Geschichtsfälschung als Kriegspropaganda: Die F.A.Z. erklärt Russland zum Hauptschuldigen für den Ersten Weltkrieg

„Russlands Rolle im Ersten Weltkrieg neu bewertet“ – unter dieser Überschrift hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 29. Mai einen Beitrag des Historikers René Schlott veröffentlicht.

Grundlage des Artikels ist ein Aufsatz, den der Wiener Rechtsphilosoph Joachim Dolezik 2025 in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft unter dem Titel „Historiografische Debatten zur Julikrise und die Frage nach der Verantwortung am Kriegsausbruch 1914“ veröffentlichte. Schlott schreibt im Untertitel: Dolezik „geht über Christopher Clark hinaus und sucht die Hauptschuld bei Russland“. Nicht das Deutsche Reich, sondern das Zarenreich und Frankreich werden zu den eigentlichen Verantwortlichen für die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ erklärt. Deutschland erscheint als Macht, die sich verteidigte.

Deutsche Nachschubkolonne an der Ostfront [Photo by Bundesarchiv, Bild 183-S34205 / CC BY-SA 3.0]

Diese Umdeutung kommt nicht von ungefähr. Sie fällt in eine Zeit, in der die Bundesregierung für einen Krieg gegen Russland aufrüstet wie seit den Nazis nicht mehr. Die Geschichte des deutschen Imperialismus wird umgeschrieben, weil er in der Gegenwart einen neuen Krieg vorbereitet.

Um zu verstehen, was diese Umdeutung bedeutet, muss man auf Fritz Fischer zurückgehen. Als der Hamburger Historiker 1961 sein Buch „Griff nach der Weltmacht“ veröffentlichte, löste er einen jahrelangen Sturm der Entrüstung aus. Die Kontroverse zog sich über ein Jahrzehnt hin; 1964 bezogen auf dem Historikertag selbst Bundeskanzler Ludwig Erhard und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß öffentlich gegen ihn Stellung. Fischer hatte den Nachkriegskonsens durchbrochen, der eine besondere deutsche Verantwortung für den Ersten Weltkrieg bestritt.

Fischer ging es dabei nicht um die moralische Frage einer deutschen „Alleinschuld“. Er untersuchte systematisch die Kriegsziele und Interessen des deutschen Imperialismus und stellte die Julikrise in den Zusammenhang der deutschen „Weltpolitik“, des Weltmachtstrebens und der gesellschaftlichen Interessen von Industrie, Banken, Großgrundbesitz, Militär und Staatsapparat. Die deutsche Politik im Juli 1914, schrieb er, „darf nicht isoliert gesehen werden. Sie erscheint erst dann im rechten Licht, wenn man sie als Bindeglied zwischen der deutschen ‚Weltpolitik‘ seit Mitte der 90er Jahre und der deutschen Kriegszielpolitik seit dem August 1914 betrachtet.“ (Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht, 1961.)

In diesen Kontext gehört auch der deutsche „Blankoscheck“: Berlin ermutigte Wien, Serbien den Krieg zu erklären, und sagte Österreich-Ungarn die militärische Unterstützung Deutschlands gegen Russland zu. Das war die bewusste Unterstützung eines Angriffs auf Serbien – im Wissen, dass daraus ein Krieg mit Russland und Frankreich werden konnte.

Wie weit die deutschen Ziele reichten, zeigte sich offen, sobald der Krieg begonnen hatte: Im Septemberprogramm Bethmann Hollwegs von 1914 wurden ein wirtschaftlich von Deutschland beherrschtes Mitteleuropa, die territoriale und wirtschaftliche Unterwerfung der Nachbarstaaten, ein zusammenhängendes mittelafrikanisches Kolonialreich und die Zurückdrängung Russlands zum Programm erhoben.

Die F.A.Z. schreibt, zwölf Jahre nach Christopher Clarks Bestseller „Die Schlafwandler“ habe sich dessen These von der geteilten Verantwortung aller Großmächte durchgesetzt, und Dolezik spitze sie nun „mit einem Akzent auf den völkerrechtlichen Implikationen“ zu. Das Ergebnis: Deutschland und Österreich-Ungarn trügen zwar „eine beträchtliche Mitverantwortung“, die „Hauptverantwortung“ aber könne „Russland und Frankreich zugeschrieben werden“.

Doleziks Beweisführung ist Schritt für Schritt als juristische Argumentation angelegt. Den österreichisch-serbischen Konflikt behandelt er als rein regionalen Streit, den erst die „forcierte […] Delokalisierung eines rein regionalen Balkankonflikts“ durch Russland und Frankreich zum europäischen Krieg ausgeweitet habe (S. 920). Den Bündnisfall zwischen Wien und Berlin – den casus foederis, also das vertraglich vereinbarte Eintreten für den Bündnispartner – wertet er als völkerrechtlich gedeckte, defensive Bündnistreue.

Den eigentlichen Wendepunkt sieht er nicht im österreichischen Angriff und nicht im deutschen Blankoscheck, sondern in der russischen Mobilmachung; sie sei „so entscheidend […] wie der Blankoscheck“ (S. 913). Die deutsche Kriegserklärung an Russland erscheint folgerichtig als rechtmäßige Reaktion auf eine „unmittelbare Bedrohungslage“ (S. 916), und die „Hauptverantwortung“ für den Krieg wird St. Petersburg und Paris zugeschrieben (S. 920). Dolezik schließt sich dabei ausdrücklich dem Urteil Herfried Münklers an: „der Schlüssel zum Krieg“ habe „in der russischen Hauptstadt“ gelegen (S. 913).

Diese Thesen stellen bei Weitem nichts Neues dar. Die WSWS ist dieser Geschichtsfälschung seit mehr als einem Jahrzehnt entgegengetreten. Bereits 2014 analysierte sie die Flut von Büchern, Sendungen und Kommentaren, die zum 100. Jahrestag des Ausbruches des Ersten Weltkriegs erschienen, als „gezielte Bemühungen, das bisherige Verständnis der Ursachen des Kriegs und der Verantwortung Deutschlands zu revidieren und in Übereinstimmung mit den neuen außenpolitischen Zielen der deutschen Regierung zu bringen“.

Im selben Jahr hatten Bundespräsident, Außenminister und Verteidigungsministerin auf der Münchner Sicherheitskonferenz verkündet, die Zeit der militärischen Zurückhaltung sei vorbei. An der Spitze der historischen Begleitkampagne stand Herfried Münkler. Er forderte öffentlich „eine Abkehr von den Thesen Fritz Fischers“ und behauptete – ohne jeden Beleg –, „die jüngere Forschung“ neige „inzwischen stärker der Position Ritters zu“, also jener rechtskonservativen Historiker, die nach 1945 jeden Zusammenhang zwischen kaiserlicher „Weltpolitik“ und Krieg geleugnet hatten.

Wie die WSWS schon damals nachwiesen hatte, gehören die Attacken auf Fischer und die Rückkehr zu einer aggressiven Außenpolitik untrennbar zusammen. „Um neue Verbrechen des deutschen Imperialismus vorzubereiten“, schrieben Ulrich Rippert und Peter Schwarz im Juli 2014, „müssen seine historischen Verbrechen, zu deren Verständnis Fischer maßgeblich beigetragen hat, verharmlost und beschönigt werden.“

In einem Vortrag an der Humboldt-Universität zitierte Peter Schwarz Anfang 2015 den Vorsitzenden der Socialist Equality Party, David North: „Die Geschichte ist zum Schlachtfeld geworden. … Die Vergangenheit wird im Interesse der heutigen politischen Reaktion gefälscht.“ Münklers Attacken, so Schwarz, dienten dazu, „das geistige Klima zu vergiften und Widerstand gegen den Militarismus zu ersticken“.

Doch Dolezik geht über Clark und Münkler hinaus. 2014 lautete die Botschaft, alle Mächte seien gemeinsam, „schlafwandelnd“, in den Krieg geraten. Dolezik dagegen rückt die Mittelmächte in die Rolle der Verteidiger eines „defensiven Sicherheitsparadigmas“ (S. 909). Der deutsche Blankoscheck wird zur „defensiven, rechtmäßigen Bündnistreue“ (S. 914), die deutsche Kriegserklärung zum Handeln „rechtmäßig in Notwehr“ (S. 916). Entscheidend sei nicht der österreichische Angriff oder der deutsche Blankoscheck, sondern „der Beschluss Russlands, in den regionalen Konflikt zu intervenieren und gegen Österreich-Ungarn zu mobilisieren“ (S. 915).

Deutschland wird also nicht mehr nur von einer besonderen Verantwortung entlastet. Es wird zum Opfer einer russisch-französischen Aggression erklärt. Und die F.A.Z. präsentiert diese altbekannte Entlastungslegende als „neue These“.

Diese Entlastungslegende lebt von einer Unterstellung über Fritz Fischer. Er hat nie eine deutsche „Alleinschuld“ behauptet. Schon bei Erscheinen seines Buches wies er 1961 in der Zeit die ihm untergeschobene Formel zurück: „Diesen Begriff habe ich in meinem Buch nicht gebraucht, vielmehr ausdrücklich darauf hingewiesen, dass […] die Regierungen der beteiligten europäischen Mächte in der einen oder anderen Weise und in sehr abgestufter Form an der Verantwortung für den Ausbruch des Weltkrieges teilhaben.“ (Fritz Fischer, „Die Schuld am Ersten Weltkrieg“, Die Zeit, 24. November 1961.)

Der Erste Weltkrieg war ein imperialistischer Krieg. Deutschland, das aufgrund der ausgebliebenen bürgerlichen Revolution bei der Aufteilung der Welt zu spät gekommen war, trat den alten Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich entgegen, die ihr Raubgut mit allen Mitteln verteidigten. Die USA, die erst spät in den Krieg eingriffen, begannen ihren Aufstieg zur dominierenden Weltmacht.

Deutschland hatte bereits 16 Jahre vor Kriegsausbruch mit einem intensiven Flottenbauprogramm begonnen, um den Briten die Herrschaft über die Weltmeere streitig zu machen. Aber die Hauptexpansionsrichtung des deutschen Imperialismus lag im Osten – in Mitteleuropa und Russland. Die Generäle des Kaiserreichs schmiedeten Kriegspläne gegen Russland und drängten darauf, den Krieg möglichst bald zu beginnen, weil die Zeit für Russland arbeite. Der Schlieffen-Plan, der der Reichswehr zu Kriegsbeginn als strategische Grundlage diente, war bereits 1905 ausgearbeitet worden.

Fischers angebliche Alleinschuldthese ist ein Strohmann. Was Fischer untersuchte, war die besondere Verantwortung der deutschen Reichsleitung: Sie hatte den österreichisch-serbischen Krieg gewollt und gedeckt und dabei bewusst einen Konflikt mit Russland und Frankreich in Kauf genommen.

Doleziks behandelt den österreichisch-serbischen Konflikt als neutralen Ausgangspunkt, der erst durch das Eingreifen Russlands und Frankreichs zum europäischen Krieg geworden sei. Doch dieser Konflikt fiel nicht vom Himmel: Die deutsche Führung hatte ihn aktiv gefördert und mit dem Blankoscheck politisch abgesichert. Deshalb lässt sich die Frage der deutschen Verantwortung nicht auf den späteren Ablauf von Mobilmachungen, Ultimaten und formalen Bündnisfällen reduzieren. Dass auch die anderen imperialistischen Mächte Schuld trugen, hat Fischer nie bestritten – „aber das milderte nicht die Verantwortung der herrschenden Klasse Deutschlands für den Krieg“, wie Rippert und Schwarz damals kommentierten.

Doleziks Schlüsselbegriffe – casus foederis (der Bündnisfall, der die Beistandspflicht auslöst), casus belli (der Kriegsgrund), Mobilmachung und völkerrechtliche Rechtmäßigkeit – verschieben die Untersuchung auf die unmittelbare juristische Abfolge der Krise: wer zuerst mobilisierte, welche Erklärung formal gedeckt war, wann der Bündnisfall eintrat. Was dabei aus dem Blick gerät, sind die imperialistischen Interessen, die zum Krieg führten. Der Angriff Österreich-Ungarns auf Serbien war kein gegebener Ausgangspunkt, sondern eine bewusste Entscheidung, einen Krieg mit Russland zu provozieren, die Berlin mit dem Blankoscheck ermutigte und unterstützte.

Die deutsche Führung wollte den Krieg gegen Russland und nahm die Gefahr eines großen europäischen Kriegs im Dienst ihrer eigenen machtpolitischen Ziele bewusst in Kauf. Wie weit diese Ziele reichten, trat offen zutage, sobald der Krieg begonnen hatte – im Septemberprogramm mit seinem deutsch beherrschten Mitteleuropa und der Zurückdrängung Russlands. Dass auch Frankreich, Russland und Großbritannien imperialistische Interessen verfolgten, widerlegt die deutsche Verantwortung nicht.

Dolezik beruft sich für seine Interpretation ausdrücklich auf die Revisionisten der Zwischenkriegszeit – auf Barnes, Wegerer, Montgelas und Lutz (S. 919). Diese hatten damals die Mitverantwortung aller Großmächte in den Vordergrund rückten, um den Versailler Kriegsschuldartikel zu bekämpfen, der Deutschland untragbare Reparationen auferlegte. Nun kehren die alten Entlastungsmuster wieder.

Aber warum werden diese alten Thesen wieder an die Oberfläche befördert? Am 28. November 2025 beschloss der Bundestag einen Verteidigungshaushalt von 108,2 Milliarden Euro – der höchste Stand seit dem Ende des Kalten Krieges; bis 2029 soll er auf 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Die im April 2026 vorgestellte Militärstrategie nennt Russland offen als zentrale Bedrohung und will die Bundeswehr zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ ausbauen. Verteidigungsminister Pistorius rechtfertigt jede Steigerung mit der „Bedrohung durch Russland“.

Für ein solches Programm ist die Erinnerung an die Verbrechen des deutschen Imperialismus in zwei Weltkriegen ein Hindernis; die Ablehnung von Krieg und Militarismus sitzt tief. Also muss Deutschland als bedrohte, lediglich reagierende Macht erscheinen – und Russland nicht nur heute, sondern rückwirkend als Aggressor von 1914. Die Kontinuität deutscher Großmachtinteressen und der Expansionsrichtung nach Osten, die schon 1914 von der Ukraine über das Baltikum bis zum Kaukasus reichte, soll verdeckt werden. Unsere damalige Warnung bestätigt sich in der Eskalation des Ukrainekriegs, die vor allem von Deutschland vorangetrieben wird.

Die Fälschung der Vergangenheit dient der Vorbereitung gegenwärtiger und künftiger Kriege. Schon Fischer zeigte, dass Militarismus immer auch eine innenpolitische Funktion hatte: Kaiser Wilhelm wies Kanzler Bülow 1905 an: „Erst die Sozialisten abschießen, köpfen und unschädlich machen, wenn nötig, per Blutbad, und dann Krieg nach außen“ (vgl. Fritz Fischer, „Griff nach der Weltmacht“, 1961.) Auch heute richtet sich die Aufrüstung nach innen wie nach außen.

Die Geschichtsfälschung ist Teil der ideologischen Kriegsvorbereitung – nach außen wie nach innen. Die Antwort darauf ist der Kampf für die internationale Einheit der Arbeiterklasse auf der Grundlage des Sozialismus.

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