Vortrag an der University of Michigan

Ignatz Waghalter und das Negro Symphony Orchestra

Am 15. Januar hielt der unabhängige Wissenschaftler Dr. David Goldfarb einen Vortrag an der University of Michigan zum Thema: „Ignatz Waghalter und das Negro Symphony Orchestra (1938–40)“. Goldfarb ist auch Moderator der YouTube-Sendung „Encounters with Polish and Ukrainian Literature“ (Begegnungen mit polnischer und ukrainischer Literatur), die vom polnischen Kulturinstitut in New York gesponsert wird.

Das Thema des Vortrags war eine äußerst bedeutende, aber wenig bekannte Episode in der Geschichte der amerikanischen und weltweiten Musik des 20. Jahrhunderts: die Gründung und Leitung eines afroamerikanischen Symphonieorchesters in Harlem durch den polnisch-jüdischen Dirigenten und Komponisten Ignatz Waghalter (1881–1949). Professor Goldfarb arbeitet als historischer Forscher an einem Dokumentarfilm über Waghalter und das Orchester.

Artikel über Waghalter und das Negro Symphony Orchestra im Baltimore African American Newspaper, 28. Januar 1939

Waghalter war eine prägende Persönlichkeit der deutschen und europäischen Musikszene, bis er und seine Familie 1934 aufgrund von Hitlers Machtübernahme und der darauffolgenden anti-polnischen und antijüdischen Angriffe gezwungen waren, aus Deutschland zu fliehen. Nach ersten Aufenthalten in die Tschechoslowakei und dann in Österreich emigrierten die Waghalters im Mai 1937 in die Vereinigten Staaten.

Waghalter war Chefdirigent am Deutschen Opernhaus in Charlottenburg, Berlin, dem Vorgänger der Deutschen Oper. Trotz Morddrohungen von rechtsextremen Nationalisten und Antisemiten dirigierte er am 7. November 1912 die Eröffnungsvorstellung des neuen Hauses. Im März 1913 fiel auf Drängen des Komponisten die Wahl auf ihn, die deutsche Premiere von Puccinis La Fanciulla del West [Das Mädchen aus dem goldenen Westen] zu dirigieren. Waghalter blieb bis 1923 am Deutschen Opernhaus.

Giacomo Puccini (rechts) mit Ignatz Waghalter, 1913 in Berlin [Photo by Wladyslaw1885 / CC BY-SA 4.0]

1924 wurde Waghalter zum Generalmusikdirektor des New York State Symphony Orchestra (das später mit dem New York Philharmonic fusionierte) ernannt. Während seines Jahres in New York lernte Waghalter führende amerikanische Musiker kennen, darunter George Gershwin. Er verfolgte mit großem Interesse die Entwicklung des Jazz und schrieb in einem Bericht, der in einer Berliner Zeitung erschien: „Jazz ist in jedem Fall Ausdruck eines musikalischen Gefühls, das noch unerschlossene Entwicklungsmöglichkeiten birgt; er spiegelt deutlich den Erfindergeist Amerikas wider.“

Zu Waghalters Opern zählen Mandragola (1914), Jugend (1917), Sataniel (1923) und Ahasverus und Ester (1937). Jugend basierte auf dem Theaterstück von Max Halbe, das der sozialistische Theoretiker Franz Mehring wegen seiner Kritik an der bürgerlichen Moral gelobt hatte. Waghalters Werk, das sich eng an Halbes Stück anlehnte, gehörte zwischen 1917 und 1920 zu den meistgespielten Opern in Berlin.

Waghalter komponierte auch Operetten, Kammermusik und ein Violinkonzert (eingespielt von Naxos). In Amerika komponierte er die New World Suite für das Negro Symphony Orchestra. Das handschriftliche Orchestermanuskript dieses Werks von Waghalter wurde erst 2012 entdeckt. Eine Aufnahme der New World Suite hat Naxos 2015 veröffentlicht. Die Uraufführung des Werks fand im Mai 2019 durch das Posener Symphonieorchester in Polen statt, und führende deutsche Klassiksender übertrugen die Aufführung.

Die Gründung des Negro Symphony Orchestra (NSO) war sicherlich eine Reaktion auf den institutionellen Rassismus und die Segregation in den USA, aber auf einer tieferen Ebene bekräftigt die Geschichte des NSO die universalistische Essenz der Musik und den Kampf gegen alle Formen der Unterdrückung. Waghalter war ein Internationalist und sah in der Musik einen Ausdruck seiner Ideale.

In seinem Vortrag erklärte Goldfarb:

Waghalter war fest davon überzeugt, dass Kunst der Gesellschaft dienen sollte. Er sagte: „Musik, die stärkste Bastion der universellen Demokratie, kennt weder Hautfarbe, noch Glaubensbekenntnis, noch Nationalität.“ In der Praxis schloss dieses Verständnis von universeller Demokratie auch Frauen ein. Das Orchester erklärte in seinen Ausschreibungen für Musiker, dass es für Frauen offen sei (...) Mildred Franklin war Konzertmeisterin des Negro Symphony Orchestra, was ein Beweis für Waghalters egalitäres Verständnis und das des Orchesters ist.

Goldfarb bei der Vorlesung über Ignatz Waghalter an der University of Michigan

Zu Beginn seiner Vorlesung wies Goldfarb darauf hin, dass der afroamerikanische Komponist William Grant Still in einem 1939 verfassten Essay die Gründung eines Negro Symphony Orchestra gefordert hatte. W.E.B. DuBois argumentierte in The Souls of Black Folk, dass klassische Musik eine zentrale Rolle bei der „Besserstellung“ der „Rasse“ spielen werde.

Goldfarb sagte:

[Waghalters] eigene Werke tendierten zur Spätromantik und zum Neoklassizismus in einer Zeit, in der Atonalität und Serialismus auf dem Vormarsch waren, und dies könnte etwas mit Waghalters unglücklichem Abstieg in die Vergessenheit zu tun gehabt haben. Er war zwar in die erste Ausgabe des New Grove Dictionary aufgenommen worden, aber aus der zweiten Ausgabe wurde er herausredigiert.

Goldfarb berichtete, dass Waghalter, kurz nachdem er sich 1937 in New York niedergelassen hatte, „sich mit führenden Persönlichkeiten der Harlem Renaissance zusammenschloss, um das Negro Symphony Orchestra zu gründen. Das Orchester bestand nur wenige Jahre, obwohl es in der afroamerikanischen Presse viel Beachtung fand.“

Er fuhr fort:

Waghalter mag nach seinem Tod weitgehend in Vergessenheit geraten sein, aber das Negro Symphony Orchestra stand für einen bemerkenswerten Moment der Zusammenarbeit zwischen Afroamerikanern und Juden und für Hoffnung in der Kunst.

In der deutschen und österreichischen Presse hatte Waghalter sich für schwarze klassische Künstler in Europa eingesetzt, wie zum Beispiel den Tenor Roland Hayes, den er in den 1920er Jahren in den USA kennengelernt hatte, und für Marian Anderson. Damit gewann Waghalter das Ansehen von Persönlichkeiten wie James Weldon Johnson, dem Kunstmäzen und Anwalt Hubert T. Delany, und Richter James S. Watson, einem der ersten afroamerikanischen Richter, die im Bundesstaat New York gewählt worden waren. Waghalter komponierte sogar ein Werk für Chor und kleines Orchester mit Watsons Texten, in denen dieser sich gegen Bigotterie und Einwandererfeindlichkeit wandte und Amerika als leuchtendes Symbol der Freiheitshoffnung lobte.

Eine Broschüre, die das Negro Symphony Orchestra verteilte [Photo by Wladyslaw1885 / CC BY-SA 4.0]

Goldfarb erklärte, dass es bereits vor Waghalters Ankunft in den USA ein Orchester schwarzer Musiker gab, das im Harlem YMCA probte. Dirigent dieses Orchesters war Alfred Jack Thomas, geleitet wurde es von Leviticus Lyon. Unter Waghalters Leitung wurde es jedoch erheblich vergrößert und als Negro Symphony Orchestra konsolidiert. Thomas blieb als stellvertretender Dirigent und Lyon als Manager tätig.

Waghalter hatte am 1. Februar 1938 Kontakt zu James Weldon Johnson aufgenommen. Johnson war Vorsitzender der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP). Als Schriftsteller und Dichter verfasste er den Text zu „Lift Every Voice and Sing“, das als Hymne der Afroamerikaner bekannt wurde. Die Musik dazu komponierte sein jüngerer Bruder, der Komponist J. Rosamond Johnson.

Im Mai 1938 gab Waghalter die Gründung des NSO bekannt. Goldfarb erklärte:

Das NSO probte sowohl im Harlem YMCA als auch im Grand Street Boys’ Association Auditorium. Das war ein jüdischer Sportverein gleich um die Ecke von der Carnegie Hall. Er war in der Lower East Side gegründet worden, und sein Vorsitzender war der Bürgerrechtler Richter Jonah Goldstein, der Richter Watson kannte.

Goldfarb zitierte Richter Watson Aussage bei der Gründung des Orchesters, in der er „von Menschen außerhalb der Organisation sprach, die befürchteten, dass Waghalter und der Schatzmeister des Orchesters, Joseph Freudenthal, die Musiker in irgendeiner Weise ausnutzen könnten“. Goldfarb fuhr fort:

Watson empfiehlt Harmonie und bürgt für Waghalter als ehrlichen Vermittler, dem die Interessen der Musiker und der afroamerikanischen Gemeinschaft am Herzen liegen. (...) Watson erklärt: „Ich glaube nicht, dass irgendjemand, der weiß, welche Dienste er über einen so langen Zeitraum hinweg aus Liebe und ohne jegliche Vergütung geleistet hat, behaupten könnte, so etwas sei seine Absicht.“

Waghalter und das NSO hatten Pläne für eine Welttournee, die jedoch durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 zunichtegemacht wurden. Nun entschieden die Weltpolitik, die anhaltenden wirtschaftlichen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und der Rassismus über das Schicksal des Orchesters.

Waghalters Leben in dieser Zeit spiegelte die Tragödien dieser Epoche wider. Seine Geschichte und die des NSO handeln im Wesentlichen von der Überschneidung zweier sehr mächtiger, historisch bedeutender und im wahrsten Sinne des Wortes tragischer Bewegungen. Die eine war der große Kampf der afroamerikanischen Bevölkerung für Bürgerrechte und einen gleichberechtigten Platz in der amerikanischen Gesellschaft, der ihnen verwehrt wurde. Die andere war der verzweifelte Kampf der europäischen Juden ums Überleben und gegen den Terror der Nazis und deren rassistische Ideologie.

Man sollte bedenken, dass 1939 das Jahr war, in dem Marian Anderson daran gehindert wurde, in der Constitution Hall zu singen, und auf den Stufen des Lincoln Memorial nur auf Initiative von Eleanor Roosevelt singen konnte. Waghalter komponierte ein Lied, das Marian Anderson gewidmet war.

Bei Goldfarbs Vortrag war auch George Shirley, Musikprofessor an der University of Michigan und weltbekannter Sänger, anwesend. Der heute 91-jährige Shirley war der erste schwarze Tenor und der zweite schwarze Mann, der an der New Yorker Metropolitan Opera Hauptrollen sang. Er sang an der Met elf Spielzeiten lang.

George Shirley, Professor für Musik an der University of Michigan

Shirley trat auch an der Royal Opera in London auf, an der Deutschen Oper in Berlin, dem Teatro Colón in Buenos Aires, der Niederländischen Nationaloper in Amsterdam, der Opéra de Monte-Carlo, der New York City Opera, der Scottish Opera, der Lyric Opera of Chicago, der Washington National Opera, dem Michigan Opera Theater, der San Francisco Opera und der Santa Fe Opera sowie bei den Sommerfestivals in Glyndebourne, und er sang in den Vereinigten Staaten und Europa mit zahlreichen Orchestern. Er hat mehr als 80 Rollen gesungen.

Shirley war Direktor der Abteilung für Vokalkunst an der School of Music, Theater and Dance der University of Michigan und unterhält dort nach wie vor ein Studio.

In einem eindrucksvollen Beitrag zur Diskussion im Anschluss an den Vortrag schloss sich Shirley Waghalters Überzeugung an, dass Musik alle rassischen, nationalen und ethnischen Grenzen überwindet. Er erklärte:

Die Verwendung des Begriffs „Rasse“ ist problematisch, denn es gibt nur eine Rasse, die Menschheit. Es gibt zwar ethnische und stammesbezogene Unterschiede, aber nur eine Rasse. Wir sind alle Menschen, biologisch gesehen eine Rasse. Und ich würde behaupten, dass die Geschichte uns als die schlimmste Spezies auf diesem Planeten kennt, wenn es um das geht, was wirklich am wichtigsten ist – nämlich Menschlichkeit. Deshalb plädiere ich dafür, den sozial konstruierten Begriff „Rasse“ auf den Müll zu werfen. Vielleicht können wir einander dann mit anderen Augen sehen, denn wir sind alle gleich, abgesehen von unserer ethnischen Zugehörigkeit, unserer Hautfarbe (...)

Was ist Musik? Sie ist die ursprüngliche Sprache. Neandertaler hatten keine Worte. Wenn wir auf diese Welt kommen, haben wir keine Worte.

Wir haben Laute, die aus uns herauskommen, wenn wir Babys sind und aus dem Mutterleib kommen, wenn man uns auf den Po klatscht. Und die Eltern müssen übersetzen: Mein Magen ist leer, meine Windel ist voll. Neandertaler hatten offensichtlich keine Worte. Sie kommunizierten mit Lauten. Worte kamen erst mit dem Homo Sapiens.

Es gibt ein wunderbares Buch mit dem Titel „The Singing Neanderthal“ [: „The Origins of Music, Language, Mind, and Body“ von Steven Mithen]. Aber Musik ist wohl die Laute, die ein Baby macht, um sich auszudrücken. Es ist diese heilende Kraft, diese Kraft, die uns von Anfang an begleitet hat, die verschiedene Ethnien aufgreifen, formen und gestalten, und sie gehört allen.

Hier ist die Wikipedia-Seite über Ignatz Waghalter, und hier sind weitere Informationen.

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