Diese Rede hielt Tamino Dreisam, ein führendes Mitglied der International Youth and Students for Social Equality (Deutschland), auf der Online-Maikundgebung 2026, die von der WSWS und dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale organisiert wurde.
Wir treffen uns heute am 1. Mai unter politisch außerordentlich ernsten Bedingungen. Krieg und Krise stehen nicht bevor – sie sind da. Der Angriff auf den Iran hat eine neue Front in der Spirale imperialistischer Gewalt eröffnet, die die Weltordnung umwälzt. Unsere Generation soll den Preis dafür zahlen.
Arbeiter und Jugendliche, wir sind keine Zuschauer dieser Krise. Wir sind die Zielscheibe.
Alle Regierungen weltweit bereiten sich auf Krieg vor und dabei nehmen sie uns ins Visier. Am 5. Dezember hat der Bundestag ein neues Wehrpflichtgesetz verabschiedet. Der US National Defense Authorization Act 2026 sieht die automatische Einberufung aller Männer zwischen 18 und 26 Jahren vor. In Griechenland wird im Rahmen der „Agenda 2030“ die Ausbildung ausgeweitet, alle Rekruten werden in der Armee zentralisiert und direkt an die Grenzen gebracht.
Die Maschinerie der Massenmobilisierung wird wiederaufgebaut – nicht, um unser Leben zu verteidigen, sondern um es im imperialistischen Krieg zu verheizen. Sie wollen uns in Uniform stecken, uns in Formation bringen, uns an die Front marschieren lassen und sagen, das sei unsere patriotische Pflicht.
In der Ukraine und in Russland sind Hunderttausende junge Arbeiter abgeschlachtet worden. Die herrschenden Klassen der imperialistischen Welt arbeiten fieberhaft daran, ihr Gemetzel auf die Jugend ihrer eigenen Länder auszuweiten.
Gegen die Kriegstreiber steht unser Genosse Bogdan Syrotjuk, der 26-jährige Führer der Jungen Garde der Bolschewiki-Leninisten (YGBL), der trotzkistischen Jugendbewegung in der ehemaligen Sowjetunion. Bogdan sitzt seit zwei Jahren in einem Gefängnis in Nikolajew wegen seiner Opposition gegen den Krieg und gegen die Unterdrückung der Arbeiterklasse durch das Selenskyj-Regime. Er ist wegen „Hochverrats unter Kriegsrecht“ angeklagt, worauf 15 Jahre bis lebenslange Haft stehen.
Was sind die „Beweise“? Neun Bände politisches Material – Artikel auf der World Socialist Web Site, Reden auf Maikundgebungen des IKVI, ein Essay Trotzkis über die Oktoberrevolution, Grüße von David North an die Junge Garde. Der Hauptvorwurf des SBU lautet, die WSWS sei eine „russische Propaganda- und Informationsagentur“ – eine Kriegserklärung an die gesamte sozialistische Opposition gegen das Selenskyj-Regime und vor allem an das IKVI. Einen Monat nach Bogdans Verhaftung wurde die WSWS in der Ukraine verboten.
Bogdans Verfolgung ist Teil einer internationalen Offensive gegen die entstehende sozialistische Opposition gegen den imperialistischen Krieg. Hier in Deutschland wird die Sozialistische Gleichheitspartei vom Verfassungsschutz beobachtetet – wegen ihres „Verbrechens“ des Kampfs gegen Nationalismus, Imperialismus und Militarismus. Die IYSSE wurde in die Liste der „verfassungsfeindlichen Organisationen“ aufgenommen.
In den USA wird auf der Grundlage von Trumps Memorandum zur nationalen Sicherheit im September 2025 eine Offensive der Regierung gegen „antikapitalistische“ und „antiamerikanische“ Organisationen geführt. Er hat wiederholt damit gedroht, den Insurrection Act (Aufstandsgesetz) anzuwenden, um Militär in amerikanische Städte zu schicken. Die imperialistischen Länder beabsichtigen, den Internationalismus selbst zu kriminalisieren.
Wir erklären unsere volle Solidarität mit Bogdan Syrotjuk. Wir fordern seine sofortige und bedingungslose Freilassung. Der Kampf für Bogdans Freiheit ist untrennbar mit dem Kampf gegen Krieg und Diktatur verbunden.
Die Militarisierung der Gesellschaft findet nicht nur auf dem Schlachtfeld statt. Sie wird in unsere Schulen und Universitäten getragen, die der Kriegspropaganda und militärischen Rekrutierung untergeordnet werden. Bildungsetats werden gekürzt und Sozialprogramme zusammengestrichen – nicht, weil das Geld fehlt, sondern um junge Menschen so verzweifelt zu machen, dass sie zur Armee gehen. Die Zerstörung der öffentlichen Bildung ist eine Waffe im Arsenal der Kriegsmaschinerie.
Wir müssen ehrlich benennen, was unsere Generation geerbt hat. Seit wir geboren wurden, haben die Vereinigten Staaten kein einziges Jahr verbracht, ohne einen Krieg zu führen. Die Finanzkrise von 2008 hat Millionen Arbeiterfamilien ruiniert. Die Kriege im Irak, Afghanistan, Syrien und Libyen wurden zum dauerhaften Teil der globalen Realität. In der Corona-Pandemie wurden unsere Schulen durchseucht, während die Regierungen die Profite der Reichen schützten. Eine Übersterblichkeit von über 30 Millionen, Hunderte Millionen geschädigt durch Long Covid. Dann der NATO-Russland-Krieg in der Ukraine und der Genozid in Gaza. Jetzt der Krieg gegen den Iran. Wir kennen keine Welt ohne Krieg und Krisen.
Doch unsere Generation wächst auch inmitten der Rückkehr des Klassenkampfs auf. Die globale Welle, die 2019 begann – die Gelbwesten in Frankreich, die Aufstände in Chile, Irak, Iran, Hongkong, Algerien, Sudan und Ecuador – markiert den Beginn einer neuen Periode. Seither sind junge Menschen gegen den Genozid in Gaza, gegen die Wehrpflicht und Sozialabbau auf die Straße gegangen. Am 28. März beteiligten sich acht Millionen Menschen an den „No Kings“-Demonstrationen, dem größten eintägigen Protest in der amerikanischen Geschichte.
Doch diese Jahre offenbaren auch eine wichtige Lehre. Ohne eine revolutionäre sozialistische Perspektive werden die Massenbewegungen entgleist, unterdrückt und von bürgerlichen Parteien aufgesogen. Die Frage ist nicht, ob man kämpfen soll, sondern wie und auf welcher Grundlage.
Es gibt nur eine Antwort: Wendet euch der Arbeiterklasse zu, der einzigen gesellschaftlichen Kraft, die die Macht hat, Krieg und Kapitalismus zu beenden. Deshalb sagen wir jungen Menschen überall: Studiert den Marxismus. Studiert die revolutionären Kämpfe des 20. Jahrhunderts. Zieht die Lehren aus ihren Niederlagen und Siegen. Tretet der IYSSE bei und baut Sektionen der Vierten Internationale in euren Ländern auf.
Der Kampf gegen Krieg und für unsere Zukunft ist der Kampf für Sozialismus. Es gibt keinen anderen Weg nach vorn.
