Nach Anschlag in Washington: Venezuelas Übergangspräsidentin stellt Trump als Verteidiger des „Friedens“ dar

Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez bei einem Treffen mit BP-Vorständen am 29. April 2026 [Photo: Ministerio de Comunicación de Venezuela]

Am 26. April wurde das festliche Dinner des Journalistenverbands White House Correspondents Association in Washington durch Schüsse unterbrochen. US-Präsident Trump wurde sofort in Sicherheit gebracht und der mutmaßliche Schütze verhaftet. Und Minuten später, noch bevor irgendein anderer Staatschef reagiert hatte, verurteilte die venezolanische Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez den Anschlag.

In einem Post auf X erklärte sie: „Wir sind gegen das versuchte Attentat auf Präsident Trump und seine Frau Melania und sprechen ihnen sowie den Teilnehmern des Korrespondenten-Dinner unsere besten Wünsche aus. Gewalt wird für uns, die das Banner des Friedens verteidigen, niemals eine Option sein.“

Dieses Statement zählt zu den groteskesten Äußerungen, die von einem führenden Politiker veröffentlicht wurden. Rodríguez bringt Trump mit „Frieden“ in Verbindung und beschönigt damit die zahllosen Kriegsverbrechen, die von Washington weltweit und auch direkt gegen Venezuela verübt werden.

Die World Socialist Web Site lehnt den mutmaßlichen Anschlag im Washington Hilton aus prinzipiellen Gründen ab. Politische Gewalt von Einzelpersonen stärkt lediglich die Kräfte der Reaktion. Doch diese Ablehnung erfordert nicht, noch erlaubt sie es, Trump oder den US-Imperialismus im Allgemeinen als Opfer darzustellen, losgelöst von seiner eigenen systemischen Gewalt.

Tatsächlich nutzte Trump, wie schon bei früheren Attentatsversuchen, den Vorfall sofort, um Opposition zu kriminalisieren und seinen autoritären Kurs zu verschärfen. Seine Versuche, in den USA demokratische Prozesse auszuhebeln, sind mit weitreichenden imperialistischen Bestrebungen verbunden, deren Ziel die erneute Kolonisierung Lateinamerikas ist. Rodríguez’ Erklärung und eine ähnliche Äußerung der „linken“ mexikanischen Präsidentin Claudia Sheinbaum stellen objektiv eine Unterstützung dieser Bestrebungen dar und liefern Washington politische Deckung für seine Aggressionen.

Heuchelei und die Entführung Maduros

Die Heuchelei wird noch offenkundiger, wenn man sie den aktuellen Ereignissen in Venezuela gegenüberstellt. Am 3. Januar 2026 wurden Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores durch eine dreiste US-Militäroperation entführt. Der Angriff, bei dem schwer bewaffnete Spezialeinheiten im Schutze der Dunkelheit aus Hubschraubern abgesetzt wurden, kostete mehr als 100 Menschen das Leben, und etwa genauso viele wurden verwundet, darunter auch Zivilisten.

Die Operation wurde mit extremer Brutalität ausgeführt. Soldaten, ausgerüstet mit hochmoderner Technologie, wurden aus der Luft in gesichertes Gelände abgesetzt und metzelten das venezolanische und kubanische Wachpersonal nieder, ohne selbst Verluste zu erleiden. Diesem Überfall ging ein Bombenangriff voraus, der Caracas in Dunkelheit hüllte. Einwohner berichteten, die nächtliche Stille sei von Explosionen zerrissen worden, und Hubschrauber seien so tief geflogen, dass Gebäude erzitterten.

Ein Bewohner erklärte gegenüber der BBC: „Die Wände unserer Wohnung wackelten, die Türen und Fenster auch. In diesem Moment wusste ich nicht, dass sich der Angriff nur gegen militärische Ziele richtete... Ich dachte, wir würden sterben, und brach in Tränen aus.“

Ein anderer berichtete: „Ich spähte vorsichtig aus dem Fenster und sah die Raketen. Es war als würden Laserstrahlen auf den Bergen von Fort Tiuna explodieren... Ich dachte mir: ,Jetzt ist es so weit. Die Amerikaner sind da.‘“

Die Krankenhäuser waren völlig überlastet. Ein Arzt beschrieb, wie er trotz des maroden Zustands des Gesundheitssystems Pläne für die massiven Opferzahlen aktivierte. Ab 7 Uhr morgens trafen Patienten ein. Der Anblick der Verwundeten traumatisierte den Arzt. Er erklärte: „Ich erinnerte mich an die Bilder, die wir so oft aus den Kriegen im Nahen Osten gesehen haben“ – von Schmutz bedeckte und blutüberströmte Körper.

Familien bewaffneten sich mit allem, was sie hatten, um ihre Häuser zu verteidigen – mit Messern und Besenstielen. Das Blut im Präsidentenbunker ist kaum weggewaschen, und vielen Venezolanern klingt immer noch der Lärm der Bomben in den Ohren.

Doch Rodríguez, die die gleiche Regierung vertritt, die Opfer dieses imperialistischen Terroranschlags wurde, spricht jetzt von Trump als einer Person, der im Namen des Friedens Schutz gebührt.

Eskalierende imperialistische Gewalt

Die Operation im Januar war kein einmaliger Angriff. Die USA haben ihre militärischen Aktivitäten in der Region dramatisch verschärft. Die Luftangriffe auf lateinamerikanische Gewässer und Grenzregionen wurden ausgeweitet. Bei einer gemeinsamen amerikanisch-ecuadorianischen Operation mit dem Titel „Total Extermination“ wurden ländliche Gebiete ins Visier genommen, Wohnhäuser bombardiert und Landarbeiter festgenommen.

Gleichzeitig hat das Pentagon die Angriffe auf Seeziele ausgeweitet, vor allem in der Karibik und im Ostpazifik. Zusätzliche Kampfflugzeuge und Drohnen des Typs MQ-9 Reaper wurden auf Stützpunkte in El Salvador und Puerto Rico verlegt, um weitere Angriffe auf Fischerboote durchzuführen. Seit September wurden bei diesen Angriffen, die mit der Bekämpfung des Drogenschmuggels gerechtfertigt werden, mindestens 186 Menschen getötet.

Washington droht unterdessen mit weiteren Regimewechseloperationen, u.a. gegen Kuba. Trump hatte bereits erklärt, nach dem Iran sei Kuba „als nächstes an der Reihe“.

Nahe Kuba haben US-Marineübungen unter dem Codenamen Flex2026 begonnen. Dabei werden künstliche Intelligenz, unbemannte Systeme und traditionelle Streitkräfte vernetzt, um Überwachung und Kontrolle zu verbessern. Aufklärungsdrohnen wie die MQ-4C Triton und elektronische Flugzeuge wie die RC-135 patrouillieren im kubanischen Luftraum sowie über den Seewegen und ziehen damit die Schlinge um Kuba immer enger.

In Venezuela stieß Rodríguez’ Erklärung selbst in chavistischen Kreisen auf Kritik. Einige wiesen darauf hin, dass sie die langjährigen US-Sanktionen gegen Venezuela ignoriere, die zu einer Übersterblichkeit von über 100.000 Menschen geführt und acht Millionen Menschen zur Flucht aus dem Land gezwungen haben.

Einige Kommentatoren argumentieren jedoch, die Regierung wolle nur „Zeit gewinnen“ und auf bessere Bedingungen hoffen – höhere Ölpreise, geopolitische Veränderungen oder einen Aufstand der Bevölkerung – um die Souveränität wiederzuerlangen und Sozialprogramme zu verteidigen. Doch derartige Illusionen wurden bereits entlarvt.

Der Klassencharakter des Chavismus

Diese Entwicklung ist kein Verrat an den Prinzipien des Chavismus, sondern deren logische Konsequenz. Die so genannte bolivarische Revolution, die nach Hugo Chávez’ Wahlsieg 1998 ausgerufen wurde, repräsentierte Teile der nationalen Bourgeoisie, die im Rahmen des globalen kapitalistischen Systems bessere Bedingungen anstrebten. In Zeiten hoher Rohstoffpreise und enger Beziehungen zu China, Russland und anderen Wirtschaftsmächten nutzten sie begrenzte Sozialreformen, um den Klassenkampf einzudämmen und einen größeren Anteil der Gewinne für die lokale herrschende Klasse auszuhandeln.

Doch als sich die Bedingungen änderten – vor allem angesichts des langsameren Wachstums der chinesischen Wirtschaft, des Gewichts der US-Sanktionen und ihrer militärischen Drohungen – kapitulierten diese Kräfte und stellten ihre eigenen Privilegien und ihre Klassenherrschaft über das Wohl der Arbeiterklasse.

In Wirklichkeit hat die venezolanische Regierung seit dem Verfall der Ölpreise im Jahr 2014 die Last der Krise systematisch auf die Arbeiterklasse abgewälzt, Sparmaßnahmen durchgesetzt, Hungerlöhne beibehalten und die Wirtschaft für ausländisches Kapital geöffnet.

Die Politik vor der Entführung Maduros am 3. Januar hat die Voraussetzungen für das geschaffen, was seither geschah. Hugo Chávez und Nicolás Maduro haben der Verteidigung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse immer Priorität eingeräumt und Zugeständnisse an das ausländische Kapital gemacht, indem sie ihm das Land als Reservoir billiger Arbeitskräfte und Rohstoffe anboten.

Heute liegt der Mindestlohn bei nur 130 Bolivar pro Monat, das entspricht etwa 30 US-Cent. Proteste für höhere Löhne wurden mit Tränengas und Wasserwerfern und Unterdrückung beantwortet. Rodríguez‘ Versprechen einer „verantwortungsvollen“ Lohnerhöhung – um die Inflation nicht weiter anzuheizen – wiederholt die bekannte Lüge, für die steigenden Preise seien nicht die Konzerne, sondern die Arbeiter verantwortlich.

Was wir erleben, ist die Aushöhlung jeglicher Form von Souveränität. Der venezolanische Staat wird faktisch in eine Marionette des US-Imperialismus verwandelt.

Die Chavisten setzen ein Programm um, das über die Deregulierungen und Privatisierungen hinausgeht, welche die „Chicago Boys“ unter Führung von Milton Friedman während der faschistischen Militärdiktatur von Augusto Pinochet in Chile umsetzen wollten.

Öl, Gold und seltene Erden werden privatisiert und ausländischen Unternehmen ausgehändigt. Exporteinnahmen werden durch das US-Finanzministerium geleitet, das darüber entscheidet, wie viel davon zurückgegeben wird, um den venezolanischen Staat zu finanzieren.

Die Zentralbank hat ausländische Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie Deloitte – das eng mit dem Pentagon und der CIA verflochten ist – mit der Kontrolle ihrer Konten beauftragt. Abkommen mit Chevron, Shell, Repsol, Eni und BP festigen die Kontrolle des Auslands über die Ölreserven des Lands, die größten der Welt, noch weiter.

Sogar der Internationale Währungsfonds ist wieder im Spiel. Rodríguez hieß diese imperialistische Agentur der Wall Street willkommen und bat um einen Kredit in Höhe von fünf Milliarden Dollar, der die bereits erdrückenden Staatsschulden von 170 Milliarden US-Dollar weiter erhöhen würde. Jeder Lateinamerikaner kennt die lange Geschichte der Strukturprogramme des IWF und deren Auswirkungen auf Armut und Ungleichheit.

Jetzt lautet die Schlagzeile von El Pais: „Waren Sie schon in Caracas? Diese Frage stellen sich Investoren in Bezug auf Venezuela.“

Der Weg vorwärts

Die Ereignisse in Venezuela bestätigen eine grundlegende Lehre: Die nationale Bourgeoisie in unterdrückten Ländern ist nicht in der Lage, demokratische Aufgaben, darunter eine echte Unabhängigkeit vom Imperialismus, zu erfüllen.

Diese Tatsache bestätigt Leo Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Nur die Arbeiterklasse kann durch eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft die Ketten imperialistischer Vorherrschaft sprengen. Dies erfordert nicht nur den Sturz des Kapitalismus im Inland, sondern eine internationale Bewegung, deren Ziel die Umgestaltung der Weltwirtschaft zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse statt privatem Profit ist.

Rodríguez’ Erklärung ist nicht nur heuchlerisch, sie ist symptomatisch für eine tiefere Krise. Sie ist Ausdruck einer politischen Bewegung, die jeden Anschein von Widerstand gegen den Imperialismus aufgegeben hat und jetzt eine Einigung mit den Kräften anstrebt, die für das immense Leid der Menschen verantwortlich sind, die sie angeblich vertritt.

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