Dass der heutige Schulstreik gegen die Wehrpflicht am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, stattfindet, ist von enormer historischer und politischer Bedeutung. Zugleich ist es eine Warnung. 81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa sind die Gespenster von Krieg und Faschismus, die viele für längst überwunden hielten, zurück.
Als der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 in Berlin die Kapitulation unterzeichnete, lag die Stadt in Trümmern. Die deutsche Armee war vernichtend geschlagen.
Wenige Tage zuvor hatten Soldaten der Roten Armee die Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen bei Berlin und des Gefängnisses Berlin-Plötzensee befreit, wo Tausende Widerstandskämpfer hingerichtet worden waren. Ihnen bot sich ein Bild unvorstellbaren Grauens.
Im Zweiten Weltkrieg starben 70 bis 85 Millionen Menschen; die Zahl der getöteten Zivilisten wird auf bis zu 55 Millionen geschätzt. Der Vernichtungskrieg der Nazis kostete 27 Millionen Sowjetbürgern das Leben, und 6 Millionen Juden wurden im Holocaust gezielt ermordet.
Das weltweite Kriegsende wurde vier Monate später durch die Kapitulation Japans besiegelt, nachdem der US-Imperialismus Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatte.
81 Jahre später ist die Welt nicht einfach mit der Gefahr eines neuen Weltkriegs konfrontiert. Dieser entwickelt sich bereits. Die globalen Kriegsfronten und Konfliktzonen erstrecken sich vom Iran und dem Nahen Osten über Europa bis nach Asien und Lateinamerika; sie reichen bis in die Arktis und in den Weltraum.
Wehrpflicht bedeutet Krieg
Die Wiedereinführung der Wehrpflicht steht in diesem Zusammenhang. Der deutsche Militarismus ist zurück. Wie am Vorabend des Ersten und Zweiten Weltkriegs strebt er nach Weltmacht und bereitet sich darauf vor, seine geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen mit militärischer Gewalt durchzusetzen. Dafür braucht er Kanonenfutter.
Man muss sich der Realität stellen: De facto führt Berlin bereits wieder Krieg gegen Russland. Die deutsche Kriegskooperation mit der Ukraine und die neue Militärstrategie der Bundesregierung lassen daran keinen Zweifel. Bundeskanzler Merz spricht unverblümt von „Großmachtpolitik“ und davon, dass Deutschland wieder „die Sprache der Machtpolitik sprechen“ müsse. Der Wehrhaushalt wird auf ein historisches Niveau hochgetrieben, die Bundeswehr soll zur größten Streitmacht Europas werden. Das ist kein Verteidigungsprogramm. Das ist die Vorbereitung eines Krieges, der in einer nuklearen Katastrophe enden und ganz Europa in Schutt und Asche legen würde.
Russlands Einmarsch in die Ukraine war reaktionär. Doch die NATO hat diesen Krieg über Jahrzehnte systematisch provoziert: durch die schrittweise Osterweiterung des Militärbündnisses entgegen allen Zusagen an Moskau, durch die militärische Einkreisung Russlands seit 1991, durch den pro-westlichen und von rechtsextremen Kräften geführten Putsch in Kiew 2014 und durch den folgenden aktiven Aufbau der Ukraine als Aufmarschgebiet der NATO.
All das steht in einer düsteren politischen Kontinuität. Der deutsche Imperialismus greift zum dritten Mal in seiner Geschichte nach der Weltmacht. Im Ersten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg und heute verfolgt er dieselben historischen Ziele: Dominanz über Europa, Kontrolle über Ressourcen und Märkte im Osten, Zurückdrängen von Konkurrenten. Die Wehrpflicht ist der personelle Unterbau dieses Projekts. Eine ganze Generation soll wieder in Reih und Glied marschieren – nicht, um Demokratie zu verteidigen, sondern um für die Profite der Herrschenden zu sterben.
Dass die herrschende Klasse erneut zu monströsen Verbrechen bereit ist, zeigt ihre bedingungslose Unterstützung des israelischen Genozids in Gaza. Zehntausende Menschen wurden abgeschlachtet, ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht – und die Bundesregierung lieferte Waffen und politische Deckung. Als die USA und Israel den Vernichtungskrieg gegen den Iran begannen, eilte Merz nach Washington, um Trump den Ring zu küssen und ihm die Loyalität Berlins zu versichern. Ramstein und andere deutsche Basen stehen für diese Kriege zur Verfügung. Eine herrschende Klasse, die solche Verbrechen deckt, ist auch bereit, sie selbst zu begehen. Dafür wird die Wehrpflicht eingeführt.
Alle kapitalistischen Parteien tragen die Kriegspolitik mit – auch die Linkspartei
Wer meint, in den etablierten Parteien einen Verbündeten gegen die Wehrpflicht zu finden, täuscht sich fundamental. CDU, SPD, Grüne, FDP und natürlich die Faschisten der AfD – sie alle tragen die Aufrüstung mit. Aber auch die Linkspartei, die sich in Sonntagsreden als Friedenspartei gibt, hat ihre wahre Natur längst enthüllt. Im Bundesrat stimmte sie dem Billionen-Aufrüstungspaket zu, das die materielle Grundlage der Wehrpflicht bildet. Dann ebnete sie Friedrich Merz den Weg ins Kanzleramt.
Und als US-amerikanische und israelische Bomben die iranische Führung ermordeten, trat ihr Vorsitzender Jan van Aken vor die Kameras und erklärte, Khamenei solle „in der Hölle schmoren“ – es sei „gut, dass sie weg sind“. Das ist kein politischer Ausrutscher. Es ist das Programm einer Partei, die den imperialistischen Kriegskurs im Wesentlichen mitträgt und nur taktische Differenzen über die Wahl der Mittel hat.
Erfahrung mit den nicht minder reaktionären pseudolinken Kräften im Umfeld der Linkspartei haben wir auch selbst in der Bewegung gegen die Wehrpflicht gemacht. Auf der bundesweiten Konferenz gegen Wehrpflicht am 14. Februar 2026 brachte die IYSSE den Antrag ein, die Erklärung um konkrete Forderungen zu erweitern: Stopp des Genozids in Gaza, keine Waffenlieferungen an die Ukraine, kein Krieg gegen den Iran, Sozialismus statt Krieg. Die stalinistische Jugendorganisation SDAJ lehnte dies mit dem Argument ab, man dürfe keine konkreten Position zu laufenden Kriegen einnehmen – und die Forderung nach Sozialismus sei „nicht massentauglich“.
Das ist politischer Bankrott. Wer den Kampf gegen die Wehrpflicht von den Kriegen trennt, für die sie eingeführt wird, schützt nicht die Einheit der Bewegung. Er schützt die Kriegspolitik der herrschenden Klasse vor Kritik. Ein Protest, der die zentrale politische Frage ausspart, wird zur zahnlosen Geste.
Wenn diese Kräfte heute bei den Schulstreiks auftauchen und sich als deren Organisatoren gerieren, sind sie keine Verbündeten. Sie stellen eine politische Falle. Eine Bewegung, die sich an ihnen orientiert, wird direkt in die Arme des kapitalistischen Systems zurückgeführt, das den Krieg hervorbringt. Mit diesen Kräften kann man die Wehrpflicht nicht stoppen – weil sie die Kriegspolitik, die die Wehrpflicht verlangt, ignorieren oder sogar befürworten.
Die Militarisierung greift die gesamte Gesellschaft an – auch unsere Schulen und Universitäten
Für die Vorbereitung großer Kriege reicht es nicht, Gesetze zu verabschieden und Rüstungsbudgets aufzustocken. Die gesamte Gesellschaft muss auf Krieg eingestimmt werden – und das betrifft auch die Schulen und Universitäten. Bundeswehroffiziere besuchen Schulen, um bereits Kinder und Jugendliche für den Soldatenberuf zu werben. Universitäten werden zu Kaderschmieden des deutschen Militarismus umgebaut. Der Koalitionsvertrag von CDU und SPD benennt die Militarisierung der Hochschulen ausdrücklich als Ziel. Und die ideologische Kriegspropaganda wird immer aggressiver.
Ein besonders krasses Beispiel ist die Berliner Humboldt-Universität. Dort betreibt Jörg Baberowski, Lehrstuhlinhaber für Osteuropäische Geschichte, seit Jahren die intellektuelle Legitimierung des deutschen Militarismus. Er verharmlost die Nazis („Hitler war nicht grausam“) und fälscht die Geschichte, um die Aggressionen des deutschen Imperialismus zu verschleiern und Russland zum alleinigen Schuldigen zu stempeln. Sein aktuelles Buch „Am Volk vorbei“ verfolgt das Ziel, eine Regierungsbeteiligung der AfD vorzubereiten, indem er diese als notwendiges „Korrektiv“ für das politische System beschreibt.
Das ist keine akademische Frage. Wenn ein Historiker an Deutschlands führender Universität die Faschisten rehabilitiert und zugleich die Kriegspropaganda des deutschen Imperialismus liefert, dann zeigt das, wohin die Reise geht. Die Militarisierung der Gesellschaft und die Rehabilitation des Faschismus sind zwei Seiten derselben Medaille.
Die IYSSE laden dazu am 12. Mai zu einer Veranstaltung mit dem Titel ein: „Keine AfD-Propaganda an der HU! Wie Professor Baberowski in seinem neuen Buch die Faschisten hofiert“. Alle Informationen findet ihr auf iysse.de.
Was nötig ist: eine internationale, antikapitalistische Bewegung der Arbeiterklasse
Der Schulstreik ist ein wichtiges Zeichen. Zehntausende Jugendliche, die auf die Straße gehen und sagen: Wir werden nicht für eure Kriege sterben – das hat politisches Gewicht. Aber ein Schulstreik allein ändert nichts, wenn er nicht Teil einer größeren politischen Bewegung wird und über eine klare Perspektive verfügt. Appelle an Regierungen, die selbst die Kriegspolitik betreiben, laufen ins Leere. Petitionen an Parlamente, in denen alle Parteien die Aufrüstung mittragen, sind wirkungslos.
Der Kampf gegen die Wehrpflicht muss ein Kampf gegen den Krieg sein. Und der Kampf gegen den Krieg muss ein Kampf gegen den Kapitalismus sein – denn Krieg ist nicht einfach eine falsche Entscheidung irgendeiner Regierung oder eines Präsidenten. Krieg ist das Produkt eines Systems, in dem nationale Konkurrenz, Profitzwang und die Jagd nach Ressourcen und Märkten die Herrschenden zwangsläufig in militärische Konfrontation treiben. Solange der Kapitalismus existiert, wird es Krieg geben, und wenn er nicht gestoppt wird, führt er zum Weltkrieg. Das ist die Lehre aus dem 20. Jahrhundert und der aktuellen Kriegseskalation.
Unsere Verbündeten sitzen nicht im Bundestag. Sie arbeiten in den Fabriken, Krankenhäusern, Schulen und Häfen – in Deutschland, Russland, den USA, im Iran und auf der ganzen Welt. Die internationale Arbeiterklasse ist die einzige gesellschaftliche Kraft, die die Kriegsmaschinerie wirklich stoppen kann. Um das zu tun, braucht sie unabhängige Organisationsformen: Aktionskomitees in Schulen, an Universitäten und in Betrieben, die außerhalb und gegen die etablierten Parteien und Bürokratien handeln und sich international vernetzen.
Was gebraucht wird, ist eine Bewegung, die vollständig unabhängig von allen kapitalistischen Parteien ist, die die Kriegsursachen beim Namen nennt und auf dem Programm des internationalen Sozialismus beruht. Wir kämpfen nicht für eine Reform dieser Gesellschaft. Wir kämpfen für ihre sozialistische Umgestaltung – den einzigen Weg, Krieg, Militarismus und Wehrpflicht dauerhaft zu überwinden. Und das erfordert den Aufbau einer marxistischen Weltpartei – der von Leo Trotzki 1938 gegründeten Vierten Internationale und der Sozialistischen Gleichheitspartei, deren Jugend- und Studierendenorganisation wird sind.
Wir fordern:
• Stopp des Krieges gegen den Iran! Rückzug aller westlichen Truppen aus dem Nahen Osten!
• Nein zur Wehrpflicht – in welcher Form auch immer, zu welchem Zeitpunkt auch immer!
• Schluss mit dem Genozid in Gaza! Keine Waffenlieferungen!
• Milliarden für Bildung und soziale Versorgung statt für Aufrüstung und Krieg!
• Für den Aufbau einer internationalen sozialistischen Antikriegsbewegung in der Arbeiterklasse und der Jugend!
Schließt euch der IYSSE an. Kommt zu unserer Veranstaltung am 12. Mai. Baut den Kampf auf – in Schulen, an Universitäten, in Betrieben. International, sozialistisch, unabhängig.
