„Ist die Ära der Massenentlassungen angebrochen?“ Diese Schlagzeile des Wall Street Journal bringt in Wirklichkeit die gezielte Politik der Kapitalistenklasse zum Ausdruck.
„Anstatt Mitarbeiter in schrittweisen – und weniger disruptiven – Wellen zu entlassen, nutzen Arbeitgeber die potenziellen finanziellen Vorteile, die sich aus der sofortigen Entlassung großer Teile der Belegschaft ergeben“, schreibt die einflussreiche Zeitung. „Das ist eine Abkehr von den Gepflogenheiten in einer nur kurz zurückliegenden Zeit, in der Massenentlassungen als Zeichen für Probleme oder Missmanagement galten und anzeigten, dass ein Unternehmen drastische Maßnahmen ergreifen sollte, um sein Ergebnis zu verbessern. Heute ist es wahrscheinlicher, dass ein solches Unternehmen einen großen Kurssprung verzeichnet und von Investoren für sein mutiges Handeln gelobt wird.“
Das Journal verweist auf umgehende Aktienkursgewinne nach den jüngsten Massenentlassungen bei den Tech-Firmen Block und Snap. Nachdem Block Pläne zur Entlassung von 40 Prozent seiner Belegschaft angekündigt hatte, „kamen Führungskräfte anderer Unternehmen aus ihren Löchern“, so ein Manager, um nach dem „Handbuch“ zu fragen, „wie sie solche umfassenden Kürzungen in ihren eigenen Unternehmen nachmachen könnten“.
Block stellt Entlassungen, die in erster Linie durch KI vorangetrieben werden, als „unvermeidlich“ dar – besser gleich als später. In Wirklichkeit sind sie nicht unvermeidlich, sondern Mittel zum Zweck. Laut einem vom Journal befragten Analysten hat dies „vor allem auch Rückendeckung geboten, um die Personaloptimierung durchzuführen, die wahrscheinlich längst überfällig war.“
Dass der unmittelbare Anstieg der Aktienkurse eines der Hauptmotive für Massenentlassungen darstellt, zeugt von der extremen Kurzsichtigkeit der Unternehmensstrategie. Doch die Reaktion der Wall Street spiegelt eine grundlegendere Entscheidung des Finanzkapitals wider: Ganze Bereiche mit weniger produktivem Kapital sollen beseitigt werden, mitsamt mit den dort beschäftigten Arbeitern.
Und so kommt es zu immer mehr Massenentlassungen. Laut dem großen Beratungs- und Vermittlungsunternehmen Challenger, Gray & Christmas gab es im letzten Jahr 1,2 Millionen Entlassungen, die höchste Zahl seit dem ersten Jahr der Corona-Pandemie. Allein in diesem Monat wurden Entlassungen bei Snap (1.000 Stellen), Disney (1.000), Morgan Stanley (2.500) und Citigroup (1.000) angekündigt. Bei Amazon und Oracle ist jeweils der Abbau von 30.000 Stellen im Gange.
Das Ganze beschränkt sich nicht auf Angestelltenjobs. UPS baut mehr Stellen ab als jeder andere Arbeitgeber in den USA. In der Autoindustrie finden Tausende von Entlassungen statt, darunter die Schließung des GM-Werks, das als neues Flaggschiff für Elektroautos präsentiert worden war. Beim United States Postal Service hat die Geschäftsführung infolge einer gezielt herbeigeführten Finanzkrise die Zahlungen in den Pensionsfonds eingestellt und bereitet massive Kürzungen vor. Fast jeder größere Schulbezirk und jede Verkehrsbehörde in den USA erwägt Entlassungen wegen großer Defizite.
Das Phänomen beschränkt sich nicht auf Amerika. Die Lufthansa schließt ihre Tochtergesellschaft CityLine. Infolge des Kriegs gegen den Iran hat Europa laut der Internationalen Energieagentur „vielleicht noch für sechs Wochen Kerosin“. Die BBC baut 10 Prozent ihrer Belegschaft ab, das sind etwa 2.000 Stellen. Canada Post plant, 30.000 Stellen zu streichen – mehr als die Hälfte der Belegschaft – und die Haus-zu-Haus-Zustellung einzustellen.
Dahinter steckt eine objektive Logik. Die Staatsverschuldung der Vereinigten Staaten beträgt inzwischen 39 Billionen Dollar. Die Zinsen dafür sind so hoch wie das gesamte Militärbudget. Die Verschuldung der US-Unternehmen außerhalb des Finanzsektors hat laut einem Bericht der US-Zentralbank vom Januar 14,1 Billionen Dollar erreicht. Die großen „Hyperscaler“ – Amazon.com, Alphabet, Meta Platforms, Microsoft Corporation und Oracle Corporation – werden voraussichtlich im Jahr 2026 neue Schulden in Höhe von bis zu 175 Milliarden Dollar aufnehmen, um den Ausbau der KI zu finanzieren.
Unterdessen steigen die US-Militärausgaben rasant an: 200 Milliarden Dollar wurden für den Krieg gegen den Iran beantragt, weitere 500 Milliarden Dollar sind im Haushalt für das nächste Jahr vorgesehen, was die Gesamtsumme auf 1,5 Billionen Dollar bringt.
Die Kosten dafür, ein solches Ausmaß an Schulden zu verkraften, einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern und gleichzeitig die enormen Kosten der Unternehmensoligarchie für die Gesellschaft zu finanzieren, können unter dem Kapitalismus nur der Arbeiterklasse aufgebürdet werden.
Das bedeutet zum einen Massenarbeitslosigkeit, niedrigere Löhne, längere Arbeitszeiten und eine massive Steigerung der Mehrwertabschöpfung durch neue Technologien. Zum anderen bedeutet es die Aneignung von Rohstoffen, Märkten und Lieferketten von konkurrierenden Staaten. Am deutlichsten zeigt sich dies in Trumps Krieg gegen den Iran, bei dem es um die Kontrolle über Ölrouten, Schifffahrtswege, strategische Mineralien und industrielle Lieferketten geht.
Diese Politik lässt sich nicht mit demokratischen Mitteln durchsetzen. Das erklärt den Aufstieg Trumps und die erhebliche Unterstützung, die er von Oligarchen wie Jeff Bezos und Elon Musk erhält. Trump, dessen politische Weltanschauung von faschistischen Konzeptionen durchdrungen ist und der offen mit Völkermord droht, ist die unausweichliche politische Verkörperung eines Kapitalismus, der nur noch durch Krieg gegen die gesamte Gesellschaft weiterbestehen kann.
Was die Demokratische Partei angeht, so geht es ihr allein darum, dass Trump diese Politik auf etwas kohärentere und koordiniertere Weise verfolgt.
Die Gewerkschaftsbürokratie treibt ihre verräterische Rolle auf die Spitze. Allein in der vergangenen Woche wurden geplante Streiks von 80.000 Schulangestellten in Los Angeles und 34.000 Portiers in New York City zugunsten schäbiger Tarifabschlüsse abgesagt. Die Schriftstellergewerkschaft Writers Guild versucht, massive Erhöhungen der Gesundheitskosten und Reallohnsenkungen durchzusetzen, während Hollywood Tausende von Arbeitsplätzen abbaut.
Genauso wie Trumps Politik nicht einfach das Ergebnis persönlicher Ignoranz oder Korruption ist, sind die Verrätereien der Bürokratie das unvermeidbare Ergebnis davon, dass sie die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse akzeptiert und nationalistisch eingestellt ist. Sie unterdrückt den Klassenkampf, weil jede echte Verteidigung von Arbeitsplätzen sofort die Frage nach der Staatsmacht aufwirft.
Die Unternehmenselite träumt davon, Profit aus Profit zu generieren, indem sie menschliche Arbeitskraft eliminiert, sowohl durch Finanzblasen als auch durch KI. Aber sie kann sich nicht aus der Abhängigkeit von der Arbeiterklasse befreien, die die Quelle allen Wertes ist.
Außerdem führen diese Bedingungen zu einem tiefgreifenden politischen Wandel. Millionen Menschen kommen zu dem Schluss, dass es hier nicht einfach um „Gier“ oder schlechte Führungskräfte geht. Das kapitalistische System selbst ist verantwortlich.
Das Versprechen vom Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“ klingt für junge Menschen in Amerika wie blanker Hohn. Zum ersten Mal in der Geschichte hat sich die Kluft bei der Arbeitslosigkeit zwischen Absolventen mit höherem und niedrigerem Hochschulabschluss vollständig geschlossen.
Das radikalisiert eine ganze Generation und erweitert die potenzielle Basis für sozialistische Politik.
Das Paradoxe an der Krise ist, dass sie aus einem außerordentlich hohen Stand der wirtschaftlichen Entwicklung hervorgeht. Der Reichtum der Gesellschaft ist so groß und die wirtschaftliche und kulturelle Integration des Planeten durch globale Hightech-Lieferketten so weit fortgeschritten, dass sie mit den engen Grenzen des Privateigentums und des Nationalstaatssystems nicht mehr vereinbar sind.
Die Arbeiter müssen die Kontrolle über die Technologie übernehmen, die derzeit als Waffe gegen sie eingesetzt wird, und sie in das Gerüst einer neuen Gesellschaftsform verwandeln, die nicht auf Ausbeutung, sondern auf dem freien Zusammenschluss der Produzenten basiert.
Die enormen Produktivitätssteigerungen, die durch KI und Automatisierung ermöglicht werden, müssen genutzt werden, um eine drastische Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich zu finanzieren, zusammen mit hochwertiger Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen öffentlichen Programmen – statt die völlig aus dem Ruder gelaufene Ungleichheit zu finanzieren.
Wenn die KI in den Dienst einer Arbeiterregierung gestellt wird, könnte sie zu einem wichtigen Planungs- und Organisationsinstrument werden und neue Möglichkeiten für die direkte, demokratische Verwaltung der Gesellschaft durch die Massen selbst eröffnen.
Die herrschende Klasse macht revolutionäre Kämpfe unvermeidlich. Die zentrale Aufgabe besteht darin, sie mit einem sozialistischen Programm zu wappnen: für die Enteignung der Finanzoligarchie und die Umgestaltung der Gesellschaft im Sinne menschlicher Bedürfnisse, nicht privater Profite.
