Zu den Höhepunkten der diesjährigen Berlinale gehörten die beiden Spielfilme „Enjoy your Stay“ von Dominik Locher und „Ich verstehe Ihren Unmut“ von Kilian Armando Friedrich. Beide zeigen eine verborgene Elendswelt. Im ersten Film geht es um rechtlose Wanderarbeiter, die die Schweizer Luxus-Tourismusindustrie am Laufen halten, im zweiten um prekäre Arbeitsbedingungen im deutschen Reinigungsgewerbe.
Von Friedrich und Tizian Stromp Zargari lief bereits auf der Berlinale 2023 der Dokumentarfilm „Atomnomaden“. Er zeigte französische Wanderarbeiter, die unter Lebensgefahr Atomanlagen warten und reinigen.
An Geld mangelt es in dem Film „Enjoy Your Stay“ des Schweizer Regisseurs Dominik Locher nicht. Kleine Kinder in einem Schweizer Luxushotel werfen in ihrem Kinderspiel mit Bündeln großer Geldscheine um sich. Warum mit Monopoly-Geld spielen, wenn die Eltern das echte Geld bereitstellen können?
Schauplatz des Films ist der Luxus-Winterurlaubsort Verbier in den Schweizer Alpen. Luz (Mercedes Cabral), eine philippinische Migrantin ohne Papiere, arbeitet als Reinigungskraft in einem Hotel. Sie muss jede Art niederer Arbeiten verrichten, um nicht entlassen zu werden. Wie Millionen anderer Gelegenheitsarbeiter in Europa hat sie keine Aufenthaltspapiere.
Ihr Chef Thibault (Alexis Maneti) weist sie an, den für das Reinigungspersonal vorgesehenen Hinterausgang zu benutzen, was ihren niedrigen Status perfekt widerspiegelt. Luz’ einziges Ziel ist es, genug Geld zu verdienen, um mit ihrer Tochter Sofia auf den Philippinen wieder vereint zu sein. Luz hat sich von ihrem Mann getrennt, der ihren Sorgerechtsstreit über eine Videosendung zu einem öffentlichen Spektakel gemacht hat.
„Enjoy Your Stay“ wirft einen schonungslosen, unsentimentalen Blick auf die menschlichen Kosten hinter Europas Luxustourismusindustrie. Während die Gäste unberührte Pisten hinunterfahren und ihr komfortables Leben genießen, leben Luz und ihre Kolleginnen in einer Parallelwelt, die von Prekarität, Überwachung und Ausbeutung geprägt ist. Auch wenn sie noch so hart arbeitet, Luz kann nie so viel verdienen, um damit ihre Probleme zu lösen. Ihre einzige Möglichkeit, mehr Geld zu verdienen, besteht darin, andere Frauen für dieselben ausbeuterischen Bedingungen zu rekrutieren, unter denen sie selbst leidet.
Der Film steuert auf ein stilles, aber verheerendes Ende zu: Nach einer Reihe von Misshandlungen, darunter der Übergriff auf eine Kollegin, verlassen die Frauen den Ort. Es gibt keine befreiende Katharsis, keine Gerechtigkeit, keine materielle Verbesserung ihrer Situation. Luz geht, wie sie gekommen ist – wirtschaftlich gefangen, sozial unsichtbar und nach wie vor unfähig, ihre Zukunft oder die ihres Kindes zu sichern.
Der Film deckt auf, wie der globale Kapitalismus von einer transnationalen Unterschicht abhängt, deren Arbeit bewusst aus dem Blickfeld gehalten wird. Das Luxus-Urlaubsgebiet fungiert als Mikrokosmos dieses Systems: ein Ort, an dem Reichtum und Muße nur durch die extreme Ausbeutung von Wanderarbeitern ermöglicht werden, deren rechtliche und wirtschaftliche Schutzlosigkeit ihre Unterwerfung sicherstellt.
Der Titel „Enjoy Your Stay“ ist von beißender Ironie geprägt. Er ist sowohl eine höfliche Geste gegenüber den Gästen als auch eine grausame Erinnerung an die Asymmetrie, die im Kern der Erzählung liegt. Für diejenigen, die sich Freizeit leisten können, funktioniert das System reibungslos. Für diejenigen, die es aufrechterhalten, ist die Erfahrung eine der persönlichen Selbstaufgabe und Auslöschung.
Es ist unmöglich, den Film anzusehen, ohne sich daran zu erinnern, dass sich vor wenigen Monaten die globale kapitalistische Elite in den Luxushotels eines anderen, vier Stunden entfernten Schweizer Ferienorts, Davos, versammelt hat, mit dem Ziel, die ohnehin schon astronomische Kluft zwischen den Superreichen und den breiten Massen der Bevölkerung weiter zu vergrößern. Und 90 Minuten entfernt liegt der Ferienort Crans-Montana, wo Anfang dieses Jahres der Brand in einer Disco, ausgelöst durch Kostenkürzungen im Streben nach Profit, über 40 jungen Menschen das Leben kostete und über 100 Menschen schwere Verbrennungen zufügte.
„Ich verstehe Ihren Unmut“. Das sagt Heike (59), Objektleiterin einer kleinen deutschen Reinigungsfirma öfter beschwichtigend, wenn sie im Auto von Objekt zu Objekt hetzt und dabei am Telefon mit unzufriedenen Kunden diskutiert, die für einen Billigpreis Spitzenqualität erwarten. Die Auftraggeber sind Supermärkte, Baustellen, Schulen, Kindergärten, Seniorenheime usw. usf. Die Fluktuation der internationalen Belegschaft in der Firma ist groß, ausreichend Zeit für Einarbeitung bleibt nicht. Fehler sind keine Ausnahme.
Obwohl die Firma Tariflohn zahlt, zwingt der Kostendruck die Zusammenarbeit mit dem Subunternehmen von Vadim, das untertarifliche Niedrigstlöhne zahlt. Ein Branchenstreik bedeutet für Heikes Chef existenzbedrohenden „Stress“. Heike und die bosnische Kollegin Taja verteilen Gutscheine, um die Arbeiter abzuhalten, sich am Streik zu beteiligen. Heikes Arbeitsplatz ist trotz der höheren Stellung genauso unsicher wie die der anderen.
Als sie einem afrikanischen Asylbewerber des Subunternehmens helfen will, der einen legalen Job braucht, erklärt ihr Chef, falls Vadim wegen dieses Abwerbungsversuches abspringe, brauche er sie als Objektleiterin nicht mehr. Um Vadim zufriedenzustellen, der hartnäckig neue Aufträge fordert, kündigt Heike einem bosnischen Kollegen, beschuldigt ihn eines Diebstahls, den sie selbst fingiert. Eigentlich hatte Taja sie gebeten, sich um den Landsmann zu kümmern, der ein kleines Kind zu versorgen hat.
Ein Höhepunkt des Films ist die Auseinandersetzung zwischen Heike und einer Kita-Leiterin, die der Firma den Reinigungs-Auftrag kündigt. Heike hatte – eine Kollegin wurde plötzlich krank – in der Not ihren Mitbewohner Detlef gebeten, in der Kita zu reinigen. Der machte alles falsch. Heike und die Kita-Chefin, zwei leitende Angestellte unterschiedlicher Branchen, die beide nur gute Arbeit leisten wollen, dabei unter den gleichen miesen Arbeitsbedingungen leiden, vor allem dem Personalmangel, schreien sich entnervt an.
Der Beruf zerstört auch Heikes Privatleben. Unfähig, nach Feierabend abzuschalten, fährt sie Detlef schon an der Tür an, sauberzumachen. Es nervt sie, wenn er entspannt auf der Couch liegt und liest. Doch er scheint psychisch beeinträchtigt zu sein. Als Vertreter des Sozialamtes kontrollieren wollen, ob die beiden vielleicht doch noch ein Paar sind, liegt er plötzlich, nach Luft schnappend am Boden. Auch die Kita-Aktion hat ihn nervlich mitgenommen, und als Heike ihn eines Tages unverhofft und enttäuscht fragt, warum er, ohne zu fragen, Geld von ihr genommen habe, zieht er stillschweigend aus.
Als der Chef erfährt, dass Heike Reinigungsmittel verdünnt (mit dem Gewinn bessern sie und Taja das magere Gehalt auf), ist das Maß des Erträglichen überschritten. Heike kündigt. Der Chef will die Sache vergessen, er braucht seine Arbeiterin. Aber Heike ist schwer getroffen, weil ausgerechnet Taja, sie verraten hat. Noch vor kurzem hatte Heike ihr mit Geld für die kranke Mutter in Bosnien geholfen.
Der Film besticht in seiner detaillierten Darstellung. Die Laien-Darstellerin der Heike (Sabine Thalau) ist selbst vom Fach und auch Regisseur Friedrich arbeitete eine Zeitlang im Reinigungsgewerbe. Heike zerbricht unter dem Arbeitsdruck und einem unlösbaren inneren Zwiespalt: In dem Räderwerk, wo nur Effizienz und Gewinn zählen, ist es für sie unmöglich, im Interesse der Kollegen und gleichzeitig im Interesse der Firma zu agieren. Sie treibt die Kollegen erbarmungslos an.
Eine besondere Rolle spielt im Film die landwirtschaftliche Kooperative, in der Detlef arbeitet. Der Film beschreibt ihre Arbeitsweise nicht näher. Ist es ein alternatives Unternehmen oder eine staatlich subventionierte Maßnahme für beeinträchtigte Menschen wie Detlef? Auf dem Sommerfest des „Wurzelhofs“ genießt Heike die gemeinschaftliche Atmosphäre, tanzt ausgelassen und singt mit den anderen abends begeistert das populäre italienische Partisanenlied „Bella Ciao“.
Der Film leitet daraus ehrlicher Weise keine Lösung aus Heikes Dilemma ab. Auf ihrem Abschiedsfest für die Kollegen hält sie eine emotionale Rede, darüber, dass man zusammenhalten und etwas Eigenes machen müsse. Als sie zur Überraschung aller ankündigt, eine eigene Reinigungsfirma zu gründen, wo es keine Chefs gibt und Arbeiter selbst über ihre Arbeitszeit entscheiden, ist die Reaktion verhalten. Das Arbeitsamt bringt Heike auf den Boden der Realität zurück. Die Sachbearbeiterin rät dringend, in ihrem Alter keine Experimente zu starten. In wenigen Jahren könne sie ihre Rente genießen, die Mindestrente.
Der Film zeigt durchgehend eine berührende stumme Solidarität zwischen den Kollegen aus aller Welt, über die sie kein Aufheben machen. Sie führt dazu, dass zu dem Abschiedsfest, zu der die eher unbeliebte Heike jeden Kollegen persönlich eingeladen hat, alle erscheinen. Selbst der bosnische Arbeiter, der durch sie seine Arbeit verlor, und der von Heike enttäuschte Asylbewerber, der jetzt hofft, nach der Probezeit bei einer Baufirma übernommen zu werden.
Vor kurzem hatte Taja (Nada Kosturin) Heike heftige Vorwürfe gemacht. Sie als Deutsche könne nicht verstehen, was es für jemand, der aus dem Krieg (Bosnien-Krieg) kommt, bedeute, sich hier eine Existenz aufzubauen. Am Ende stehen sie auf der Balustrade und Taja holt einen kleinen Geburtstagskuchen hervor, steckt eine Kerze darauf: „Wünsch Dir was!“ Auch Heike ist dabei den Verrat zu verzeihen. Taja war nicht sie selbst, als der Chef sie massiv unter Druck setzte.
Beide Filme wehren sich dagegen, das aus der Notlage geborene Verhalten von Luz oder Heike als Frage des individuellen Versagens oder moralischer Schwäche darzustellen. Stattdessen unterstreichen sie eine zentrale Wahrheit: Im Kapitalismus sind persönliche Entscheidungen so stark eingeschränkt, dass sie irrelevant werden. Das Problem ist nicht, dass Luz oder Heike „falsche“ Entscheidungen treffen, sondern dass die Struktur selbst keinen gangbaren Weg zu Würde oder Sicherheit bietet.
