Auf Einladung sozialdemokratischer Studentenvereinigungen sprach David North am 17. Februar an der Bilkent-Universität und am 19. Februar an der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara. Wir veröffentlichen hier den Vortrag vom 19. Februar.
***
Ich freue mich, dass ich heute von Detroit aus zu euch sprechen darf, und danke der Sozialdemokratischen Vereinigung für die Einladung.
Unsere Veranstaltung findet vor dem Hintergrund einer schweren Krise statt. Es droht unmittelbar ein Angriff der USA und Israels auf den Iran. Dies geht aus einem Bericht hervor, der vor wenigen Stunden in der New York Times veröffentlicht wurde:
Der rapide Aufmarsch der US-Streitkräfte im Nahen Osten ist so weit fortgeschritten, dass Präsident Trump die Möglichkeit hat, bereits an diesem Wochenende militärisch gegen den Iran vorzugehen, so Beamte der Regierung und des Pentagons. Das Weiße Haus steht damit vor einer folgenschweren Entscheidung: Diplomatie oder Krieg…
Die israelischen Streitkräfte, die sich seit Wochen in erhöhter Alarmbereitschaft befinden, bereiten sich auf einen möglichen Krieg vor. Eine Sitzung des israelischen Sicherheitskabinetts wurde von Sonntag auf Donnerstag [heute] vorverlegt, wie zwei israelische Verteidigungsbeamte mitteilten.
Das Internationale Komitee der Vierten Internationale, die Socialist Equality Party in den Vereinigten Staaten und die internationale Redaktion der World Socialist Web Site verurteilen den geplanten Krieg gegen den Iran. Er stellt eine offene Verletzung des Völkerrechts dar und fällt in die Kategorie „Verbrechen gegen den Frieden“ – die Hauptanklage gegen die Naziführer in den Nürnberger Prozessen 1945-1946.
Die faschistische Trump-Regierung ist zu jedem Verbrechen fähig. Sie betreibt eine Außenpolitik nach dem Vorbild von Hitlers Drittem Reich.
Allein in den letzten sechs Wochen hat Trumps Regime erst Venezuela angegriffen und dessen Präsidenten entführt. Dann hat es eine Blockade gegen Kuba verhängt, um das Land von Öllieferungen abzuschneiden und seine Bevölkerung auszuhungern. Außerdem unterstützt die US-Regierung den anhaltenden Völkermord Israels in Gaza.
Ob in den nächsten Tagen oder in einigen Wochen oder erst Monaten, fest steht, dass es Krieg geben wird. Selbst im Fall eines plötzlichen diplomatischen Durchbruchs würde sich lediglich der Zeitplan für einen Angriff ändern. Die Ziele des US-Imperialismus – die Beherrschung des Planeten – können nicht auf friedlichem Wege erreicht werden. Der Krieg gegen den Iran ist für die Vereinigten Staaten eine wichtige Etappe in der Vorbereitung auf den kommenden Konflikt mit China.
Krieg kann nicht durch Appelle an die imperialistischen und bürgerlichen Regierungen verhindert werden. Die Situation, mit der es die internationale Arbeiterklasse zu tun hat, ist mit dem Vorabend des Zweiten Weltkriegs vergleichbar. Allerdings stimmt dieser Vergleich nicht ganz, denn die Folgen eines Krieges wären heute weitaus schlimmer als vor 87 Jahren. Die Menschheit steht vor der unmittelbaren Gefahr einer nuklearen Katastrophe, die zur Vernichtung allen menschlichen Lebens führen könnte.
Und diese Situation verleiht den Worten Leo Trotzkis aus dem Jahr 1938 eine überwältigende Dringlichkeit: „Ohne eine sozialistische Revolution, und zwar in der nächsten geschichtlichen Periode, droht der gesamten menschlichen Kultur eine Katastrophe.“
Aus diesem Grund ist unsere heutige Veranstaltung so wichtig. Man kann nicht ernsthaft über die sozialistische Revolution sprechen, ohne sich mit dem Leben und Werk von Leo Trotzki zu beschäftigen.
Die wichtigsten Jahre seines Lebens verbrachte Trotzki in der Türkei, die meiste Zeit davon auf der Insel Büyükada. In den Jahren 1929 bis 1933 schrieb er seine Autobiografie Mein Leben und seine unvergleichliche Geschichte der Russischen Revolution. Er verfasste auch die großen politischen Dokumente, in denen er die politische Lage in Deutschland analysierte und davor warnte, dass die katastrophale Politik der Kommunistischen Partei Deutschlands den Weg für die Machtergreifung der Nazipartei Hitlers ebnete. Kurz vor seiner Abreise aus Büyükada, im Juli 1933, rief Trotzki schließlich zur Gründung der Vierten Internationale auf.
Wie war Trotzki in die Verbannung geraten?
Im Januar 1929 wurde Leo Trotzki von dem bürokratischen Regime unter der Führung Stalins aus der Sowjetunion auf die türkische Insel Prinkipo deportiert. In den vorangegangenen fünf Jahren hatte er die Linke Opposition angeführt, die im Oktober 1923 gegründet wurde und gegen die bürokratische Entartung des Arbeiterstaats kämpfte, der aus der Oktoberrevolution von 1917 hervorgegangen war. Ungeachtet der Lügen des stalinistischen Regimes ist es eine historische Tatsache, dass Trotzki bei der Eroberung der Macht durch die Bolschewistische Partei und bei der Verteidigung der Sowjetmacht gegen die imperialistische Intervention von 1918 bis 1921 eine Rolle spielte, die mit derjenigen Lenins vergleichbar war.
Diese Einschätzung der Rolle Trotzkis stützt sich auf Folgendes:
Die Perspektive, die in der Machteroberung der Bolschewiki gipfelte, basierte auf der Theorie der permanenten Revolution, die Trotzki im Anschluss an die Revolution von 1905 entwickelt hatte. Trotzki sah voraus, dass die bürgerlich-demokratische Revolution in Russland die Form einer sozialistischen Revolution annehmen werde, in der die Arbeiterklasse die Kapitalistenklasse stürzen und die Macht in ihre eigenen Hände nehmen werde. Außerdem werde die Arbeiterrevolution in Russland nicht nur ein nationales Ereignis sein; ihr Schicksal wäre untrennbar mit der Entwicklung der sozialistischen Weltrevolution verbunden.
Genau diese Perspektive machte sich Lenin zu eigen, als er im April 1917 nach Russland zurückkehrte. Der Ausbruch des ersten imperialistischen Weltkriegs im Jahr 1914 hatte Lenin veranlasst, seine Einschätzung der Klassendynamik der Revolution in Russland zu ändern. Er gab das langjährige Programm der Bolschewistischen Partei für die demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft auf und vertrat nun den Standpunkt, dass die Aufgabe, die sich aus dem Sturz des zaristischen Regimes ergab, die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse war.
Im Verlauf des Ersten Weltkriegs, der die reaktionäre Rolle der Zweiten Internationale und ihrer menschewistischen Anhänger in Russland offenlegte, wurde Trotzki klar, dass der Kampf, den Lenin seit 1903 gegen opportunistische und zentristische Tendenzen geführt hatte, richtig gewesen war.
Mit der Änderung des Parteiprogramms der Bolschewiki und Trotzkis Einsicht, dass Lenins weitsichtige Prinzipien der Parteiorganisation richtig waren, wurden die früheren, aus der Zeit vor 1917 stammenden fraktionellen Konflikte zwischen diesen beiden historischen Persönlichkeiten beigelegt. Trotzki und viele seiner Gesinnungsgenossen traten in die Bolschewistische Partei ein. Wie Lenin im September 1917 schreiben sollte, gab es fortan keinen besseren Bolschewiken als Trotzki.
Im September/Oktober 1917 war Trotzki als Vorsitzender des Militärischen Revolutionskomitees des Petrograder Sowjets der wichtigste Taktiker und Organisator der Machtergreifung.
Im Frühjahr 1918 wurde Trotzki zum Kriegskommissar und Oberbefehlshaber der neu gegründeten Roten Armee ernannt. In den folgenden drei Jahren spielte Trotzki die entscheidende Rolle beim Sieg über die konterrevolutionären Kräfte, die von allen imperialistischen Großmächten unterstützt wurden.
Lenin und Trotzki spielten auch die entscheidende Rolle bei der Gründung der Dritten Internationale und waren die einflussreichsten Persönlichkeiten auf ihren ersten vier Kongressen, die in den Jahren 1919 bis 1922 stattfanden. Trotzki verfasste das historische Manifest des Zweiten Kongresses und hielt auf jedem dieser bedeutenden Kongressen viele der wichtigsten Reden. Stalin hingegen hielt auf keinem der ersten vier Kongresse der Kommunistischen Internationale (Komintern) auch nur eine einzige Rede.
Die politische Strategie, die der Gründung der Komintern zugrunde lag und ihre ersten vier Kongresse anleitete, ging davon aus, dass der Sieg der Oktoberrevolution den Beginn der sozialistischen Weltrevolution markierte. Die strategischen Überlegungen, die die Bolschewiki nach Lenins Rückkehr nach Russland im April 1917 anstellten, beruhten in erster Linie auf einer Einschätzung der internationalen – und nicht der nationalen – Bedingungen.
Die Fragen, die ursprünglich zur Bildung der Linken Opposition führten, betrafen die Wirtschaftspolitik, die Bürokratisierung der Russischen Kommunistischen Partei (RKP) und die Unterdrückung der innerparteilichen Demokratie. Eine weitaus bedeutendere Spaltung innerhalb der RKP tat sich jedoch 1924 auf. Nach dem Tod Lenins verschärften sich die fraktionellen Angriffe auf Trotzki. Der antimarxistische Kern der Kampagne gegen Trotzki wurde im Dezember 1924 in einem Artikel deutlich, in dem Stalin zum ersten Mal das national-chauvinistische Programm des „Sozialismus in einem Land“ der internationalistischen Strategie der Oktoberrevolution entgegenstellte.
Während er die Geschichte der Oktoberrevolution und die Schriften Lenins grob verfälschte, griff Stalin das Programm der permanenten Revolution an. Das Überleben der UdSSR und der Aufbau des Sozialismus, erklärte er, würden nicht den Sieg des Sozialismus in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern Westeuropas und Nordamerikas voraussetzen, es gebe in Russland genügend nationale Ressourcen für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft.
Trotzkis, so Stalin, habe Unrecht mit seiner Behauptung, „dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande unmöglich sei, dass der Sieg des Sozialismus nur möglich sei als Sieg in mehreren ausschlaggebenden Ländern Europas (England, Russland, Deutschland), die sich zu den Vereinigten Staaten von Europa zusammenschließen, oder er sei überhaupt unmöglich.“[1]
Besonders erbittert wandte sich Stalin gegen die folgende Aussage Trotzkis:
So lange die Bourgeoisie in anderen europäischen Staaten an der Macht bleibt müssen wir im Kampf gegen wirtschaftliche Isolierung Vereinbarungen mit der kapitalistischen Welt suchen; gleichzeitig kann mit Gewissheit erklärt werden, dass diese Vereinbarungen im besten Fall uns helfen werden, diese oder jene wirtschaftliche Wunde zu heilen, diesen oder jenen Schritt nach vorne zu machen, aber der wirkliche Aufstieg der sozialistischen Wirtschaft in Russland wird nur nach dem Sieg des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich werden.[2]
Diese Worte, erklärte Stalin in der Unehrlichkeit, dem Zynismus und der pragmatischen Kurzsichtigkeit, die ihm zu eigen waren, würden den „endgültigen Zusammenbruch“ der Theorie der permanenten Revolution bedeuten.
Mehr als ein Jahrhundert ist vergangen, seit die stalinistische Bürokratie ihren Angriff auf Trotzki und das Programm der permanenten Revolution begann. Die Abkehr vom Programm der sozialistischen Weltrevolution gipfelte vor 35 Jahren im „endgültigen Zusammenbruch“ der Sowjetunion. Ungeachtet der echten Errungenschaften der Sowjetunion und der außerordentlichen Opfer der sowjetischen Arbeiterklasse, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs, wurde der Sozialismus nie aufgebaut. Das Programm des „Sozialismus in einem Land“ führte zu zahllosen politischen Katastrophen, die 1991 in der Auflösung der UdSSR gipfelten.
Selbst nach der freiwilligen Auflösung der UdSSR durch die Sowjetbürokratie heben die reaktionären Überbleibsel der alten kommunistischen Parteien sowie Gruppen pseudolinker kleinbürgerlicher Radikaler und Nationalisten Stalin weiterhin als Helden auf ihren Schild. Sie erklären sich mit einem Mann solidarisch, der nicht nur die Ermordung von Lenins engsten Genossen in der Führung der Bolschewistischen Partei angeordnet, sondern auch den blutigen Terror angezettelt hat, der zwischen 1936 und 1940 Hunderttausende von marxistischen Arbeitern, Intellektuellen und Künstlern das Leben kostete. Zu Stalins Opfern gehörten sozialistische Führer außerhalb der UdSSR, darunter der Führer der spanischen POUM, Andreu Nin, und schließlich Trotzki selbst.
Die strategischen Konzepte Trotzkis haben sich im Verlauf der Geschichte als richtig erwiesen. Trotzkis Analyse der globalen Krise des kapitalistischen Systems ist bis heute von außerordentlicher politischer Relevanz.
Im Jahr 1928 verfasste Trotzki im Exil in Alma Ata in Kasachstan eine ausführliche Kritik am Programmentwurf der Komintern. Es war eine vernichtende Analyse, die den theoretischen und strategischen Bankrott des Programms des „Sozialismus in einem Land“ offenlegte. In einer der wichtigsten Passagen vertritt Trotzki folgende Einschätzung unserer historischen Epoche:
In unserer Epoche, welche die Epoche des Imperialismus, d. h. der Weltwirtschaft und der Weltpolitik unter der Herrschaft des Finanzkapitals ist, vermag keine einzige Kommunistische Partei ihr Programm lediglich oder vorwiegend aus den Bedingungen und Entwicklungstendenzen ihres eigenen Landes abzuleiten. Dasselbe gilt in vollem Umfang auch für die Partei, die innerhalb der UdSSR die Staatsmacht ausübt. Am 4. August 1914 hatte den nationalen Programmen unwiderruflich die letzte Stunde geschlagen. Die revolutionäre Partei des Proletariats kann sich nur auf ein internationales Programm stützen, welches dem Charakter der gegenwärtigen Epoche, der Epoche des Höhepunkts und Zusammenbruchs des Kapitalismus entspricht. Ein internationales kommunistisches Programm ist auf keinen Fall eine Summe nationaler Programme oder eine Zusammenstellung deren gemeinsamer Züge. Ein internationales Programm muss unmittelbar aus der Analyse der Bedingungen und Tendenzen der Weltwirtschaft und des politischen Weltsystems als Ganzem hervorgehen, mit all ihren Verbindungen und Widersprüchen, d. h. mit der gegenseitigen antagonistischen Abhängigkeit ihrer einzelnen Teile. In der gegenwärtigen Epoche muss und kann die nationale Orientierung des Proletariats in noch viel größerem Maße als in der vergangenen nur aus der internationalen Orientierung hervorgehen und nicht umgekehrt. Darin besteht der grundlegende und ursächliche Unterschied zwischen der kommunistischen Internationale und allen Abarten des nationalen Sozialismus.[3]
Infolge seiner nationalistischen Orientierung verkannte der Programmentwurf, den Bucharin mit Stalins Segen ausgearbeitet hatte, die Widersprüche des imperialistischen Weltsystems und insbesondere die explosiven Folgen des Aufstiegs des amerikanischen Imperialismus. Trotzki betonte, dass ohne eine genaue Analyse der Rolle der Vereinigten Staaten keine korrekten Perspektiven für die sozialistische Weltrevolution formuliert werden konnten. Trotzki hob die dominante Rolle der Vereinigten Staaten hervor, zog aus dieser Analyse aber nicht den Schluss, dass die Vereinigten Staaten unbesiegbar seien. Stattdessen schrieb er mit bewundernswertem Scharfsinn,
dass gerade die internationale Stärke der Vereinigten Staaten und der daraus entspringende, unaufhaltsame Expansionsdrang diese zwingt, dem Fundament ihres Baus das Pulverfass der ganzen Welt, d. h. alle Gegensätze des Westens und Ostens, den Klassenkampf im alten Europa, die Aufstände der Kolonialmassen und alle Kriege und Revolutionen einzuverleiben. Das macht einerseits den nordamerikanischen Kapitalismus zur wichtigsten konterrevolutionären Kraft der Neuzeit, die in wachsendem Maße an der Aufrechterhaltung der „Ordnung“ in jedem Winkel des Erdballs interessiert ist; andererseits aber wird dadurch eine gigantische revolutionäre Explosion in dieser jetzt schon dominanten und noch immer wachsenden imperialistischen Weltmacht vorbereitet.[4]
Trotzki fuhr fort:
Während der Krise wird sich die Hegemonie der Vereinigten Staaten noch viel vollständiger, offener, schärfer und rücksichtsloser auswirken als während der Aufstiegsperiode. Die Vereinigten Staaten werden versuchen, ihre Schwierigkeiten und Krankheiten auf Kosten Europas zu bekämpfen und zu überwinden, ganz gleich, ob in Asien, Kanada, Südamerika, Australien oder Europa selbst, oder ob auf friedlichem oder kriegerischem Wege.[5]
Diese Worte, die vor 98 Jahren geschrieben wurden, beschreiben mit erstaunlicher Präzision die gegenwärtige Politik der Trump-Regierung. Erlaubt mir, aus einem Essay zu zitieren, den ich letzte Woche geschrieben habe:
Trotzki sagte nicht nur eine allgemeine Tendenz zu imperialistischen Konflikten voraus. Er bestimmte mit außerordentlicher Genauigkeit, welches geografische Ausmaß die räuberischen Ziele des US-Imperialismus haben und mit welcher Rücksichtslosigkeit diese verfolgt werden würden. Knapp ein Jahrhundert später bedroht Trump die Souveränität Kanadas, beansprucht die Kontrolle über den Panamakanal, überfällt Venezuela, fordert von Dänemark die Abtretung Grönlands und droht dem Iran mit militärischer Zerstörung.
Im Jahr 1934, mit dem Aufstieg des deutschen Faschismus und dem Herannahen eines zweiten Weltkriegs, entwickelte Trotzki seine Analyse des US-Imperialismus weiter: „Die Welt ist bereits aufgeteilt? Dann muss man sie eben neu aufteilen! Deutschland ging es darum, Europa zu ‚organisieren‘. Den Vereinigten Staaten fällt es zu, die ganze Welt zu ‚organisieren‘. Die Geschichte treibt die Menschheit einem Vulkanausbruch des amerikanischen Imperialismus entgegen.“[6]
Dieser Satz – der Vulkanausbruch des amerikanischen Imperialismus – ist keine veraltete Metapher. Es ist eine wissenschaftliche Prognose, die sich jetzt erfüllt.
Achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verkünden die Vereinigten Staaten unverblümt, dass sie die Welt unter ihrer Kontrolle neu ordnen wollen, und zwar auf der Grundlage eines reaktionären Programms, dem Hitler applaudieren würde.
Am 14. Februar hielt Außenminister Marco Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz eine Rede, die eine offen faschistische Rechtfertigung des imperialistischen Militarismus, des nationalen und rassistischen Chauvinismus und der Ablehnung des Völkerrechts darstellte.
Dem Umstand, dass die Rede in München gehalten wurde, wohnt eine Ironie inne, die ihren Verfassern wohl aus Dummheit oder Zynismus entging. München ist nicht nur die Stadt, in der seit 1963 die Sicherheitskonferenz stattfindet. Es ist die Stadt, in der Adolf Hitler seine politische Karriere begann, in der er im November 1923 seinen ersten Umsturzversuch gegen die Weimarer Republik unternahm, in der die Nazipartei ihre ersten Massenkundgebungen abhielt und in der die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs im September 1938 die Tschechoslowakei zerstückelten und Hitler zum Fraß vorwarfen. Die britische und die französische herrschende Klasse waren bereit, eine vorgeblich demokratische Republik einem faschistischen Diktator zu opfern, weil sie hofften, dass sich die Kriegsmaschinerie der Nazis weiterhin auf den Osten, auf die Sowjetunion, konzentrieren und ihre Weltreiche verschonen werde. Die Folgen dieser Duldsamkeit Hitler gegenüber sind hinlänglich bekannt: der katastrophalste Krieg in der Geschichte der Menschheit, der Holocaust und der Tod von zig Millionen Menschen.
Rubio erwähnt die Verbrechen des Faschismus nicht. Für den amerikanischen Außenminister war der Untergang des Dritten Reiches eher ein tragischer historischer Wendepunkt:
Fünfhundert Jahre lang, vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hatte sich der Westen immer weiter ausgebreitet – seine Missionare, seine Pilger, seine Soldaten, seine Entdecker strömten von seinen Küsten aus, um Ozeane zu überqueren, neue Kontinente zu besiedeln und riesige Imperien zu errichten, die sich über den gesamten Erdball erstreckten.
Doch 1945 zog sich der Westen zurück – zum ersten Mal seit dem Zeitalter von Kolumbus. Europa lag in Trümmern. Die Hälfte lebte hinter dem Eisernen Vorhang und der Rest machte den Eindruck, als würde er bald folgen. Die großen westlichen Imperien befanden sich im Niedergang, beschleunigt durch gottlose kommunistische Revolutionen und antikoloniale Aufstände, die die Welt von Grund auf verändern und in den kommenden Jahren Hammer und Sichel in Rot über weite Teile der Landkarte ausbreiten sollten.
Das Gerüst von Rubios Rede bildete das Konzept der „westlichen Zivilisation“ als eine einzigartige, organische Einheit, die sich über Jahrtausende erstreckt. „Tausende von Jahren westlicher Zivilisation standen auf dem Spiel“, sagt Rubio über den Kalten Krieg. Er beruft sich auf „die Lehren aus über fünftausend Jahren aufgezeichneter Menschheitsgeschichte“. Er spricht von „der größten Zivilisation in der Geschichte der Menschheit“.
Das alles hat nichts mit Geschichte zu tun. Es ist Mythologie. Der Außenminister kann nicht einmal zählen. Wenn man fünftausend Jahre zurückgeht, gelangt man zu den mesopotamischen Sumerern und ins dynastische Ägypten – Zivilisationen, die geografisch gesehen im Nahen Osten und in Nordafrika liegen und zum Erbe der Menschheit insgesamt gehören. Die alten Griechen betrachteten sich nicht als „westlich“. Der Begriff der „westlichen Zivilisation“ ist ein zweifelhaftes und relativ modernes theoretisches Konstrukt, das weitgehend im Dienst der europäischen kolonialen Expansion geschaffen wurde.
Nach dem Fall Roms musste der Großteil der griechischen Philosophie über Jahrhunderte dem lateinischen Christentum weichen. Ihre Wiederbelebung hing von arabischen und persischen Gelehrten ab, die das griechische Gedankengut bewahrten, übersetzten und erweiterten, während Europa geistig brach lag. Auch die mathematischen Grundlagen der modernen Wissenschaft sind dem Osten zu verdanken: Die Algebra entstand im neunten Jahrhundert in Bagdad; das Dezimalsystem stammt aus Indien; Papier, Druck, Kompass und Schießpulver kamen aus China. Nichts davon wird in Rubios Rede erwähnt. „Der Westen“ wird als zivilisatorisches Wunder dargestellt, das niemandem etwas verdankt.
Rubio, der ebenso ungebildet wie reaktionär ist, weiß nicht, dass die amerikanische Revolution von ihren Führern als neue Entwicklungsstufe der Menschheit aufgefasst wurde, nicht als Fortsetzung einer zeitlosen und ewigen Zivilisation, rückständiger Traditionen und veralteter Regierungsformen. Wie der revolutionäre Denker Tom Paine in seinem berühmten Pamphlet Common Sense schrieb: „Es steht in unserer Gewalt, die Welt von Neuem anzufangen.“
Was Rubio in seiner Rede auslässt, ist nicht weniger aufschlussreich als das, was er sagt. Die Worte „Demokratie“, „Gleichheit“ und „Menschenrechte“ kommen bei ihm nicht vor. Ebenso wenig wie die Amerikanische Revolution, die Französische Revolution, die Bill of Rights oder die Proklamation zur Befreiung der Sklaven.
Diese Auslassungen sind beabsichtigt. Die demokratischen Revolutionen beruhten auf universalen Grundsätzen, die mit der Politik, die Rubio vertritt, nicht vereinbar sind. In der Unabhängigkeitserklärung heißt es, dass „alle Menschen gleich erschaffen sind“. In der Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich geboren.“ Die Bill of Rights schützt den Einzelnen vor der Macht des Staates. Rubio kann diese Dokumente nicht erwähnen, weil ihre Logik zu Schlussfolgerungen führt – Gleichheit aller Menschen, Universalität der Rechte, Unterordnung der Macht unter das Recht –, die er explizit ablehnt.
In seinem Hass auf die Aufklärung ähnelt Rubio den Nazis. Immerhin erklärte Goebbels am 1. April 1933 mit Bezug auf die französische Revolution: „Damit wird das Jahr 1789 aus der Geschichte gestrichen.“
Rubios Rede basiert auf einer gegen die Aufklärung gerichteten faschistischen Ideologie, die tief im bürgerlichen Denken verwurzelt ist. Diese Ideologie wurde durch die Niederlage der Regime von Hitler und Mussolini im Jahr 1945 untergraben und in den Hintergrund gedrängt, ist seit der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 jedoch wieder auf dem Vormarsch.
Rubios Münchner Rede ist eine Legitimierung des Faschismus. Die Institutionen der liberalen Moderne – das internationale Recht, die multilaterale Zusammenarbeit, die Begrenzung staatlicher Macht durch Rechtsnormen – sind Hindernisse, die aus dem Weg geräumt werden müssen. An ihre Stelle muss eine hierarchische Ordnung treten, die auf ethnischer und rassischer Identität beruht und durch autoritäre Diktatur und Krieg aufrechterhalten wird. Es gibt nichts in dieser Rede, was bei Goebbels nicht auf Begeisterung gestoßen wäre.
Die Verherrlichung der „christlichen Zivilisation“ durch den Außenminister ist durchzogen von Lüge und Heuchelei. Kein Wort über die Inquisition und ihre jahrhundertelange systematische Folter, Zwangsbekehrung und Verbrennung von Ketzern, Juden und als Hexen angeklagten Frauen.
Grundlage der „riesigen Imperien“, die in der Rede romantisiert werden, waren unzählige Grausamkeiten, darunter der Sklavenhandel über den Atlantik und die systematische Ausplünderung Indiens durch die britische Ostindien-Kompanie, die eine der wohlhabendsten Regionen der Welt in ein kolonialisiertes Hinterland verwandelte und Hungersnöte auslöste, denen zig Millionen Menschen zum Opfer fielen. Das Imperium von König Leopold in Belgisch-Kongo basierte auf der Gewinnung von Kautschuk durch Zwangsarbeit, Verstümmelung und Massentötungen, die die Bevölkerung um schätzungsweise 10 Millionen Menschen reduzierten. Es ließen sich unzählige weitere Beispiele anführen.
An dieser Stelle ist eine wichtige Klarstellung vonnöten, um die marxistische Analyse dieser historischen Verbrechen nicht nur von Rubios Schema, sondern auch von den liberalen Kritiken abzugrenzen, die seine zivilisatorische Mythologie einfach umkehren.
Der Sklavenhandel, die Vernichtung indigener Völker, die Ausplünderung Indiens, die Schrecken im Kongo – all dies waren keine Ausflüsse einer Abstraktion namens „westliche Zivilisation“. Sie entstammten nicht irgendeiner kulturellen Essenz oder einem rassischen Erbe. Sie waren das Produkt einer spezifischen historischen Produktionsweise: des Kapitalismus, der, wie Marx schrieb, „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutz-triefend“ auf die Welt kam.[7]
Die so genannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals – die gewaltsame Enteignung der Bauernschaft, der Sklavenhandel, die koloniale Ausplünderung – war kein zufälliges Merkmal der kapitalistischen Entwicklung. Sie war ihre Voraussetzung. Wie Marx in Das Kapital schrieb:
Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute, bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation.[8]
Rubios Rede verschleiert diese schmutzige Geschichte, indem er die Macht der kapitalistischen Epoche einer zeitlosen „westlichen Zivilisation“ zuschreibt – eine Mystifizierung, die mehreren Zwecken dient.
Erstens stellt sie die kapitalistische Herrschaft als etwas Naturgegebenes dar, als die Entfaltung eines rassischen, ethnischen und religiösen ewigen Wesens. Zweitens liefert sie eine Rechtfertigung für Unterdrückung und die abscheulichsten Verbrechen. Drittens ersetzt sie eine wissenschaftliche Analyse der sozioökonomischen Grundlagen der Gesellschaft und vor allem des Klassenkampfs. Trotzkis Beschreibung der reaktionären und irrationalen Phantasien der Nazi-Ideologen lässt sich unverändert auf Rubios rassisch-ethnisch-religiöse Geschichtstheorie übertragen. In seinem 1934 erschienenen Essay „Porträt des Nationalsozialismus“ schrieb Trotzki:
Um die Nation über die Geschichte zu erheben, gab man ihr als Stütze die Rasse. Den geschichtlichen Ablauf betrachtet man als Ausfluss der Rasse. Die Eigenschaften der Rasse werden ohne Bezug auf die veränderlichen gesellschaftlichen Bedingungen konstruiert. Das niedrige „ökonomische Denken“ ablehnend, steigt der Nationalsozialismus ein Stockwerk tiefer: Gegen den wirtschaftlichen Materialismus beruft er sich auf den zoologischen.[9]
Rubio leugnet zwar den Klassenkampf, ist aber zugleich von ihm besessen. Sein Narrativ des 20. Jahrhunderts kreist um den Kampf gegen den Marxismus und die sozialistische Revolution. Damit reiht sich seine Regierung in die reaktionärstenTradition der amerikanischen Außenpolitik ein. Es ist die Tradition, die jede Gräueltat des Kalten Krieges, vom Sturz Mossadeghs im Iran und Arbenz’ in Guatemala bis zum Vietnamkrieg und der Unterstützung von Militärdiktaturen in ganz Lateinamerika, Afrika und Asien, als Verteidigung der „westlichen Zivilisation“ gegen den „gottlosen Kommunismus“ rechtfertigte. Durch die unbedingte Berufung auf diese Tradition signalisiert Rubio, dass seine Regierung auch alle weiteren militärischen und geheimdienstlichen Aktionen auf diese Weise rechtfertigen wird.
In den bedrohlichsten Passagen der Rede wird die Anwendung einseitiger militärischer Gewalt gefeiert und das Völkerrecht ausdrücklich abgelehnt. Mit sichtlichem Stolz verliest Rubio einen Katalog von Gewalttaten, darunter die Bombardierung des Iran, die Entführung des Staatschefs von Venezuela. Er erklärt, dass „diejenigen, die unsere Bürger unverhohlen und offen bedrohen“, sich nicht „hinter Abstraktionen des internationalen Rechts verstecken dürfen“. Er fordert ein Bündnis, „das nicht zulässt, dass seine Macht ausgelagert, eingeschränkt oder Systemen untergeordnet wird, die sich seiner Kontrolle entziehen“ und das nicht „um Erlaubnis fragt, bevor es handelt“.
An einer anderen Stelle erklärt Rubio: „Armeen kämpfen nicht für Abstraktionen. Armeen kämpfen für ein Volk, Armeen kämpfen für eine Nation. Armeen kämpfen für eine Lebensweise.“ Rubios Aussage läuft darauf hinaus, dass Länder, einschließlich der Vereinigten Staaten, in ethnische und rassische Stämme unterteilt werden. Wie erklärt Rubio den revolutionären Unabhängigkeitskrieg, den die Amerikaner 1775 bis 1783 führten, wenn Armeen „nicht für Abstraktionen“ kämpfen? Was die Bevölkerung damals mobilisierte, waren die von Thomas Jefferson in der Unabhängigkeitserklärung definierten „selbstverständlichen“ abstrakten „Wahrheiten“. 1863 erklärte Lincoln auf dem Schlachtfeld von Gettysburg, dass die Soldaten der Union für die Verteidigung der „These, dass alle Menschen gleich geschaffen sind“, gekämpft hatten und gestorben waren.
Ein renommierter Historiker und Lincoln-Biograf schrieb mir Anfang der Woche als Reaktion auf Rubios Rede: „Eine halbe Million Unionssoldaten verloren ihr Leben in einem Bürgerkrieg, in dem es um nichts anderes als eine Idee ging.“
Die von Jefferson beschworenen „Wahrheiten“ und die von Lincoln verteidigte „These“ waren „Abstraktionen“, die einen tiefgreifenden historischen, gesellschaftlichen und demokratischen Inhalt hatten, in der materialistischen Philosophie der Aufklärung wurzelten und die Grundlage für die revolutionären Bewegungen des späten 18. und 19. Jahrhunderts schufen.
Rubio, der sich über die „Abstraktionen“ demokratischer Ideen mokiert, verherrlicht die irrationalen Abstraktionen des Faschismus: „Volk“, „Nation“ und „Lebensweise“ – mystische Begriffe, die nichts zu einem wissenschaftlichen Verständnis der Geschichte und der sozioökonomischen Struktur der Gesellschaft beitragen. Die Tatsache, dass Rubios faschistoide Idiotien am Ende seiner Rede mit stehenden Ovationen bedacht wurden, zeigt, dass die europäische Bourgeoisie die Ablehnung demokratischer Grundsätze durch die Trump-Administration teilt.
Diese Rede ist nicht vom Himmel gefallen. Die Trump-Administration ist das Ergebnis miteinander verflochtener wirtschaftlicher und sozialer Prozesse: 1) der anhaltende Rückgang der weltweiten industriellen Vorherrschaft der Vereinigten Staaten, 2) das Wuchern der Finanzialisierung, das durch die überwältigende Dominanz der Finanzmärkte, -instrumente und -institutionen gegenüber der Realwirtschaft, der Produktion und der Arbeit gekennzeichnet ist. Profite werden nicht durch Investitionen in die Produktion erzielt, sondern durch Spekulation: windige kreditfinanzierte Geschäfte, das Hochtreiben von Börsenkursen, Überschuldung und Fusionen, 3) die Entstehung einer neuen Aristokratie – bzw. einer Oligarchie von Mega-Millionären und Milliardären – deren Vermögen nicht aus der Produktion, sondern aus der Verwaltung und Manipulation von Finanzvermögen stammt. Grundlage ihres Reichtums ist eine massive Ausweitung des fiktiven Kapitals, 4) die Ausbreitung einer extremen sozialen Ungleichheit. In den Vereinigten Staaten ist das Vermögen der reichsten 0,1 Prozent der Bevölkerung fünfmal so groß wie das Gesamtvermögen der unteren 50 Prozent.
Diese objektiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen sind die Ursache für den Zusammenbruch der bürgerlichen Demokratie, den Übergang zum Faschismus und den Ausbruch des Militarismus. Die Innen- und Außenpolitik der Trump-Administration ist ein Ausdruck dieser Krise. Sie stellt den Versuch dar, die extreme Verschlechterung der weltwirtschaftlichen Position der USA durch Krieg umzukehren. Sie versucht, die Lasten der massiven Staatsverschuldung – inzwischen über 38 Billionen Dollar – durch verstärkte Ausbeutung und Verarmung auf den Schultern der Arbeiterklasse abzuladen.
Es ist aufschlussreich, sich vor Augen zu führen, welchen Weg das politische System Amerikas hinter sich hat. Im Jahr 1941 definierte Franklin Roosevelt in einer Rede zur Lage der Nation die amerikanischen Kriegsziele in Form von vier universellen Freiheiten (d. h. „Abstraktionen“) – Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Freiheit von Not und Freiheit von Furcht – „überall auf der Welt“. Damit meinte er nicht Privilegien der westlichen Zivilisation oder der christlichen Völker, sondern das Geburtsrecht „aller Menschen auf der Welt“. Roosevelt wusste, dass der Krieg nur als Kampf gegen den Faschismus gerechtfertigt werden konnte.
Eine Rede, wie Rubio sie hielt, wäre Roosevelt nicht möglich gewesen. Er kam nicht umhin, die amerikanische Macht mit demokratischen und universalen Werten zu begründen. Dieser Zwang ergab sich nicht zuletzt aus dem Druck, der von der Existenz der Sowjetunion und der Bedrohung durch die sozialistische Revolution ausging. Rubios Rede markiert den Punkt, an dem sich die herrschende Klasse von dieser Verpflichtung gänzlich verabschiedet hat. Die revolutionäre demokratische Tradition wird verworfen, und an ihre Stelle tritt die konterrevolutionäre Ideologie von Blut und Boden, des Glaubens und des zivilisatorischen Schicksals, gegen die sich die demokratischen Revolutionen gerichtet hatten.
Der unverhohlene Antikommunismus der Rede ist Ausdruck eines Klassenhasses, der heute noch intensiver ausfällt als während des Kalten Krieges, eben weil die Krise des kapitalistischen Systems, die die revolutionären Umwälzungen des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hatte, zurückgekehrt ist.
Rubio, Trump und die in München versammelten europäischen Führungseliten wollen die Welt wieder auferstehen lassen, die am 25. Oktober 1917 zerbrach, als die russische Arbeiterklasse, angeführt von der Bolschewistischen Partei unter Lenin und Trotzki, die Staatsmacht ergriff und den ersten Arbeiterstaat der Geschichte gründete. Die Oktoberrevolution war nicht nur ein russisches Ereignis. Sie war ein welthistorisches Erdbeben. Sie bewies in der Praxis, dass das kapitalistische System nicht ewig währt, dass die herrschende Klasse nicht unbesiegbar ist, dass die Arbeiterklasse die Macht übernehmen und mit dem Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung beginnen kann. Sie setzte eine Welle revolutionärer Kämpfe in Großbritannien, Deutschland, Ungarn, Italien, China und in der gesamten kolonialen Welt in Gang. Sie erweckte das politische Bewusstsein von Hunderten Millionen Menschen, denen jahrhundertelang eingeredet worden war, dass ihre Unterjochung die natürliche Ordnung der Dinge sei.
Die Oktoberrevolution trug wesentlich zum Sieg der fortschrittlichen nationalen Bewegung in der Türkei über die vom Imperialismus unterstützten Kräfte bei.
Von 1920-1921 an leistete Sowjetrussland der Regierung in Ankara umfangreiche Hilfe und lieferte Gold, Waffen und Munition. Dies war von entscheidender Bedeutung, da die türkischen Nationalisten an mehreren Fronten kämpften. Ohne die Unterstützung durch die sowjetische Regierung hätte die Unabhängigkeit des türkischen Staates nicht erkämpft werden können.
Das hinderte das bürgerlich-nationalistische Regime Atatürks natürlich nicht daran, die kommunistische Bewegung in der Türkei brutal zu unterdrücken.
Die Oktoberrevolution versetzte dem ideologischen Rahmen, mit dem die imperialistischen Mächte ihre Herrschaft gerechtfertigt hatten – dem Mythos der zivilisatorischen Überlegenheit, dem göttlichen Recht der „fortgeschrittenen“ Nationen, über „rückständige“ Völker zu herrschen – einen Schlag, von dem sie sich nie wieder erholt hat.
Genau das will Rubio mit seiner Rede rückgängig machen. Wenn er beklagt, dass sich die westliche Zivilisation nach 1945 „zurückzog“, beschreibt er die Folgen des Oktobers. Rubio verlangt, dass der Westen aufhört, „für die angeblichen Sünden früherer Generationen zu büßen“, dass er aufhört, sich für die Gaskammern von Auschwitz und Treblinka zu entschuldigen.
Rubio ruft dazu auf, dass die herrschende Klasse die moralischen und politischen Fesseln abstreift, die ihr durch die Gefahr einer sozialistischen Revolution angelegt wurden. Der Sozialstaat, die Zugeständnisse an demokratische Rechte, das formale Bekenntnis zum Völkerrecht – all das war in erheblichem Maße der Angst der Bourgeoisie vor der Revolution geschuldet. Aus der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 zog die herrschende Klasse den Schluss, dass diese Gefahr vorüber war und diese Zugeständnisse zurückgenommen werden konnten. Die Münchner Rede ist der ideologische Ausdruck dieser Rücknahme, die in einem offenen Bekenntnis zum imperialistischen Militarismus und zur Ablehnung demokratischer Normen ihren logischen Abschluss findet.
Die Vehemenz der antikommunistischen Rhetorik – im Jahr 2026, mehr als dreißig Jahre nach der Auflösung der UdSSR – zeigt, wie tief die Zweifel an der Stabilität des Kapitalismus gehen. Leo Trotzki schrieb einmal, die amerikanische Bourgeoisie sei die ängstlichste aller herrschenden Klassen. Was die herrschende Klasse in Angst und Schrecken versetzt, ist die Aussicht, dass die Arbeiterklasse wieder zu einem wirklich marxistischen revolutionären Programm findet. Sie befürchtet, dass die objektive Krise des kapitalistischen Systems, die eine Ungleichheit, Instabilität und geopolitische Konflikte erzeugt, wie es sie seit den 1930er Jahren nicht mehr gegeben hat, dieselben revolutionären Impulse auslöst, die den Oktober hervorgebracht haben.
Und keine historische Figur jagt den Imperialisten mehr Angst ein als Leo Trotzki. Seine Bedeutung geht weit über das Jahr 1917 hinaus, so groß sie damals auch war. Denn Trotzki hatte mit der Theorie der permanenten Revolution die strategische Konzeption entwickelt, die den Oktober angeleitet und bis heute ihre Gültigkeit bewahrt hat: die Erkenntnis, dass in der Epoche des Imperialismus die demokratischen Aufgaben in den unterdrückten Ländern – und auch in den fortgeschrittensten imperialistischen Ländern – nur durch die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse als Teil der sozialistischen Weltrevolution gelöst werden können. Es war Trotzki, der das Programm des internationalen Sozialismus gegen die stalinistische Perversion des „Sozialismus in einem Land“ verteidigte. Und es war Trotzki, der mit der Gründung der Vierten Internationale im Jahr 1938 die programmatische Kontinuität des echten Marxismus auch die dunkelste Periode des 20. Jahrhunderts bewahrte.
Es ist bekannt, dass sowohl Hitler als auch seine imperialistischen Gegner, darunter Churchill, auf die bloße Nennung von Trotzkis Namen in Rage gerieten. Trotzki nahm diese Tatsache zur Kenntnis und schrieb 1939: „Diese Herren ziehen es vor, dem Gespenst der Revolution einen persönlichen Namen zu geben.“[10] Der Hass, der sich gegen seine Person richtete, erklärte Trotzki, spiegelte die Angst wider, dass die Barbarei durch die sozialistische Revolution besiegt werde.
Die herrschende Klasse hat enorme Ressourcen aufgewendet, um das Vermächtnis Trotzkis zu unterdrücken. Der Ermordung Trotzki durch Stalin im Jahr 1940 war der Höhepunkt eines politischen Völkermords – die Moskauer Prozesse, die Auslöschung einer ganzen Generation bolschewistischer Führer –, der nicht nur den Interessen der sowjetischen Bürokratie, sondern auch denen der Weltbourgeoisie diente. Die Fälschung der Geschichte der Russischen Revolution und die Unterdrückung von Trotzkis Erbe sind ein wesentlicher Bestandteil des ideologischen Arsenals der herrschenden Klasse. Das Narrativ vom „Tod des Kommunismus“, das auf die Auflösung der Sowjetunion folgte, beruhte auf der Gleichsetzung des Sozialismus mit dem Stalinismus, d. h. der bewussten Verquickung des revolutionären Programms der Oktoberrevolution mit der bürokratischen Konterrevolution, die dieses Programm verraten hat.
In Rubios Rede wird der Stalinismus mit dem Sozialismus zusammengeworfen und es wird so getan, als seien die bürokratischen Regime der Nachkriegszeit die Verwirklichung und nicht die Negation des Programms der Oktoberrevolution.
Die Gleichsetzung von Stalinismus und Sozialismus in der imperialistischen Propaganda ist eine politische Notwendigkeit. Denn wenn man anerkennt, dass es einen Unterschied zwischen dem revolutionären Programm von Lenin und Trotzki und der bürokratischen Tyrannei Stalins gibt, dann sagt der Zusammenbruch der Sowjetunion nichts über die Lebensfähigkeit des Sozialismus aus. Er beweist nur, was Trotzki vorausgesagt hat: dass die stalinistische Bürokratie durch die Strangulierung der Arbeiterdemokratie und die Unterordnung der Weltrevolution unter ihre eigenen nationalen Interessen letztlich den Arbeiterstaat zerstören und den Kapitalismus wiederherstellen würde. Genau das ist geschehen. Der „Triumph“ der „westlichen Zivilisation“, den Rubio feiert, war der Triumph der stalinistischen Konterrevolution – der letzte Akt in dem langen Verrat der Bürokratie am Oktober, an dem sich die imperialistischen Mächte begeistert beteiligten.
Diese Frage hat sehr weitreichende Implikationen. Wenn die Krise des Sozialismus im 20. Jahrhundert nicht auf das Scheitern des revolutionären Programms, sondern auf dessen Verrat zurückgeführt wird, dann behält dieses Programm – das Programm der internationalen sozialistischen Revolution, der Arbeitermacht, der planmäßigen Reorganisation der Weltwirtschaft auf der Grundlage der sozialen Bedürfnisse statt des privaten Profits – seine volle historische Gültigkeit.
Die Arbeiterklasse muss Rubios Rede als das erkennen, was sie ist: eine Feier unilateraler militärischer Gewalt, die Ablehnung des Völkerrechts, die Bezeichnung von Migration als Bedrohung der Zivilisation, die Trauer um verlorene Imperien, das Lossagen von historischer Schuld, die Auslöschung der demokratischen Revolutionen und der faschistischen Katastrophe aus der Geschichtsschreibung.
Doch die herrschende Klasse steht vor einem Problem, das keine noch so große zivilisatorische Mythologie lösen kann. Die objektive Krise des kapitalistischen Systems – die extreme Ungleichheit, der Ausbruch imperialistischer Kriege, der Zusammenbruch der demokratischen Institutionen, die Zerstörung der Umwelt – treibt die Arbeiterklasse in den Kampf. Die Streikwellen in allen großen kapitalistischen Ländern, die Massenproteste, die zunehmende Radikalisierung der Jugend, der Zusammenbruch des Vertrauens in die etablierten Parteien – all dies sind erste Ausdrucksformen eines revolutionären Prozesses, der aus den unauflösbaren Widersprüchen des Kapitalismus selbst erwächst.
In diesem Zusammenhang erlangen das Erbe des Oktobers und das theoretische Vermächtnis Leo Trotzkis eine unmittelbare aktuelle Bedeutung. Die World Socialist Web Site, die vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale herausgegeben wird, liefert seit mehr als einem Vierteljahrhundert eine zusammenhängende marxistische Analyse der Krise des Weltkapitalismus und gibt den Kämpfen der Arbeiterklasse eine politische Orientierung. Sie hat gegen jede Art von Demoralisierung und Revisionismus an der zentralen Lehre des 20. Jahrhunderts festgehalten: dass die Krise der Arbeiterklasse in der Krise der revolutionären Führung besteht und dass ihre Lösung den Aufbau einer revolutionären Massenpartei der internationalen Arbeiterklasse erfordert, die sich am Programm der permanenten Revolution orientiert und für die Eroberung der politischen Macht organisiert.
Rubios Rede in München ist die Stimme einer zum Untergang verurteilten Gesellschaftsordnung. Die von ihm gefeierte „westliche Zivilisation“ ist kein zeitloses Wesen, sondern der kapitalistische Imperialismus – ein System, das sein fortschrittliches Potenzial erschöpft hat und die Menschheit heute mit Barbarei bedroht. Die Alternative ist weder ein reformierter Kapitalismus, noch ein etwas aufgeklärterer Imperialismus. Die Alternative ist der Sozialismus – die Neuorganisation des Wirtschaftslebens auf der Grundlage von gesellschaftlichem Eigentum, demokratischer Planung und internationaler Zusammenarbeit durch die einzige Klasse, die sowohl das Interesse als auch die Macht dazu hat.
Die Imperialisten haben zu Recht Angst. Das Gespenst der Oktobers ist nicht zur Ruhe gekommen, denn die Widersprüche, die diese Revolution hervorgebracht haben, haben sich verschärft. Die internationale Arbeiterklasse ist heute größer, stärker vernetzt und mächtiger als je zuvor in der Geschichte. Was ihr fehlt, ist eine bewusste politische Führung, die den wachsenden Widerstand der arbeitenden Menschen in eine gemeinsame Bewegung für die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft verwandeln kann. Der Aufbau dieser Führung – der Aufbau von Sektionen des Internationalen Komitees der Vierten Internationale in jedem Land – ist die entscheidende politische Aufgabe unserer Epoche.
Zum Abschuss dieses Vortrags möchte ich aus einem Text zitieren, den Trotzki 1930 auf der Insel Büyükada geschrieben hat:
Der Abschluss einer sozialistischen Revolution ist im nationalen Rahmen undenkbar. Eine grundlegende Ursache für die Krisis der bürgerlichen Gesellschaft besteht darin, dass die von dieser Gesellschaft geschaffenen Produktivkräfte sich mit dem Rahmen des nationalen Staates nicht vertragen. Daraus ergeben sich einerseits die imperialistischen Kriege, andererseits die Utopie der bürgerlichen Vereinigten Staaten von Europa. Die sozialistische Revolution beginnt auf nationalem Boden, entwickelt sich international und wird vollendet in der Weltarena. Folglich wird die sozialistische Revolution in einem neuen, breiteren Sinne des Wortes zu einer permanenten Revolution: Sie findet ihren Abschluss nicht vor dem endgültigen Siege der neuen Gesellschaft auf unserem ganzen Planeten.[11]
Es ist die Verantwortung und das Privileg eurer Generation, für den „endgültigen Sieg“ des Sozialismus, wie er von Leo Trotzki vorausgesehen wurde, zu kämpfen und ihn herbeizuführen.
Josef W. Stalin, „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten“, in: Werke, Bd. 6, Berlin 1952.
Leo Trotzki, „Das Friedensprogramm“, zitiert nach: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1915/xx/frieden.htm.
Leo Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin, Essen 1993, S. 24–25.
Ebd., S. 28.
Ebd., S. 29.
Leo Trotzki, „Der Krieg und die IV. Internationale“, in: Schriften. Linke Opposition und IV. Internationale 1928–1934, Bd. 3.3, Köln 2001, S. 553.
Karl Marx, Das Kapital, Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 23, Berlin 1969 , S. 788.
Ebd., S. 779.
Leo Trotzki, Porträt des Nationalsozialismus, Essen 2023, S. 347f.
Leo Trotzki, „Wieder und noch einmal über den Charakter der UdSSR“, in: Verteidigung des Marxismus, Essen 2006, S. 36.
Leo Trotzki, „Was ist nun die permanente Revolution?“, in: Die permanente Revolution, Essen 2021, S. 264–265.
