Leichtsinnige Ausschiffung der vom Hantavirus befallenen MV Hondius offenbart den Zusammenbruch des öffentlichen Gesundheitswesens

Ein spanischer Passagier des Kreuzfahrtschiffs MV Hondius, auf dem das Hantavirus ausgebrochen ist, wird nach dem Aussteigen auf dem Flughafen Teneriffa auf den Kanaren von Beamten der spanischen Regierung mit Desinfektionsmittel besprüht, bevor er an Bord eines Flugzeugs geht; Sonntag, 10. Mai 2026 [AP Photo]

Wie leichtsinnig die Evakuierung der Passagiere der MV Hondius, die am Sonntagmorgen vor Teneriffa auf den Kanaren vor Anker ging, vonstatten ging, zeigte sich noch am gleichen Tag. Als am späten Nachmittag der erste französische Rückführungsflug von dem vom Hantavirus befallenen Kreuzfahrtschiff zum Flughafen Le Bourget bei Paris im Landeanflug war, zeigte einer der fünf französischen Passagiere an Bord schon Symptome einer Infektion. 

Der französische Premierminister Sébastien Lecornu schrieb auf X: „Fünf unserer Landsleute, die auf der MV Hondius – einem Hantavirus-Infektionsherd – waren, wurden auf das französische Staatsgebiet zurückgeführt. Einer von ihnen zeigte während des Flugs Symptome.“ Er kündigte noch für den Abend eine Notstandsverordnung an, „um angemessene Isolationsmaßnahmen für enge Kontaktpersonen durchzusetzen und die allgemeine Bevölkerung zu schützen“.

Nur wenige Stunden zuvor hatten spanische Gesundheitsbehörden und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch darauf bestanden, alle Passagiere seien beim Verlassen des Schiffs symptomlos gewesen und vor dem Besteigen eines Flugzeuges überprüft worden. Der erste französische Passagier, der Symptome zeigte, entwickelte sie in der Luft in einer abgedichteten Kabine zusammen mit vier weiteren exponierten Reisenden. Der Flug war entsprechend diesen Protokollen genehmigt worden. Mit anderen Worten, die Operation hat sofort genau das Risiko einer grenzüberschreitenden Übertragung verursacht, das sie verhindern sollte.

Das war das vollkommen vorhersehbare Ergebnis einer Evakuierung, die eher von politischer als von epidemiologischer Logik geleitet war – einer Logik, die ihren extremsten Ausdruck in der Reaktion der Trump-Regierung findet. 

Der amtierende Direktor der US-Seuchenschutzbehörde CDC, Jay Bhattacharya, ein Mitverfasser der Great Barrington Declaration und treibende Kraft der Strategie der „Herdenimmunität“, die zum Tod von mehr als 1,5 Millionen Amerikanern an Covid-19 beigetragen hat, trat am Sonntagmorgen in der CNN-Sendung „State of the Union“ auf. Dort versicherte er der Öffentlichkeit: „Das ist kein Covid-19, es wird nicht zu einem solchen Ausbruch führen.“ Gleichzeitig bestätigte er, dass die USA für die Hondius-Passagiere weder eine Quarantäne noch eine Kontaktverfolgung anordnen würden.

Die CDC bestätigte, dass sie die 17 Amerikaner, die von der Hondius zurückgeflogen wurden, nicht unter Quarantäne stellen und asymptomatische Passagiere nicht testen wird. Ein Beamter der CDC erklärte am Samstag: „Wir stellen niemanden unter Quarantäne ... es wird nicht empfohlen, Leute zu testen, die keine Symptome aufweisen.“ 

Amerikaner, die von einem Schiff zurückgeholt werden, auf dem drei Passagiere an einem Erreger gestorben sind, das in 30 bis 50 Prozent der Fälle tödlich ist, werden in der National Quarantine Unit in Nebraska untersucht. Anschließend wird ihnen gestattet „sich dafür zu entscheiden, nach Hause zu gehen und dort 42 Tage auf etwaige Symptome zu achten“. Das ist keine Quarantäne. Das ist eine freiwillige Selbstbeobachtung auf Symptome einer Krankheit, deren Vorboten – Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen – sich nicht von einer gewöhnlichen Erkältung unterscheiden. Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. hat keine einzige Pressekonferenz zu diesem Ausbruch abgehalten, was vollkommen im Einklang mit der katastrophalen Reaktion der Regierung auf Covid-19 im Jahr 2020 und seither steht.

Sogar der Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, der die Operation auf Teneriffa leitete, musste zugeben, dass das amerikanische Protokoll „Risiken bergen könnte“. Gegenüber Reportern erklärte er auf Fragen nach dem Vorgehen der USA: „Unser Rat ist eindeutig: ab dem 10. Mai 42 Tage Quarantäne mit aktiver Nachsorge. ... Das könnte Risiken bergen, aber natürlich erzwingen wir unsere Empfehlungen nicht.“ Die US-amerikanische ist mittlerweile die einzige große westliche Gesundheitsbehörde, die die ständige Empfehlung der WHO offen zurückweist, seit sie nach Trumps Rückkehr an die Macht aus der Organisation ausgetreten ist.

Was sich im Hafen von Teneriffa abspielte, war kein Sieg für das öffentliche Gesundheitswesen. Es war vielmehr das sichtbarste Symptom eines katastrophalen institutionellen Versagens, das nachträglich bewältigt wird. Die Evakuierung wurde wie eine Militäroperation choreografiert: Die Passagiere wurden in Gruppen von fünf bis zehn Personen in kleinen Booten an Land gebracht, in versiegelte und bewachte Fahrzeuge geladen und durch einen abgesperrten Korridor zu wartenden Flugzeugen am Flughafen Teneriffa Süd gebracht. 

Tedros, die spanische Gesundheitsministerin Mónica García und Innenminister Fernando Grande-Marlaska trafen am Samstagabend ein, um die Evakuierung zu beaufsichtigen – ein außergewöhnlicher persönlicher Einsatz des obersten Gesundheitsbeamten der Welt, die als transparenter Versuch politischer Schadensbegrenzung diente. 

Ihre Intervention wurde notwendig, weil Massen von Hafenarbeitern und Einwohnern der Insel gegen die Ankunft des verseuchten Schiffs protestierten. Auf den Plakaten der Demonstranten wurde der Hafen für unsicher erklärt, und sie skandierten, sie wollten Arbeit und keine Krankheit. Ein Demonstrant erklärte, die PSOE/Sumar-Regierung würde die Kanaren als Müllhalde benutzen und erklärte treffend, die offizielle Reaktion sei „genauso wie bei Covid“.

Die Biologie des Erregers erklärt, warum diese Reaktion einen globalen Notfall darstellt. Das Andes-Virus ist das einzige bekannte Hantavirus, das von Mensch zu Mensch übertragen wird. Damit wird der Ausbruch auf der Hondius von einem typischen zoonotischen Vorfall zum potenziellen Ausgangspunkt einer Pandemie. Seine Fallsterblich beträgt 30 bis 50 Prozent. Es gibt keine von der US-Arzneimittelbehörde zugelassenen Impfstoffe, keine spezifischen antiviralen Medikamente oder Heilmittel. In 100 Prozent der Fälle wurde in der akuten Phase virale RNA (Ribonukleinsäure) nachgewiesen, wobei infektiöse Partikel auf Nasen-Rachen-Abstrichen, Urin und Speichel bestätigt wurden. Das bedeutet, dass das Virus bereits während der Prodromalphase effizient ausgeschieden wird, lange bevor ein Arzt einen Patienten als infektiös einstufen würde. Das Prodrom – Fieber, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen und Übelkeit – ist von einer Grippe nicht zu unterscheiden. 

Der Ausbruch in Epuyén in der argentinischen Provinz Chubut, der im New England Journal of Medicine dokumentiert wurde, bestätigt das tödliche Potenzial. Drei Superspreader übertrugen das Virus bei einer Geburtstagsparty, einer Beerdigung und in einer Arztpraxis auf 34 Menschen, von denen elf starben. Patient 2 steckte laut der veröffentlichten Studie „aufgrund seines aktiven Soziallebens“ in der ersten Prodromalphase sechs Menschen an. Die mittlere Inkubationszeit beträgt 18 Tage und kann sich bis zu acht Wochen hinziehen.

Vor diesem Hintergrund scheitern die Vorschriften für das Ausschiffen. Obwohl die WHO 2.500 PCR-Diagnosekits an Labore in fünf Ländern geschickt hat, fand keine universelle PCR-Testung der Passagiere statt, bevor sie das Schiff verließen. Spanische Ärzteteams führten „Tests durch, um zu bestätigen, dass sie symptomfrei bleiben“ – eine Formulierung, die es bewusst vermeidet, explizit von PCR-Tests zu sprechen. Selbst wenn Passagiere getestet wurden, wurden diese gleich darauf in ein Flugzeug gesetzt und in die restliche Welt verstreut, bevor die Ergebnisse vorlagen, wodurch der gesamte epidemiologische Zweck der Testung hinfällig wird. 

Spanien hält 14 Staatsbürger im Militärkrankenhaus Gomez-Ulla fest, wo bei der Ankunft und nach sieben Tagen PCR-Tests durchgeführt werden. Irland hat eine Isolationspflicht von etwa fünf Wochen verhängt. Frankreich hat 72 Stunden Hospitalisierung, gefolgt von 45 Tagen häuslicher Quarantäne angeordnet. Dass sich die US-Passagiere 42 Tage lang selbst kontrollieren sollen, ist an sich wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen. Die Inkubationszeit des Andes-Virus kann bis zu 56 Tage betragen, wie mehrere veröffentlichte Studien bestätigen. Passagiere, die in der siebten oder achten Woche Symptome entwickeln, fallen somit gänzlich aus dem Rahmen der CDC heraus. 

Die Behörden behaupten außerdem kategorisch, asymptomatische Personen könnten das Virus nicht übertragen, obwohl dies dem wissenschaftlichen Kenntnisstand widerspricht. Das eigene Journal der CDC Emerging Infectious Diseases kam im Jahr 2005 zu dem Schluss, dass „der wahrscheinlichste Zeitraum für die Ausbreitung des Virus in den Tagen liegt, bevor medizinische Behandlung in Anspruch genommen wird“. Eine Studie des CDC von 2014 identifizierte die frühe Prodromalphase, in der die Symptome unspezifisch sind und leicht übersehen werden, als den Zeitraum mit dem größten Übertragungsrisiko. Die gegenteiligen offiziellen Beteuerungen sind reine Propaganda.

Die Ereignisse der letzten 39 Tage machen die Folgen dieser Nachlässigkeit konkret. Am 24. April, 13 Tage nach dem ersten Todesfall, gingen 30 Passagiere im abgelegenen britischen Überseegebiet Saint Helena an Land – ohne Tests, ohne Meldung von Erkrankungen und ohne Quarantäneanweisung. Unter ihnen befand sich die Ehefrau des Indexpatienten. Die Frau bestieg, wahrscheinlich bereits infiziert, einen Tag später einen Linienflug nach Johannesburg und weiter nach Amsterdam. Während des Flugs verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand, und am 26. April starb sie in einem Krankenhaus in Johannesburg. Ein britischer Arzt, der sie behandelte, liegt derzeit im gleichen Krankenhaus in kritischem Zustand. Ein Schweizer Passagier aus der Gruppe von Saint Helena wurde Wochen später positiv getestet, nachdem er sich selbst ins Krankenhaus begeben hatte. 

Zuvor, zwischen dem 13. und 15. April, nur zwei Tage nach dem ersten Todesfall, war die Hondius vor Tristan da Cunha vor Anker gelegen, wo sich Passagiere und Besatzung ungehindert unter die einheimischen Inselbewohner mischten. Ein Brite, der auf der Insel an Bord ging, liegt jetzt mit Verdacht auf Hantavirus im Krankenhaus. Die Insel hat etwa 250 Einwohner, verfügt über kein Krankenhaus und ist nur über eine sechstägige Bootsreise zu erreichen.

Dass die Passagiere der Hondius über die ganze Welt verstreut wurden stellt einen mustergültigen Verstoß gegen das Völkerrecht dar. Gemäß den Internationalen Gesundheitsvorschriften von 2005 verpflichtet die Maritime Declaration of Health den verantwortlichen Schiffsoffizier dazu, den Hafenbehörden sofort jeden Verdacht auf einen ungewöhnlichen gesundheitlichen Vorfall mitzuteilen. Der Tod eines Mannes infolge einer akuten fieberhaften Atemwegserkrankung – fünf Tage nach der Abreise aus einer bekanntermaßen Hantavirus-endemischen Region –, erfüllt diese Bedingung eindeutig. Dennoch wurde die Weltgesundheitsorganisation erst am 2. Mai benachrichtigt – 21 Tage nach dem ersten Todesfall.

Ein hochgradig tödlicher Erreger, bei dem eine Übertragung von Mensch zu Mensch nachgewiesen war, konnte sich über zwölf Länder ausbreiten, bevor die Welt überhaupt darüber informiert wurde, dass er existiert. Kapitän Jan Dobrogowski versicherte den Passagieren, der erste Todesfall gehe auf natürliche Ursachen zurück. Oceanwide Expeditions behauptete wochenlang, nichts von der Gefahr zu wissen. Was am 1. April als Entdeckungsreise für 130 begüterte Touristen vom Hafen von Ushuaia aus begann, hat sich in eine globale Krise verwandelt.

Dieser Ausbruch ist die vorhersehbare Folge einer kapitalistischen Welt, die auf Profit ausgerichtet ist statt auf das wissenschaftliche Management biologischer Risiken. Da die Expeditions-Tourismusbranche in ökologische Grenzgebiete vordringt und der Klimawandel die Lebensräume von Nagetieren verschiebt, vervielfachen sich rasch die Bedingungen für eine zoonotische Übertragung. Die MV Hondius könnte zum Ausgangspunkt einer Pandemie werden – oder auch nicht. Doch als Demonstration, wie eine solche genau beginnen würde, war sie zweifellos ein Probelauf.

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