Tesla Grünheide: IG Metall erleidet Schlappe bei den Betriebsratswahlen

Baut unabhängige Aktionskomitees auf!

[AP Photo/Ebrahim Noroozi]

Bei den Betriebsratswahlen, die zwischen dem 2. und 4. März in Europas einziger Tesla-Gigafabrik in Grünheide bei Berlin stattfanden, hat die IG Metall eine krachende Niederlage kassiert.

Trotz massiven Bemühungen von Seiten der IG Metall und großer Medienaufmerksamkeit wählten nur 31 Prozent der Beschäftigten die Liste „IG Metall Tesla Workers GFFB“. Sie wird im neuen Betriebsrat nur 13 der insgesamt 37 Sitze einnehmen. Die restlichen 24 Sitze fallen an nicht gewerkschaftlich organisierte Listen. Die meisten Sitze gewann mit 16 Mandaten die von Tesla gelenkte Liste „Giga United“, angeführt von der aktuellen Betriebsratsvorsitzenden Michaela Schmitz. Die Liste „polnische Initiative“, die erstmals kandidierte, erhielt 3 Sitze.

Die IG Metall hatte fest damit gerechnet, über 50 Prozent der Stimmen zu erhalten und damit den Vorsitz des Betriebsrats übernehmen zu können. Nach der Betriebsratswahl 2024 hatte die IG Metall noch die größte Gruppe gestellt, aber nicht die Mehrheit der Sitze erreicht.

Im Vorfeld der Betriebsratswahlen schrieben führende wirtschaftsfreundliche Medien wie das Handelsblatt oder der Spiegel von einem „Richtungskampf“. Der Spiegel sprach gar von einem „Kulturkampf, in dem der libertäre Silicon-Valley-Geist auf die jahrzehntelang eingeübte Mitbestimmungstradition der deutschen Industrie prallt“.

Sie sprangen der IG Metall zu Hilfe, weil sie der Auffassung sind, dass sich unkontrollierte Klassenauseinandersetzungen in Großkonzernen nur mit der bewährten Einbindung der Gewerkschaft verhindern lassen. Doch die Zeiten von „Sozialpartnerschaft“ und sozialem Ausgleich gehören der Geschichte an. In der gesamten Autoindustrie haben die Konzernspitzen den Arbeitern den Krieg erklärt. Statt Sozialpartnerschaft ist jetzt Klassenkampf angesagt.

Doch diesen Kampf können und wollen die IG Metall und ihre Betriebsräte nicht führen, weil ihre Existenz auf Klassenzusammenarbeit beruht. Die Krise, in der es nichts mehr zu verteilen gibt, treibt sie dazu, den Konzernspitzen und dem Staat die Treue zu schwören. Kommt es zu Opposition und Widerstand in den Belegschaften, der sich notwendigerweise gegen die verräterische IG Metall richten muss, unterbindet der IG-Metall-Apparat diese Rebellion mit Mafiamethoden, wie bei Bosch in Schwäbisch Gmünd.

Im Wahlkampf bei Tesla stand nun die Liste der IG Metall selbst unter Beschuss. Der IG Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen, Jan Otto, sprach von „Attacken des Managements und einem außergewöhnlich unfairen Wahlkampf“.

Das Tesla-Management, angeführt von Werksleiter André Thierig, wetterte gegen die IG Metall und drohten indirekt sogar mit dem Stopp eines weiteren Werksausbaus. Die Einflussnahme des Managements war weitreichend: auf Betriebsversammlungen, in Einzelgesprächen mit Vorgesetzten und mit Dauerpropaganda über das Werksradio auf den Toiletten wurde gedroht.

Elon Musk, der reichste Mann der Welt, der Trump und die AfD unterstützt, in seinen US-Fabriken Union Bashing betreibt und ständig gegen das Arbeitsrecht verstößt, mischte sich höchstpersönlich bei der Tesla-Betriebsratswahl in Grünheide ein und drohte mit Investitionstopp, sollte die Wahl nicht nach seinen Gunsten ausfallen.

Auch der Eklat auf einer Betriebsratssitzung, bei der Tesla einem IG Metall-Sekretär einen heimlichen Mitschnitt vorwarf, war eine durchsichtige Provokation. Bezeichnenderweise einigten sich beide Seiten vor dem Arbeitsgericht im Streit um Äußerungen auf einen Vergleich.

Diese undemokratischen Angriffe von Seiten des Tesla-Managements müssen prinzipiell zurückgewiesen werden. Es geht um das Recht der Beschäftigten, die Vertreter ihrer Wahl zu wählen, ohne Drohungen und Erpressung durch das Management.

Gäbe es im Betrieb ein unabhängiges Aktionskomitee, hätte es gegen die undemokratische Einmischung in die Wahl und gegen die Hexenjagd auf krankgeschriebene Kollegen protestiert und die Einberufung einer außerordentlichen Betriebsversammlung verlangt. Es hätte darauf bestanden, dass sich das Management und insbesondere Werksleiter André Thierig aus der Wahl heraushalten und sich schriftlich verpflichten, ihr rechtswidriges Verhalten zu stoppen.

Die IG Metall und ihr ansonsten lautstarker Bezirksleiter Jan Otto haben nichts dergleichen unternommen. Sie haben ihre demokratischen Rechte nicht verteidigt, geschweige denn die der ganzen Belegschaft. Sie haben noch nicht einmal versucht, die Belegschaft gegen diese eklatanten Angriffe zu mobilisieren. Selbst eine Anfechtung der Wahl schließt Jan Otto aus. Eine juristische Lösung sei für ihn nicht vorrangig. „Das müssen wir moralisch klären“, ließ er verlauten.

Die Sackgasse der „Mitbestimmungstradition“

Um es offen zu sagen: Hätte die IG-Metall die Mehrheit im Betriebsrat bei Tesla errungen, wäre das kein Gewinn für die Belegschaft. Vorausgesetzt, Musk würde sich auf eine „Sozialpartnerschaft“ einlassen, würde ihm die IG Metall aus der Hand fressen, ihre verhassten Mafiamethoden auch bei Tesla etablieren und jeden unabhängigen Widerstand unterdrücken. Dass trotz einer Wahlbeteiligung von 90 Prozent weniger als ein Drittel der IG Metall ihre Stimme gaben, ist in dieser Hinsicht zu begrüßen.

Der IG Metall-Apparat agiert in der gesamten Autoindustrie als verlängerter Arm der Unternehmen. Das haben auch die Tesla-Arbeiter mitbekommen. Sie haben die endlosen Massenentlassungen und Lohnsenkungen verfolgt, die von IG Metall-Betriebsräten vereinbart und durchgesetzt wurden. Gerade in großen Autokonzernen – wie VW, Mercedes oder Bosch –, in denen mächtige und gut bezahlt IG Metall-Bürokraten das Sagen haben, findet gegenwärtig ein anhaltender Kahlschlag statt, ohne jede Gegenwehr von Seiten der IG Metall.

Wäre die IG Metall tatsächlich eine konsequente Interessenvertretung der Arbeiter, hätte sie bei Tesla in den letzten vier Jahren Gelegenheit genug gehabt, die international zusammengesetzte Belegschaft gegen Musk zu mobilisieren. Sie hätte sich auch an die Arbeiter der anderen Gigafabriken in den USA und China gewandt und wäre für einen weltweiten Zusammenschluss der Autoarbeiter eingetreten mit dem Ziel, die Macht des Konzerns zu brechen.

Doch die reale IG Metall lehnt eine solche Perspektive kategorisch ab. Sie strebt danach, mit Mehrheiten in Betriebsräten und warmen Aufsichtsratsposten ihr privilegiertes Dasein zu sichern. Ihre angestammte Aufgabe sieht sie darin, in den Betrieben als Betriebspolizei für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Dass die Belegschaft mehrheitlich für die vom Konzern gelenkte Liste „Giga United“ und neun weitere, mehr oder weniger Tesla-freundliche Listen stimmte, zeugt von Desorientierung und Perspektivlosigkeit – ein Ergebnis davon, dass noch keine unabhängige und schlagkräftige Interessenvertretung der Belegschaft aufgebaut wurde.

Unter den 107 Kandidaten der IGM-Liste, mehrheitlich internationalen Kollegen, befinden sich etliche, die sich aus aufrichtigen Gründen dort aufstellen ließen – aus Mangel an Alternativen oder aus Unkenntnis der langen Geschichte des Verrats und Ausverkaufs der IGM.

Musks Ausbeutung kann nur durch die unabhängige Selbstorganisation in Aktionskomitees, verbunden mit einer sozialistischen Perspektive, wirksam bekämpft werden. Das ist die Aufgabe der Stunde.

Wenn IGM-Bezirksleiter Jan Otto jetzt auf einer Pressekonferenz große Töne spuckt und plötzlich entdeckt, dass Musk „ein Kapitalist“ sei, „der Kraft der Kohle ein Stück Demokratie aushöhlt“, macht er sich lächerlich. Mit dieser aufgesetzten Kapitalismusschelte beschwert er sich in Wirklichkeit nur darüber, dass Musk nicht Teil der – wie er sagt – „eingeübten Mitbestimmungstradition“ werden will, in der Gewerkschaftsbürokraten wie er als verlässliche Co-Manager im Aufsichtsrat sitzen.

Es ist noch keine vier Jahre her, seit die riesige Tesla-Gigafabrik in Grünheide feierlich von Elon Musk eröffnet wurde. Der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) überhäuften Musk mit Lob und Ehre. Die IG Metall verkündete, sie habe „jedes Interesse daran, dass dieses Werk floriert und dauerhaft Erfolg hat“.

In diesen vier Jahren wurden die Ausbeutungsbedingungen immer krasser und Medien berichteten darüber. Ein ehemaliger Schichtleiter sagte z.B. dem Stern: „Die Leute werden verheizt bei Tesla. Zeitweise war in meinem Team jeder zweite krank.“ Doch von Seiten der IG Metall gab es keine nennenswerten Proteste, geschweige denn Streikaktionen.

Hauptforderung der IG Metall ist die nach einem Tarifvertrag, den es nur mit einer Betriebsratsmehrheit der IG Metall geben könne und der dann nur für Mitglieder gelte. Auf einem Flyer, mit dem sie auf Mitgliederfang geht, vergleicht sie die Tarife, die einst bei Mercedes in Berlin-Marienfelde vor vielen Jahren galten, mit den Konditionen bei Tesla.

Augenscheinlich liegen die Löhne bei Tesla etwas niedriger, dabei wird allerdings geflissentlich unterschlagen, dass die IG Metall in den letzten Jahren auch bei Mercedes Reallohnsenkungen und weiteren Abstriche im Lohngefüge zustimmte.

Noch gravierender ist der üble Kahlschlag, den der IGM-Betriebsrat bei Mercedes auch in Marienfelde mit zu verantworten hat. Unter dem Slogan „Wandel statt Schließung“ hat die IG Metall einem Personalabbau von ursprünglich 3000 auf gegenwärtig 1800 Beschäftigte zugestimmt.

Personalabbau bei Tesla

Auch den Personalabbau bei Tesla von 12.400 auf 10.700 in den letzten zwei Jahren hat die IG Metall kampflos hingenommen. Tesla hat seit 2024 mit Absatzproblemen zu kämpfen. 2025 war das Werk in Grünheide, das einzige in Europa, zu weniger als 60 Prozent ausgelastet. Der Gewinn brach trotzdem nur wenig ein, weil die Produktivität durch weitere Automatisierung und den Abbau von 1700 Stellen gesteigert wurde. Über 1000 Zeitarbeiter mussten in den letzten zwei Jahren gehen.

Musk hatte 2024 einen Stellabbau von 10 Prozent angekündigt, in Grünheide waren es 14 Prozent. 2025 verkaufte Tesla weltweit 9 Prozent weniger Autos, auf dem chinesischen Markt und in Europa brachen die Verkaufszahlen regelrecht ein, teilweise um 40 bis 50 Prozent. Das war nicht zuletzt auch ein Ergebnis von Musks faschistischen Tiraden und seiner Unterstützung Trumps und der AfD.

Der IG Metall ist dies natürlich alles bekannt. Sie beschäftigt in ihrer Berliner Geschäftsstelle eigens ein mehrköpfiges Team für Tesla. Doch selbst während des Betriebsratswahlkampfs äußerte sie sich nicht über den Zusammenhang von Musks Ausbeutungsmethoden mit dem aktuellen politischen Geschehen in den USA.

Sie verlor kein Wort über die faschistische Hetzjagd gegen Migranten und die Ermordung von US-Bürgern durch die Einwanderungsbehörde ICE, den Überfall auf Venezuela, den anhaltenden Genozid in Gaza und den verbrecherischen Krieg gegen den Iran. Dabei zählt Musk zu den treibenden Kräften von Trumps Kriegs- und Diktaturplänen. Als Leiter der Rationalisierungsbehörde D.O.G.E. war er für Massenentlassungen im öffentlichen Dienst verantwortlich.

Nicht nur bei Tesla, wo sich diese Frage geradezu aufdrängen, schweigt die IG Metall dazu. In der gesamten Auto- und Metallindustrie unterdrücken ihre Funktionäre die hochbrisante politische Frage nach dem Zusammenhang zwischen Krieg, Aufrüstung, Massenentlassungen und sozialem Kahlschlag.

Der Grund dafür ist einfach: Die IG Metall und sämtliche anderen Gewerkschaften stehen politisch auf der Seite der Merz-Klingbeil-Regierung, unterstützen ihre Kriegspolitik und verteidigen die nationalen Profitinteressen der Konzerne, in die sie eingebettet sind. Hier schließt sich der Kreis der „eingeübten Mitbestimmungstradition“.

Eine Belegschaft, die so international zusammengesetzt ist wie die von Tesla, unterstreicht den internationalen Charakter der Arbeiterklasse und die Notwendigkeit des gemeinsamen Handelns. Im Werk Grünheide arbeiten Beschäftigte aus 150 Nationen. Aus dem naheliegenden Polen pendeln täglich über 2000 Menschen über die Grenze. Es gibt hunderte türkisch- und arabischstämmige Arbeiter. Nicht wenige sind aus Kriegs- und Krisengebieten geflüchtet und arbeiten jetzt bei Tesla.

Die nationale Phalanx aus Regierung, Konzernen und Gewerkschaften erfordert eine internationale Antwort der Arbeiterklasse. Kämpfe dürfen nicht auf nationaler Ebene steckenbleiben. In der globalen Autoindustrie sind Lieferketten und Produktion länderübergreifend verflochten – ein „deutsches“ oder „amerikanisches“ Auto gibt es nicht. Nur durch die unabhängige Selbstorganisation in Aktionskomitees, verbunden mit einer sozialistischen Perspektive, kann Musks Ausbeutung wirksam bekämpft werden.

Wir rufen die Tesla-Arbeiter in Grünheide auf: Beteiligt euch am Aufbau eines unabhängigen Aktionskomitees, um sich weltweit mit den Kolleginnen und Kollegen zu vereinen. Nehmt Kontakt mit uns auf. Schreibt eine Whatsapp an die +49 163 3378340 und registriert euch über das untenstehende Formular.

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