Nexteer-Arbeiter in Michigan lehnen zweiten Ausverkaufs-Tarifvertrag mit 73 Prozent ab und fordern Streik zur Durchsetzung ihrer Forderungen

Am Werkstor von Nexteer in Saginaw

Am Freitag stimmte eine deutliche Mehrheit der Arbeiter beim Autozulieferer Nexteer Automotive in Saginaw (Michigan) zum zweiten Mal gegen einen Tarifvertragsentwurf, der einen glatten Ausverkauf bedeutete. Laut dem Ortsverband 699 der United Auto Workers (UAW) wurde der Entwurf mit 73 zu 27 Prozent abgelehnt. Die Produktionsarbeiter lehnten den Einigungsvorschlag sogar mit 76 Prozent ab, und auch die besser gestellten Facharbeiter wiesen ihn zurück.

Die Ablehnung des Tarifvertrags ist ein großer Sieg für die Arbeiter an der Basis und eine Absage an die UAW-Bürokratie, die den Vorschlag ausgehandelt hatte. Die Ablehnung erfolgte trotz der Einschüchterungsversuche und Lügen der Gewerkschaftsfunktionäre, die wahrheitswidrig behauptet hatten, ein Streik sei „illegal“ und eine Ablehnung der Tarifeinigung könne den Verlust der Arbeitsplätze bedeuten.

Die Vereinbarung war in vielen Punkten schlechter als diejenige, die die Arbeiter am 31. März mit 96 Prozent abgelehnt hatten. Sie beinhaltet eine verlängerte „Einarbeitungszeit“ für neu eingestellte Produktionsarbeiter, die erst nach 48 Monaten den vollen Lohn erhalten sollen. Die Einstiegslöhne sollten bei 19,50 Dollar verbleiben. Die Eigenbeteiligung zur Krankenversicherung würde für Arbeiter, die nach 2021 eingestellt wurden, deutlich steigen. Angesichts der rasant steigenden Inflation würden die Produktionsarbeiter nach vier Jahren nur 27 Dollar pro Stunde bekommen – so viel, wie Arbeiter in diesem Werk vor mehr als 20 Jahren verdienten, als das Unternehmen noch Saginaw Steering hieß und zu dem General-Motors-Ableger Delphi gehörte.

Die Funktionäre des UAW-Ortsverbands wurden durch die Ablehnung des Vertrags in eine schwere Krise gestürzt. Einer von ihnen brach ein Telefonat mit einem Reporter der World Socialist Web Site ab, als dieser um einen Kommentar zu der Abstimmung bat.

Die Gewerkschaft hat für Sonntagmorgen eine Mitgliederversammlung einberufen, angeblich um mit den Arbeitern „die nächsten Schritte“ zu diskutieren. Während UAW-Präsident Shawn Fain und seine Handlanger auf Ortsebene verzweifelt versuchen, einen Streik zu verhindern, herrscht unter den Arbeitern große Zustimmung zu einem sofortigen Ausstand. Das Nexteer Workers Rank-and-File Committee (Aktionskomitee) ruft die Arbeiter in einer Erklärung dazu auf, an der Versammlung teilzunehmen, um für einen sofortigen Streik zu stimmen und ihn zu organisieren.

Die Arbeiter bei Nexteer befinden sich in einer starken Position. Die 1.300 Beschäftigten produzieren Lenkungskomponenten und andere Teile, die für die Produktion sehr lukrativer Fahrzeuge bei General Motors, Ford, Stellantis und anderen Autokonzernen unverzichtbar sind. Aufgrund des „Just in Time“-Liefersystems könnte ein Streik bei Nexteer oder anderen wichtigen Zulieferern schnell die Fertigungsstraßen in den Autowerken zum Erliegen bringen.

Der Tarifkampf bei Nexteer findet vor dem Hintergrund zunehmender Militanz unter Arbeitern der Zuliefererindustrie statt, wo die Tarifverträge bei mehreren wichtigen Unternehmen wie Dana, Bridgewater Interiors und Magna Seating auslaufen. Am letzten Montag stimmten 98 Prozent der Arbeiter bei American Axle für Streik.

Die Arbeiter von Nexteer in Saginaw (Michigan) hatten bereits am 31. März 2026 eine von der Gewerkschaft UAW ausgehandelte Tarifeinigung abgelehnt

Ein Streik bei Nexteer könnte die Arbeiter in der gesamten Autozuliefererindustrie zu einem gemeinsamen Kampf gegen Armutslöhne und unzumutbare Arbeitsbedingungen mobilisieren.

Will Lehman, der bei Mack Trucks in Macungie (Pennsylvania) arbeitet und für das Amt des UAW-Präsidenten kandidiert, veröffentlichte dazu die folgende Erklärung:

Ich begrüße die mutige Abstimmung der Nexteer-Arbeiter und rufe alle UAW-Mitglieder auf, ihren Kampf gegen die Verschwörung des Unternehmens und der UAW-Bürokratie zu unterstützen. Was bei Nexteer passiert, ist kein Einzelfall. Wir alle haben solche Verrätereien schon früher erlebt. Es ist an der Zeit, Lehren daraus zu ziehen. Wir können nicht wie bisher weitermachen. Wir müssen unsere Interessen unabhängig durchsetzen, ohne uns vom UAW-Apparat vorschreiben zu lassen, was wir dürfen und was nicht.

Die Arbeiter bei GM, Ford, Stellantis und Mack, die 2023 verraten wurden, wissen genau, was bei Nexteer passiert. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Kollegen verstehen, wozu UAW-Präsident Fain fähig ist, um uns auszuverkaufen – hinter all dem verlogenen Geschwätz von „historischen Errungenschaften“ und „Reform“ der UAW. Wir werden nicht siegen, solange wir keinen unabhängigen Weg einschlagen, die Geschichte früherer Kämpfe der Arbeiterklasse studieren und diese Lehren jetzt umsetzen. Wenn wir jetzt nicht kämpfen, wird es bald nichts mehr geben, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Ich rufe die Arbeiter auf, dem Nexteer-Aktionskomitee beizutreten und es aufzubauen sowie die folgenden Forderungen zu stellen:

- Ohne Tarifvertrag keine Arbeit! Keine Schlichtung! Keine Verlängerungen! Sofortiger Streik zur Durchsetzung der Forderungen der Arbeiter! 1.000 Dollar Streikgeld pro Woche!

- Ersetzt die aktuelle Verhandlungskommission durch ein Komitee aus vertrauenswürdigen Arbeitern von der Basis, die von der Belegschaft selbst gewählt wurden und ihr Rechenschaft schulden.

- Stimmt euch mit Autoarbeitern in den gesamten USA und international ab, u.a. Arbeitern der Zuliefererindustrie, deren Tarifverträge auslaufen, um euch mit den Streikenden bei Nexteer zu solidarisieren und die Verarbeitung von Teilen zu verweigern, die von Streikbrechern hergestellt wurden.

Ich fordere außerdem:

- Einen existenzsichernden Einstiegslohn und einen schnellen Übergang zum Höchstlohn

- Umfassende Krankenversicherung für alle Arbeiter und ihre Familien

- Verbindliche Begrenzungen für Überstunden, Arbeitshetze und Missbrauch der Schichtbelegungen

- Arbeitsplatzsicherheit und Schutz vor Outsourcing

- Kontrolle der Arbeiter über Sicherheit und Personalbesetzung

- Klares, verbindliches Verbot der Überwachung von Taktzeiten oder des Einsatzes von Trackingdaten zur Disziplinierung

Ein Reporterteam der WSWS sprach am Donnerstag, während der Abstimmung über den Tarifvertrag, mit Nexteer-Arbeitern. Eine überwältigende Mehrheit lehnte den Tarifvertrag ab und sprach sich für einen Streik aus.

Nate, der schon lange im Betrieb arbeitet, erklärte:

Alle, mit denen ich gesprochen habe, sagen, dass dieser Tarifvertrag schlechter ist als der erste. Wir bekommen eine Lohnerhöhung von einem Dollar über vier Jahre, und das Benzin kostet schon fünf Dollar pro Gallone? Das können wir uns nicht leisten. Wie sollen wir zur Arbeit kommen?

Die Leute finden: wir kommen hierher, wir arbeiten, wir tun, was man uns sagt, und dann sagt ihr, ihr habt all dieses Geld in den letzten Jahren verdient, aber wollt es den Arbeitern nicht geben.

Und dann sagen sie: „Ihr Arbeiter seid uns egal, wir werden euch alle ersetzen.“

Einige neu Eingestellte sagen nach vier Stunden: „Das halte ich nicht aus“ und kündigen. Ich bin seit19 Jahren hier, und man will mir eine Lohnerhöhung von einem Dollar über vier Jahre geben? Das ist nichts, worauf man sich freuen kann. Da könnte ich auch gleich bei McDonald’s arbeiten. Ich finde sogar, McDonald’s und Taco Bell bieten bessere Bedingungen als das, was ich hier bekomme.

Als die WSWS-Reporter darauf hinwiesen, dass Arbeiter in der Zuliefererindustrie früher etwa genauso viel verdienten wie bei den drei großen Autokonzernen, erklärte Nate: „Meine Schwester und mein Vater haben hier gearbeitet, und ja, sie haben mehr verdient.“

Andere äußerten sich ähnlich. Besondere Wut herrschte über die Behandlung neu Eingestellter, die mit einem Hungerlohn von 19 Dollar pro Stunde anfangen und erst nach vier Jahren den Standardlohn erhalten. Zudem müssen sie mehr als doppelt so viel für ihre Krankenversicherung zahlen.

Chris, ein junger Arbeiter mit zwei Jahren Betriebszugehörigkeit, erklärte:

Ich finde es schrecklich, wie die Arbeiter behandelt werden. Das muss aufhören. Ich stehe 100 Prozent dahinter [hinter den Aktionskomitees], denn wenn niemand etwas unternimmt, wird es immer so weitergehen. Jemand muss die Initiative ergreifen.

Jetzt ist es Zeit, mit „Nein“ zu stimmen, zu streiken und zusammenzuhalten, um das zu schaffen. Wir müssen uns unseren gerechten Anteil holen. Ich weiß genau, wenn wir für einen Tag die Arbeit niederlegen, würde ihnen das wehtun. Die Leute müssen erkennen, welche Macht sie haben.

Loading Tweet ...
Tweet not loading? See it directly on Twitter

Ohne uns sind sie gar nichts. Es ist egal, ob man schwarz, weiß, Mann oder Frau ist … wenn wir nicht arbeiten, können sie gar nichts tun. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, die Reichen noch reicher zu machen, dass wir diese Boni für die Obersten beenden. Diese Weihnachtsgeschenke, die sie bekommen, während wir sechs Tage die Woche, neun Stunden täglich arbeiten, uns kaputtmachen, damit die uns sagen, dass das noch nicht genug ist.

Das muss aufhören. Es muss wirklich aufhören, und wir müssen zusammenhalten, heute mehr als je zuvor, solange wir die Macht haben. Wir müssen sofort unseren gerechten Anteil bekommen, jetzt, nicht später, nicht in zwei Jahren. Schluss mit „Verhandeln wir noch ein Jahr lang“. Sondern jetzt!

Niemals hätte uns dieser Tarifvertrag vorgelegt werden dürfen. Und die Taktik, uns mit der Behauptung einzuschüchtern, wir würden die Versicherung verlieren – das ist nur Schwachsinn. Sie wollen den Leuten Angst machen, damit sie mit „Ja“ stimmen. Niemand sollte mit „Ja“ stimmen. Wenn wir einen Tag streiken, haben sie einen massiven Schaden. GM verliert Unsummen an Geld. Und da sollen wir diesen ***-Tarifvertrag für fünf Jahre annehmen – nicht vier, fünf? Das ist lächerlich.

Wir brauchen sofort ein Aktionskomitee. Bei Nexteer haben wir einen handverlesenen Tarifausschuss. Es sind viele Jasager darunter, es gibt eine Menge Leute, die vom Management gekauft sind, und Dinge tun, die dem Management nützen. Das muss aufhören. Wir brauchen Leute, die sich für die Arbeiter einsetzen, statt heimlich mit dem Management zusammenzuarbeiten oder uns weismachen zu wollen, das sei das Beste, was wir kriegen können. Das stimmt einfach nicht.

Loading