Moderne Sklaverei in Italien: Vier Erntehelfer in einem Minivan lebendig verbrannt

Am 1. Juni 2026 wurden in Süditalien vier Saisonarbeiter bei lebendigem Leibe verbrannt – ein Akt brutaler, vorsätzlicher Gewalt. Die Opfer, der 29-jährige Waseem Khan aus Pakistan sowie die drei Afghanen Amin Fazal Khogjani (28), Ullah Ismat Qiemi (19) und Safi Iayjad (27), wurden an einer Tankstelle an der Staatsstraße 106 in Amendolara, einer kleinen Gemeinde Kalabriens, in einen Minivan gesperrt, den daraufhin zwei Vorarbeiter in Brand steckten. Die Erntehelfer hatten sie wegen vorenthaltener Löhne zur Rede gestellt.

Die Aufnahme einer Überwachungskamera soll zeigen, wie sich einer der Bandenchefs dem Kleinbus in Amendolara (Kalabrien) nähert, kurz bevor darin vier Saisonarbeiter eingesperrt und bei lebendigem Leibe verbrannt wurden, 1. Juni 2026

Die Tat wurde von einer Überwachungskamera aufgezeichnet. Die zwei Vorarbeiter sollen brennbare Flüssigkeit über und in den Fahrgastraum gegossen, die Türen von außen verriegelt, ein Feuerzeug hineingeworfen und die Flucht ergriffen haben, woraufhin der Van in Flammen aufging. Die Feuerwehr barg vier verkohlte Leichen. Innerhalb weniger Stunden wurden die zwei Täter als Safeer Ahmed und Ali Raza, beides pakistanische Staatsanghörige, identifiziert und festgenommen. Sie werden des mehrfachen schweren Mordes angeklagt.

Ein fünfter Mann, der 35-jährige afghanische Staatsangehörige Taj Mohammad Alamyar, überlebte nur, weil es ihm gelang, die Heckscheibe einzuschlagen und hinauszukriechen, wodurch er sich Verletzungen an den Händen und am rechten Arm zuzog. Ein sechster Arbeiter entkam dem Massaker, weil er an diesem Tag krank zu Hause geblieben war.

Laut Alamyars Aussage war den Arbeitern ein Tageslohn von 45 € für acht Stunden Erdbeerpflücken auf den intensiv bewirtschafteten Feldern der Region versprochen worden. Sie hatten jedoch seit dem 20. April nichts erhalten. Sie lebten von minimalen Nahrungsrationen, untergebracht in einer kleinen Unterkunft zu zehnt in einem Raum, ständig kontrolliert von ihren Ausbeutern. Sie hatten es gewagt, ihre ausstehenden Löhne einzufordern.

Die Ermittler stellten zudem fest, dass in den vorangegangenen Monaten 14 weitere Fahrzeuge, die pakistanische Migranten in Kalabrien transportierten, in Brand gesteckt worden waren – ein Hinweis auf einen gewalttätigen kriminellen Krieg um die Kontrolle über die profitabelste Ware in der süditalienischen Agrarwirtschaft: unfreie menschliche Arbeitskraft.

Das Caporalato-System nutzt kriminelle Mittelsmänner, um schutzbedürftige Migranten anzuwerben, ihren Transport und ihre Unterbringung zu monopolisieren und sie zu Wucherpreisen an landwirtschaftliche Betriebe zu vermitteln. Es ist das operative Rückgrat der italienischen Obst- und Gemüselieferkette. Es dient den Profitinteressen der Grande Distribuzione Organizzata (bestehend aus den großen Einzelhandelskonsortien, die die italienischen Supermarktketten beliefern). Die Erzeugerpreise werden so stark gedrückt, dass die legale Beschäftigung für Landwirte finanziell untragbar wird.

Die Agrargewerkschaft FLAI-CGIL und das Osservatorio Placido Rizzotto (eine Beobachtungsstelle über Mafia-Aktivitäten) schätzen, dass zwischen 400.000 und 430.000 Landarbeitende in Italien irregulären Arbeitsverhältnissen ausgesetzt sind, was sie zu potenziellen oder aktiven Opfern des „Caporalato“-Systems macht.

Eine Reihe renommierter Forscher, darunter Letizia Palumbo, Francesco Carchedi und Jean-René Bilongo, haben die Zustände von Zwangsarbeit, Menschenhandel und moderner Sklaverei in Italien ausführlich dokumentiert. Die neuesten Daten des Global Slavery Index (2023) schätzen, dass im Jahr 2021 etwa 197.000 Menschen in Italien unter Bedingungen moderner Sklaverei lebten. Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen könnte.

Alamyar berichtete auch, dass die Vorarbeiter ihn und seine Kollegen mit Schusswaffen und Messern bedroht hatten, um sie auf die Felder zu treiben. Die Unterschlagung der Löhne ist so organisiert, dass Caporali die Arbeiter routinemäßig direkt zum Geldautomaten begleiten, um das auf offiziellen Lohnzetteln ausgezahlte Bargeld physisch einzuziehen, wodurch sie eine lückenlose Papierspur hinterlassen und gleichzeitig jeden Euro ihrer Arbeitskraft abschöpfen.

Alle vier Getöteten sowie der Überlebende besaßen gültige reguläre italienische Aufenthaltspapiere und lebten seit Jahren ohne Vorstrafen im Land. Sie wurden schwarz beschäftigt, bis zur Verarmung ausgebeutet und – als sie einforderten, was ihnen zustand – bei lebendigem Leibe verbrannt.

Premierministerin Giorgia Meloni, die Faschistin, die seit dreieinhalb Jahren die Regierung in Rom führt, systematisch gegen Migranten vorgeht und den Anteil der italienischen Bevölkerung in absoluter Armut auf einen Rekordwert von 9,8 Prozent getrieben hat, gab eine Erklärung ab, in der sie den „schrecklichen Mord“ verurteilte und Gerechtigkeit versprach. Arbeitsministerin Marina Calderone bezeichnete den Vorfall als „inakzeptabel“.

Allerdings hat Meloni selbst die Bedingungen, unter denen diese Sklavenarbeit stattfindet, drastisch verschlechtert. Sie hat die Beschränkungen bei Asylverfahren enorm verschärft, die Grenzkontrollen verstärkt und die sozialen Unterstützungsmaßnahmen gekürzt.

Melonis Gesetz Decreto Cutro von 2023 schaffte die Sondergenehmigungen zum Schutz von Arbeitnehmern ab, strich Integrationsprogramme und schuf bewusst eine Klasse isolierter, rechtlich prekärer Arbeiter – genau jene Klasse, die den caporali  in die Hände fällt. Die Gefahr, den Rechtsstatus zu verlieren, ist die disziplinarische Falle des Systems: Jede Anzeige von Lohndiebstahl oder Missbrauch bedeutet den Verlust des Arbeitsplatzes, administrative Probleme und Abschiebung.

Auf der anderen Parlamentsseite hat Elly Schlein von der Demokratischen Partei angekündigt, sie werde an einer von der FLAI-CGIL organisierten Protestkundgebung am Ort der Morde teilnehmen. Die PD-Sprecherin Camilla Laureti erklärte, die Tragödie habe „die gesamte demokratische Republik schwer getroffen“.

Doch auch die Demokratische Partei ist für die Rechtsarchitektur, die diese Zustände hervorbringt, verantwortlich. Das Minniti-Orlando-Dekret von 2017 schaffte die Berufungsmöglichkeit in zweiter Instanz für Asylsuchende ab und kriminalisierte die Rettungs-NGOs im Mittelmeer. Das Bossi-Fini-Gesetz von 2002, das Aufenthaltsgenehmigungen direkt an einen gültigen Arbeitsvertrag knüpft, wurde von keiner nachfolgenden italienischen Regierung – weder Mitte-Links noch Mitte-Rechts – jemals aufgehoben.

Das Massaker von Amendolara ereignete sich nur wenige Tage vor einem Wendepunkt in der europäischen Migrationspolitik. Am 12. Juni treten sowohl das neue Gemeinsame Europäische Asylsystem GEAS als auch die neu vereinbarte EU-Rückführungsverordnung gleichzeitig in Kraft. Die Verordnung wurde in enger Abstimmung zwischen der konservativen Europäischen Volkspartei und drei rechtsextremen, neofaschistischen Fraktionen ausgearbeitet und markiert den faktischen Zusammenbruch der Brandmauer, die den Mainstream-Konservatismus angeblich von den Faschisten trennt.

Ablehnungen von Asylanträgen durch EU-Mitgliedstaaten, einschließlich solcher mit restriktiver Asylpolitik wie Polen oder Ungarn, werden automatisch im gesamten Schengen-Raum anerkannt, ohne dass noch ein innerstaatliches Rechtsmittel besteht. Migranten, darunter auch Familien mit Kindern, können bis zu 30 Monaten inhaftiert werden. Geplant sind Offshore-Abschiebungszentren in Ländern wie Ruanda, Libyen und Mauretanien. Um Migranten unter Druck zu setzen, dass sie die Abschiebung akzeptieren, werden Polizeibefugnisse bei den Razzien ausgeweitet und die Sozialleistungen gekürzt.

Das Muster für diese Offensive ist nicht neu. In den Vereinigten Staaten hat die Trump-Regierung ein innerstaatliches Gulag-System aus Masseninhaftierung und Abschiebung errichtet, das – wie in Italien – auch auf Arbeitende abzielt, die mit gültigem Aufenthaltsstatus eingereist sind. Hierfür werden schwer bewaffnete ICE-Beamte eingesetzt, die ohne Durchsuchungsbefehl operieren und auch am Arbeitsplatz Razzien durchführen.

Wie in der EU bietet Washington den Arbeitgebern ein wirkungsvolles Mittel zur Durchsetzung von Arbeitsdisziplin und zur Unterdrückung kollektiven Widerstands, indem es Millionen von Migranten in einem Zustand permanenter rechtlicher Unsicherheit hält. Die Demokratische Partei, die einen Großteil der Abschiebungsinfrastruktur aufgebaut hat, die Trump nun nutzen kann, spielt eine ähnliche Rolle wie Italiens PD und vergießt gelegentlich heuchlerische Tränen über schlimme Folgen, zu deren Ursachen sie selbst beigetragen hat.

Diese Maßnahmen vertiefen und normalisieren die Verletzlichkeit von Arbeitsmigranten, die bereits im Caporalato-System gefangen sind. Wenn der kapitalistische Staat Migranten als Gesetzlose behandelt, wenn er sie unbefristeter Inhaftierung und Abschiebung unterwirft, sendet er eine klare Botschaft an die kriminellen Syndikate und ausbeuterischen Arbeitgeber, die auf diese Arbeitskräfte angewiesen sind: Diese Arbeitenden können ungestraft missbraucht, ausgeraubt und getötet werden. Der schreckliche Mord an den vier Arbeitern in Kalabrien ist Teil der strukturellen Gewalt des EU-Grenzregimes, ebenso wie des Kriegs gegen Einwanderer jenseits des Atlantiks.

Werden einem Teil der Gesellschaft die demokratischen Rechte entzogen, wird ein Präzedenzfall geschaffen, der auch für andere gilt: Jugendliche, die sich gegen Militarismus wehren, Arbeitende, die sich gegen Entlassungen und Lohnkürzungen wehren, Mieter, die gegen explodierende Mieten kämpfen. Die Entrechtung von Migranten dient als Testfeld für umfassendere Angriffe auf die gesamte Arbeiterklasse, während sich die herrschende Klasse Europas auf eine Verschärfung der sozialen Konflikte vorbereitet.

Die Morde in Amendolara sind der logische Endpunkt einer politischen Ökonomie, die Menschen als Wegwerfobjekte behandelt. Sie sind nicht nur das Ergebnis individueller Brutalität, sondern jahrzehntelanger parteiübergreifender Gesetzgebung in Rom, Brüssel und Washington D.C., die darauf abzielt, die Verletzlichkeit und Entbehrlichkeit von Arbeitsmigranten im Dienste des Profits zu maximieren.

Die Arbeiterklasse kann sich nicht auf ein politisches Establishment stützen, das zwar Empörung über solche Verbrechen äußert, aber gleichzeitig die Bedingungen schafft, die diese Verbrechen erst ermöglichen. Dieselben Politiker begrüßen auch Krieg, Völkermord und Angriffe auf andere demokratische Rechte. Was es jetzt braucht, ist die Entwicklung einer internationalen sozialistischen Bewegung, die Migranten und Saisonarbeiter mit einheimischen Arbeitenden im gemeinsamen Kampf vereint. Eine solche Bewegung muss die vollen politischen und sozialen Rechte für alle verteidigen, unabhängig vom Einwanderungsstatus. Sie muss das kapitalistische System selbst in Frage stellen, dessen Grenzen, Arbeitsbedingungen und profitorientierte Ausbeutung die Ursache dieser Missstände sind.

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