US-Präsident Donald Trump erklärte am Dienstagabend auf seiner Plattform Truth Social, er werde den Geleitschutz von Handelsschiffen durch die Straße von Hormus „für kurze Zeit“ aussetzen. Der Einsatz des US-Militärs hatte erst einen Tag gedauert. Er begründete seine Entscheidung mit den angeblich „großen Fortschritten“ in Richtung einer Einigung mit dem Iran.
Die Kehrtwende erfolgte nur wenige Stunden, nachdem Außenminister Marco Rubio bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus betont hatte, dass die Vereinigten Staaten sich jetzt „voll und ganz“ auf die neue Mission konzentrieren und dass der Krieg gegen den Iran in eine separate Nachkampfphase übergegangen sei.
Rubio erklärte: „Die Operation ist vorbei. Epic Fury, diese Phase ist beendet – wie der Präsident dem Kongress mitgeteilt hat. Jetzt widmen wir uns dem Project Freedom.“
Stunden später wurde das Projekt, das Rubio gerade zum Schwerpunkt der amerikanischen Politik erklärt hatte, ausgesetzt. Gleichzeitig erklärte Trump, die US-Blockade iranischer Häfen bleibe „in vollem Umfang in Kraft“.
Dieser Rückzieher muss im Zusammenhang mit der verschärften Krise der Trump-Regierung gesehen werden. Der Iran hat die Straße von Hormus, diesen strategisch wichtigen Engpass, faktisch abgeriegelt. Bevor die USA und Israel am 28. Februar den Krieg begannen, passierte etwa ein Fünftel der weltweit auf dem Seeweg transportierten Öl- und Gaslieferungen die Meerenge. Mittlerweile sitzen etwa 1.600 Handelsschiffe mit 20.000 Seeleuten an Bord im Persischen Golf fest. Vor dem Krieg durchfuhren etwa 130 Schiffe pro Tag die Straße.
Trump hatte am Sonntag angekündigt, dass die US-Marine Handelsschiffen Geleitschutz auf einer Route bieten werde, die als frei von iranischen Seeminen erklärt wurde. Die Waffenruhe, die fast vier Wochen angehalten hat, brach innerhalb von Stunden zusammen. Iranische Streitkräfte beschossen am Montag zwei Handelsschiffe mit Raketen, die von den USA abgefangen wurden.
In den zwei Tagen der Begleitoperation schafften es nur drei Handelsschiffe durch die Straße – zwei am Montag, eins am Dienstag. Das erste Schiff, das am Montag unter US-Flagge die Straße passierte, war die von Maersk betriebene Alliance Fairfax. Laut dem Pentagon verließ sie die Straße am Montag unter einem defensiven „Schutzschirm“ aus Lenkwaffenzerstörern, Kampfflugzeugen, Hubschraubern, Drohnen und 15.000 Soldaten. Laut dem US Central Command schossen US-Truppen iranische Marschflugkörper und Drohnen ab und zerstörten sechs iranische Schnellboote. Ein hochrangiger Vertreter des iranischen Militärs stritt in den Staatsmedien ab, dass Boote versenkt wurden.
Am gleichen Tag attackierte der Iran die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Oman mit Drohnen und Raketen. Bei den Angriffen wurden drei indische Seeleute in einem Ölindustriegebiet in Fudschaira verwundet. Ein Öltanker wurde getroffen und über Dubai explodierten Flugabwehrraketen. In der omanischen Küstenstadt Bucha wurden zwei Menschen verletzt. Die VAE verhängten bis zum 11. Mai Einschränkungen des Luftraums und meldeten GPS-Störaktionen. Es waren die ersten derartigen Angriffe auf die VAE seit Inkrafttreten der brüchigen Waffenruhe am 8. April. Der Iran hat sich weder dazu bekannt noch dementiert.
Der Iran kündigte am Dienstag eine neue „Behörde für den Persischen Golf“ an, die den Verkehr in der Wasserstraße überwachen soll. Schiffe müssen für die Durchfahrt eine Genehmigung per E-Mail beantragen. Die Marine der iranischen Revolutionsgarde erklärte, dass die einzige sichere Route ein vom Iran ausgewiesener Korridor sei. Gegen Schiffe, die davon abweichen, würden Maßnahmen ergriffen.
Der Telegraph berichtete am Dienstag, das Schutzangebot der USA habe die Ängste der festsitzenden Seeleute nicht zerstreut. Eine iranische Drohne mit hochexplosivem Sprengstoff, die auf einen entlang der omanischen Küste fahrenden Tanker abgefeuert wird, würde in etwa 20 Minuten ihr Ziel erreichen, eine dicht über dem Wasser fliegende iranische Rakete in unter einer Minute. Der Befehlshaber des US Central Command, Admiral Bradley Cooper, hat bestätigt, dass kein Schiff direkt eskortiert werde: „Es gibt keinen spezifischen Begleitschutz.“
Der Telegraph schrieb weiter: „Zwei Tage nachdem Donald Trump den Beginn des Project Freedom angekündigt hat, deutet kaum etwas darauf hin, dass die Schiffe sich beeilt hätten, die Chance zu ergreifen, um wegzukommen.“ Schifffahrtsexperten erklärten gegenüber dem Telegraph, den Reedern und ihren Versicherungen sei weiterhin nicht klar, wie der Schutz der USA funktionieren soll oder ob er wirksam sei.
Hinter der jüngsten Kehrtwende steht eine sich verschärfende strategische Krise. Die New York Times veröffentlichte am Dienstag eine Analyse von Steven Erlanger mit dem Titel „Trump sucht eine Wunderwaffe, um den Irankrieg zu beenden. Vielleicht gibt es keine“. Darin werden Trumps wiederholte Kurswechsel dokumentiert: die Luftangriffe im Juni 2025, die das Atomprogramm „vernichten“ sollten, die gemeinsamen Luftangriffe mit Israel im Februar, die einen Regimewechsel erzwingen sollten, die Blockade der iranischen Schiffe und jetzt die Begleitschutzoperation. Nichts davon konnte den iranischen Widerstand brechen.
Matt Spetalnick kam in einer Analyse für Reuters zu dem Schluss, dass die Pattsituation „Trump schlechter dastehen lassen könnte als vor dem Krieg“. Jon Alterman vom Center for Strategic and International Studies erklärte gegenüber Reuters: „Der Iran hat erkannt, dass er selbst im geschwächten Zustand die Straße nach Belieben blockieren kann.“
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
Die New York Times veröffentlichte am Dienstag eine Analyse von David E. Sanger mit dem Titel „Weißes Haus beharrt darauf, der Irankrieg sei vorbei, obwohl Raketen fliegen“. Darin dokumentiert er den Widerspruch zwischen den Behauptungen der Regierung und der Realität vor Ort. „Für das Weiße Haus ist das Beharren, der Krieg sei vorbei, die jüngste rhetorische Wendung bei dem Versuch, einen Krieg hinter sich zu lassen, der die schwerste Krise in Trumps Präsidentschaft ausgelöst hat“, so Sanger. „Doch die Behauptung allein macht es noch nicht wahr. Die Raketen fliegen noch immer. Beide Seiten behaupten, sie würden den Verkehr in der Wasserstraße kontrollieren.“
Die Demokraten und die etablierte Presse haben Trump von rechts kritisiert – sie verurteilen sein Versagen bei der Sicherung der Straße von Hormus, jedoch nicht den kriminellen Charakter des Kriegs. Die Redaktion der New York Times schrieb im April: „Der Iran widersetzt sich weiterhin einem zentralen Bestandteil des Abkommens und blockiert einen Großteil des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus. Trumps Verantwortungslosigkeit hat die USA an den Rand einer demütigenden strategischen Niederlage gebracht.“
Das Pentagon hat in 38 Tagen Kampf etwa 13.000 Ziele angegriffen. Trump hatte am 28. Februar fünf wichtige Kriegsziele genannt: erstens den Iran daran zu hindern, jemals eine Atomwaffe zu besitzen, zweitens seine ballistischen Raketen und Abschussrampen zu zerstören, drittens seine Marine zu versenken, viertens die Unterstützung für die Hisbollah und die Hamas zu beenden und fünftens die Voraussetzungen für einen Sturz der iranischen Regierung durch die Bevölkerung zu schaffen. Bisher wurde nur eins erreicht: die Zerstörung der iranischen Marine.
Trump hat seine Wortwahl geändert. Am Montag nannte er den Krieg bei einer Veranstaltung für Kleinunternehmer im Weißen Haus einen „Minikrieg“. In früheren Reden sprach er von einem „Ausflug“ und einem „Abstecher“. Am Vorabend des Waffenstillstands hatte er gedroht: „Heute Nacht wird eine ganze Zivilisation sterben und nie mehr zurückkehren.“
General Dan Caine, Vorsitzender des Generalstabs der USA, erklärte am Dienstag, der Iran habe seit Inkrafttreten des Waffenstillstands mehr als zehnmal US-Truppen angegriffen. Doch die Angriffe seien allesamt „unterhalb der Schwelle für die Wiederaufnahme größerer Kampfoperationen geblieben“. Caine gab zu, dass die Definition der Schwelle eine „politische Entscheidung ist“. Trump erklärte Stunden später auf Drängen von Reportern nach einer genaueren Angabe: „Sie werden es herausfinden, weil ich es Sie wissen lasse.“
Das Pentagon gab die bisherigen Kriegskosten mit 25 Milliarden US-Dollar an. Abgeordnete rechnen damit, dass die Regierung beim Kongress im Laufe des Jahres noch weitere 100 Milliarden Dollar beantragen wird. Hegseth wird nächste Woche zu einem Antrag des Pentagons für das Haushaltjahr 2027 in Höhe von rund 1,5 Billionen US-Dollar aussagen.
