte aller Konsumausgaben in den USA stammen mittlerweile von den obersten 10 Prozent der Einkommensbezieher – ein Anteil, der von 43 Prozent im Jahr 2020 auf 49 Prozent im Jahr 2025 gestiegen ist. Die amerikanische Wirtschaft ist in wachsendem Maße von den Konsumgewohnheiten der Reichen abhängig, während die Mehrheit der Bevölkerung mit stagnierenden Löhnen, wachsenden Schulden und steigenden Kosten für Wohnen, Gesundheitsversorgung und Bildung zu kämpfen hat.

Die Lebenserwartung amerikanischer Arbeiter ist sogar gesunken – ein Phänomen, das in einer fortgeschrittenen Industrienation praktisch beispiellos ist. Die Opioid-Epidemie und die damit einhergehenden »Todesfälle aus Verzweiflung« durch Selbstmord, Alkoholismus und Drogen sind die physiologischen Folgen einer Gesellschaftsordnung, die Millionen von Menschen zu einem Leben in wirtschaftlicher Unsicherheit, sozialer Entwürdigung und Hoffnungslosigkeit verdammt.

Die Reaktion der Republikaner und der Demokraten auf den Ausbruch der Corona-Pandemie im Januar 2020 hat gezeigt, dass sie Profite vor Leben stellen. Unter dem direkten Druck der Arbeiterklasse gab die herrschende Klasse für sehr kurze Zeit den Forderungen nach Betriebsschließungen nach, um die Ausbreitung des SARS-CoV-2-Virus zu stoppen. Doch sobald der Kongress ein massives Rettungspaket für die Wall Street verabschiedet hatte, wurde alles darauf orientiert, die Beschäftigten wieder zurück an ihren Arbeitsplatz zu zwingen, ungeachtet der Opfer an Menschenleben.

Der Kolumnist der New York Times und »Botschafter des Imperiums« Thomas Friedman brachte die Zurückweisung wirksamer und bewährter Gesundheitsmaßnahmen auf die Formel: »Das Heilmittel« – also die Eindämmung der Virusübertragung auf Kosten der Profite – »darf nicht schlimmer sein als die Krankheit.« Die Folgen waren verheerend: mehr als 1,5 Millionen vermeidbare Todesfälle in den USA und mindestens 30 Millionen weltweit. Auch heute noch, sechs Jahre später, hat die Pandemie verheerende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit. Aber S&P 500 und Dow Jones haben ihren Stand von 2020 mehr als verdoppelt.

Das ist die gesellschaftliche Realität, die hinter den sprunghaft steigenden Aktienindizes steckt. Die herrschende Klasse hat sowohl Trump als auch Epstein aus ihrem Schlund hervorgewürgt und sie in Positionen mit enormer Macht und Einfluss gehievt. Die Anhäufung obszönen Reichtums an der Spitze der Gesellschaft ist untrennbar mit der Ausbeutung und Verarmung der breiten Masse der Bevölkerung verbunden. Zwischen beiden Entwicklungen besteht ein struktureller Zusammenhang. Dieselben Prozesse, die die Kapitalistenklasse bereichert haben – Zerstörung der Gewerkschaften, Deregulierung der Finanzmärkte, Aushöhlung von Sozialprogrammen, Verlagerung der Produktion ins Ausland –, haben gleichzeitig die Arbeiterklasse verarmt und die Bedingungen sozialer Verzweiflung geschaffen, von denen autoritäre Demagogen wie Trump zehren.

Als die Profite in der realen Wirtschaft zurückgingen, wanderte das Kapital zunehmend in Finanzspekulationen ab – in Derivate, fremdfinanzierte Übernahmen, Vermögensblasen und den gesamten Apparat der Wall-Street-Spekulation, in dem Reichtum abgeschöpft wird, ohne etwas zu produzieren. Trumps persönliche Käuflichkeit ist der Inbegriff dieser Welt.

Doch trotz all seiner großspurigen Ankündigungen gibt es überhaupt keine Anzeichen dafür, dass Trumps versprochenes Wirtschaftswunder auch eintritt. Stattdessen schreitet der Niedergang ebenso unaufhaltsam und sichtbar voran wie Trumps eigener körperlicher und geistiger Verfall. Das Wall Street Journal berichtete am 2. Februar 2026:

Der Boom in der Produktion, den Präsident Trump versprochen hatte und der Amerika in ein goldenes Zeitalter führen sollte, hat sich umgekehrt. Nach Jahren staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft unter den Regierungen Trump und Biden arbeiten weniger Amerikaner in der Industrie als jemals zuvor seit dem Ende der Pandemie.

Laut Zahlen der Bundesbehörden haben die Hersteller in jedem der acht Monate, seit Trump die Zölle am ‚Liberation Day’ eingeführt hat, Arbeitsplätze abgebaut. Damit setzt sich der Rückgang fort, durch den seit 2023 mehr als 200.000 Stellen verloren gegangen sind.[3]

Nicht nur im Bereich der Industrieproduktion offenbart sich der Bankrott des Trumpismus. Noch deutlicher zeigt sich der wahnhafte Charakter des MAGA-Slogans im Zustand des US-Dollar, dem Maßstab für den Niedergang der USA in harter Währung. Der Dollar wird keineswegs wieder groß gemacht, er verliert weiter an Wert. In dem Leitartikel der Economist-Ausgabe vom 6. bis 13. Februar mit dem Titel »Der gefährliche Dollar« heißt es:

Seit seinem Höchststand im Januar 2025 [als Trump wieder ins Amt kam] hat der Dollar gegenüber einem Währungskorb [aus verschiedenen Fremdwährungen] ein Zehntel seines Wertes verloren. Gemessen in Fremdwährungen fällt die Performance amerikanischer Vermögenswerte entsprechend schlecht aus. In Euro gerechnet sind amerikanische Aktien im letzten Jahr beispielsweise kaum gestiegen.[4]

Trump glaubte, er könne den Folgen des Dollarverfalls entgehen und nebenbei sich und seine Familie bereichern, indem er Bitcoin als alternative und sogar überlegene Wertanlage fördert. Seine Vermarktung dieses Wundermittels war zunächst sogar erfolgreich. Der Preis für Bitcoin schoss auf über 120.000 Dollar. Aber die Realität hat ihren Tribut gefordert. Die Kryptomanie lässt nach und Bitcoin ist wieder auf 65.000 bis 70.000 Dollar gefallen, denselben Stand, wie vor Trumps Wiederwahl im November 2024. Und es wächst der Verdacht, dass der Tiefpunkt noch lange nicht erreicht ist. Besitzer von Bitcoin könnten in Zukunft gezwungen sein, den Wert der Währung an der Anzahl der Tulpenzwiebeln zu messen, gegen die man sie eintauschen kann – wie in der berühmten Tulpenmanie des 17. Jahrhunderts.

Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Niedergang, Parasitismus und dem immer hemmungsloseren Einsatz militärischer Gewalt ist unbestreitbar. Die Ursache für den Rückgriff auf Gewalt und die immer stärkere Abkehr des amerikanischen Staates von rechtsstaatlichen Prinzipien liegt in der akuten Zerbrechlichkeit des wirtschaftlichen und finanziellen Systems. Die gewaltige Staatsverschuldung und strukturell anhaltende Defizite schränken die politischen Optionen ein und machen das System zunehmend abhängig von fortlaufender Refinanzierung, niedrigen realen Kreditkosten und einer ununterbrochenen globalen Nachfrage nach Dollar-Anlagen. Gleichzeitig beruhen die Aktienmärkte – vor allem die großen Technologieunternehmen – auf Bewertungen, die von einem unbegrenzten Wachstum der Gewinne und dauerhaft günstigen Liquiditätsbedingungen ausgehen. Kommt es zu einer anhaltenden Korrektur dieser Bewertungen, drohen Vermögensverluste, Kürzungen in den Unternehmen und Druck am Banken- und Kreditmarkt.

Auf dem Staat lastet ein Berg aus Schulden und Zinsen, der den Handlungsspielraum stark einschränkt. Die Gesamtverschuldung der USA belief sich am 7. Januar 2026 auf 38,43 Billionen US-Dollar (davon entfallen 30,81 Billionen auf externe Gläubiger). Die Nettozinsbelastung im Haushaltsjahr 2025 betrug etwa 970 Milliarden Dollar – rund 3,2 Prozent des BIP und 13,8 Prozent der Bundesausgaben.

Entwicklung der US-Staatsschulden [Photo: FRED]

Unter diesen Umständen greift der Staat zu Zwang und Methoden außerhalb des geltenden Rechts, um aufgeblähte Vermögenswerte zu verteidigen, den Zufluss externer Finanzmittel durchzusetzen und den inneren Widerstand gegen Sparmaßnahmen und Krieg zu unterdrücken.

Die Lage, vor der die Trump-Regierung steht – massive Staatsverschuldung, Währungsabwertung, rückläufige Industrieproduktion, Verlust globaler Märkte –, weist Parallelen zu jenen Bedingungen auf, mit denen das Nazi-Regime 1937–1938 konfrontiert war. Der brillante Historiker für die Geschichte des Nationalsozialismus, Tim Mason, beschreibt die Situation so:

Die einzige »Lösung« des Regimes für die strukturellen Spannungen und Krisen, die durch Diktatur und Aufrüstung hervorgerufen wurden, war mehr Diktatur und mehr Aufrüstung, dann Expansion, dann Krieg und Terror, dann Plünderung und Versklavung. Die nackte und allgegenwärtige Alternative war Zusammenbruch und Chaos. Deshalb waren alle Lösungen vorübergehend, hektisch, aus der Not geboren, immer barbarischere Improvisationen des einen brutalen Themas. … Ein Raubkrieg für Arbeitskräfte und Rohstoffe ergab sich aus der unerbittlichen Logik der deutschen Wirtschaftsentwicklung unter nationalsozialistischer Herrschaft.[5]

Da der amerikanische Kapitalismus in der Produktion an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat, stützt er sich zunehmend auf militärische Gewalt und Zwangsmaßnahmen, um seine globale Position zu behaupten. Die Kriege im Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien waren keine Verirrungen. In ihnen kam vielmehr ein System zum Ausdruck, das seine Interessen nicht mehr allein durch wirtschaftliche Dynamik sichern kann. Die Normalisierung von permanentem Krieg, Drohnenmorden, Folter und außergerichtlichen Inhaftierungen zeigt die Verrohung des politischen Lebens, die unweigerlich auf die Innenpolitik zurückwirkt.

Trump wendet die Methoden der Mafia aus der Zeit der Alkoholprohibition in den USA auf die Außenpolitik an. Nachdem er von der herrschenden Klasse an die Macht gebracht wurde, stehen ihm nicht bloß die Thompson-Maschinenpistolen eines Al Capone zur Verfügung, sondern das gesamte Arsenal des amerikanischen Imperialismus – die zerstörerischste Militärmacht der Menschheitsgeschichte mitsamt ihrer vielen Tausend Atomsprengköpfe, die die Zivilisation auslöschen könnten. Hier liegt die wesentliche Gefahr der gegenwärtigen Situation: die Methoden eines Gangsters, gestützt auf das Waffenarsenal einer Supermacht, eingesetzt im Dienst einer herrschenden Klasse, die zu keiner rationalen Entscheidung mehr fähig ist.

Der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln, derzeit im Einsatz vor der iranischen Küste, hier bei den Militärübungen Rim of the Pacific im Juli 2022 [Photo: Canadian Armed Forces photo by Cpl. Djalma Vuong-De Ramos]

Die Invasion Venezuelas, die offenen Annexionsdrohungen gegen Kanada und Grönland, die Vorbereitungen für einen Krieg gegen den Iran – dieser Ausbruch imperialistischer Aggression unter Trump markiert eine neue Stufe der Eskalation, die die europäischen Verbündeten der NATO in Schock versetzt hat. Sie hatten nicht vorausgesehen, dass eine Wende in der amerikanischen Politik so abrupt erfolgen würde, und wurden überrascht.

Und doch wurde der Vulkanausbruch des amerikanischen Imperialismus schon vor langer Zeit mit bemerkenswerter Präzision von Trotzki und der von ihm gegründeten Bewegung vorhergesehen. Bereits 1928, nach dem Aufschwung der Nachkriegsjahre und am Vorabend der Weltwirtschaftskrise, warnte Trotzki:

Während der Krise wird sich die Hegemonie der Vereinigten Staaten noch viel vollständiger, offener, schärfer und rücksichtsloser auswirken als während der Aufstiegsperiode. Die Vereinigten Staaten werden versuchen, ihre Schwierigkeiten und Krankheiten vorwiegend auf Kosten Europas zu bekämpfen und zu überwinden, ganz gleich, ob in Asien, Kanada, Südamerika, Australien oder Europa selbst, oder ob auf friedlichem oder kriegerischem Wege.[6]

Trotzki sagte nicht nur eine allgemeine Tendenz zu imperialistischen Konflikten voraus. Er bestimmte mit außerordentlicher Genauigkeit, welches geografische Ausmaß die räuberischen Ziele des US-Imperialismus haben und mit welcher Rücksichtslosigkeit diese verfolgt werden würden. Knapp ein Jahrhundert später bedroht Trump die Souveränität Kanadas, beansprucht die Kontrolle über den Panamakanal, überfällt Venezuela, fordert von Dänemark die Abtretung Grönlands und droht dem Iran mit militärischer Zerstörung.

Leo Trotzki auf Prinkipo, 1931

1934, mit dem Aufstieg des deutschen Faschismus und dem Herannahen des Zweiten Weltkriegs, spitzte Trotzki diese Analyse zu:

Die Welt ist bereits aufgeteilt? Dann muss man sie eben neu aufteilen! Deutschland ging es darum, Europa zu »organisieren«. Den Vereinigten Staaten fällt es zu, die ganze Welt zu »organisieren«. Die Geschichte treibt die Menschheit einem Vulkanausbruch des amerikanischen Imperialismus entgegen.[7]

Diese Formulierung – der Vulkanausbruch des amerikanischen Imperialismus – ist keine veraltete Metapher, sondern eine wissenschaftliche Prognose, die sich gerade bestätigt.

In der Analyse, die wir bis hierhin vorgelegt haben, wird der Verfall und die Fäulnis des kapitalistischen Systems und seiner herrschenden Klasse sehr detailliert dokumentiert. Aber es wäre ein schwerwiegender politischer Fehler, ja eine Kapitulation vor Demoralisierung und Pessimismus, wenn man in der gegenwärtigen Situation nur die Bedrohung sieht. Die Krise bringt nicht nur die Gefahr von Faschismus und Krieg mit sich, sondern auch die objektive Möglichkeit einer sozialen Revolution. Tatsächlich schaffen dieselben Widersprüche, die die herrschende Klasse zu autoritärer Herrschaft und Militarismus treiben, zugleich die Voraussetzungen für eine revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse auf internationaler Ebene.

Was ist die grundlegende Ursache der Krise? Es ist nicht, wie bürgerliche Kommentatoren endlos behaupten, ein Versagen der Führung, ein Mangel an Anstand oder ein Zusammenbruch demokratischer Normen. Das sind Symptome. Die Ursache ist struktureller und systemischer Natur: Es ist der unüberbrückbare Widerspruch zwischen dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und dem zunehmend gesellschaftlichen Charakter des Produktionsprozesses. Dieser Hauptwiderspruch, den Marx entdeckt hat, erreicht heute eine historisch beispiellose Intensität.

Hinzu kommt ein zweiter, eng damit verbundener Widerspruch: der zwischen dem Wachstum der Weltwirtschaft – der Entwicklung eines wirklich globalen Systems der Produktion, des Austauschs und der Kommunikation – und dem überholten Nationalstaatensystem, in dem die politische Macht nach wie vor organisiert ist. Das Entstehen transnationaler Produktionsnetzwerke, globaler Lieferketten, die Dutzende von Ländern umspannen, und einer weltweiten Kommunikation in Echtzeit hat den Nationalstaat in eine Fessel für die rationale Entwicklung der Produktivkräfte verwandelt. Das Kapital bewegt sich ungehindert über Grenzen hinweg, die Arbeit ist transnational organisiert, eine Störung in einer Halbleiterfabrik in Taiwan wirkt sich auf Automobilwerke in Michigan, Produktionsstätten für Elektronik in Guangdong und Serverfarmen in Virginia aus. Und doch bleibt die politische Macht innerhalb der nationalen Grenzen gefangen und wird von herrschenden Klassen ausgeübt, deren Kalkül von den Konkurrenzinteressen rivalisierender nationaler Volkswirtschaften diktiert wird.

Der weltweit verkehrsreichste Containerhafen in Shanghai, China [Photo by Marqueed / CC BY 3.0]

Die imperialistische Bourgeoisie der USA versucht, diesen Widerspruch durch den Einsatz militärischer Macht zu lösen – durch die gewaltsame Neuordnung der globalen Wirtschaftsbeziehungen zu ihren Gunsten. Das ist der wesentliche Inhalt von Trumps Außenpolitik, wenn man ihr den üblichen Deckmantel von der »Verteidigung der freien Welt« abstreift.

Es gibt jedoch noch eine andere Kraft, die derselbe Globalisierungsprozess hervorgebracht hat – eine Kraft, von der die Bourgeoisie nicht beabsichtigt hatte, sie in die Welt zu setzen, und deren revolutionäre Bedeutung sie noch nicht vollständig versteht. Die globale Integration der Produktion hat eine gewaltige internationale Arbeiterklasse geschaffen, deren Größe, Konzentration und objektive Vernetzung in der Geschichte der Menschheit beispiellos sind.

In den letzten 50 Jahren hat sich die Urbanisierung und Proletarisierung der Weltbevölkerung in außerordentlicher Weise entwickelt. In Lateinamerika ist der Anteil der städtischen Bevölkerung von 57 Prozent im Jahr 1970 auf heute über 80 Prozent gestiegen. Städte wie São Paulo, Mexiko-Stadt, Buenos Aires, Bogotá und Lima sind zu riesigen Ballungsräumen der Arbeiterklasse geworden. In Afrika ist die städtische Bevölkerung von etwa 80 Millionen im Jahr 1970 auf über 700 Millionen angewachsen, was einer fast neunfachen Zunahme entspricht. In ganz Asien – China, Indien, Indonesien, Vietnam, Bangladesch und den Philippinen – wurden innerhalb einer einzigen Generation Hunderte Millionen Bauern in die industrielle Produktion hineingezogen. Allein China hat die größte Binnenmigration in der Geschichte der Menschheit erlebt. Dort sind seit den 1980er Jahren etwa 300 Millionen Menschen aus ländlichen Gebieten in Industriestädte gezogen. Die weltweite Arbeiterklasse umfasst heute Milliarden von Menschen.

Der transnationale Charakter der modernen Produktion und der globalen Lieferketten vereint diese Arbeiterklasse objektiv und auf eine Weise, wie es sie in der Geschichte noch nie gegeben hat. Ein Streik in einem Hafen in Los Angeles wirkt sich auf Montagewerke in Wuhan aus. Ein Streik von Bergarbeitern in Südafrika stört die Produktion in Deutschland. Die Arbeiter, die ein einziges Smartphone herstellen – vom Abbau seltener Erden im Kongo über die Raffination von Lithium in Chile, die Herstellung von Chips in Südkorea, die Montage in Shenzhen bis hin zur Softwareentwicklung in Bangalore und Cupertino –, sind durch eine Produktionskette miteinander verbunden, die Kontinente überspannt und nationale Grenzen, technisch gesehen, überflüssig macht. Diese objektive Integration der globalen Arbeiterklasse schafft beispiellose revolutionäre Möglichkeiten. Erforderlich ist nun ein bewusster politischer Ausdruck dieser objektiven Einheit – ein internationales sozialistisches Programm und eine internationale revolutionäre Partei.

Zudem hat das vergangene halbe Jahrhundert trotz der politischen Vorherrschaft der Reaktion eine Entwicklung hervorgebracht, die mit Recht als die größte wissenschaftliche und technologische Revolution der Menschheitsgeschichte gelten kann. Kein Bereich der Wissenschaft ist von dieser tiefgreifenden Umwälzung unberührt geblieben.

In der Biologie haben wissenschaftliche Fortschritte neue Möglichkeiten zur Bekämpfung von Krankheiten eröffnet, die vor einer Generation noch als Fantasien erschienen wären. Bedeutende Beispiele sind die Sequenzierung des menschlichen Genoms, die Entwicklung der CRISPR-Genschere und die Revolution in der mRNA-Therapie, die sich während der Corona-Pandemie mit welthistorischer Geschwindigkeit unter Beweis gestellt hat.

In der Astronomie und Physik haben der Nachweis von Gravitationswellen, die Sichtbarmachung Schwarzer Löcher, die Entdeckung Tausender Exoplaneten und die außergewöhnliche Präzision des James-Webb-Weltraumteleskops unser Verständnis des Universums verändert.

Techniker heben den Spiegel des James-Webb-Weltraumteleskops mit einem Kran an, Goddard Space Flight Center in Greenbelt, Maryland, 13. April 2017 [AP Photo/Laura Betz/NASA]

In der Chemie und Materialwissenschaft haben die Entwicklung neuer Katalysatoren, Nanomaterialien und nachhaltiger Energietechnologien – darunter bahnbrechende Fortschritte bei der Effizienz von Solarzellen und der Batteriespeicherung – gezeigt, dass die technischen Grundlagen für eine Abkehr von fossilen Brennstoffen vorhanden sind.

In der Medizin haben Fortschritte in der Immuntherapie, Organtransplantation, bildgebenden Diagnostik und dem Verständnis des Mikrobioms ganz neue Perspektiven für die menschliche Gesundheit eröffnet.

Und nun gibt es künstliche (oder, wie es eigentlich heißen sollte, erweiterte) Intelligenz. Die Entwicklung großer Sprachmodelle, maschineller Lernsysteme, die Proteinstrukturen vorhersagen können, KI-gestützter Arzneimittelforschung und autonomer Systeme stellt eine technologische Revolution dar, deren Auswirkungen erst allmählich verstanden werden. Im Kapitalismus wird KI in erster Linie als Instrument zur Gewinnmaximierung entwickelt. Sie dient der verschärften Ausbeutung der Arbeiter, der Ausweitung der Überwachung, der Manipulation des Verbraucherverhaltens und der Ersetzung von Arbeitern, ohne dass deren Lebensunterhalt abgesichert würde.

Doch was könnte die erweiterte Intelligenz leisten, wenn sie von den Zwängen des kapitalistischen Profits befreit und unter die demokratische Kontrolle der Arbeiterklasse gestellt würde! Die Möglichkeiten für gesellschaftliche Planung sind enorm: eine rationale Verteilung von Ressourcen und die Optimierung der Produktion zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse statt zur Vermehrung privaten Reichtums, eine Reduzierung von Abfall und Umweltzerstörung und die Befreiung der Menschen von repetitiver und erniedrigender Arbeit. KI unter der Kontrolle der Arbeiter könnte als Werkzeug der Emanzipation statt der Ausbeutung dienen. Sie würde ein Maß an wirtschaftlicher Planung und Koordination ermöglichen, das die sozialistische Bewegung lange angestrebt hat, für deren Realisierung ihr jedoch bisher die technischen Mittel fehlten.

Der Widerspruch ist offensichtlich. Die Menschheit verfügt zum ersten Mal in ihrer Geschichte über die wissenschaftlichen Kenntnisse und technologischen Fähigkeiten, um die grundlegendsten Probleme der materiellen Existenz zu lösen – Hunger, Krankheit, Umweltzerstörung, Schinderei und Ausbeutung. Und doch sind Wissenschaft und Technik in einem Gesellschaftssystem gefangen, in dem sie der Anhäufung privaten Profits untergeordnet werden, in dem wissenschaftliches Genie in Finanzmanipulationen und Waffenentwicklung gelenkt wird, in dem Kinder hungern müssen, während Algorithmen die Werbeeinnahmen optimieren. Diese Anklage richtet sich nicht gegen die Technologie als solche, sondern gegen das Gesellschaftssystem, in dem sie eingesetzt wird. Es ist eine zentrale Aufgabe der sozialistischen Revolution, die Wissenschaft und Technik aus dem Würgegriff des kapitalistischen Privateigentums zu befreien.

Wenn KI von der Oligarchie kontrolliert wird, birgt sie enorme Gefahren. Aber ihre Nutzung durch die marxistische und sozialistische Bewegung eröffnet auch beispiellose Möglichkeiten für die politische Aufklärung der Arbeiterklasse. Wie die World Socialist Web Site bei der Einführung von Socialism AI im Dezember 2025 erklärte:

Die entscheidende Bedeutung von Socialism AI liegt in seiner Fähigkeit, die Kluft zwischen der objektiven Bewegung der Arbeiterklasse und dem subjektiven Faktor, dem Niveau des sozialistischen Bewusstseins, zu überbrücken. Der Marxismus hat immer betont, dass die spontanen Kämpfe der Arbeiter, so mächtig sie auch sein mögen, allein keine kohärente revolutionäre Perspektive hervorbringen. Das Bewusstsein muss entwickelt, historische Erfahrungen müssen verarbeitet und theoretische Erkenntnisse gewonnen werden. Die technologischen Entwicklungen der heutigen Zeit ermöglichen nun die schnelle Verbreitung von Ideen auf globaler Ebene, sodass die Arbeiterklasse ihr politisches Verständnis in einem Tempo entwickeln kann, das der objektiven Krise entspricht.[8]

Die globale Krise des heutigen Ancien Régime – der Verfall der herrschenden Klasse, der wirtschaftliche Zusammenbruch, die Eruption des amerikanischen Imperialismus, der Aufstieg faschistischer Politik, die Zerstörung demokratischer Strukturen – wurde vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI) und der World Socialist Web Site nicht nur analysiert, sondern bereits vor Jahren mit bemerkenswerter Genauigkeit vorhergesagt.

Im März 2016, unmittelbar nach Trumps Sieg bei den Vorwahlen am Super Tuesday, veröffentlichte die World Socialist Web Site einen Perspektivartikel, in dem es hieß:

Donald Trumps Kandidatur kann nicht mehr als bizarre oder gar amüsante Randerscheinung abgetan werden, wie dies viele Kommentatoren bis vor Kurzem noch getan haben. Zwar steht das Ergebnis noch nicht fest, aber das Image und die Ausstrahlung des Spitzenreiters unter den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern tragen eindeutig faschistische Züge.[9]

In dem Artikel wurde aufgezeigt, dass die materiellen Wurzeln von Trumps Anziehungskraft in der wirtschaftlichen Not der Arbeiterklasse liegen. Wir warnten davor, dass das Versagen der Pseudolinken und der Demokratischen Partei, die soziale Krise anzugehen, rechter Demagogie den Boden bereitet.

Zwei Monate später, im Mai 2016, veröffentlichte die WSWS eine weitere Analyse, in der sie warnte, dass Trumps Aufstieg zum Kandidaten der Republikaner »einen gefährlichen Wendepunkt in der amerikanischen und internationalen Politik« kennzeichne und dass »die Aufstellung eines faschistischen Demagogen als Kandidat einer der beiden großen kapitalistischen Parteien … ein eindeutiger Beweis für das weit fortgeschrittene Stadium der Fäulnis der amerikanischen Demokratie« sei. Der Artikel zog eine umfassendere historische Schlussfolgerung: »Die Nominierung von Trump ist nichts Vorübergehendes oder Zufälliges. Sie hat ihre Wurzeln in der seit Langem anhaltenden Krise des amerikanischen Kapitalismus und dem damit verbundenen Zusammenbruch seines historischen bürgerlich-demokratischen Rahmens.«[10]

Die WSWS warnte im Mai 2016, sechs Monate vor der Wahl: »Selbst wenn Trump im November nicht gewinnt, wird die Bühne für eine noch bedrohlichere Figur bereitet. Und ob Trump an ihrer Spitze steht oder nicht, die Regierung, die im nächsten Januar ihr Amt antritt, wird die reaktionärste, gewalttätigste und autoritärste in der Geschichte Amerikas sein.«[11] Diese Worte, die vor fast einem Jahrzehnt geschrieben wurden, lesen sich heute nicht wie eine Vorhersage, sondern wie die Beschreibung bereits eingetretener Tatsachen. Das IKVI ist nicht zufällig oder durch glückliches Raten zu diesen Einsichten gelangt. Sie sind das Ergebnis der Anwendung der marxistischen Methode – einer Analyse, die auf den objektiven Widersprüchen des kapitalistischen Systems, den historischen Erfahrungen der internationalen Arbeiterklasse und dem theoretischen Erbe der trotzkistischen Bewegung basiert.

Nur durch den Aufbau einer marxistisch-trotzkistischen Partei kann die Arbeiterklasse ein bewusstes Verständnis der historischen Situation entwickeln und die Gesellschaft auf sozialistischer Grundlage neu organisieren. Die Tatsache, dass das IKVI, die Socialist Equality Party und die WSWS die gegenwärtige Krise vorausgesehen, ihren Klassencharakter erkannt und ein Programm für die unabhängige politische Mobilisierung der Arbeiterklasse formuliert haben, zeigt, dass die theoretischen und politischen Werkzeuge für diese Aufgabe vorhanden sind. Sie müssen nicht neu erfunden werden. Sie müssen nur aufgegriffen, studiert und angewendet werden.

Welche Schlussfolgerungen müssen also gezogen werden?

Trump ist nicht die Krankheit – er ist ihr fortgeschrittenstes Symptom. Es wäre die gefährlichste aller Illusionen zu glauben, dass die Krise gelöst werden könnte, indem man ihn abwählt. Es ist kaum anzunehmen, dass die US-Zwischenwahlen im Herbst 2026 – geschweige denn künftige Präsidentschaftswahlen – unter Bedingungen stattfinden werden, die demokratischen Normen entsprechen. Trump unternimmt bereits erste Schritte zur Unterdrückung oder Manipulation der Wahlen. Es ist offensichtlich, dass er staatliche Kräfte einsetzen wird – dieselben ICE-Agenten und Bundesbeamten, die Minneapolis besetzt haben –, um Wähler einzuschüchtern und sie von den Urnen fernzuhalten. Er hatte genügend Zeit, sich vorzubereiten und aus seinem gescheiterten Putsch vom 6. Januar 2021 zu lernen. Der nächste Versuch wird kein improvisierter Aufstand von einem Mob unorganisierter Fanatiker sein. Diesmal wird er sich auf den gesamten Apparat der Regierung stützen, der Trump zur Verfügung steht.

Und selbst wenn die Biologie ins Geschehen eingreift und Trump von der Bildfläche verschwindet, wird dies den Abstieg in die Diktatur nicht aufhalten. Man wird einen neuen »Trump« finden, der vielleicht etwas manierlicher, aber nicht weniger bösartig ist. Die objektiven Kräfte, die Trump hervorgebracht haben – die Krise des amerikanischen Kapitalismus, der Verfall seiner industriellen Basis, die Dominanz des Finanzparasitismus, der Zerfall demokratischer Institutionen unter dem Gewicht sozialer Ungleichheit –, werden auch die Politik seines Nachfolgers prägen.

Die Trump-Regierung steht für einen grundlegenden Zusammenbruch der bürgerlich-demokratischen Traditionen und einen immer offeneren Übergang zur Diktatur. Doch das bedeutet zugleich eine massive Verschärfung des offenen Klassenkonflikts und den Übergang zur sozialen Revolution.

Aus den bestehenden Institutionen und dem Rahmen der bürgerlichen Politik wird keine Lösung für die Krise des amerikanischen Kapitalismus hervorgehen. Sie kann und wird sich nur außerhalb des bestehenden politischen Systems und in kompromissloser Opposition zu diesem sowie zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung entwickeln.

Das ist keine Utopie. Die Reaktion von Millionen Menschen in Amerika auf die Angriffe auf demokratische Rechte zeigt, dass der Prozess der politischen Radikalisierung bereits im Gange ist.

Die Frage »Wohin geht Amerika?«, die der Titel dieses Buchs aufgreift, wird nicht in akademischen Debatten, sondern im Klassenkampf entschieden. Es wäre unverantwortlich, das Ausmaß der konterrevolutionären Skrupellosigkeit der amerikanischen herrschenden Klasse zu unterschätzen. Aber es zeugt von katastrophaler Kurzsichtigkeit – und wäre geradezu selbstzerstörerisch –, wenn man die schlummernde Kraft und das revolutionäre Potenzial der Arbeiterklasse unterschätzen würde. Vom Standpunkt der objektiven Bedingungen geht die vorherrschende Entwicklungstendenz zweifellos in Richtung Sozialismus. Aber dieses objektive Potenzial muss einen Ausdruck im subjektiven Bewusstsein der revolutionären Klasse finden.

Es ist von immenser politischer Bedeutung, dass die Massendemonstrationen gegen die Trump-Regierung geradezu spontan den Slogan »No Kings« angenommen haben. Im Juni 2025 marschierten Millionen unter diesem Motto. Im Oktober nahmen mehr als 7 Millionen Menschen an über 2.700 Protesten in allen 50 Bundesstaaten teil. Die Demonstrationen vom 23. Januar in Minneapolis, bei denen über 100.000 Menschen den Minustemperaturen trotzten und gegen die Besetzung ihrer Stadt durch Polizeieinheiten des Bundes protestierten, zählen zu den eindrucksvollsten Beispielen für den Widerstand der Bevölkerung in der jüngeren Geschichte der USA. Ein Fernsehkommentar in Boston zog eine explizite Parallele zwischen Minneapolis im Jahr 2026 und Boston im Jahr 1775 – zwischen der bewaffneten Besetzung einer amerikanischen Stadt durch Bundesagenten und der britischen Militärbesatzung, die den Unabhängigkeitskrieg auslöste.

Ein Teil der Massenproteste in Minneapolis am 23. Januar 2026

Die amerikanische Arbeiterklasse tritt nicht ohne revolutionäre Tradition in diesen Kampf ein. Im Gegenteil: Die Vereinigten Staaten haben ein demokratisches und revolutionäres Erbe, das zu den am tiefsten verwurzelten und mächtigsten der Welt gehört. Die Amerikanische Revolution von 1775–1783 und der Bürgerkrieg von 1861–1865 – zwei der großen revolutionären Umwälzungen der Geschichte – sind im Bewusstsein der amerikanischen Bevölkerung noch immer lebendig. In der Unabhängigkeitserklärung wurde verkündet, dass alle Menschen gleich erschaffen und mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; die Bill of Rights der Verfassung garantiert die freie Meinungsäußerung, die Versammlungsfreiheit und das Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren; in der Emanzipationsproklamation und dem 13., 14. und 15. Zusatzartikel der US-Verfassung wurde gesetzlich festgeschrieben, was auf dem Schlachtfeld errungen worden war: die Abschaffung der Sklaverei durch die zweite Amerikanische Revolution.

Diese historischen Dokumente sind lebendige Traditionen, die tief im Bewusstsein der Bevölkerung verankert sind und eine starke Grundlage für den Kampf gegen die Diktatur bilden.

Dass sich die Teilnehmer der Massenproteste auf diese revolutionäre Vergangenheit berufen, ist von größter Bedeutung. Es zeigt, dass die demokratischen Traditionen der Amerikanischen Revolution und des Bürgerkriegs nicht ausgelöscht sind. Sie werden von Millionen Menschen neu belebt, die zu Recht spüren, dass die Prinzipien, für die ihre Vorfahren gekämpft haben, von der Vernichtung bedroht sind.

»The March to Valley Forge« (1883), berühmtes Gemälde von William Trego – Teil der Sammlung des Museums der amerikanischen Revolution in Philadelphia

Aber diese demokratische Tradition allein reicht nicht aus. Das Zeitalter der nationalen demokratischen Revolutionen gehört der fernen Vergangenheit an. Die heutige historische Epoche ist die der sozialistischen Weltrevolution. Die amerikanische Arbeiterklasse muss aus den Erfahrungen der Machtübernahme durch die russische Arbeiterklasse in der Oktoberrevolution von 1917 und ihrer weiteren Entwicklung lernen. Es ist notwendig, die Barriere zu überwinden, die zwischen der instinktiven Militanz der amerikanischen Arbeiter und dem enormen theoretischen und politischen Erbe des Marxismus liegt.

Die erste Amerikanische Revolution stürzte die Kolonialherrschaft und erkämpfte die Unabhängigkeit. Die zweite Amerikanische Revolution beseitigte die Sklaverei. Die Aufgabe der dritten Amerikanischen Revolution, die einen wesentlichen Teil des internationalen Klassenkampfs darstellt, ist der Sturz des Kapitalismus. Was die Arbeiterklasse braucht, ist ein Programm und eine Partei, die ihre tief empfundenen demokratischen Bestrebungen mit dem Kampf für Sozialismus verbindet – mit dem Verständnis, dass echte Demokratie mit der Diktatur der Finanzoligarchie unvereinbar ist und nur durch die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft erreicht werden kann.

Dieser Kampf hat internationalen Charakter. Das Epstein-Netzwerk war international. Die faschistische Politik von Trump ist keineswegs auf die USA beschränkt. Er hat politische Nachahmer in ganz Europa: Meloni in Italien, Le Pen in Frankreich, Farage in Großbritannien, die AfD-Führer in Deutschland. 81 Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches lautet ihr unausgesprochener Slogan: »Make Europe Fascist Again«.

Die Krise des Kapitalismus ist international. Die Arbeiterklasse ist eine internationale Klasse. Es gibt keine nationale Lösung und kann auch keine geben. Der Kampf gegen die oligarchische Diktatur, die sich in den Vereinigten Staaten und in einem Land nach dem anderen auf der ganzen Welt festigt, erfordert den Aufbau einer internationalen revolutionären Bewegung, die sich am Programm und den Prinzipien des Marxismus orientiert, in der Arbeiterklasse verwurzelt ist und sich dem Sturz des kapitalistischen Systems verschrieben hat.

Gegenwärtig besteht eine erhebliche Kluft zwischen dem monumentalen Ausmaß der Krise und dem vorherrschenden Stand des Bewusstseins. Wie könnte es auch anders sein in einem Land, in dem die herrschende Klasse den Antikommunismus praktisch zur Staatsreligion erhoben hat und unablässig jede Form politischer und sozialer Rückständigkeit fördert? Es wird alles darangesetzt, der Öffentlichkeit eine kritische Einschätzung des tatsächlichen Zustands der Gesellschaft vorzuenthalten. Die Medien befinden sich in den Händen der mächtigsten Konzerne und reaktionären Milliardäre. Unter ihrer Kontrolle und auf ihr Geheiß ist die objektive Berichterstattung weitgehend durch Propaganda ersetzt worden. Die Abendnachrichten bestehen größtenteils aus dem Wetterbericht, Geschichten über persönliche Schicksale, Sport und der Vermarktung von Arzneimitteln.

Die objektive Situation ist »mit Schwierigkeiten voll beladen«, wie Abraham Lincoln in einer anderen historischen Periode tiefer Krise feststellte. Aber die objektiven Bedingungen, die zu den Problemen geführt haben, schaffen auch die Möglichkeiten für ihre Lösung. Die große Aufgabe, die sich aus der gegenwärtigen Situation ergibt, besteht darin, das Bewusstsein der Arbeiterklasse auf das Niveau zu heben, das die objektive Krise erfordert.

Wie kann man das erreichen? Leo Trotzki beantwortete diese Frage 1938 in einer Diskussion mit seinen amerikanischen Anhängern inmitten der Großen Depression und am Vorabend des Zweiten Weltkriegs: »Als erstes«, sagte er, »ein klares, aufrichtiges Bild der objektiven Lage und der historischen Aufgaben geben, die sich aus ihr ergeben, unabhängig davon, ob die Arbeiter heute dafür reif sind oder nicht. Unsere Aufgaben hängen nicht vom Bewusstsein der Arbeiter ab. Unsere Aufgabe besteht darin, das Bewusstsein der Arbeiter zu entwickeln.«[12]

Diese Worte sind heute von brennender Dringlichkeit. Die Herausforderung, vor der wir stehen, besteht darin, die Socialist Equality Party – in Solidarität mit ihren Gleichgesinnten in den Sektionen des Internationalen Komitees – als neue revolutionäre Führung der Arbeiterklasse aufzubauen. Das ist kein fernes oder abstraktes Ziel. Es ist die dringendste praktische Notwendigkeit unserer Zeit.

Die Analyse der marxistisch-trotzkistischen Bewegung wurde durch die Ereignisse bestätigt. Ihr Programm bietet den einzig realistischen Weg nach vorn. Baut das Internationale Komitee der Vierten Internationale und seine Sektionen auf! Erweitert die Arbeit und den Einfluss der World Socialist Web Site! Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab.


[1]

»ICE’s impunity is a formula for more violence«, in: The Economist, 29. Januar 2026, https://www.economist.com/leaders/2026/01/29/ices-impunity-is-a-formula-for-more-violence (aus dem Englischen).

[2]

Leo Trotzki, »Porträt des Nationalsozialismus«, in: Porträt des Nationalsozialismus, Essen 2023, S. 343.

[3]

David Uberti, »U.S. Manufacturing Is in Retreat and Trump’s Tariffs Aren’t Helping«, in: Wall Street Journal, 2. Februar 2026, https://www.wsj.com/economy/u-s-manufacturing-is-in-retreat-and-trumps-tariffs-arent-helping-d2af4316 (aus dem Englischen).

[4]

»The age of a treacherous, falling dollar«, in: The Economist, 5. Februar 2026, https://www.economist.com/leaders/2026/02/05/the-age-of-a-treacherous-falling-dollar (aus dem Englischen).

[5]

Timothy Mason, »Some Origins of the Second World War« (1964), in: Nazism, Fascism and the Working Class, Cambridge 1995, S. 51 (aus dem Englischen).

[6]

Leo Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin, Essen 1993, S. 29.

[7]

Leo Trotzki, »Der Krieg und die IV. Internationale«, in: Schriften. Linke Opposition und IV. Internationale 1928–1934, Bd. 3.3, Köln 2001, S. 553.

[8]

Internationale WSWS-Redaktion, »Willkommen Socialism AI: Ein historischer Fortschritt in der politischen Bildung der Arbeiterklasse«, auf: World Socialist Web Site, 13. Dezember 2025, https://www.wsws.org/de/articles/2025/12/13/jenl-d13.html.

[9]

David North, »Was sind die politischen Schlussfolgerungen aus Trumps Erfolg am Super-Tuesday?«, auf: World Socialist Web Site, 4. März 2016, https://www.wsws.org/de/articles/2016/03/04/pers-m04.html.

[10]

Patrick Martin, »Trumps Erfolg in den Vorwahlen: Ein gefährlicher Wendepunkt in der amerikanischen Politik«, auf: World Socialist Web Site, 6. Mai 2016, https://www.wsws.org/de/articles/2016/05/06/pers-m06.html.

[11]

Ebd.

[12]

Leo Trotzki, »Die politische Rückständigkeit der amerikanischen Arbeiter«, in: Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 141.

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