Die WSWS erhielt den unten abgedruckten Brief von Steven Mintz, Professor für Geschichte an der University of Texas in Austin, zum Webinar „Die amerikanische Revolution und ihr Platz in der Geschichte: Vom Krieg gegen die Monarchie bis zu ‚No Kings‘“. Mintz, ein führender Gesellschafts- und Kulturhistoriker, ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen. Sein Buch „Huck’s Raft: A History of American Childhood“ (2004) wurde mit dem Merle-Curti-Preis der Organization of American Historians und dem R. R. Hawkins-Preis der Association of American Publishers für herausragende wissenschaftliche Werke ausgezeichnet.
Ich fand die Veranstaltung außerordentlich beeindruckend.
David Norths Eröffnungsrede, insbesondere seine Bekräftigung von Gordon Woods These, dass die Amerikanische Revolution eine echte Revolution war, hätte nicht packender sein können. Dasselbe gilt für seine Ausführungen zu den weitreichenden Auswirkungen der egalitären und demokratischen Ideale der Revolution auf die Arbeiterbewegung, den Abolitionismus und die Frauenrechtsbewegung.
Ebenso überzeugend waren seine Ausführungen zu den Rückschritten in Sachen Demokratie und Revolution, die wir heute erleben. Sie gewannen durch das, was er zuvor über den Radikalismus der Revolution gesagt hatte, noch an Kraft.
Der Kontrast war unverkennbar: eine Revolution, die überkommene Hierarchien zerschlug und die Sprache der Gleichheit enorm erweiterte - gefolgt von einer Gegenwart, in der demokratische Prinzipien stetig geschwächt und ganz aufgegeben werden.
Was mich an allen Rednern beeindruckte, war ihre Bereitschaft, die Amerikanische Revolution klar und ohne Umschweife als bürgerliche Revolution zu beschreiben: als Aufstand gegen merkantilistische Handelsbeschränkungen, Kastenwesen und zugewiesenen Status, aristokratische Privilegien, vererbte Abhängigkeit und die britischen Bemühungen, die Expansion nach Westen einzuschränken.
Die Revolution auf diese Weise zu beschreiben, heißt nicht, sie abzutun oder herabzuwürdigen. Es bedeutet vielmehr, ihre historische Rolle und ihren Charakter zu verstehen. Die Revolution stärkte das Prinzip der Zustimmung des Volks, stellte Verhältnisse, die auf vererbter Abhängigkeit beruhten, in Frage, trug dazu bei, die Leibeigenschaft zu untergraben, und destabilisierte gründlich das ideologische Fundament der Sklaverei – auch wenn sie die Sklaverei nicht abschaffte, und auch wenn viele Revolutionäre weiterhin tief in sie verstrickt blieben.
Was die Sendung bot – und was so vielen vermeintlich „radikalen“ Geschichtsschreibungen heute abgeht –, war ein ernsthaftes marxistisches Verständnis der historischen Entwicklung.
Marxistische Geschichtsschreibung war niemals bloß eine Übung in Kritik. Es ging ihr nicht nur darum, Heuchelei, Täuschung, Mystifizierung oder die Kluft zwischen bekundeten Idealen und gesellschaftlicher Realität aufzudecken. Sie war genuin historisch. Sie verstand Gesellschaften als etwas, das sich in Stadien oder Phasen entwickelte, wobei jede Gesellschaftsordnung neue Fähigkeiten, Widersprüche und Möglichkeiten hervorbrachte, die sich weder auf moralischen Fortschritt noch auf unveränderliche Herrschaft reduzieren ließen.
Sie verstand Ideologie zudem als das entscheidende vermittelnde Bindeglied zwischen materiellen Bedingungen, gesellschaftlichen Interessen, politischem Handeln und Ideen. Ideologie war nicht einfach falsches Bewusstsein oder Propaganda. Sie war die Sprache, durch die Menschen ihre Lebensumstände interpretierten, ihre Interessen verstanden, Institutionen rechtfertigten und sich Alternativen vorstellten.
Ich finde es bemerkenswert, wie selten jüngere Historiker heute über Ideologie in diesem umfassenderen Sinne sprechen – so wie es Historiker wie Eric Foner und David Brion Davis taten. Zu viele zeitgenössische wissenschaftliche Arbeiten springen direkt von materiellen Strukturen zu Diskurs, Identität oder Macht, ohne ausreichend zu erklären, wie Ideen Autorität erlangen, wie sie Menschen mobilisieren oder wie sie zu treibenden Kräften der Geschichte werden.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Das war für mich eine der größten Stärken der Sendung. Sie behandelte die Amerikanische Revolution weder als heiligen Nationalmythos noch als heuchlerischen Betrug, sondern als eine historisch besondere und wahrhaft transformative Revolution, deren Widersprüche dazu beitrugen, Kämpfe zu entfachen, die weit über das hinausgingen, was ihre ursprünglichen Anführer beabsichtigt hatten.
Was Sie getan haben, ist genau das, was die Geschichtswissenschaft tun sollte: ernsthafte, fundierte und wahrhaft historische Perspektiven auf drängende gesellschaftliche Fragen anzuwenden.
Ich finde es bemerkenswert, dass die AHA [American Historical Association] und die OAH [Organization of American Historians] offenbar so wenig Interesse an dieser Arbeit haben – selbst auf ihren Jahrestagungen, die doch zu den wichtigsten Foren für eine fortwährende Debatte über die historische Bedeutung aktueller und vergangener Ereignisse gehören müssten.
Ebenso bezeichnend ist, dass viele Wissenschaftler, die ich und andere für die Besten halten, sehr daran interessiert sind, mit Ihnen zu sprechen. Sie erkennen, dass ernsthafte Wissenschaft durch Auseinandersetzung, Kritik und offenen Austausch gedeiht – nicht durch professionelle Zurückhaltung oder das Ausweichen vor schwierigen Fragen.
Das ist es, was Ihre Arbeit auszeichnet. In scharfem Gegensatz zu den großen Fachverbänden nehmen Sie Kritik und Dialog ernst. Sie machen deutlich, dass der Marxismus in seiner besten Form keine Wortsammlung ist, um aktuelle Empfindlichkeiten zu rechtfertigen oder eine vorgegebene politische Linie zu verteidigen. Sein Zweck ist es, die historische Realität so wahrheitsgetreu und rigoros wie möglich zu verstehen – selbst wenn die Schlussfolgerungen unbequem, unpopulär oder politisch unliebsam sind.
