Perspektive

Vortrag an der Berliner Humboldt-Universität

Der amerikanische Imperialismus und die Unterdrückung des Iran

Den folgenden Vortrag hielt David North, der Vorsitzende der internationalen Redaktion der WSWS, am 24. März 2026 auf Einladung der dortigen Hochschulgruppe der IYSSE an der Berliner Humboldt-Universität.

Am 28. Februar 2026 haben die Vereinigten Staaten und Israel ohne formelle Kriegserklärung einen massiven Angriff auf den Iran begonnen. Sie bombardierten Militärstützpunkte, Regierungsgebäude und Städte im ganzen Land. Der Oberste Führer des Iran, Ali Chomenei, wurde beim ersten Angriff getötet, ebenso zahlreiche weitere Regierungsvertreter und eine unbekannte Zahl von Zivilisten. Schulen, Krankenhäuser und Kulturstätten wurden beschädigt oder zerstört.

Innerhalb weniger Tage hatten die USA Bunkerbrecherbomben, die jeweils rund 2,3 Tonnen schwer sind, auf iranische Raketenstellungen entlang der Straße von Hormus abgeworfen. Ein amerikanisches U-Boot torpedierte und versenkte die iranische Fregatte IRIS Dena im Indischen Ozean. Das Pentagon wusste, dass dieses Schiff unbewaffnet war, da es gerade von einem multinationalen Marinemanöver zurückkehrte, bei dem alle teilnehmenden Schiffe keine Munition an Bord haben durften. 80 Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Es war das erste Schiff, das seit dem Zweiten Weltkrieg von einem amerikanischen U-Boot versenkt wurde.

Inzwischen dauert der Krieg seit über drei Wochen an. Mehr als 1.500 Menschen wurden im Iran getötet, mindestens 160 starben bei einem amerikanischen Raketenangriff auf eine Mädchenschule. Über 4.000 zivile Gebäude wurden beschädigt. Der Iran verteidigt sich mit Raketen- und Drohnenangriffen in der gesamten Golfregion und hat Ziele in Israel, Bahrain, Kuwait, Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten getroffen. Die Straße von Hormus, durch die normalerweise ein Fünftel der weltweiten Ölexporte fließt, ist faktisch gesperrt. Die Ölpreise sind auf über 110 Dollar pro Barrel gestiegen. Die Internationale Energieagentur hat die Situation als „die größte Herausforderung für die globale Energiesicherheit in der Geschichte“ bezeichnet. 20.000 Seeleute sind im Golf gestrandet. Die internationale Schifffahrt ist zum Erliegen gekommen.

Bombardierung Teherans durch US-amerikanische und israelische Streitkräfte, 4. März 2026

Präsident Trump hat die „bedingungslose Kapitulation“ des Iran gefordert. Er hat gedroht, Irans Kernkraftwerke und das Stromnetz anzugreifen. Er hat erklärt, dass ein Regimewechsel „stattfinden wird“. Der US-Verteidigungsminister hat gedroht, das Militär werde nicht nachlassen, bis „der Feind vollständig und entscheidend besiegt ist“. Geheimdienstanalysen der USA haben unterdessen festgestellt, dass die Behauptung einer angeblichen Bedrohung durch iranische Langstrecken-Interkontinentalraketen unbegründet ist, da der Iran solche Fähigkeiten frühestens bis 2035 entwickeln könne.

Der Angriff wurde in genau der Nacht gestartet, in der Vermittler des Oman bedeutende Fortschritte bei den Atomverhandlungen meldeten und der Iran grundsätzlich zugestimmt hatte, seinen Bestand an angereichertem Uran auf Null zu reduzieren. Der iranische Außenminister hatte öffentlich erklärt, ein „historisches“ Abkommen zur Vermeidung eines Kriegs sei „in greifbarer Nähe“. Doch die USA entschieden sich für Krieg statt für eine Verhandlungslösung.

Die Gefahr einer Ausweitung des Flächenbrands ist nicht bloße Theorie, sondern ein entscheidender Faktor in den Berechnungen aller Regierungen weltweit.

Die historische Parallele, die sich aufdrängt, ist nicht der Golfkrieg von 1991 oder die Invasion des Irak von 2003, sondern der August 1914. Der Erste Weltkrieg begann als regionaler Konflikt auf dem Balkan und weitete sich durch die Logik von Bündnissen, imperialen Rivalitäten und Fehlkalkulationen zu einer globalen Katastrophe aus, die vier Imperien zerstörte und 20 Millionen Menschen tötete.

Heute sind die Mechanismen, die zu einer Eskalation der Krise führen können, nicht weniger gefährlich. Der Irankrieg ist mit den Konflikten in der Ukraine, im Südchinesischen Meer und der größeren Konfrontation der USA mit Russland und China verbunden. Ein einziger Zwischenfall – eine verirrte Rakete, die ein NATO-Mitglied trifft, eine Konfrontation der Marine im Golf, ein Angriff auf eine Atomanlage – könnte eine Kettenreaktion auslösen, die keine Regierung mehr zu kontrollieren vermag. Die Arbeiterklasse und die gesamte Menschheit stehen vor einer Situation, die Trotzki am Vorabend des Zweiten Weltkriegs so prophetisch mit den Worten beschrieb: Die herrschende Klasse „schlittert mit geschlossenen Augen in eine wirtschaftliche und militärische Katastrophe“.

Dieser Krieg ist ein „Verbrechen gegen den Frieden“ – der erste und grundlegendste Anklagepunkt gegen die NS-Führung vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg 1945–1946. Von den 22 Angeklagten im Nürnberger Prozess wurden 13 für die Führung von Angriffskriegen verurteilt und elf am 16. Oktober 1946 erhängt. Hermann Göring, Hitlers zweiter Mann, entzog sich dem Galgen, indem er wenige Stunden vor seiner geplanten Hinrichtung Zyankali schluckte.

Der amerikanische Chefankläger Robert H. Jackson in Nürnberg

Robert H. Jackson, der amerikanische Chefankläger in Nürnberg und Richter am Obersten Gerichtshof der USA, eröffnete den Prozess mit Worten, die bis heute am deutlichsten den Grundsatz darlegen, dass das Völkerrecht die Mächtigen nicht weniger bindet als die Machtlosen: „Der Vorzug, eine Gerichtsverhandlung über Verbrechen gegen den Frieden der Welt zu eröffnen, wie sie hier zum ersten Mal in der Geschichte abgehalten wird, legt eine ernste Verantwortung auf“, erklärte Jackson. „Die Untaten, die wir zu verurteilen und zu bestrafen suchen, waren so ausgeklügelt, so böse und von so verwüstender Wirkung, dass die menschliche Zivilisation es nicht dulden kann, sie unbeachtet zu lassen, sie würde sonst eine Wiederholung solchen Unheils nicht überleben.“

Jackson bestand darauf, dass das in Nürnberg etablierte Recht nicht selektiv angewandt werden könne. „Dieses Gesetz wird hier zwar zunächst auf deutsche Angreifer angewandt, es schließt aber ein und muss, wenn es von Nutzen sein soll, den Angriff jeder anderen Nation verdammen, nicht ausgenommen die, die jetzt hier zu Gericht sitzen.“

Und er erklärte mit einer Deutlichkeit, die zugleich eine Anklage gegen die gesamte spätere Geschichte der amerikanischen Außenpolitik darstellt:

Jede Zuflucht zu einem Krieg, zu jeder Art von Krieg, ist eine Zuflucht zu Mitteln, die ihrem Wesen nach verbrecherisch sind. […] Ein ehrlicher Verteidigungskrieg verstößt natürlich nicht gegen das Gesetz und bewahrt, wenn er in den Schranken des Rechts geführt wird, vor strafbarer Schuld. Aber es geht nicht an, wenn ein Krieg selbst ungesetzlich ist, Handlungen, die ihrem Wesen nach verbrecherisch sind, mit dem Hinweis zu verteidigen, wer sie begangen habe, sei eben in einen Krieg verwickelt gewesen.

Nach dem Maßstab, den Jackson formulierte und den das Nürnberger Gericht durchsetzte, ist der Krieg gegen den Iran ein Angriffskrieg. Er wurde entfesselt ohne vorherige Provokation, ohne Genehmigung des UN-Sicherheitsrats, ohne Kriegserklärung durch den US-Kongress und er verstößt gegen die Charta der Vereinten Nationen, die den Einsatz von Gewalt gegen die territoriale Integrität eines jeden Staates verbietet. Der Iran hatte die USA weder angegriffen noch stellte er eine unmittelbare Bedrohung für Amerika dar. Vielmehr verhandelten die Länder gerade über ein umfassendes Abkommen.

Die europäischen imperialistischen Mächte sind an diesem Verbrechen vollumfänglich mitschuldig. Ihre Differenzen mit Washington sind, soweit sie überhaupt bestehen, rein taktischer Natur. Die Europäische Union veröffentlichte am 1. März eine Erklärung, in der sie den amerikanisch-israelischen Überraschungsangriff nicht verurteilte, sondern stattdessen die iranischen Vergeltungsschläge als „unentschuldbar“ bezeichnete. Der Europäische Rat verurteilte „entschieden die willkürlichen militärischen Angriffe Irans gegen Länder in der Region“ und rief lediglich zu „größtmöglicher Zurückhaltung“ und zum „Schutz der Zivilbevölkerung“ auf. Letzteres war an beide Seiten gerichtet, als ob der Angreifer und das Opfer der Aggression aus moralischer Sicht auf gleicher Stufe stünden. Bundeskanzler Merz bezeichnete den Iran als große Sicherheitsbedrohung und argumentierte, Jahrzehnte der Diplomatie seien gescheitert. Frankreich entsandte seinen Flugzeugträger in die Region, um „französische Interessen zu schützen“.

Vier Jahre lang haben dieselben europäischen Regierungen Russland einen „unprovozierten Angriffskrieg“ gegen die Ukraine vorgeworfen, obwohl dieser Krieg in Wahrheit keineswegs unprovoziert war. Er ergab sich vielmehr direkt aus der unaufhörlichen Osterweiterung der NATO und dem systematischen Versuch, die Ukraine in eine Operationsbasis gegen Russland zu verwandeln. Aber nehmen wir einmal – um der Argumentation willen – die eigene Darstellung der Europäer hin: Sie haben sich auf das Völkerrecht berufen, auf die Unverletzlichkeit der Souveränität und die Unantastbarkeit der Grenzen. Sie haben umfassende Sanktionen gegen Russland verhängt und die Ukraine mit Waffen im Wert von zig Milliarden Dollar versorgt. Doch jetzt äußern sie kein einziges Wort der Opposition gegen einen Krieg, der eindeutig unprovoziert war – ein Krieg, den ihr wichtigster Verbündeter gegen eine Nation von 91 Millionen Menschen führt, der mehr als 1.500 Zivilisten das Leben gekostet und die wichtigste Schifffahrtsroute der Welt lahmgelegt hat und der in eine atomare Katastrophe zu münden droht. Die „regelbasierte internationale Ordnung“ hat sich einmal mehr als Euphemismus dafür entpuppt, dass die imperialistischen Mächte das Recht beanspruchen, Krieg gegen jeden zu führen, den sie ins Visier nehmen wollen.

Es ist notwendig, sich mit einer Darstellung des Kriegs auseinanderzusetzen, die mittlerweile praktisch die gesamte öffentliche Debatte beherrscht – sowohl auf der Rechten als auch auf der Linken. In dieser Erzählung wird behauptet, der Krieg gegen den Iran sei in erster Linie – in manchen Versionen sogar ausschließlich – ein Ergebnis israelischen und zionistischen Einflusses auf die amerikanische Außenpolitik. Nach dieser Auffassung hätten die USA kein eigenständiges Interesse an einem Konflikt mit dem Iran, seien von Benjamin Netanjahu und der Israellobby manipuliert oder in den Krieg gedrängt worden und würden im Nahen Osten einen gänzlich anderen Kurs verfolgen, wenn sie von diesem schädlichen Einfluss befreit wären.

Diese Interpretation wurde am aggressivsten von Vertretern der nationalistischen Rechten vorgetragen. Der Journalist Tucker Carlson, die einflussreichste Stimme dieses Lagers, erklärte am 3. März 2026: „Das ist passiert, weil Israel es so wollte. Das ist Israels Krieg. Das ist nicht der Krieg der Vereinigten Staaten.“ Carlson ging noch weiter und behauptete: „Die USA haben hier nicht die Entscheidung getroffen. Benjamin Netanjahu hat sie getroffen.“

Colonel Douglas MacGregor, ehemaliger Berater des Verteidigungsministers, hat in derselben Richtung argumentiert. Zwei Tage vor Kriegsbeginn erklärte MacGregor: „Ich denke, er [Trump] erkennt, dass er keine große Wahl hat. Wir müssen verstehen, wer ihn ins Weiße Haus gebracht hat und welche enorme Macht und welchen Einfluss die Israellobby und die zionistischen Milliardäre in den Vereinigten Staaten ausüben, die dazu beitragen.“ In einem Beitrag in den sozialen Medien nach Kriegsbeginn fragte MacGregor: „Wofür? Damit Israel, das diesen irrsinnigen Krieg angefangen hat, die Amerikaner in einen größeren regionalen Konflikt hineinziehen kann?“

Dieses Narrativ wird weitgehend von der links-liberalen Opposition geteilt, wenn auch mit unterschiedlichen Nuancen und Details. Jeffrey Sachs, ein Wirtschaftswissenschaftler an der Columbia University, hat erklärt, der Krieg werde von „zwei bösartigen Narzissten, Netanjahu und Trump,“ vorangetrieben. Er stellt den Konflikt vor allem als Projekt für ein „Groß-Israel“ und die regionale Hegemonie Israels dar. US-Journalisten wie Max Blumenthal und Chris Hedges sowie Organisationen wie CodePink, die den Slogan „We won’t die for Israel’s war“ (Wir werden nicht für Israels Krieg sterben) verbreiten, interpretieren den Konflikt im Wesentlichen genauso wie die nationalistische Rechte, nämlich als einen Krieg, der für Israel und nicht für Amerika geführt wird.

Es steht außer Frage, dass die Israellobby real ist und enorme Mittel aufwendet, um die amerikanische Politik zu beeinflussen. Es steht ebenso außer Frage, dass Israel diesen Krieg seit Jahrzehnten angestrebt hat und dass Netanjahu die Geheimdienstinformationen über Chomeneis Aufenthaltsort lieferte, die den Angriff vom 28. Februar möglich machten. Das israelische Regime, das einen unverkennbar faschistischen Charakter annimmt, begeht einen Völkermord in Gaza und trägt eine große Verantwortung für die Katastrophe, die jetzt den Nahen Osten erfasst.

Die World Socialist Web Site stand immer an vorderster Front in der Opposition gegen Israel – eine Haltung, die bis 1948 zurückreicht, als die Vierte Internationale die Gründung des Staates Israel ablehnte. Der ideologische und politische Kampf des Marxismus gegen den Zionismus geht bis in die 1880er Jahre zurück. Trotzki selbst sah im Zionismus den Versuch, eine reaktionäre Utopie voranzutreiben – mit potenziell katastrophalen Konsequenzen. Seine Warnung hat sich bewahrheitet.

Den Irankrieg aber hauptsächlich oder sogar ausschließlich als Ergebnis des zionistischen Einflusses zu erklären, wäre völlig falsch ­– sowohl in der historischen Analyse als auch in der politischen Perspektive. Eine solche Erklärung, ob ihre Fürsprecher es beabsichtigen oder nicht, führt dazu, den amerikanischen Imperialismus zu rechtfertigen und sich auf seine Seite zu stellen. Wenn das Problem der israelische Einfluss ist, dann besteht die Lösung darin, diesen Einfluss zu beseitigen und ihn durch eine „gute“ Außenpolitik zu ersetzen, die echte „uramerikanische“ Interessen verteidigt. Außenpolitik wird zu einer Frage der Hygiene – der Reinigung eines ansonsten gesunden Gemeinwesens von einem Fremdkörper. Diese Sichtweise ist eng verwandt mit der reaktionären und im Kern antisemitischen Tradition, die einen grundlegenden Gegensatz zwischen einem gesunden und produktiven christlichen Kapitalismus und einem parasitären, wucherischen, jüdisch dominierten Finanzkapital konstruiert. Es ist kein Zufall, dass Carlson in seinen Kommentaren innerhalb weniger Tage von der Kritik an Israels Außenpolitik zu Verschwörungstheorien über die jüdische Kontrolle des amerikanischen Staates übergegangen ist.

Im israelzentrierten Narrativ wird der gegenwärtige Krieg aus jeder kohärenten historischen, geopolitischen, sozioökonomischen und Klassenanalyse seiner Ursprünge, Ursachen und Ziele gelöst. Der Imperialismus als analytischer Rahmen wird letztlich aufgegeben. Diese Herangehensweise ignoriert vollständig die lange und verhängnisvolle Rolle des britischen, deutschen und schließlich amerikanischen Imperialismus bei der Unterdrückung von Persien bzw. dem Iran. Die Frage des Erdöls – die materielle Grundlage des gesamten Konflikts – wird in den Hintergrund gedrängt. Der aktuelle Krieg wird völlig von dem langwierigen Kampf getrennt, den die USA seit 1979 gegen den Iran führen, mit dem Ziel, die Folgen der iranischen Revolution rückgängig zu machen. Dieser Kampf umfasste brutale Finanzsanktionen, militärische Angriffe, den Einsatz von Stellvertretern – Irak und Israel sowie die Golfstaaten – und schließlich die vergangenen 35 Jahre Kriege, die von den Vereinigten Staaten und ihren NATO-Verbündeten im gesamten Nahen Osten, in Nordafrika und Zentralasien geführt wurden.

Darüber hinaus durchtrennt die israelzentrierte Interpretation die Verbindung zwischen diesem Krieg und den laufenden Vorbereitungen Washingtons für einen Krieg gegen Russland und China. Wie die World Socialist Web Site betont hat, ist das Ziel der Vereinigten Staaten, alle verbleibenden Spuren der sozialen und demokratischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts zu beseitigen und die Welt unter der Vorherrschaft Amerikas neu zu organisieren. Hinter dieser Politik stehen nicht einfach nur die bösen Absichten, geschweige denn der Wahnsinn und die Kriminalität Donald Trumps, sondern die Notwendigkeit des amerikanischen Kapitalismus, den anhaltenden Niedergang seiner Stellung in der globalen Wirtschaft durch Krieg umzukehren.

Trump selbst wurde von der amerikanischen herrschenden Klasse an die Macht gebracht. Seine Präsidentschaft ist nicht das Ergebnis eines Volksaufstands, sondern einer bewussten Entscheidung führender Teile der Finanzoligarchie, eine Figur ins Weiße Haus zu setzen, die bereit ist, in der Innen- wie auch der Außenpolitik die Methoden der kriminellen Unterwelt anzuwenden. Ein großer Teil der wirtschaftlichen und politischen Elite ist in abscheulichste Verbrechen verwickelt, die mit der Epstein-Affäre ans Licht kamen. Der Epstein-Fall gibt einen Einblick in das soziale Milieu, aus dem die Trump-Regierung hervorgegangen ist.

Der Krieg gegen den Iran wird von einer Regierung geführt, die selbst den Verfall der amerikanischen bürgerlichen Demokratie im Endstadium zum Ausdruck bringt. Sie setzt Krieg als Mittel ein, um die Opposition der Arbeiterklasse im Innern gegen die kapitalistische Oligarchie und das gesamte System der kapitalistischen Ausbeutung gewaltsam zu unterdrücken. Diese innenpolitische Repression ist untrennbar mit den globalen Erfordernissen des amerikanischen Kapitalismus verbunden.

Der Irankrieg folgte auf den Angriff auf Venezuela und die anhaltenden Versuche der USA, Kuba zu erdrosseln – und beides hat nichts mit zionistischen Interessen zu tun. Der Krieg entwickelt sich vor dem Hintergrund der faschistischen paramilitärischen Gewalt der US-Einwanderungspolizei ICE, die Einwanderer brutal verfolgt und amerikanische Bürger ermordet. Die Logik dieses Krieges ist nicht einfach die Logik der Israellobby. Es ist die Logik des Imperialismus in seiner Epoche der historischen Krise.

Um dies zu belegen, muss man die tatsächliche Geschichte der amerikanischen Beziehungen zum Iran betrachten – eine Geschichte, die weit vor der Gründung des modernen israelischen Staats begann. Die treibenden Faktoren waren nicht zionistische Machenschaften, sondern Öl, geopolitische Kontrolle und die Klasseninteressen des amerikanischen Kapitalismus.

Wer verstehen will, warum die Vereinigten Staaten seit fast einem halben Jahrhundert Krieg gegen den Iran führen – erst einen wirtschaftlichen und verdeckten Krieg, nun einen offen militärischen –, der sollte nicht bei der Ideologie beginnen, sondern bei der Geografie. Der Iran liegt an der Schnittstelle dreier kritischer Regionen der Weltwirtschaft: Zentralasien, Südasien und dem Persischen Golf. Er verfügt über die viertgrößten nachgewiesenen Ölreserven und die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt. Zudem kontrolliert der Iran den Nordteil der Straße von Hormus, der Meerenge, durch die vor dem aktuellen Krieg täglich etwa 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung transportiert wurden.

Kein ernstzunehmender Stratege in Washington hat dies je verkannt. Im Kampf um den Iran ging es im Kern nie um Terrorismus, nie um Atomwaffen, nie um Menschenrechte und nie um Israel. All dies diente als Vorwand, Rationalisierung und Werkzeug. Die grundlegende Frage war stets, wer die Ölressourcen des Persischen Golfs kontrolliert und zu welchen Bedingungen.

Die imperialistischen Mächte hatten dies lange begriffen, bevor die Vereinigten Staaten die Weltarena betraten. Großbritannien begann 1908 mit der Förderung iranischen Öls durch die Anglo-Persian Oil Company, die zur Anglo-Iranian Oil Company und schließlich zu British Petroleum wurde. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Iran faktisch eine britische Halbkolonie. Sein Ölreichtum wurde von einem ausländischen Konzern abgeschöpft, seine Politik wurde von der britischen Botschaft geprägt und seine Souveränität stand nur auf dem Papier.

Auch Deutschland erkannte die strategische Bedeutung des Iran. Unter dem Kaiser konkurrierte deutsches Kapital um Einfluss in Persien im Rahmen der umfassenderen Rivalität mit Großbritannien, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beitrug. Während des Zweiten Weltkriegs pflegten die Nazis Beziehungen zu Reza Schah Pahlavi. Dessen deutschfreundliche Haltung beunruhigte die Alliierten, weshalb britische und sowjetische Truppen 1941 in den Iran einmarschierten. Die Briten besetzten die südlichen Ölfelder, die Sowjets den Norden. Die Souveränität des Iran wurde, wie so oft, beiseitegeschoben, wenn sie mit den Interessen der Großmächte kollidierte. In diese Arena interimperialistischer Konkurrenz traten die USA während des Zweiten Weltkriegs ein – und haben sie seither nie verlassen.

Dies ist kein Geheimnis. Die Nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten von 2025 formulierte es mit ungewöhnlicher Offenheit: „Es wird stets ein Kerninteresse Amerikas sein, sicherzustellen, dass die Energieversorgung am Golf nicht in die Hände eines offenen Feindes fällt und dass die Straße von Hormus offen bleibt.“ Dieser eine Satz, verfasst von Trumps eigenem nationalen Sicherheitsapparat, widerlegt die Behauptung, die Vereinigten Staaten hätten kein eigenständiges Interesse an einem Krieg gegen den Iran.

Stalin, Roosevelt und Churchill auf der Teheran-Konferenz

Die strategische Bedeutung des Iran für den amerikanischen Imperialismus wurde nicht erst 1979 oder 2001 erkannt, sondern während des Zweiten Weltkriegs. Im November 1943 trafen sich Roosevelt, Churchill und Stalin zur Konferenz von Teheran in der Hauptstadt des Iran – dem ersten Gipfeltreffen der drei Hauptalliierten USA, Großbritannien und Sowjetunion. Die Wahl des Ortes war an sich schon bezeichnend. Der Iran war im August 1941 von Großbritannien und der Sowjetunion gemeinsam überfallen und besetzt worden und diente als wichtiger Versorgungskorridor, durch den amerikanisches Material im Rahmen des Lend‑Lease‑Programms an die sowjetische Front transportiert wurde.

In Teheran gaben die drei Staatschefs eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie zusicherten, die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale Integrität des Iran zu respektieren und wirtschaftliche Hilfe nach dem Krieg zu leisten. Zugleich sah sich Roosevelt auf der Konferenz mit einer Realität konfrontiert, die die amerikanische Gesamtstrategie für die nächsten acht Jahrzehnte prägen sollte: Wer den Iran beherrscht, kontrolliert den Zugang zu den reichsten Ölreserven der Welt.

Der erste Großmachtkonflikt des Kalten Krieges fand nicht in Berlin oder Korea, sondern im Iran statt. Gemäß dem Besatzungsabkommen aus der Kriegszeit sollten alle alliierten Streitkräfte innerhalb von sechs Monaten nach Kriegsende aus dem Iran abziehen. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien zogen planmäßig ab.

Die Truman-Regierung demonstrierte Härte gegenüber dem ehemaligen Verbündeten UdSSR und nutzte die Irankrise als Testfall für ihre Containment-Doktrin, die Eindämmungspolitik der USA. Die Iranfrage war eines der ersten Themen, mit denen sich der neu gegründete Sicherheitsrat der Vereinten Nationen befasste. Auch über direkte diplomatische Konfrontation übte Washington Druck auf Moskau aus, bis die Sowjets im Mai 1946 aus dem Iran abzogen.

Die Bedeutung dieser Episode kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der Iran war der erste Schauplatz, an dem die USA ihren Willen gegen die UdSSR durchsetzten und obsiegten. Es etablierte sich ein Muster, das die amerikanische Politik in der Region seither bestimmt: Die Verteidigung des westlichen Zugangs zum Erdöl des Persischen Golfs gilt als eines der wichtigsten strategischen Ziele. Der Iran verwandelte sich in einen amerikanischen Klientelstaat – ein Status, der in den folgenden 30 Jahren weiter gefestigt und ausgebaut wurde.

Das entscheidende Ereignis in der Geschichte der amerikanisch-iranischen Beziehungen, das die weitere Entwicklung erklärt, fand am 19. August 1953 statt, als die CIA und der britische Geheimdienst die demokratisch gewählte Regierung von Premierminister Mohammad Mossadegh stürzten und den Schah als absoluten Herrscher des Iran wieder einsetzten.

Mossadeghs Vergehen bestand darin, dass er die iranische Ölindustrie verstaatlicht hatte. Seit 1908 hatte die Anglo-Iranian Oil Company den Ölreichtum des Iran abgeschöpft und der iranischen Regierung nur einen Bruchteil der Einnahmen gezahlt. Als Mossadegh die nationale Kontrolle über das Öl zurückerlangen wollte, verhängte Großbritannien ein Embargo und eine Blockade und wandte sich dann an die Vereinigten Staaten, um mit ihrer Hilfe die Regierung zu entmachten.

Die Eisenhower-Regierung ergriff diese Gelegenheit, die ihr die Briten boten. Getrieben von den Ängsten des Kalten Kriegs ebenso wie den Interessen amerikanischer Ölkonzerne an iranischen Konzessionen ermächtigte sie die CIA, den Putsch durchzuführen. Die Operation mit dem Codenamen Ajax wurde von Kermit Roosevelt Jr. geleitet, ein Enkel von Theodore Roosevelt und Cousin des CIA-Agenten Archibald Roosevelt Jr., der später als Berater von David Rockefeller bei der Chase Manhattan Bank auftauchen sollte. Etwa 300 Menschen wurden bei den Kämpfen in Teheran getötet.

Der Schah des Iran Mohammad Reza Pahlavi

In der Zeit nach dem Putsch konsolidierte der Schah seine absolute Herrschaft. Mit Unterstützung der CIA und des israelischen Mossad gründete er die Geheimpolizei SAVAK. Die CIA entsandte einen US-Offizier in den Iran, um die Sicherheitskräfte auszubilden, die die Herrschaft des Schahs durchsetzen sollten: Generalmajor Norman Schwarzkopf Sr., dessen Sohn später Befehlshaber der alliierten Streitkräfte im Golfkrieg wurde. Die Ölförderung wurde unter einem neuen Konsortium reorganisiert, in dem fünf amerikanische Unternehmen nun die Beute mit British Petroleum, Shell und einem französischen Konzern teilten. Die Zerschlagung des demokratischen Experiments im Iran hatte ihren Zweck erfüllt. Amerikanisches Kapital hatte nun direkten Zugang zum iranischen Öl.

Die Behauptung, die Vereinigten Staaten hätten „kein Interesse“ an einem Konflikt mit dem Iran, wird nicht nur durch die historischen Fakten widerlegt, sondern auch durch die eigenen geheimen und öffentlichen Strategiedokumente der US-Regierung. Darin wird der Iran seit den 1950er Jahren durchgängig als zentrales amerikanisches Interesse und als Bedrohung identifiziert.

Dies zeigen bereits die Dokumente unmittelbar nach dem Putsch von 1953. Die erste umfassende Darlegung der US-Politik gegenüber dem Iran nach dem Sturz Mossadeghs im Dokument NSC 5402/1 setzte den Rahmen. Der Iran sollte als prowestlicher Klientelstaat aufrechterhalten und sein Militär unterstützt werden, während sein Öl weiter an die westlichen Märkte fließt. Im Dokument NSC 5821/1, das 1958 vom Nationalen Sicherheitsrat unter Eisenhower angenommen wurde, heißt es mit bezeichnender Deutlichkeit: „Aufgrund der strategischen Lage des Iran zwischen der UdSSR und dem Persischen Golf und seiner großen Ölreserven ist es für die Vereinigten Staaten von entscheidender Bedeutung, dass die Freundschaft, Unabhängigkeit und territoriale Integrität des Iran gewahrt werden.“ In diesem Dokument wurde der Einsatz amerikanischer Streitkräfte zum Schutz der territorialen Integrität und politischen Unabhängigkeit des Iran autorisiert.

Von 1953 bis 1979 diente der Schah als Washingtons „Gendarm am Persischen Golf“ – eine Formulierung aus der amerikanischen Strategie infolge der Nixon-Doktrin von 1969. Gemäß dieser Leitlinie sollten die Entwicklungsländer von regionalen Verbündeten im Auftrag Washingtons kontrolliert werden, statt einer Intervention amerikanischer Bodentruppen. Zwischen 1970 und 1978 bestellte der Schah amerikanische Waffen im Wert von 20 Milliarden Dollar – laut einem US-Kongressabgeordneten „die schnellste Aufrüstung unter Friedensbedingungen, die je eine Nation erlebt hat“. Der Iran wurde zum größten Einzelkunden für US-Waffenexporte. Grumman, Bell Helicopter, Northrop, Rockwell International und Dutzende anderer amerikanischer Rüstungsunternehmen verdienten Milliarden an den Geschäften mit dem Iran. Bis 1973 arbeiteten schätzungsweise 3.600 Techniker und Ingenieure der USA an rüstungsbezogenen Projekten im Iran, wobei die Zahl bis 1980 auf 25.000 ansteigen sollte.

Die Chase Manhattan Bank unter David Rockefeller bündelte Kredite in Höhe von mehr als 1,7 Milliarden Dollar für öffentliche Projekte des Iran, was etwa 5,8 Milliarden Dollar in heutigen Werten entspricht. In der Chase-Bilanz standen über 360 Millionen Dollar an direkten Darlehen an den Iran und mehr als 500 Millionen Dollar an iranischen Einlagen. Die finanziellen, militärischen und geheimdienstlichen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Schah-Regime waren kein diplomatisches Bündnis im gewöhnlichen Sinne. Es war ein System imperialer Ausbeutung und Kontrolle, geschmiert durch Waffenverkäufe und Bankprofite, durchgesetzt von einer Geheimpolizei, die von der CIA ausgebildet wurde, und gerechtfertigt durch den Kalten Krieg.

Die SAVAK – das Instrument der innenpolitischen Unterdrückung – war berüchtigt. Wie in den Quellen beschrieben, operierte sie mit einer „losen Leine“, um mutmaßliche Gegner zu foltern. Hunderte Menschen wurden in den letzten zwei Jahrzehnten der Schah-Herrschaft aus politischen Gründen hingerichtet und Tausende inhaftiert. Die iranische Bevölkerung wusste, dass die Macht des Schahs nicht auf innenpolitischer Legitimität beruhte, sondern auf dem Putsch von 1953 und der fortwährenden Unterstützung der Vereinigten Staaten.

Die amerikanischen Beziehungen zum Schah-Regime bestanden nicht isoliert, sondern waren in ein breiteres westliches Bündnis eingebettet, in dem die großen europäischen Mächte, insbesondere die Bundesrepublik Deutschland, willige und profitable Partner waren. Unter den Bundeskanzlern Adenauer, Erhard und Kiesinger pflegte die Bonner Regierung enge Beziehungen zum Schah-Regime. Deutschland war ein bedeutender Handelspartner und Investor in iranische Infrastruktur. Die westdeutsche Regierung empfing den Schah mit allen Ehren eines demokratischen Verbündeten, trotz seines wohlbekannten Regimes politischer Unterdrückung, Folter und Mord. Der Schah war ein Antikommunist und hatte Öl zu verkaufen – das genügte.

Studenten protestieren am 2. Juni 1967 in West-Berlin gegen den Schah [Photo by Stiftung Haus der Geschichte / CC BY-SA 2.0]

Die Mittäterschaft des deutschen Staates an der Diktatur des Schahs trat am 2. Juni 1967 deutlich zutage, als der Schah Westberlin besuchte. Der damalige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger war selbst ein ehemaliges Mitglied der NSDAP. Studenten und Exiliraner organisierten einen Protest in der Nähe der Deutschen Oper, wo der Schah eine Aufführung von Mozarts Zauberflöte verfolgte. Agenten seiner Geheimpolizei SAVAK griffen draußen unter dem Schutz der Berliner Polizei die Demonstranten mit Holzknüppeln an.

Die Polizei startete daraufhin einen „kaltblütig geplanten Pogrom“, wie es der Journalist Sebastian Haffner in der Zeitschrift Stern beschrieb. Es hätten sich Gräuel abgespielt, „wie sie außerhalb der Konzentrationslager selbst im Dritten Reich Ausnahmeerscheinungen gewesen sind“. Die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung kam zu dem Schluss, die Polizei habe „ohne gravierende Notwendigkeit, mit Planung, einer Brutalität Lauf gelassen, wie sie bisher nur aus Zeitungsberichten über faschistische oder halbfaschistische Länder bekannt wurde“.

Während des Angriffs wurde der 26-jährige Student Benno Ohnesorg in einen Hinterhof gedrängt, wo ihn drei Polizisten festhielten, während der Polizist Karl-Heinz Kurras in Zivilkleidung ihm in den Hinterkopf schoss. Ohnesorg war verheiratet, seine Frau erwartete das erste Kind. Er hatte zum ersten Mal an einer politischen Demonstration teilgenommen, war unbewaffnet und hatte niemanden angegriffen. Die Krankenhausakten wurden gefälscht; man versuchte, die Schusswunde zu vertuschen. Kurras wurde vor Gericht gestellt und freigesprochen. Die Methoden des Westberliner Polizeipräsidenten Erich Duensing waren dabei nicht ungewöhnlich: Er war zuvor Stabsoffizier der Wehrmacht unter den Nazis gewesen.

Der Mord an Benno Ohnesorg wurde zum entscheidenden Auslöser der deutschen Studentenbewegung und der breiteren Radikalisierung von 1968. Doch für die Zwecke dieses Vortrags liegt seine Bedeutung anderswo. Der Mord zeigte, dass der Unterdrückungsapparat des Schahs nicht nur innerhalb des Iran wirkte, sondern auf den Straßen westlicher Hauptstädte, mit aktiver Mittäterschaft westlicher Regierungen. Die Diktatur, die die USA 1953 installiert hatten, wurde nicht nur durch amerikanische Waffen und amerikanisches Geld aufrechterhalten, sondern durch die gemeinsame Unterstützung der gesamten westlichen imperialistischen Allianz.

Die Iranische Revolution im Januar/Februar 1979 war deshalb eine der verheerendsten strategischen Niederlagen, die der amerikanische Imperialismus in der Nachkriegsära erlitt – vergleichbar in ihren Auswirkungen, wenn auch nicht in ihrer Form, mit dem Verlust Chinas durch die Revolution von 1949. Innerhalb weniger Wochen verloren die Vereinigten Staaten ihren mächtigsten regionalen Verbündeten, ihre wichtigste Geheimdienstbasis mit Blick auf die Südgrenze der Sowjetunion, ihren größten Waffenkunden, ihren Gendarmen am Persischen Golf und die Mechanismen der Kooperation, über die das amerikanische und britische Kapital die iranischen Ölreserven abschöpften. Die gesamte Architektur amerikanischer Macht in der Golfregion, die seit 1946 mühsam errichtet worden war, brach zusammen.

Demonstration gegen den Schah an der College Bridge in Teheran 1978 [Photo by Unknown]

In der Revolution entlud sich der Unmut, der sich über Jahrzehnte angestaut hatte – gegen die Autokratie des Schahs, seine Geheimpolizei SAVAK, die enorme Korruption des Hofes, die sozialen Verwerfungen durch eine rasche, aber ungleichmäßige Modernisierung und die erstickende Ungleichheit in einer Gesellschaft, in der sich eine winzige Elite am Öl bereicherte, während Millionen in Armut lebten. Die USA waren im Bewusstsein der iranischen Bevölkerung untrennbar mit dem Schah verbunden. Der Erinnerung an den Putsch von 1953 war noch lebendig. Zehntausende amerikanische Militärs und Unternehmensvertreter waren tagein tagaus im Iran präsent. Die Revolution wurde unweigerlich als Befreiung von der amerikanischen Vorherrschaft erlebt, unabhängig davon, wie sich ihre innere Dynamik entwickelte.

Dieser Verlust ist es, der erklärt, warum die USA seit 46 Jahren einen andauernden Feldzug führen – nicht irgendeine spätere Politik des Iran. Die Vereinigten Staaten haben das Ergebnis der iranischen Revolution nie akzeptiert. Ihre Unterstützung des Irak im ersten Golfkrieg mit dem Iran 1980–1988, die Zerstörung der iranischen Marine, der Abschuss eines zivilen Passagierflugzeugs, die jahrzehntelangen Sanktionen, die Ermordung Soleimanis, die Bombardierung von Atomanlagen und nun der umfassende Krieg von 2026 – die gesamte Politik Amerikas, die nach der Revolution folgte, war auf ein einziges Ziel gerichtet: die Umkehr der strategischen Niederlage von 1979, entweder indem der Iran wieder unter amerikanische Kontrolle gebracht oder indem seine Überlebensfähigkeit als unabhängiger Staat zerstört wird.

Infolge der Revolution und der sowjetischen Invasion Afghanistans vertrat US-Präsident Jimmy Carter 1980 die strategische Doktrin, dass jeder Versuch einer anderen Macht, die Kontrolle über die Region des Persischen Golfs zu erlangen, als Angriff auf die vitalen Interessen der USA betrachtet und mit militärischer Gewalt zurückgeschlagen werden müsse. Diese Doktrin wurde nie widerrufen. Im Januar 2002 erklärte Bush, der Iran sei Teil einer „Achse des Bösen“ – und das zu einem Zeitpunkt, als der Iran mit den USA aktiv gegen die Taliban zusammenarbeitete. In der Nationalen Sicherheitsstrategie von 2006 wird gewarnt, dass „alle notwendigen Maßnahmen“ gegen den Iran ergriffen werden würden. Die US-Strategie von 2017 nennt den Iran ebenso wie Nordkorea einen Schurkenstaat. In der Nationalen Sicherheitsstrategie von 2025 wird der Iran, wie bereits erwähnt, als „offener Feind“ bezeichnet und die Energieressourcen der Golfregion werden als Kerninteresse der USA definiert. Der National Defense Authorization Act von 2026, der mit Unterstützung beider Parteien – Demokraten wie Republikaner – im Kongress verabschiedet wurde, stuft den Iran als Gegner der USA ein.

Der Iran ist seit 2006 eines der fünf am häufigsten genannten Länder in allen Strategiepapieren. Das ist nicht einfach nur die Politik eines einzelnen Präsidenten, einer Partei oder der Israellobby. Es ist vielmehr ein institutioneller Konsens des amerikanischen nationalen Sicherheitsapparats, der seit über 40 Jahren besteht und auf den materiellen Interessen des amerikanischen Kapitalismus beruht, der sich die Energieressourcen des Persischen Golfs und die militärische Vorherrschaft in der Region sichern will.

Die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen, die die amerikanische Politik gegenüber dem Iran bestimmen, werden vor der eigenen Bevölkerung verheimlicht. Die etablierten Medien verbreiten das imperialistische Märchen vom Iran als rücksichtslosem Aggressor gegen ein unbescholtenes Amerika. Aus dieser Sicht begann der iranische „Terrorismus“ mit der unprovozierten Besetzung der US-Botschaft in Teheran und der Geiselnahme im November 1979.

Der unmittelbare Auslöser der Geiselkrise, die den Bruch zwischen den USA und dem Iran besiegelte, verdient eine genaue Untersuchung, denn er enthüllt die Klasseninteressen, die die amerikanische Politik von Anfang an bestimmten.

Nachdem der Schah im Januar 1979 aus dem Iran geflohen war, verweigerte ihm Präsident Carter zunächst die Einreise in die Vereinigten Staaten. Carter wollte Beziehungen zur neuen Regierung aufbauen und war von seinen eigenen Botschaftsmitarbeitern gewarnt worden, dass die Aufnahme des Schahs amerikanische Diplomaten in Teheran gefährden würde. Der Geschäftsträger Bruce Laingen warnte ausdrücklich, das Risiko einer Erstürmung der Botschaft sei hoch. Carter selbst fragte seine Berater bei einem zentralen Treffen, was er tun solle, „wenn die Botschaft gestürmt werden sollte“ – womit er eingestand, dass er wusste, was die wahrscheinliche Folge einer Aufnahme des Schahs wäre.

Carter änderte seine Meinung nicht aus humanitären Gründen, sondern aufgrund einer hartnäckigen Lobbykampagne, organisiert von David Rockefeller, dem Chef der Chase Manhattan Bank. Rockefellers Team nannte die Operation „Project Eagle“. Er mobilisierte Henry Kissinger, der einem Beirat der Chase Bank vorstand; John J. McCloy, einen zukünftigen Chase-Vorsitzenden und Berater von acht Präsidenten; Archibald Roosevelt Jr., einen Chase-Manager und ehemaligen CIA-Agenten, dessen Cousin den Putsch von 1953 orchestriert hatte; und Richard Helms, den ehemaligen CIA-Direktor und ehemaligen Botschafter im Iran. Die Überschneidung zwischen dem CIA-Netzwerk, das den Schah 1953 installiert hatte, und dem Netzwerk der Banker, die ihre Investitionen in das Regime schützen wollten, war kein Zufall. Es war dasselbe Netzwerk.

Rockefeller hatte ein unmittelbares und erhebliches finanzielles Interesse an der Operation. Die Chase hielt iranische Vermögenswerte im Wert von über einer Milliarde Dollar. Die neue iranische Regierung forderte die Rückgabe dieser Vermögenswerte. Ein Abzug in dieser Größenordnung hätte eine Liquiditätskrise bei der Bank auslösen können, die bereits mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfte. Rockefeller hatte allen Grund, eine Normalisierung der amerikanisch-iranischen Beziehungen zu verhindern.

Carter wurde auch über den Gesundheitszustand des Schahs getäuscht. Man sagte ihm, der Schah sei dem Tode nahe und könne nur in New York behandelt werden. Der untersuchende Arzt bestätigte später, dass keine der beiden Behauptungen zutraf. Die Behandlung hätte überall durchgeführt werden können, auch in Mexiko, wo sich der Schah bereits aufhielt. Am 21. Oktober 1979 ließ Carter den Schah einreisen. Zwölf Tage später wurde die Botschaft besetzt.

Die Maßnahmen der Chase nach der Besetzung verschärften die Krise weiter. Die Bank weigerte sich, eine iranische Zinszahlung in Höhe von 4 Millionen Dollar am Fälligkeitstag anzunehmen, erklärte dann die iranische Regierung für zahlungsunfähig in Bezug auf den gesamten Kredit, ohne die anderen Banken des Konsortiums zu konsultieren, und beschlagnahmte iranische Konten. Das Weiße Haus wurde nicht vorab informiert. Ein Sonderausschuss des Nationalen Sicherheitsrats eilte in den Situation Room, um mit einer Krise umzugehen, die eine Privatbank in Eigenregie eskaliert hatte.

Die Geiselnahme wurde zum zentralen Ausgangspunkt der amerikanischen Feinschaft gegen den Iran. Doch ihr unmittelbarer Anlass war eine Entscheidung, die von den finanziellen Interessen des amerikanischen Kapitals bestimmt war – genauer gesagt von der Entschlossenheit der Chase Manhattan Bank und ihres Vorstandsvorsitzenden, ihre Milliardenvermögen zu schützen, die an den gestürzten Schah gebunden waren.

Im September 1980, nur Jahr nach der Revolution, marschierten irakische Truppen in den Iran ein. Die USA stellten sich auf die Seite des Angreifers. Die US-Regierung unter Ronald Reagan entschied, dass eine Niederlage des Irak ihren Interessen am Persischen Golf zuwiderlaufen würde. In einer National Security Decision Directive vom November 1983 erklärte die Regierung explizit, dass das Ziel darin besteht, die militärische Vorherrschaft der USA am Golf durchzusetzen und die Ölversorgung zu schützen.

Am 20. Dezember 1983 schickte Präsident Reagan den Politiker und Unternehmer Donald Rumsfeld als Sondergesandten nach Bagdad. Rumsfeld traf sich 90 Minuten lang mit Saddam Hussein. Die beiden Männer gaben sich vor den Kameras demonstrativ die Hand – ein Handschlag, der zu einem der ikonischen Bilder der amerikanischen Außenpolitik wurde. Zum Zeitpunkt von Rumsfelds Besuch hatten die USA bereits geheime Informationen darüber, dass der Irak fast täglich Chemiewaffen gegen iranische Soldaten einsetzte. Es gibt Hinweise darauf, dass die von den USA gelieferten militärischen Aufklärungsdaten dem Irak halfen, seine Gasangriffe wirksamer einzusetzen. Rumsfeld sprach das Thema Chemiewaffen gegenüber Saddam nicht an. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Bagdad wurden elf Monate später vollständig wiederhergestellt.

Die Reagan-Regierung strich den Irak 1984 von der Liste der Länder, die laut dem US- Außenministerium staatlichen Terror finanzieren. Im selben Jahr setzte sie den Iran auf diese Liste. Der Bankenausschuss des US-Senats stellte später fest, dass die Regierungen Reagan und George H. W. Bush den Verkauf von Dual-Use-Gütern an den Irak, die für zivile und militärische Zwecke gleichermaßen eingesetzt werden können, genehmigt hatten, darunter chemische Vorprodukte und biologische Erreger wie Milzbrand und Beulenpest. Die Regierung arrangierte auch den Verkauf von Bell-Hubschraubern, angeblich für zivile Zwecke. Das irakische Militär setzte sie 1988 ein, um kurdische Zivilisten mit Giftgas anzugreifen.

Als der US-Senat einstimmig umfassende Sanktionen gegen den Irak als Reaktion auf die Giftgasangriffe gegen die Kurden verabschiedete, brachte das Weiße Haus den Beschluss zu Fall. Die Vereinigten Staaten verteidigten Saddam Husseins Einsatz chemischer Waffen bis zu dem Tag, an dem der Irak im August 1990 in Kuwait einmarschierte.

Wie Saddam Hussein hätte voraussehen müssen, schützte ihn seine Zusammenarbeit mit dem US-Imperialismus nicht vor amerikanischen Vergeltungsmaßnahmen, nachdem er gegen die Ölinteressen der USA in Kuwait verstoßen hatte. Schließlich endete sein Leben mit einem amerikanischen Strick um den Hals.

1987 begann Washington die Operation Earnest Will, um kuwaitische Tanker durch den Persischen Golf zu eskortieren. Kuwait war einer der wichtigsten finanziellen Unterstützer des Irak. Im April 1988 starteten die USA die Operation Praying Mantis, die größte amerikanische Intervention auf See seit dem Zweiten Weltkrieg, die einen erheblichen Teil der iranischen Marine zerstörte. Drei Monate später schoss das Kriegsschiff USS Vincennes den Iran-Air-Flug 655 ab, ein ziviles Passagierflugzeug, das nach Dubai unterwegs war. Alle 290 Passagiere und Besatzungsmitglieder wurden getötet. Die Vereinigten Staaten haben sich nie offiziell entschuldigt. Der kommandierende Offizier wurde später mit dem militärischen Verdienstorden Legion of Merit ausgezeichnet.

Die USA setzten nicht nur militärische Gewalt ein, sondern führten parallel auch einen Krieg der wirtschaftlichen Zerstörung gegen den Iran, der seit 1979 ununterbrochen andauert und verschärft wird.

Die Clinton-Regierung verhängte 1995–1996 ein umfassendes Handelsembargo und führte Sekundärsanktionen ein. Es war der erste Versuch, den Handel von Drittländern zu diktieren. Die entscheidende Eskalation kam 2010–2012, als die Obama-Regierung die Dominanz des Dollars nutzte, um Länder zu zwingen, ihre iranischen Ölimporte zu reduzieren, wenn sie nicht den Zugang zum amerikanischen Finanzsystem verlieren wollten. Die iranischen Ölexporte fielen von 2,2 Millionen Barrel pro Tag auf 860.000. Die Wirtschaft schrumpfte 2012 um 6,6 Prozent. Der Rial brach ein. Die Inflation erreichte 45 Prozent.

Das Abkommen über das iranische Atomprogramm von 2015, kurz JCPOA, brachte eine kurze Atempause. Das BIP stieg 2016 um 12,5 Prozent. Doch Trump kündigte das Abkommen 2018 auf, obwohl der Iran sich an den Vertrag gehalten hatte. Die USA verhängten erneut alle Sanktionen. Die Ölexporte brachen um über 60 Prozent ein. Der Rial fiel von 37.000 auf über 120.000 je Dollar. Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner sank von 8.000 Dollar im Jahr 2012 und auf 5.000 im Jahr 2024. 57 Prozent der Iraner litten 2024 unter Mangelernährung, sieben Millionen hungerten.

Die US-Sanktionen gegen den Iran sind nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Diensts des US-Kongresses (Congressional Research Service) „wohl das umfassendste und weitreichendste Sanktionspaket, das die Vereinigten Staaten je gegen ein Land verhängt haben“. Sie betreffen jeden bedeutenden Sektor der iranischen Wirtschaft. Wie ein Forscher feststellte: „Wirtschaftssanktionen machen autoritäre Regime noch autoritärer.“ Unter der Last der Sanktionen zerfällt Irans Mittelschicht, während der Sicherheitsstaat gestärkt wird.

Dieser Krieg markiert einen unwiderruflichen Wendepunkt. Die Welt, wie sie vor dem 28. Februar 2026 existierte, ist nicht mehr. Die Kriminalität der gesamten „regelbasierten internationalen Ordnung“ offenbart sich vor unseren Augen. Eine ganze Nation wird von der mächtigsten Armee der Welt mit Flächenbombardements überzogen, in einem Akt unprovozierter Aggression, während die „internationale Gemeinschaft“ schweigend zusieht oder sich am Verbrechen beteiligt.

Betrachten wir den historischen Verlauf. Als die Nationalsozialisten im April 1937 die baskische Stadt Guernica bombardierten, ging das Entsetzen um die ganze Welt. Picasso malte sein Meisterwerk als Reaktion auf Guernica. Als die Luftwaffe im Mai 1940 Rotterdam bombardierte und dabei fast 900 Menschen tötete, wurde es als Akt der Barbarei angeprangert und erschütterte die zivilisierte Welt. Heute führen die Vereinigten Staaten und Israel eine anhaltende Luftkampagne gegen iranische Städte – mehr als tausend Zivilisten wurden getötet, Tausende Gebäude in Schutt und Asche gelegt und eine Mädchenschule ausgelöscht. Und die Antwort der sogenannten demokratischen Welt besteht darin, den Iran zu verurteilen, weil er zurückschießt.

Hier geht es nicht darum, vor dem Dritten Weltkrieg zu warnen, als sei er ein künftiges Ereignis, das durch Appelle an die Vernunft oder die Wahl besserer Politiker noch abgewendet werden könnte. Wir sind vielmehr Zeugen der rapiden Verschärfung eines Weltkriegs. Die Kriege in der Ukraine, Gaza, Venezuela und dem Iran sind keine getrennten Konflikte, sondern Fronten in einem einzigen globalen Krieg, den der amerikanische Imperialismus und seine Verbündeten führen, um die Welt unter ihrer Vorherrschaft neu zu ordnen. Sie wollen alle restlichen Spuren der sozialen und demokratischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts beseitigen und jeden Staat und jede Bewegung mit Gewalt zerschlagen, die sich der Unterwerfung unter die Diktate Washingtons und der Wall Street widersetzt.

Wir leben in einer Welt, die Lenin, Luxemburg, Liebknecht und vor allem Trotzki sehr gut verstehen würden. Sie haben vor einem Jahrhundert die Widersprüche des Kapitalismus analysiert, die heute mit derselben unerbittlichen Logik in die Katastrophe führen – der Widerspruch zwischen dem globalen Charakter der Produktivkräfte und dem Nationalstaatensystem, der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Aneignung des Reichtums und der Widerspruch zwischen dem Streben jeder imperialistischen Macht nach Vorherrschaft und der Unmöglichkeit, dass eine einzelne Macht eine unangefochtene Hegemonie erringt.

Der Kampf gegen den Krieg ist eine internationale Frage. Er kann weder ausschließlich auf nationaler Ebene geführt noch einer bestehenden Regierung anvertraut werden. Kein noch so großer Protest wird den Kriegskurs aufhalten, wenn er sich an die bestehenden kapitalistischen Staaten richtet. Die Massendemonstrationen von 2003 haben die Invasion des Irak nicht verhindert. Der weltweite Aufschrei hat den Völkermord in Gaza nicht gestoppt. Appelle an die „regelbasierte Ordnung“ werden die Bombardierung des Iran nicht aufhalten. Sie werden auch die unaufhörliche Eskalation in Richtung Atomkrieg nicht aufhalten.

Die entscheidende Frage – die einzige Frage, auf die es letztlich ankommt – ist der Aufbau einer revolutionären Führung in der internationalen Arbeiterklasse. Dies ist keine neue Erkenntnis. Es war die zentrale Schlussfolgerung, die Leo Trotzki aus den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zog, und sie hat nichts von ihrer Kraft verloren. Im Gründungsdokument der Vierten Internationale, dem Übergangsprogramm von 1938, schrieb Trotzki:

Alles Gerede, dass die geschichtlichen Bedingungen noch „nicht reif“ seien für den Sozialismus, ist ein Erzeugnis von Unwissenheit oder bewußtem Betrug. Die objektiven Voraussetzungen für die proletarische Revolution sind nicht nur „reif“, sondern beginnen bereits zu verfaulen. Ohne eine sozialistische Revolution, und zwar in der nächsten geschichtlichen Periode, droht der gesamten menschlichen Kultur eine Katastrophe. Alles hängt nunmehr vom Proletariat ab, das heißt vor allem von seiner revolutionären Vorhut. Die historische Krise der Menschheit läuft auf die Krise der revolutionären Führung hinaus. (Leo Trotzki, Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 84)

Diese Einschätzung, verfasst am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, beschreibt mit noch größerer Präzision die Krise der Gegenwart. Die objektiven Bedingungen für den Sturz des Kapitalismus sind nicht nur reif, sie beginnen, wie Trotzki warnte, zu verfaulen. Die Alternative heißt nicht Reform oder Revolution, sondern Revolution oder Katastrophe. Die Aufgabe, die revolutionäre Führung der Arbeiterklasse aufzubauen – das Internationale Komitee der Vierten Internationale und seine Sektionen –, ist die dringende, vorrangige und unausweichliche politische Aufgabe unserer Zeit.

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