Wir veröffentlichen im Folgenden das Vorwort zur deutschen Ausgabe des neuen Buchs »Wohin geht Amerika? Faschismus oder Sozialismus« (hrsg. von David North), das in Kürze im Mehring Verlag erscheint und am 21. März auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wird (mehr Informationen hier). Es kann hier beim Mehring Verlag vorbestellt werden.
***
Die jüngsten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten – Donald Trumps offene Kriegshandlungen und der tödliche Einsatz paramilitärischer ICE-Schergen in Minneapolis und anderen Städten – haben weltweit Entsetzen ausgelöst. Sie machen deutlich, dass die Gefahr eines neuen Weltkriegs real ist und dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger eine abstrakte Gefahr ist. Sie vollzieht sich vor den Augen der Welt.
Zugleich zeigen weite Teile von Politik und Medien eine eigentümliche Blindheit. Zwar wird der faschistische Charakter der Regierung bisweilen anerkannt. Doch die meisten Analysen verharren bei der Person Donald Trumps – seiner Psychologie, seinem Temperament, seiner vermeintlichen Einzigartigkeit. Damit wird die entscheidende Frage verfehlt. Trump ist nicht wie das sprichwörtliche Böse in den paradiesischen Garten einer ansonsten gesunden amerikanischen Demokratie eingedrungen. Er ist vielmehr die politische Verkörperung einer heruntergekommenen, verrohten herrschenden Klasse, die die historische Krise des kapitalistischen Systems zum Ausdruck bringt.
Der vorliegende Band beinhaltet Statements, Artikel und Vorträge des Vorsitzenden der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site (WSWS) und Herausgebers dieses Buchs, David North, der Socialist Equality Party (SEP) sowie weiterer Autoren der WSWS aus den Jahren 2015 bis 2026. Sie analysieren den gesamten politischen Weg Trumps: von seinem Aufstieg über seine erste Amtszeit, die Verschwörung zur Annullierung der Wahl von 2020, den Putschversuch vom 6. Januar 2021 bis zu seiner Rückkehr an die Macht 2025 und der offenen Formierung einer Regierung der Oligarchie.
Der erste Abschnitt behandelt den Zeitraum zwischen 2015 und 2020, der Trumps Wahlkampf um die Präsidentschaft und seine erste Amtszeit umfasst. Er analysiert die sozialen und politischen Bedingungen, die seinen Machtgewinn ermöglichten: die jahrzehntelange soziale Verwüstung, die extreme Bereicherung einer Finanzoligarchie, die fatale Kriegspolitik beider Parteien und den Niedergang der amerikanischen Industriezentren, die den Nährboden für seinen Aufstieg bildeten. Zugleich untersucht er die erste Amtszeit, die gekennzeichnet war durch die systematische Förderung rechter Milizen, die Hetze gegen Migranten, den Aufbau autoritärer Herrschaftsformen und die Verschärfung der US-Kriegspolitik.
Der zweite Abschnitt widmet sich den Wahlen von 2020 sowie dem Putsch vom 6. Januar 2021 und seinen Folgen. Die Texte weisen nach, dass es sich nicht um einen „Ausrutscher“ oder eine bloße Exzentrik Trumps handelte, sondern um einen bewussten Versuch, die Wahlniederlage durch einen Staatsstreich rückgängig zu machen – mit weitreichender Unterstützung innerhalb des Staatsapparats und der Republikanischen Partei und ohne jeglichen Widerstand der Demokraten.
Der dritte Abschnitt behandelt Trumps zweite Amtszeit seit 2025 und entwickelt eine sozialistische Strategie gegen die faschistische Verschwörung. Er analysiert die Konzentration politischer Macht in den Händen einer Oligarchie, deren Interessen untrennbar mit Militarismus, sozialer Unterdrückung und imperialistischer Expansion verbunden sind, und begründet, warum der Kampf gegen Faschismus und Krieg den Bruch mit dem kapitalistischen System und all seinen Institutionen und Parteien sowie die unabhängige politische Mobilisierung der Arbeiterklasse auf internationaler Grundlage erfordert.
Die besondere Stärke dieses Buches beruht auf seiner Methode. Die hier versammelten Texte stehen in der Tradition des klassischen Marxismus, wie er von Leo Trotzki gegen seine nationalistische Perversion durch den Stalinismus verteidigt wurde. Sie begreifen politische Entwicklungen nicht als Produkt individueller Charaktereigenschaften oder bloßer Fehlentscheidungen, sondern als Ausdruck objektiver Klasseninteressen und historischer Widersprüche.
Aus dieser Perspektive haben die WSWS und die SEP das Phänomen Trump von Anfang an richtig verstanden. Während liberale Kommentatoren ihn als vorübergehende Anomalie betrachteten und Teile der pseudolinken Politik ihn sogar verharmlosten, haben die WSWS und die SEP seine Bewegung als eine spezifische Form der faschistischen Reaktion auf die Krise des amerikanischen und internationalen Kapitalismus analysiert. Sie haben frühzeitig vor den Konsequenzen einer Politik gewarnt, die soziale Ungleichheit, permanente Kriege und die systematische Aushöhlung demokratischer Rechte miteinander verbindet.
Dabei beschränken sich die Texte nicht auf bloße Analyse, sondern intervenieren in den Klassenkampf. Sie richten sich an Arbeiter, Jugendliche und Intellektuelle, die nach einer politischen Perspektive suchen, die über die Sackgassen von Liberalismus, Nationalismus und Reformismus hinausweist. Sie verbinden die Verteidigung demokratischer Rechte untrennbar mit dem Kampf gegen soziale Ungleichheit und imperialistischen Krieg.
Die Bedeutung dieser Sammlung erschöpft sich nicht in einem besseren Verständnis der Ereignisse in den Vereinigten Staaten. Diese sind untrennbar mit der globalen Krise des Kapitalismus verbunden. Die aggressive Neuausrichtung des amerikanischen Imperialismus verschärft die Spannungen zwischen den Großmächten und treibt die europäischen Regierungen – insbesondere die deutsche – zu massiver Aufrüstung und zur Wiederbelebung einer eigenständigen militaristischen Großmachtpolitik.
Und auch hier wird die soziale Krise durch umfassende Angriffe auf Löhne, Arbeitsplätze und soziale Rechte auf die Arbeiterklasse abgewälzt. Gleichzeitig erleben wir die systematische Normalisierung rechtsextremer und faschistischer Ideologien, die Relativierung der historischen Verbrechen des deutschen Imperialismus und den Ausbau des staatlichen Unterdrückungsapparats. Die Parallelen sind nicht zufällig. Sie entspringen denselben ökonomischen und politischen Widersprüchen und stehen in einer düsteren Kontinuität.
Wie in den 1930er Jahren, als die herrschende Klasse Hitler an die Macht brachte, um Deutschland nach der katastrophalen Niederlage im Ersten Weltkrieg wieder „kriegstüchtig“ zu machen, reagiert sie auch heute auf die historische Krise des Kapitalismus mit einer aggressiven Hinwendung zu Militarismus, Faschismus und Krieg.
Gerade deshalb ist dieses Buch für Arbeiter und Jugendliche in Deutschland von entscheidender Bedeutung. Es liefert nicht nur eine fundierte Analyse der amerikanischen Entwicklung. Es vermittelt eine Methode und eine Perspektive, die erforderlich sind, um auch hier der Rückkehr der herrschenden Klassen zu imperialistischer Barbarei entgegenzutreten. Der Kampf gegen Faschismus und Krieg kann nicht im nationalen Rahmen geführt werden. Er erfordert die internationale Vereinigung der Arbeiterklasse auf der Grundlage eines sozialistischen Programms.
Die hier veröffentlichten Texte zeigen, dass der Kampf gegen Trump – und gegen die gesellschaftlichen Kräfte, die ihn hervorgebracht haben – nicht darin bestehen kann, die Demokratische Partei, ihrer pseudolinken Anhängsel und die Gewerkschaften zu unterstützen, die selbst tief in das System imperialistischer Kriege und sozialer Ungleichheit verstrickt sind. Die Alternative lautet nicht Trump oder „liberale Demokratie“, sondern Faschismus oder Sozialismus.
Die Opposition gegen Krieg, soziale Verwüstung und autoritäre Herrschaft nimmt in den Vereinigten Staaten zunehmend explosive Formen an. Streiks, Proteste gegen Polizeigewalt, Widerstand gegen die mörderischen ICE-Deportationen und Massenüberwachung – all dies verweist auf ein enormes revolutionäres Potenzial. Doch ohne eine klare politische Orientierung drohen solche Bewegungen in Sackgassen geführt oder von bürgerlichen Kräften vereinnahmt zu werden. Die SEP und die WSWS setzen sich dafür ein, diese Kämpfe mit einer bewussten sozialistischen Strategie zu verbinden.
Dieses Buch dokumentiert nicht nur eine dramatische Phase der amerikanischen Geschichte und interveniert darin. Es ist ein Beitrag zur politischen Bewaffnung einer internationalen Bewegung der Arbeiterklasse. Es macht deutlich, dass die Verteidigung demokratischer Rechte, der Kampf gegen Krieg und die Überwindung sozialer Ungleichheit nur auf der Grundlage einer revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft möglich sind.
Die Frage, die der Titel aufwirft – „Wohin geht Amerika: Faschismus oder Sozialismus?“ – ist keine rhetorische. Sie stellt sich weltweit mit enormer Dringlichkeit. Ihre Beantwortung hängt vom bewussten Eingreifen der Arbeiterklasse in die Geschichte und dem Aufbau einer neuen revolutionären Führung ab. Dieses Buch soll und wird dazu beitragen, die notwendigen politischen Schlussfolgerungen zu ziehen und den Kampf für eine sozialistische Zukunft aufzunehmen.
