Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Schwäbisch Gmünd steht vor einem sozialen Kahlschlag. Über die Hälfte eurer Arbeitsplätze soll vernichtet werden. Das ist kein lokales Unglück und kein unvermeidbares Schicksal. Es ist die Folge des Ziels, das Bosch-Chef Stefan Hartung ausgegeben hat: Den Gewinn von 3,5 Milliarden Euro auf mindestens 7 Milliarden Euro zu verdoppeln – innerhalb von zwei Jahren. Das Jobmassaker bei euch ist kein Ausdruck wirtschaftlicher Not, sondern das Instrument einer rücksichtslosen Profitmaximierung auf dem Rücken der Beschäftigten.
Die IG Metall: Komplizin, nicht Verteidigerin
Viele von euch haben es selbst erlebt: Der IGM-Apparat und der von ihm dominierte Betriebsrat stehen nicht auf eurer Seite. Sie stehen auf der Seite des Konzerns.
Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Bosch-Mobility-Sparte, Frank Sell, erklärte nach der Ankündigung von 22.000 Entlassungen, man habe „volles Verständnis' für die schwierige Lage. Seitdem arbeiten IG Metall-Funktionäre und Betriebsräte an allen Standorten daran, diesen Abbau durchzusetzen. Sie behaupten dabei stets, es gäbe dazu keine Alternative. In Waiblingen, wo das 70 Jahre alte Werk vollständig geschlossen wird und 560 Menschen ihren Jobs verlieren, erklärte Betriebsratsmitglied Stefano Mazzei, das Ergebnis sei „unter den gegebenen wirtschaftlichen Bedingungen akzeptabel.' Und in Schwäbisch Gmünd selbst verkaufte die IG Metall die Streichung von 1.150 Stellen als „Rettung' von 150 Arbeitsplätzen – weil Bosch ursprünglich 1.300 fordern wollte.
Das ist die Sprache von Unternehmensberatern in Gewerkschafts-Westen.
Als in Schwäbisch Gmünd mehr als 200 Kolleginnen und Kollegen – hauptsächlich aus der Produktion – gegen diesen Kurs rebellierte und unter Mustafa Simsek eine eigene Liste, die „Freien Metaller', für die Betriebsratswahl aufstellte, reagierte der Apparat mit Methoden einer Mafia: Der von der IGM handverlesene Wahlvorstand unter Hakan Birlik verweigerte der Liste mit 89 Kandidaten die Zulassung. Kandidaten wurden in Einzelgesprächen durch Betriebsratsmitglieder, den Wahlvorstand und sogar Vorgesetzte unter Druck gesetzt. Mustafa Simsek wurde ohne Angabe von Gründen zu Personalgesprächen vorgeladen. Gegen ihn geht der Konzern auch arbeitsrechtlich vor.
Die IGM-Bürokraten unter Bellomo und Reimer, haben mithilfe ihres Manövers einer eigenen „Liste“, ihre Vorherrschaft im Betriebsrat gesichert, um die nötigen Angriffe auf euch durchsetzen zu können. Die gewaltige Unzufriedenheit mit der IG Metall wurde auf die von Yakup Varol geführte offizielle Liste der IG Metall gelenkt.
Auch gegen die gerichtliche Anfechtung der Betriebsratswahl wehren sich Reimer und Bellomo mit allen Mitteln. Nachdem der Antrag auf einstweilige Verfügung zum Stopp der Betriebsratswahl vor der Wahl abgeschmettert worden war, hat nun das Arbeitsgericht Aalen unter Richterin Görke klargemacht: Der Prozess zur Anfechtung der Wahl kann dauern – möglicherweise bis nach einer weitgehenden Stilllegung des Werks.
Das brutale Vorgehen des IGM-Apparats ist kein Zeichen von Stärke. Es ist ein Zeichen von Angst. Die Bürokratie weiß: Wenn in auch nur einem Betrieb ihre Kontrolle durchbrochen wird, kann sich der Widerstand wie ein Lauffeuer ausbreiten.
Ihr seid nicht allein – und das ist entscheidend
Was in Schwäbisch Gmünd passiert, passiert überall. Bei Bosch in Feuerbach, Schwieberdingen Bühl, Waiblingen, Homburg werden genauso Tausende Stellen vernichtet wie bei VW, Ford, Schaeffler und zahlreichen weiteren Konzernen. Und überall läuft dasselbe Schauspiel ab: Das Management kündigt Stellenabbau an, die IG Metall protestiert medienwirksam, verhandelt dann aber die Durchsetzung in „sozialverträglicher' Form.
Aber der Widerstand wächst. Als SGP-Mitglieder in den vergangenen Wochen vor den Toren der Bosch-Werke in Schwäbisch Gmünd, Feuerbach, Schwieberdingen und Waiblingen mit Schichtarbeitern sprachen, war die Wut auf die IG Metall überall spürbar. Viele – Mitglieder wie Nichtmitglieder der Gewerkschaft – unterstützen den Aufbau unabhängiger Aktionskomitees.
Die Bosch-Kollegen hatten von den Ereignissen in Schwäbisch Gmünd nichts gehört – denn der IGM-Apparat tut alles, um den Informationsaustausch zwischen den Standorten zu verhindern. Das ist sein entscheidendes Herrschaftsmittel: Teile und Herrsche. Die Belegschaften gegeneinander ausspielen, Standort gegen Standort, Land gegen Land.
Und genau hier liegt eure Stärke, wenn ihr sie erkennt: Die Kollegen in Feuerbach, in Waiblingen, in Reutlingen – und die Kollegen im Bosch-Werk in Bursa, in der Türkei, in Maklár in Ungarn, in den USA und in China – sind nicht eure Konkurrenten. Sie sind eure Verbündeten. Sie kämpfen gegen dasselbe Konzernmanagement, dieselbe Profitlogik, denselben gewerkschaftlichen Verrat.
Was jetzt zu tun ist – konkret
Die Lehre aus den vergangenen Monaten ist klar: Die Verteidigung eurer Arbeitsplätze gegenüber Konzern, IGM-Apparat und Betriebsrat kann nicht den Gerichten überlassen werden. Sie muss selbst in die Hand genommen werden. Dafür muss ein unabhängigen Aktionskomitee aufgebaut werden – demokratisch organisiert, von der Belegschaft kontrolliert, nicht von der Gewerkschaftsbürokratie und ihren Handlangern im Betriebsrat.
Ein solches Aktionskomitee muss als unverrückbares Grundprinzip die Verteidigung aller Arbeitsplätze aufstellen – ohne Wenn und Aber. Nicht die Kassenlage des Konzerns, nicht die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt bestimmt, ob ihr morgen noch Arbeit habt. Das entscheidet der organisierte Kampf der Belegschaft.
Konkret kann das Aktionskomitee sofort folgende Schritte einleiten:
- Verteidigung von Mustafa Simsek und allen anderen, die sich engagieren, gegen jegliche Repressionen seitens des Gewerkschafts-Apparats, des Betriebsrats und des Bosch-Konzerns.
- Versammlungen (Informationsveranstaltungen), auf denen der Betriebsrat Rede und Antwort stehen muss.
- Verbindungen zu den Belegschaften bei Bosch in Feuerbach, Reutlingen und Waiblingen herstellen – gegen die Isolation, die der IGM-Apparat bewusst betreibt.
- Kontaktaufnahme mit Kollegen im Bosch-Werk in Bursa/Türkei und in Maklár/Ungarn – gemeinsame Erklärungen, gegenseitige Einladungen zu Informations- und Diskussionsveranstaltungen.
- Anschluss des Aktionskomitees an die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC), die Kämpfe in Betrieben branchenübergreifend und weltweit koordiniert, Einladungen von Autoarbeitern aus aller Welt zu Informations- und Diskussionsveranstaltungen.
Der WSWS wird jeden Schritt dieses Kampfes öffentlich begleiten, bekannt machen und international verbreiten – damit Schwäbisch Gmünd nicht im Verborgenen bleibt, sondern zum Signal für alle wird!
Die entscheidende Frage: Wer bestimmt die Produktion?
Die zentrale Frage, die das Aktionskomitee stellen muss, lautet: Wer entscheidet darüber, was produziert wird und wer Arbeit hat – die Aktionäre und Spekulanten, oder die Arbeiterinnen und Arbeiter, die alles bauen und erwirtschaften?
Das eingeleitete Jobmassaker bei Bosch muss daher in einem größeren politischen Zusammenhang gesehen werden. Denn es ist Bestandteil der tiefen weltweiten Krise des kapitalistischen Systems. Der erbitterte Kampf um Absatzmärkte und Rohstoffe hat, wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg, wieder die Form gewaltsamer militärischer Auseinandersetzungen angenommen. Das ist der Grund für die Kriege, welche die USA und die europäischen Mächte gegen Russland und gegen den Iran führen, und ihrer Kriegsvorbereitungen gegen China.
Es geht dort nicht um „Freiheit“ oder „Demokratie“, die in den USA und Europa selbst zur Zielscheibe der jeweiligen Regierungen geworden sind. Die Regierungen unter Trump, Merz, Starmer, Macron wollen die Energievorkommen des Nahen Ostens und die Rohstoffe Russlands kontrollieren, um die Weltwirtschaft zu dominieren und ihre Rivalen zu erpressen. Die imperialistischen Mächte kämpfen um die Neuaufteilung der Welt und sind bereit, dafür die ganze Menschheit in Barbarei und Tod zu stürzen.
Die Kriegskosten sollen die Arbeiter und ihre Familien tragen: nicht nur durch Arbeitsplatzabbau und Lohnsenkungen, sondern auch durch Kürzungen bei Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung, durch das Kaputtsparen der öffentlichen Infrastruktur – Bildung, öffentlicher Nahverkehr, Energieversorgung usw. Schon jetzt zahlen wir durch erhöhte Preise die Zeche für Aufrüstung und Kriege.
Der Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze kann deshalb nur erfolgreich geführt werden, wenn er von einer Perspektive angeleitet wird, die die gesellschaftlichen Bedürfnisse der Arbeiter über die Profitinteressen des Konzerns stellt, und zum Ausgangspunkt eines internationalen Kampfs gegen Kapitalismus und Krieg wird.
Das Recht auf Arbeit ist ein Grundrecht. Es muss höher als das Profitinteresse von Großaktionären stehen. Ein Konzern wie Bosch, der jahrzehntelang von eurer Arbeit aufgebaut wurde und Milliardengewinne eingefahren hat, hat kein Recht, über eure Zukunft und die eurer Familien zu entscheiden wie über eine Bilanzposition.
Die Antwort auf die jetzigen Angriffe ist nicht ein anderer Betriebsrat, der dann laut Betriebsverfassungsgesetz aufgefordert wäre, mit der Geschäftsführung über den „sozialverträglichen“ Abbau zu verhandeln. Die Antwort ist die demokratische Kontrolle der Produktion durch die Beschäftigten selbst – und ein Kampf, der diese Forderung zum Ausgangspunkt nimmt.
Diese Fragen und Vorschläge müssen jetzt dringend diskutiert werden. Deshalb: Meldet euch! Kontaktiert uns über WhatsApp: +49 163 337 8340, oder füllt das Formular direkt unter dem Artikel aus. Wir sichern euch absolute Vertraulichkeit zu.
