Es gibt immer wieder neue Informationen zu dem Vorfall bei der Veranstaltung der White House Correspondents’ Association am Samstagabend. Nach allem was bisher bekannt geworden ist, handelte der Schütze Cole Tomas Allen aus politischer Opposition gegen die Trump-Regierung.
Laut einer Erklärung, die er vor dem Vorfall verbreitete, war der 31-jährige Allen entsetzt darüber, in die Verbrechen der Trump-Regierung verwickelt zu sein. Er wollte hochrangige Mitglieder der Trump-Regierung ins Visier nehmen, auch wenn sein Versuch tatsächlich keinen Regierungsvertreter in direkte Gefahr brachte. Allen wurde am Montag wegen drei Straftaten angeklagt, darunter versuchter Mord am Präsidenten, worauf eine lebenslange Haftstrafe steht.
Marxisten lehnen solche Attentate aus prinzipiellen und politischen Gründen ab. Einzelne Gewalttaten bringen den Kampf gegen die Reaktion nicht voran. Sie ersetzen die bewusste politische Mobilisierung der arbeitenden Massen durch die Tat einer isolierten Einzelperson. Unabhängig von den Verbrechen der beabsichtigten Zielfigur – und die von Trump sind gewaltig – ist das übergeordnete Problem die politische Konsequenz solcher Gewalt. Was auch immer das Motiv des Angreifers sein mag, im Ergebnis liefert sie der Regierung einen Vorwand, die Repression auszuweiten und die Opposition zu kriminalisieren.
Es ist jedoch notwendig, auf die erschütternde Heuchelei und Feigheit hinzuweisen, welche die Reaktion der Medien und des politischen Establishments auszeichnet. Mit ihrer charakteristischen Dummheit behandeln die Medien das Ereignis so, als stünde es in keinem Zusammenhang zur allgegenwärtigen und systematischen Gewalt, die das amerikanische Leben durchdringt - gefördert vom Staat und der herrschenden Klasse, angeführt von einem Präsidenten, der sich in blutrünstiger Rhetorik suhlt und sich wie ein Mafiaboss verhält.
Die Reaktion politischer Persönlichkeiten in den USA und international folgt dem gleichen Drehbuch. Eingehüllt in den scheinheiligen Refrain, dass „in der Politik kein Platz für Gewalt ist“, geben Politiker moralische Plattitüden von sich. Gleichzeitig verteidigen oder leiten sie Regierungen, deren Politik organisierte Gewalt ist.
Bestimmte Reaktionen sind besonders widerwärtig. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte: „Es gibt keinen Platz für Gewalt, weder gegen politische Führer noch gegen irgendjemanden.“ Aus dem Mund des Staatsoberhaupts eines Landes, das in Gaza einen Völkermordkrieg führt, ist diese Aussage eine Obszönität. Nach vorsichtigen Schätzungen wurden bei diesem Völkermord mehr als 75.000 Palästinenser getötet. Dutzende „politische Führer“ der Hisbollah wurden im Libanon durch israelische Bomben, Raketen und Sprengsätze ermordet, im Iran sogar noch mehr.
Der französische Präsident Emmanuel Macron erklärte, dass „der bewaffnete Angriff … inakzeptabel ist“, und fügte hinzu: „Ich spreche Donald Trump meine volle Unterstützung aus.“ Aus Sicht der diplomatischen Konvention hätte es ausgereicht, Erleichterung darüber auszudrücken, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Aber „volle Unterstützung“ ist etwas ganz anderes. Es ist eine politische Fürsprache, und diese gilt einer Regierung, die sich mitten in einem kriminellen Angriffskrieg im Iran befindet und im eigenen Land polizeistaatliche Maßnahmen errichtet.
Indiens Ministerpräsident Narendra Modi erklärte ebenfalls: „Gewalt hat in einer Demokratie keinen Platz und muss unmissverständlich verurteilt werden.“ Und die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni wiederholte denselben Refrain: „Kein politischer Hass darf in unseren Demokratien Raum finden.“ Diese Predigten werden von Personen gehalten, welche reaktionärste, gewalttätige und faschistische politische Traditionen repräsentieren.
In den USA erklärte der Fraktionsvorsitzende der Demokraten im Repräsentantenhaus, Hakeem Jeffries: „Die Gewalt und das Chaos in Amerika müssen ein Ende haben.“ Noch vor zwei Monaten reagierte Jeffries auf Trumps Mord am obersten Führers des Iran, Ayatollah Khamenei, mit der Erklärung, Khamenei sei ein „böser Akteur“ und er werde „keine Tränen vergießen“ wegen seiner Ermordung. Das heißt, Gewalt und Mord sind völlig legitim, wenn sie den Interessen des amerikanischen Imperialismus dienen.
Andere Demokraten folgten dem gleichen Drehbuch.
Politisch am bedeutendsten ist die Erklärung des Mitglieds der Democratic Socialists of America und New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani. Mamdani erklärte, dass „politische Gewalt absolut inakzeptabel“ sei. Er persönlich sei „froh, dass der Präsident und die Gäste beim White House Correspondents’ Dinner in Sicherheit sind“. Und der „linke“ Demokrat Bernie Sanders erklärte, dass „eine funktionierende Demokratie auf der Prämisse beruht, dass Menschen ihre politischen Ansichten frei äußern können, ohne Angst vor Angriffen oder Ermordung haben zu müssen“. Sanders fügte hinzu: „Politische Gewalt ist politische Feigheit.“
Keine dieser Persönlichkeiten wies auf den grundlegenden Punkt hin, dass die Trump-Regierung und ihre Amtsträger sich erschütternder und systematischer Gewalt sowie Drohungen mit politischer Gewalt schuldig gemacht haben.
Man betrachte die folgende Auswahl von Aussagen, die allein von Trump stammen:
- Zum Iran, April 2026: „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben, um nie wieder zurückzukehren. Ich möchte nicht, dass das geschieht, aber es wird wahrscheinlich geschehen.“ Und im März: „Wenn die Straße von Hormus nicht sofort ‚für den Verkehr freigegeben‘ wird, werden wir unseren schönen ‚Aufenthalt‘ im Iran damit beenden, dass wir alle ihre Kraftwerke, Ölquellen und die Insel Kharg (und möglicherweise alle Entsalzungsanlagen!) in die Luft jagen und vollständig auslöschen.“
- Über die Demokraten und die politische Opposition, April 2026: „Nun, da der Iran untergegangen ist, ist der größte Feind Amerikas die radikale Linke, die höchst inkompetente Demokratische Partei!“
- Über Drogendealer, November 2022: „Wir werden verlangen, dass jeder, der Drogen verkauft oder beim Verkauf von Drogen erwischt wird, für seine abscheulichen Taten die Todesstrafe erhält.“ Und zu Ladendieben, September 2023: „Ganz einfach: Wenn du einen Laden ausraubst, kannst du fest damit rechnen, beim Verlassen des Ladens erschossen zu werden. Erschossen!“
- Zu Demonstrationen gegen Polizeigewalt, Mai 2020: „Wenn die Plünderungen beginnen, wird geschossen.“ Und als Verhaltensregel an die Adresse der Polizei, Juli 2017: „Bitte seid nicht zu nett.“
Unzählige Aussagen ähnlicher Art ließen sich zusammentragen. Hinzu kommen die explizite Verteidigung und Rechtfertigung des Mordes an Renée Nicole Good und Alex Pretti in Minneapolis sowie die Verherrlichung von Brutalität und Gewalt gegen Arbeitsmigranten durch Faschisten wie Steven Miller.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Die Demokraten haben grundsätzlich die größte Angst vor echtem Widerstand aus der Bevölkerung. Wie immer reagieren sie daher feige und machen sich auf diesem Wege mitschuldig. Trump und die Republikaner fühlen sich dadurch nur weiter ermuntert, in die Offensive zu gehen. Die Parteiführer nutzten den Vorfall, um Aufwiegelung und Unterdrückung zu eskalieren – sie prangerten eine „radikalisierte Linke“ an, stellten das Ereignis als „unvermeidliches Ergebnis“ des Widerstands gegen ihre Regierung dar und forderten mehr Polizeibefugnisse sowie eine Aufstockung der Mittel für den Unterdrückungsapparat.
Unmittelbar nach dem Vorfall forderte Trump zusammen mit anderen Republikanern, dass der Sender ABC den Late-Night-Moderator Jimmy Kimmel „sofort feuert“ wegen Witzen, die er vor dem WHCA-Dinner gemacht hatte. So wird die Episode genutzt, um den Angriff auf die Meinungsfreiheit zu verschärfen.
Die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, formulierte diese Kampagne am deutlichsten. „Diese politische Gewalt resultiert aus einer systematischen Dämonisierung von [Trump] und seinen Anhängern“, erklärte sie am Montag und gab „gewählten Mitgliedern der Demokratischen Partei und sogar einigen in den Medien“ die Schuld.
Leavitt ging noch weiter und äußerte, dass diejenigen, die „den Präsidenten ständig fälschlicherweise als Faschisten bezeichnen … und ihn mit Hitler vergleichen … diese Art von Gewalt schüren“. Sie prangerte einen vermeintlichen „linken Hasskult“ an. Das Ziel besteht darin, politische Kritik zu einer Form von „Gewalt“ zu erklären und ein gewaltsames Vorgehen gegen politische Gegner zu rechtfertigen.
Tatsächlich stammt die überwiegende Mehrheit der organisierten politischen Gewaltakte in den Vereinigten Staaten von der Rechten – von bewaffneten Miliznetzwerken und rechtsextremen Kräften. Das vergangene Jahrzehnt war geprägt von wiederholter, eskalierender rechter Gewalt: der Mobilisierung faschistischer Kräfte am 6. Januar 2021; hochkarätigen Anschlägen und Attentatsplänen gegen Amtsträger; sowie Gewalttaten einzelner Personen, die von rechtsextremen Akteuren wie Kyle Rittenhouse verübt wurden. Seit Jahren identifizieren Bewertungen von US-Behörden und bedeutenden Forschungszentren den rechtsextremen Extremismus als Hauptquelle tödlichen inländischen Terrorismus und politischer Gewalt im Land.
Gleichzeitig ist es vor allem die Kriminalität der Regierung selbst, kombiniert mit einer politischen Struktur, die jeden echten Weg für den Massenwiderstand von Arbeitern und Jugendlichen versperrt, die solche Taten „anheizt“, wie sie Cole Tomas Allen zugeschrieben werden. Die bewusste Unterdrückung und Ablenkung der Wut der Bevölkerung durch die Demokratische Partei und den Gewerkschaftsapparat vertieft nur das Gefühl der Frustration und Ohnmacht und schafft Bedingungen, unter denen verzweifelte, unüberlegte und destruktive Einzelaktionen entstehen können.
Der Weg nach vorn liegt nicht in individueller Gewalt, sondern in der Entwicklung des Klassenkampfes, der die Möglichkeit eines weitaus bewussteren, kollektiveren und optimistischeren Wegs eröffnet: die unabhängige Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen Krieg, Diktatur und die kapitalistische Ordnung, die diese hervorbringt.
Mit Trump abzurechnen ist keine Frage einzelner Handlungen und bedeutet auch nicht die Absetzung eines Mannes. Es ist ein Kampf gegen den kapitalistischen Staat und die Interessen der herrschenden Klasse, denen er dient – Krieg im Ausland, Unterdrückung im Inland. Die einzige Kraft, die diesen Abstieg in die Barbarei aufhalten kann, ist die Arbeiterklasse, die bewusst und unabhängig handelt und ihre soziale Macht gegen den gesamten Apparat des Militarismus, der Diktatur und der oligarchischen Herrschaft mobilisiert.
