Ende Mai vereinbarte die IG Metall einen Sozialtarifvertrag, mit dem das Ende des Autozulieferwerks von Mahle in Neustadt an der Donau 2027 besiegelt wird. Die IG Metall feierte die Werksschließung und den Verlust von 400 Arbeitsplätzen als großen Erfolg, da sie „eine deutlich verbesserte finanzielle Absicherung“ erreicht habe.
Damit hat der Gewerkschaftsapparat den Willen des Konzerns gegen die Belegschaft durchgesetzt, die zuvor bewiesen hatte, dass sie für den Erhalt der Arbeitsplätze kämpfen will.
Mahle ist einer der führenden Automobilzulieferer für Komponenten im Bereich Verbrennungsmotoren. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 64.000 Arbeiter an rund 127 Produktionsstandorten und 11 Forschungs- und Entwicklungszentren auf fünf Kontinenten und unterhält Tochtergesellschaften in rund 30 Ländern. In Deutschland beschäftigt das Unternehmen fast 10.000 Arbeiterinnen und Arbeiter an 23 Standorten. Der Unternehmenssitz in Stuttgart-Bad Cannstatt ist mit über 4000 Beschäftigten der größte Standort. In Neustadt an der Donau produziert das Mahle-Werk seit 1987 Klimaanlagen für BMW, Porsche, Volvo und Jaguar/Land Rover.
Die IG Metall behauptete im April, sie habe zufällig erfahren, dass das Unternehmen mit potenziellen Käufern über den Verkauf der Fabrikgebäude verhandle – was zwingend auf eine Schließung hindeute. Ab Ende April organisierte die IG Metall Warnstreiks mit der Forderung nach einem neuen „Zukunftstarifvertrag“, da der bisherige Ende Dezember 2025 ausgelaufen war.
Die IG Metall wusste, dass die Unternehmensleitung die Schließung des Werks beschlossen hatte und diese auch umsetzen würde. In einer Pressemitteilung nach einem zweistündigen Streik am 28. April heißt es viellautend: „Sollte der Arbeitgeber jedoch nicht bereit sein, eine solche Zukunftsperspektive zuzusagen oder ernsthaft darüber zu verhandeln, geht die IG Metall davon aus, dass eine Abwicklung des Standorts geplant ist. Für diesen Fall fordert die IG Metall hohe Abfindungen, zusätzliche finanzielle Absicherungen sowie einen Mitgliederbonus für IG‑Metall‑Mitglieder.“
Nur kurze Zeit später, am 12. Mai, kündigte Mahle die Schließung des Werks an. Die Belegschaft war empört und stimmte am 21. Mai 2026 fast geschlossen (mit 98,4 Prozent) für einen unbefristeten Streik. Der Streik, den die IGM-Bürokraten nicht wollten, begann dann am 26. Mai und legte das Werk drei Tage lang vollständig lahm.
Doch anstatt den Streik auszuweiten und echte Solidarität und den Zusammenschluss mit anderen Belegschaften, deren Arbeitsplätze ebenfalls bedroht sind, zu organisieren, verhandelten die IGM-Funktionäre eifrig weiter. Abgesehen von einem formellen „Solidaritätsbesuch“ ausgewählter Gewerkschaftsvertreter wurden die Beschäftigten in Neustadt allein gelassen. Schon am 29. Mai präsentierte die IG Metall den Tarifabschluss, der die endgültige Werksschließung regelt.
Er sieht bessere Abfindungen vor, deren Höhe vom Alter und der Dauer der Betriebszugehörigkeit abhängt und die bei 250.000 Euro gedeckelt ist. Sie gilt nur für die 350 Stammbeschäftigten, nicht für die rund 50 Leiharbeitskollegen. Und selbst unter den Stammbeschäftigten hat die IGM die Spaltung hineingeschrieben. So erhalten IGM-Mitglieder einen zusätzlichen Mitgliederbonus, für den insgesamt 3,25 Millionen Euro vorgesehen sind. Auch hier richtet sich die Auszahlung nach der Dauer der Mitgliedschaft.
Auch eine Transfergesellschaft ist vereinbart worden. Statt der Abfindung können die Betroffenen auch einen gleitenden Übergang in die Rente ab dem 60. Lebensjahr mit finanziellem Ausgleich wählen.
Damit kommt ein mindestens drei Jahre laufender Prozess zu seinem – vorläufigen – Ende. Denn die Grundlage für die Schließung des Werks in Neustadt wurde bereits mit dem „Zukunftstarifvertrag“ gelegt, den der IG-Metall-Gesamtbetriebsrat im August 2023 mit der Unternehmensleitung abgeschlossen hatte und der im Dezember 2025 auslief.
Die IG Metall lobte damals den Vertrag dafür, eine „völlig neue Qualität der Mitbestimmung“ zu ermöglichen und ein „Mitwirken statt nur Abnicken“ zu gewährleisten. Da betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen waren, sollten die Beschäftigten die Zukunft fortan durch „Zukunftsteams“ an ihren jeweiligen Standorten mitgestalten und sichern.
Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Boris Schwürz schwärmte damals: „Alle Standorte haben jetzt die Chance, ihre Zukunft zu sichern.“ Dazu müssten sich „nun alle intensiv mit den Zielbildprozessen befassen und Zukunftskonzepte gestalten“.
Die einzelnen IGM-Betriebsräte haben dies fleißig getan. Gemeinsam mit den Werksleitungen entwickelten sie die Kürzungs- und Einspar-Mechanismen, mit denen in „ihrem“ Werk der Profit gesteigert wurde.
Über ergänzende Tarifverträge bauten sie kontinuierlich Stellen über Altersteilzeit, Vorruhestand und Abfindungsregelungen ab, um Hunderte Millionen Euro an Material- und Personalkosten einzusparen. Unternehmensleitung und IGM-Apparat setzten konzernweit so genannte „Exzellenzinitiativen“ um.
Die Kreativität, mit der Gewerkschaftsapparat und Betriebsräte Lohnsenkungen und Jobabbau umsetzten, war grenzenlos. Sie reichte von unbezahlten Überstunden bis hin zur Kürzung, Verschiebung und Aussetzung tariflicher Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld, T-ZUG-Zuschläge sowie unbezahlte Fortbildungsstunden. Die Arbeitszeit wurde kurzfristig ohne Lohnausgleich verkürzt, was zu einem spürbaren Lohnausfall führte.
Am Ende hatte Mahle mithilfe der IGM und ihrer Betriebsräte viele Millionen eingespart und 1500 Stellen im Verwaltungsbereich am Hauptsitz Stuttgart und an mehreren anderen Produktionsstandorten gestrichen. Weltweit baute das Unternehmen rund 3500 Stellen ab.
Die wahren Gewinner dieser „Zukunftsvereinbarung“ sind die Mahle-Stiftung sowie Privatinvestoren, die teilweise hochverzinste Anleihen gekauft haben. Im Geschäftsjahr 2024 erzielte das Unternehmen trotz eines deutlich geringeren Umsatzes ein operatives Ergebnis (EBIT) von 347 Millionen Euro. Im Jahr 2025 stieg dieser Wert bei erneut rückläufigem Umsatz auf 442 Millionen Euro.
Die Nettoverschuldung wurde in diesem Zeitraum konsequent reduziert, die Eigenkapitalquote gesteigert. Arnd Franz, Mahle-Vorstandsvorsitzender, sagte auf der Pressekonferenz zum Jahresergebnis 2025 in Stuttgart: „Die Arbeit hat sich gelohnt. Die Erfolge sind messbar.“ Angesichts der „anhaltend volatilen und unvorhersehbaren Marktbedingungen“ bleibe Mahle weiterhin im Anpassungsmodus und konzentriere sich auf Zuverlässigkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Er warnte: „Unser Effizienzprogramm ‚Back on Track‘ verfolgen wir rigoros weiter.“
Was damit gemeint ist, dürfte klar sein: weitere Angriffe auf Löhne, Arbeitsbedingungen und Stellen.
So steht das Werk in Mühlacker (Baden-Württemberg), der größte Produktionsstandort des Konzerns für Thermomanagementprodukte (Kühlmittelpumpen, Kühler, Thermostate, Ventile usw.) mit rund 900 Beschäftigten, vor massiven Stellenstreichungen und sogar einer möglichen Schließung.
Vaihingen an der Enz mit 350 Beschäftigten befindet sich in einer ähnlichen Lage. In beiden Werken läuft ein Ergänzungstarifvertrag – ihre „Zukunftsvereinbarung“ – bis Ende 2026. Damit wird u. a. allen Beschäftigten bis Ende 2026 eine Stunde der wöchentlichen Arbeitszeit als sogenannter „Transformationsbeitrag“ unbezahlt abgezogen.
In Mühlacker sind die Beschäftigten im indirekten Dienstleistungsbereich gezwungen, acht Tage frei zu nehmen, anstatt zwischen Bezahlung oder Freizeit mit dem Tarifbonus (T-ZUG) zu wählen.
Im November 2025 kündigte Mahle-Chef Franz weltweit weitere 1000 Stellenstreichungen an, davon eine große Zahl in Stuttgart – sowohl in der Verwaltung als auch in Forschung und Entwicklung. Demnach müssen weltweit jährlich zusätzlich 150 Millionen Euro eingespart werden.
Die IG Metall-Führungsetage in Stuttgart versicherte der Unternehmensleitung umgehend ihre Bereitschaft, den Plan umzusetzen. Detlef Schwoon, der zuständige Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall Stuttgart, sagte: „Die IG Metall ist stets bereit, mit den Arbeitgebern zukunftsorientierte Konzepte und Tarifverträge auszuhandeln.“
Die Unternehmen wissen das zu schätzen. Südwestmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Barta sagte: „Die Vereinbarung von Tarifverträgen zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften ist ein hohes Gut. Gerade im immer härter werdenden globalen Wettbewerb sind Tarifverträge ein Stabilitätsfaktor und auch ein Wettbewerbsvorteil. Schließlich sorgen sie für betrieblichen Frieden.“
Die Gewerkschaftsmitglieder antworten „mit den Füßen“. Allein in den letzten zwei Jahren haben 120.831 Mitglieder die IG Metall verlassen. Sie reagieren darauf, dass die Gewerkschaft nicht mehr ihre Interessen vertritt, sondern sich vollständig in ein Werkzeug der Konzerne verwandelt hat. Sie setzt Sparprogramme, Lohnkürzungen und Werksschließungen zum Zweck der Gewinnsteigerung auf Kosten der Beschäftigten um. Der Gewerkschaftsapparat reagiert auf den Mitgliederschwund wie jetzt bei Mahle zunehmend mit der Vereinbarung von Mitgliederboni, die angesichts von Massenentlassungen den Charakter von Schutzgeldern haben.
Die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) und die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) schlagen die Bildung unabhängiger Aktionskomitees vor, die sich gegen die IGM-Bürokratie und deren Betriebsräte stellen. Solche Komitees werden alle Beschäftigten – IGM-Mitglieder und Nichtmitglieder, Stamm- und Leiharbeitsbeschäftigte – vereinen und Kontakte zu Beschäftigten in deutschen und internationalen Werken knüpfen. Nur so kann erfolgreich ein gemeinsamer Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze geführt werden.
Der Ausverkauf der relativ gut bezahlten Arbeitsplätze in der Industrie über Abfindungen – auch wenn sie über durchschnittlich hoch sind – muss daher beendet werden. Es gibt für die nachrückenden Generationen keine alternativen und auskömmlichen Jobs. Im Gegenteil, sie hangeln sich häufig von einem schlecht bezahlten Knochenjob zum nächsten.
„Will es sich nicht selbst dem Untergang ausliefern, dann darf das Proletariat nicht dulden, dass ein wachsender Teil der Arbeiterschaft zu chronisch Arbeitslosen, zu Elenden gemacht wird, die von den Krümeln einer sich zersetzenden Gesellschaft leben“, heißt es bereits im Übergangsprogramm der Vierten Internationale von 1938. „Das Recht auf Arbeit ist das einzig ernsthafte Recht, das der Arbeiter in einer auf Ausbeutung begründeten Gesellschaft besitzt.“
Das ist heute genauso dringlich wie am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Denn auch heute wird den Beschäftigten dieses Recht mit jedem Stellenabbau genommen.
Die Aktionskomitees, in denen sich Arbeiterinnen und Arbeiter vereinen, die dieser Entwicklung Einhalt gebieten wollen, sollten Forderungen nach gleitenden Arbeitszeiten und Löhnen aufstellen. Wenn weniger Arbeit anfällt, ob durch weniger Aufträge oder den Einsatz von Technik, Automation oder KI, muss die vorhandene Arbeit auf alle gleich verteilt werden – und zwar bei vollem Lohnausgleich. Genauso müssen die Löhne ansteigen, wenn die allgemeinen Preise steigen, damit zumindest der Lebensstandard gehalten wird, anstatt immer weiter abzusinken.
Die Existenzgrundlage und das nackte Überleben der Beschäftigten hat Vorrang vor den Profitinteressen der Eigner, Aktionäre, Banken und Fondsgesellschaften, die den Hals nicht vollkriegen.
Es ist jetzt an der Zeit, das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Kontaktiert uns, um den Aufbau von Aktionskomitees anzugehen. Schreibt über WhatsApp an die +49 163 337 8340 oder füllt das Formular direkt unter dem Artikel aus. Wir sichern euch absolute Vertraulichkeit zu.
