Zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung veranstaltete die World Socialist Web Site ein bedeutendes globales Webinar mit dem Titel „Die Amerikanische Revolution und ihr Platz in der Geschichte: Vom Krieg gegen die Monarchie zu ‚No Kings‘“. Die Veranstaltung wurde gemeinsam moderiert von David North, dem Chefredakteur der WSWS, und Eric Lee, einem auf Zivilrecht spezialisierten Anwalt, der eine wichtige Rolle im Kampf zur Verteidigung demokratischer Rechte in den USA spielt.
Das Webinar brachte führende Historiker der Amerikanischen Revolution und des Bürgerkriegs zusammen. James Oakes und Sean Wilentz zählen zu den herausragendsten Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Geschichte von Sklaverei, Emanzipation und amerikanischer Demokratie – Oakes, zweifacher Lincoln-Preisträger und Autor von „Freedom National“, sowie Wilentz, der mit dem Bancroft-Preis ausgezeichnete Autor von „The Rise of American Democracy“. Richard Carwardine, ehemaliger Präsident des Corpus Christi College in Oxford, ist ein Lincoln-Biograf und selbst zweifacher Gewinner des Lincoln-Preises. Weitere Teilnehmer waren Adam Hochschild, der renommierte Autor von „King Leopold’s Ghost“ und „American Midnight“, sowie der Historiker Thomas Mackaman vom King’s College, mit Forschungsschwerpunkt zur Geschichte der Arbeiterbewegung, der 2019 für die WSWS die Interviews mit Historikern zum „1619 Project“ führte.
Das WSWS-Webinar ist die einzige ernsthafte Diskussion mit führenden Historikern über Ursachen, Auswirkungen und anhaltende Relevanz der Amerikanischen Revolution anlässlich dieses wichtigen Jahrestags. Dies allein spricht für das Desinteresse und ja sogar die Feindseligkeit des gesamten politischen Establishments und der Leitmedien gegenüber den bürgerlich-demokratischen Traditionen der Vereinigten Staaten.
Bei Arbeitern und Jugendlichen hat das Webinar jedoch eine starke Resonanz ausgelöst. Die Zuschauerzahl hat zum Zeitpunkt, als dieser Artikel geschrieben wurde, die 2.000er-Marke überschritten. Leser aus aller Welt haben sich gemeldet, wobei viele ihre Begeisterung darüber zum Ausdruck brachten, dass die amerikanische Revolution von der Linken verteidigt wird.
Das Webinar könnte nicht aktueller sein. North eröffnete die Veranstaltung mit der Warnung, dass sich der Jahrestag „vor dem Hintergrund eines eskalierenden Angriffs auf die demokratischen Rechte und die Grundlagen der amerikanischen Demokratie vollzieht“. Trump, so merkte er an, „hat offen von diktatorischer Herrschaft gesprochen“. Nach seiner Niederlage bei der Wahl 2020 habe Trump „versucht, das Ergebnis zu kippen und den friedlichen Machtwechsel zu verhindern“. Seine Rückkehr ins Amt im Jahr 2024 markierte „nicht nur einen Zusammenbruch demokratischer Institutionen, sondern auch eine tiefgreifende Aushöhlung des demokratischen Bewusstseins“.
Gerade diese Wende hin zur Diktatur, erklärte North, mache das Studium der revolutionären Traditionen der Vereinigten Staaten zu einer politischen Notwendigkeit. Die Unabhängigkeitserklärung sei revolutionär gewesen, sagte er, weil „sie die bestehende soziale und politische Ordnung anklagte und deren Sturz in den weitreichendsten und universellsten Begriffen forderte“. Die darin verankerten Prinzipien „überwanden die objektiven Beschränkungen, die ihr durch ihre eigene Zeit auferlegt waren“. Die amerikanische Revolution sei, so sagte er, „sowohl ein Kind ihrer Zeit als auch der Zukunft“, und aus diesem Grund sei ihre Verteidigung untrennbar mit der Verteidigung der demokratischen Rechte heute verbunden.
Die Revolution muss kritisch untersucht werden, um – wie North es formulierte – „die Frage zu stellen, was an der Revolution revolutionär war, was begrenzt war, was verraten wurde, was weitergeführt wurde und was ungelöst bleibt“.
Das Webinar nahm diese Aufgabe in Angriff. Es befasste sich mit einer enormen Bandbreite politischer, intellektueller und historischer Themen, die sich über zweieinhalb Jahrhunderte erstrecken.
Die Podiumsdiskussion beschäftigte sich mit der Gesellschaft, aus der die Revolution hervorging, und vollzog die globale Reichweite der Revolution nach. Wilentz erklärte: „Man kann keine der anderen Revolutionen verstehen, ohne die Amerikanische Revolution zu verstehen.“ Hochschild wies auf die Netzwerke der Abolitionisten hin, von Benjamin Franklin in Philadelphia zu La Fayette in Paris. Der internationale Faden zog sich bis in den Bürgerkrieg hinein: Carwardine erinnerte an die Trauer in britischen Städten nach der Ermordung Lincolns, und Mackaman wies darauf hin, dass Marx, der für die Internationale Arbeiterassoziation schrieb, dazu beitrug, die britische Arbeiterklasse gegen die Konföderation aufzubringen.
Das Webinar richtete einen Fokus auf die anhaltende Kraft der Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung im Laufe der amerikanischen Geschichte. Oakes stellte fest, dass die radikalen Arbeiterbewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts „sich wiederholt auf die Unabhängigkeitserklärung beriefen“, ebenso wie zuvor die Bewegungen für die Abschaffung der Sklaverei und für die Einführung des Frauenwahlrechts. Die Podiumsteilnehmer untersuchten die unerbittlichen Angriffe auf diese Prinzipien, als sich der Klassenkampf verschärfte und der amerikanische Imperialismus um die Wende zum 20. Jahrhundert aufkam. Ausgehend von seinem Buch „American Midnight“ rekonstruierte Hochschild die Repressionen während und nach dem Ersten Weltkrieg. Wilentz stellte eine Verbindung zur Gegenwart her, indem er darauf hinwies, dass das einzige noch geltende Gesetz gegen Ausländer und Aufwiegelung das „Alien Enemies Act“ von 1798 ist – das Gesetz, „auf das sich Donald Trump stützt, um seine Massenabschiebungen durchzuführen“.
Doch die Frage, auf die die Diskussion immer wieder zurückkam und die dem Webinar seinen zentralen Zweck gab, war der revolutionäre Charakter der Revolution selbst. Oakes sprach über den Universalismus der Unabhängigkeitserklärung, deren Bekenntnis zur universellen Gleichheit aller Menschen „einen völlig neuen revolutionären Maßstab setzt, an dem von diesem Zeitpunkt an jede soziale Bewegung gemessen wird“. Carwardine beschrieb dies als das formelle Ende „einer Welt des zugewiesenen Status“, in welcher der Platz eines Menschen durch Geburt und Rang festgelegt war.
Wilentz hob die beiden Revolutionen hervor – die eine gegen Monarchie und Aristokratie, die andere gegen die Sklaverei, die im Bürgerkrieg gipfeln sollte – sowie den Radikalismus eines Umbruchs, der eine auf vererbtem Rang gegründete Gesellschaftsordnung stürzte. Mackaman betonte die Bedeutung der Proklamation des Rechts auf Revolution und des Gleichheitsprinzips in der Unabhängigkeitserklärung als „die mächtigste Idee“ nicht nur in der amerikanischen, sondern „in der Weltgeschichte“.
Dies war eine direkte Antwort auf die Kampagne, die leugnete, dass 1776 überhaupt eine Revolution gewesen sei. Mackaman widersprach der Behauptung, die in Gerald Hornes „The Counter-Revolution of 1776“ und vor allem im „1619 Project“ der New York Times vertreten wurde, dass der Aufstand keine Revolution, sondern vielmehr eine Konterrevolution zum Schutz der Sklaverei gewesen sei.
„Zu jener Zeit“, so stellte er fest, „hielt niemand, auch nicht ihre Gegner, sie für etwas anderes als eine Revolution.“ Diese Herabwürdigung des Jahres 1776, so argumentierte er, sei eine systematische Kampagne, die aus dem Umfeld der Demokratischen Partei geführt werde und sich einer rassistischen Verfälschung der Geschichte bediene, um die Revolution als reaktionäre Verteidigung der Sklaverei darzustellen.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Sowohl Mackaman als auch Wilentz bezeichneten die Methode dieser historischen Verfälschung als „Präsentismus“ und „Anachronismus“ – die Vergangenheit werde nach heutigen Maßstäben beurteilt, und große Ereignisse werden auf moralische Urteile über beteiligte Personen reduziert. Dem stellte die Podiumsdiskussion eine Verteidigung der Vernunft und der Aufklärung entgegen.
Was heute in der Wissenschaft vorherrscht, so argumentierte North, sei „eine kleinbürgerliche Sichtweise auf die Geschichte“, die Klasse durch Rasse ersetzt. „Geschichte lässt sich nicht durch moralische Urteile verstehen“, betonte er, denn diese „haben keine Erklärungskraft“, und die rassistische Sichtweise beruhe auf „einer pervertierten zoologischen Vorstellung“, die „in der Sozialgeschichte keinen Platz hat“. Oakes zog daraus die Schlussfolgerung: Das universalistische Prinzip der Gleichheit aller Menschen stehe „in ernsthaftem Widerspruch zur Identitätspolitik“, die „Menschen in Untergruppen aufspaltet“.
Während der gesamten Diskussion betonte die Podiumsrunde die anhaltende Relevanz der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Hochschild verlas deren Anklage gegen Georg III. – das Militär sei „der zivilen Macht übergeordnet“ worden, Menschen seien wegen „vorgetäuschter Vergehen“ „über die Meere verschleppt“ worden, und es sei zu inneren Aufständen angestiftet worden – und stellte fest, dass sich die Anklagepunkte so lesen, als seien sie „heute Morgen“ als Antwort auf die Trump-Regierung verfasst worden. Lee verwies auf die am selben Tag verkündete 6:3-Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, mit der Einwanderern Rechte entzogen wurden, sowie auf die Tatsache, dass die Organisatoren des Putsches vom 6. Januar 2021 auf freiem Fuß sind, während Menschen in ICE-Haftlagern mit Haftstrafen von 30, 40 und sogar 50 Jahren rechnen müssen.
In seinen abschließenden Bemerkungen kam North auf die kritischen theoretischen Fragen zurück, die mit einer Analyse der Amerikanischen Revolution verbunden sind. Geschichte sei wichtig, argumentierte er, weil „sie unser Verständnis der Gegenwart komplexer macht“ und es uns ermöglicht, den gegenwärtigen Moment in einen weitaus umfassenderen Verlauf einzuordnen. Er zitierte Lincoln, der sagte, dass „unsere Situation voller Schwierigkeiten ist“, und stellte fest, dass die Dinge gerade dann am unmöglichsten erscheinen, „wenn die größte Veränderung bevorsteht“.
Daraus ergibt sich ein revolutionärer Optimismus auch in einer gegenwärtigen Phase, wo eine reaktionäre Oligarchie von Unternehmern das Land beherrscht. „Optimist zu sein bedeutet, nicht nur die Schwierigkeiten zu sehen, sondern in diesen Schwierigkeiten auch die Möglichkeit der Erneuerung“, sagte North. Er wagte die Prognose, dass „das Amerika und die Welt des Jahres 2036 ganz anders aussehen werden als die Welt von heute“, und verwies dabei auf das revolutionäre Potenzial der internationalen Arbeiterklasse, einer globalisierten Gesellschaft und wachsender sozialer Opposition. Die größte Herausforderung der Gegenwart, so schloss er, „ist der Kampf um ein historisches Bewusstsein“.
Der Kampf um die Bedeutung des Jahres 1776, so North abschließend, sei ein Kampf um „das politische Bewusstsein und die Perspektive, die für die Zukunft erforderlich sind“. Die Verteidigung demokratischer Grundrechte werde von keiner Fraktion der herrschenden Klasse erfüllt, vielmehr haben sich die Herrschenden vollständig von der Verteidigung demokratischer Rechte abgewendet. Diese Aufgabe obliege der internationalen Arbeiterklasse und sei untrennbar mit dem Kampf für den Sozialismus verbunden.
Die in diesem Webinar aufgeworfenen Fragen sind nicht nur von rein akademischem Interesse. Sie haben direkten Einfluss auf die politischen Kämpfe, die sich derzeit entfalten. Die WSWS fordert ihre Leser auf, diese Fragen genau zu studieren, die Diskussion in voller Länge anzusehen und sie so weit wie möglich unter Arbeitern, Akademikern, Studierenden und Jugendlichen zu verbreiten.
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