Am Freitag, 3. Juli, protestierten bundesweit mehr als 33.000 Mercedes-Beschäftigte gegen den Sparkurs des Konzerns. Dieser hatte vorher in einem Brief und einer Videobotschaft längere Arbeitszeiten und Lohnkürzungen angekündigt – was einer Kriegserklärung an die Belegschaft gleichkommt. Das Ende 2024 mit dem Betriebsrat vereinbarte Sparprogramm „Next Level Performance“ wird dadurch weiter verschärft.
In Sindelfingen, dem größten Produktionsstandort des Konzerns, versammelten sich mehr als 20.000 Beschäftigte. Weitere Proteste fanden in den Mercedes-Benz-Werken und Tochterunternehmen in Stuttgart (Zentrale) und Untertürkheim, Bremen, Rastatt und Kuppenheim, Berlin/Marienfelde, Düsseldorf, Hamburg und Germersheim statt.
Der Protest richtete sich gegen die Unternehmensleitung, indirekt aber auch gegen die IG Metall und ihre Betriebsräte, die immer wieder Kostensenkungsmaßnahmen und Werksschließungen durchgesetzt haben.
Die große Beteiligung überraschte selbst die IG Metall, die den Protest organisiert hatte. Laut Stuttgarter Zeitung war der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ergun Lümali in Sindelfingen „überwältigt von dieser riesigen Protestbereitschaft“: „Damit hat selbst der protesterprobte Ergun Lümali nicht gerechnet.“
Lümalis Rede zielte darauf ab, den Kampfgeist der versammelten Belegschaft zu brechen. Im Mittelpunkt standen seine Klagen über Entscheidungen des Managements – Entscheidungen, an denen er selbst und die IG Metall aktiv beteiligt waren. Er räumte ein, dass die Wut der Beschäftigten wächst. Die Entscheidung „verunsichert und demotiviert viele Kolleginnen und Kollegen massiv“, sagte er. „Statt Perspektiven für Standorte und Beschäftigung zu schaffen, wird Druck aufgebaut.“
Lümalis eigentliche Sorge gilt der wachsenden Opposition an der Basis, die die Kontrollfunktion der IG Metall zu sprengen droht und dazu führen könnte, dass die Beschäftigten eigenständig handeln und ihre Rechte verteidigen. Wie ein Unternehmensberater riet er dem Management: „Wer Wettbewerbsfähigkeit sichern will, muss in starke Produkte, moderne Technologien und die deutschen Standorte investieren.“
Brief an die Belegschaft
Der Brief, den der Konzern am 26. Juni an die Belegschaft schickte, enthielt für die IG Metall nichts Neues. Er wurde in Abstimmung mit der Gewerkschaft verfasst, die bereits weitreichenden Kostensenkungsmaßnahmen an den deutschen Standorten zugestimmt hat.
Ende Mai berichtete die Stuttgarter Zeitung, der Konzern halte die Arbeitskosten in Deutschland für zu hoch und sehe darin eine Gefährdung seiner Wettbewerbsfähigkeit. „Wir prüfen verschiedene Möglichkeiten, um effizienter zu werden, und führen intensive Gespräche mit unserem Sozialpartner, mit dem Ziel, gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln“, erklärte das Unternehmen damals. Das ist Konzernsprache für einen Deal, den die „Sozialpartner“ hinter dem Rücken der Belegschaft aushandeln.
Der Brief an die Belegschaft beruft sich auf die strukturelle Krise der Automobilindustrie, um den Beschäftigten die Kosten für die internationale Krise des Kapitalismus und die Aufrüstung aufzubürden, und tarnt den Angriff auf Arbeitsplätze und Löhne als „gemeinsames Opfer“.
Er verweist auf den eskalierenden globalen Handelskrieg, der das „exportorientierte Geschäftsmodell“ bedrohe, „das seit Jahrzehnten unsere Erfolgsgeschichte ist“. Der chinesische Markt, einst Quelle starken Absatzwachstums und hoher Profite, sei ins Stocken geraten. Chinesische Automobilhersteller befänden sich in einem „gnadenlosen Wettbewerb“ und drängten „mit sehr schlanken Kostenstrukturen und hohem Innovationstempo in neue Märkte, einschließlich Europa“.
Deutschland habe als Wirtschaftsstandort erheblich an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt, heißt es in dem Brief. Die deutschen Standorte seien im Laufe der Jahre deutlich kostenintensiver geworden als die Standorte im Ausland. Kein anderer Hersteller beschäftige pro produziertes Fahrzeug so viele Menschen in Deutschland wie Mercedes-Benz. Management und Arbeitnehmervertretung trügen gemeinsam die Verantwortung, „die langfristige Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens in Deutschland zu sichern“. Man werde in den kommenden Wochen und Monaten gemeinsam nach Lösungen suchen.
Die Belegschaft müsse für weniger Geld mehr arbeiten, folgert der Konzern: „Die Arbeitsstunde muss günstiger werden – in Entwicklung, Vertrieb, Verwaltung und Produktion. Der direkteste und in unseren Augen fairste Weg: Wir sollten in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten.“
Als Sofortmaßnahme wird die jährliche Sonderzahlung, der sogenannte „Transformationsbaustein“ in Höhe von 18,4 Prozent des monatlichen Grundgehalts, für 90.000 Beschäftigte von diesem Juli auf das kommende Jahr verschoben. Das Bonussystem für Führungskräfte wird noch stärker als bisher an den Unternehmenserfolg gekoppelt.
Außerdem werden Arbeitsplätze ins Ausland verlagert. „Und ja, manche Produkte und Verwaltungsfunktionen werden wir künftig an wettbewerbsfähigere internationale Standorte verlagern, um den Erfolg des Unternehmens langfristig zu sichern“, heißt es in dem Brief. Bisher arbeiten zwei Drittel der Belegschaft, insgesamt etwa 108.000 Bechäftigte, in Deutschland.
Zusätzlich zu dem Brief veröffentlichte Britta Seeger, das für Personal und IT zuständige Vorstandsmitglied, eine Videobotschaft im Intranet, in der sie die ersten Entscheidungen zusammenfasste. Das Management überprüfe sämtliche Entgeltbestandteile und Sonderzahlungen; man müsse genau hinschauen, was man sich noch leisten könne.
Lümali kritisierte, die IG Metall sei nicht über die Verschiebung der Sonderzahlung informiert worden, und bezeichnete sie als „einseitige Entscheidung“, die zeige, welcher „Druck“ derzeit im Unternehmen herrsche. Was er nicht erwähnte: Der von der IG Metall selbst ausgehandelte Tarifvertrag erlaubt es dem Unternehmen, die Zahlung entweder zu verschieben oder ganz zu streichen.
Aufsichtsratschef Martin Brudermüller hatte bereits im Juni im Handelsblatt vehement das Ende der 35-Stunden-Woche und die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich gefordert. Das entspricht der Absicht der Bundesregierung und wird von der gesamten Industrie begrüßt. Brudermüller begründete seine Forderung mit der sich vertiefenden Krise und den hohen Arbeitskosten und erklärte, es sei „zumutbar“, für das gleiche Gehalt wieder länger zu arbeiten.
Betriebsrat und IG Metall zur Zusammenarbeit bereit
Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Lümali deutete gegenüber dem Spiegel Kompromissbereitschaft an. Er erklärte zwar, angesichts der gegenwärtig geringen Auslastung der Werke sei dies „nicht zielführend“. Tarifpartei sei die IG Metall. Ohne eine entsprechende Bereitschaft der Gewerkschaft könne es keine Verhandlungen geben, betonte er und fügte hinzu: „Aber wir wissen, dass IG Metall und Arbeitgeberverband ständig in Gesprächen sind.“
Der Arbeitgeberverband Südwestmetall und die IG Metall Baden-Württemberg hatten bereits vor 22 Jahren das „Pforzheimer Abkommen“ – offiziell „Vereinbarung zur Sicherung von Arbeitsplätzen, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit“ – vereinbart. Es ermöglicht Unternehmen, in „Ausnahmesituationen“ von den bestehenden Tarifverträgen nach unten abzuweichen. Dazu zählen das Kürzen oder Streichen von Sonderzahlungen sowie das Verändern der Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich.
Laut Stuttgarter Zeitung wollten sich weder die Unternehmensleitung noch die IG Metall dazu äußern, ob die Verlängerung der Arbeitszeit ein Thema in den „intensiven Gesprächen“ sei. Mercedes kann die Arbeitszeit rechtlich gesehen zwar nicht einseitig verlängern, die Beschäftigten sollten sich jedoch keine Illusionen machen, dass die IG Metall dies verhindern wird. Die Stuttgarter Zeitung schreibt unter Berufung auf die IG Metall, dass diese „nur“ zustimmen werde, wenn „eindeutig definierte Gegenleistungen enthalten sind, die die Beschäftigten einklagen können“, wie beispielsweise verbindliche Standortgarantien oder Investitionszusagen.
Die „Standortverteidigung“ der IG Metall ist eine Falle – der alleinige Zweck dieser nationalistischen Forderung in einer globalisierten Produktion besteht darin, die Beschäftigten zu spalten und die Profite des Unternehmens zu sichern.
Anfang 2026 verlagerte Mercedes die Produktion der A-Klasse von Rastatt in das ungarische Werk in Kecskemét und sparte damit 70 Prozent der Arbeitskosten. Um die niedrigen Kosten abzusichern, beteiligte sich die IG Metall direkt an der Einführung der „Sozialpartnerschaft“ im ungarischen Werk: Sie half, gewerkschaftlicher Strukturen in Kecskemét aufzubauen, und unterhält dort ein grenzüberschreitendes Partnerschaftsbüro. Sie schult die örtlichen ungarischen Gewerkschaften in organisatorischen Fragen, berät sie „strategisch“ und unterstützt sie bei Tarifverhandlungen.
Das im Dezember 2024 zwischen Betriebsrat und Vorstand vereinbarte Sparprogramm „Next Level Performance“ sollte jährlich 5 Milliarden Euro einsparen. 2025 sparte der Konzern 3,5 Milliarden Euro, das soll nun durch die neuen Angriffe erhöht werden. Ohne eine konkrete Zahl zu nennen, hatte das Unternehmen per E-Mail 40.000 Beschäftigte außerhalb der Produktion aufgefordert, das Unternehmen gegen Abfindung zu verlassen.
Unter dem enormen Druck und den Drohungen von Management und Gewerkschaft haben dies 5.500 getan. Laut Handelsblatt, das sich auf Quellen innerhalb des Konzerns beruft, sind die Personalkosten durch die 5.500 Abgänge spürbar gesunken. Das Management sei mit der endgültigen Zahl aber „nicht vollständig zufrieden“.
Auch die jährliche Erfolgsbeteiligung wurde spürbar reduziert. Sie sank von 7300 Euro pro Beschäftigtem 2023 auf 5220 Euro 2024 und 3139 Euro 2025. Der Mercedes-Konzern verkaufte 2025 2.160.000 Fahrzeuge, 229.000 weniger als 2024. Für das Geschäftsjahr 2025 erhielten die Aktionäre auf der Hauptversammlung im April 2026 eine Gesamtdividende von 3,3 Milliarden Euro. Mercedes-Chef Ola Källenius kassierte 8,8 Millionen Euro.
Die hohe Beteiligung an der Protestaktion vom Freitag ist Ausdruck der wachsenden Opposition der Beschäftigten gegen die Zusammenarbeit der IG Metall mit dem Management. Beschäftigte bei Mercedes, Volkswagen, Bosch, Mahle und in der gesamten Automobil- und Zulieferindustrie haben genug von den ständigen Ausverkäufen.
Die Vertrauensleute bei Mercedes Untertürkheim verabschiedeten kürzlich eine Resolution, die zum Widerstand gegen Bundesregierung und Konzerne aufruft. „Wir engagieren uns in unserer Gewerkschaft und verlangen so bald wie möglich, Demonstrationen gegen die Gier der Bosse, gegen die Regierung und für eine bessere Zukunft zu organisieren. Bis hin zum Streik. Und wenn die Gewerkschaftsspitzen sich zieren, dann machen wir das selbst,“ heißt es darin.
Die Resolution fordert die Beschäftigten allerdings auf, abzuwarten, ob sich die „Gewerkschaftsspitzen“ auf die Seite der Arbeiter stellen und Streiks organisieren. Das ist entweder naiv oder ein kalkuliertes Manöver. Der gesamte Gewerkschaftsapparat, verwurzelt im Nationalismus, unterstützt die „Sozialpartnerschaft“ und die Aufrüstungspolitik der Bundesregierung.
Der Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze und gegen die von der Bundesregierung rasant vorangetriebene Aufrüstungs- und Kriegspolitik kann nicht im vorherrschenden gewerkschaftlichen Rahmen geführt werden. Die unmittelbare Aufgabe der Mercedes-Beschäftigten besteht darin, unabhängige Aktionskomitees zu bilden und ein Netzwerk mit Beschäftigten bei Volkswagen, Bosch und international aufzubauen.
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