Italien: Brand in besetztem Arbeiter-Wohnkomplex macht Roms Wohnungskrise deutlich

Am späten Abend des 29. Juli brach im „Spin Time Labs“, einem selbstverwalteten Sozialzentrum und besetzten Wohnkomplex im römischen Arbeiterviertel Esquilino, ein kleiner Brand aus. Die offizielle Brandursache steht noch nicht fest. Brandermittler identifizierten offenbar einen Technikraum im Erdgeschoss als wahrscheinlichen Brandherd, vermutlich ausgelöst durch einen elektrischen Defekt.

Das Sozialzentrum „Spin Time Labs“ in Rom während einer öffentlichen Versammlung angesichts der möglichen Räumung des Gebäudes, 10. Januar 2026 [Photo by Matteo Minnella / Instagram]

Nach einer technischen Prüfung erklärte die Brandschutzbehörde das Gebäude in der Via Santa Croce in Gerusalemme für unbewohnbar. Die Bewohner wurden sofort evakuiert, während bewaffnete Polizisten die Kontrolle übernahmen und den Bewohnern nur noch erlaubten, das Gebäude einzeln und kurz zu betreten, um einige persönliche Gegenstände herauszuholen, und anschließend alle aussperrten.

Die Folgen des Brandes sind verheerend. Rund 400 Bewohner, darunter mehr als 90 Kinder, sind nun obdachlos und gezwungen, während der vierten extremen Hitzewelle in Rom in provisorischen Zelten auf der Straße zu schlafen.

Maria Cabrera, eine „Spin Time“-Bewohnerin, sagte einer Al Jazeera-Journalistin: „Viele von uns, mich eingeschlossen, waren 40 Stunden lang ohne Schlaf auf den Beinen, weil wir nicht wussten, wie das enden würde. Wir machten uns Sorgen. Wir haben ja nichts Großartiges; es ist kein Luxusgebäude. Aber die vier Wände, die wir uns da geschaffen haben, sind unser Zuhause, und wir wollen wieder zurück.“

Die Aussperrung hat den seit Langem andauernden Streit um Eigentum und Zukunft des Gebäudes verschärft. Ein Gerichtsurteil hat den italienischen Staat im Dezember 2025 verpflichtet, monatlich 207.000 Euro sowie über 21 Millionen Euro an Zahlungsrückständen an InvestiRE zu zahlen, den privaten Immobilienfonds, dem die Immobilie gehört.

Spin Time Labs befindet sich in einem ehemaligen staatlichen Gebäude, das früher der Sozialversicherungsanstalt INPDAP (inzwischen aufgelöst) gehörte. Nachdem die Behörde das Gebäude 2010 aufgegeben hatte, besetzte die Wohnrechtsbewegung „Action“ es im Oktober 2013. In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus Spin Time Labs, ein Projekt, welches Wohnen mit einem breiten Spektrum an sozialen und kulturellen Aktivitäten verbindet. Bewohner aus rund 25 Nationen lebten in dem Gebäude, das auch ein Theater, ein klassisches Orchester, medizinische Dienste und andere Gemeinschaftsinitiativen beherbergte.

Internationale Bekanntheit erlangte das Projekt im Jahr 2019, als Papst Franziskus seinen Almosenier, Kardinal Konrad Krajewski, entsandte, um eigenhändig die Stromversorgung des Gebäudes wiederherzustellen, nachdem diese vom Energieversorger Acea unterbrochen worden war.

Die PR-Aktion des Kardinals war Teil der Bemühungen des Vatikans, nach mehreren aufsehenerregenden Immobilienskandalen sein Image wiederherzustellen; dazu zählten der „Affittopoli“-Skandal um lächerlich niedrige Prominenten-Mieten, ein gescheitertes Luxusimmobilien-Investment in London und die exorbitanten Ausgaben der Kirche zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum kirchlichen Jubiläumsjahr.

Die rechtsextreme Regierung unter Meloni nutzte die Brandschutzproblematik im Spin Time sofort als Vorwand, um die dauerhafte Räumung der Bewohner aus dem Gebäude zu betreiben. Fabio Rampelli, Vizepräsident der Abgeordnetenkammer (Fratelli d’Italia), erklärte unmissverständlich: „Der Brand, der bei Spin Time ausgebrochen ist, bestätigt die Notwendigkeit, eine Situation, die schon viel zu lange andauert, ohne weitere Verzögerungen anzupacken“, und er betonte, es sei nach wie vor „völlig inakzeptabel, dass Männer, Frauen und Kinder weiterhin“ in einer illegalen Besetzung lebten.

Senator Maurizio Gasparri schloss sich den Bestrebungen an, die Rückkehr der Bewohner zu verhindern. Über die Agenzia Stampa Italia griff er den zuständigen römischen Bürgermeister Roberto Gualtieri (Demokratische Partei) an. Gasparri erklärte: „Unter Gualtieris PD-Verwaltung wird für diejenigen, die Rom regieren, die Illegalität zur Regel (…) Jetzt, da ein Brand ausgebrochen ist, existieren die Sicherheitsbedingungen – die vielleicht schon immer fehlten – nicht mehr, um diese Besetzung zu tolerieren.“

Melonis hartes Vorgehen gegen das Wohnprojekt Spin Time Labs ist Teil einer koordinierten „Law-and-Order“-Kampagne, die darauf abzielt, Italiens Hausbesetzer-Netzwerke systematisch zu zerschlagen, soziale Besetzungsprojekte zu kriminalisieren und dem Privateigentum und den Rechten Vorrang einzuräumen. Der Fall Spin Time fügt sich in eine umfassendere politische Strategie ein, Hausbesetzungen und andere Formen des Widerstands der Arbeiterklasse gegen die Wohnungskrise zu zerschlagen.

Bürgermeister Roberto Gualtieri reagierte mit den Worten: „Wir haben einen Vorschlag zum Kauf der Immobilie vorgelegt“, und zynisch setzte er hinzu, man habe auch „eine Lösung für die Übergangsphase, um die Rückkehr der Menschen so schnell wie möglich zu ermöglichen“. Gualtieri ist seit 2021 Bürgermeister, und erst angesichts der humanitären Katastrophe sah er sich bemüßigt, eine Lösung für die Bewohner von Spin Time zu suchen. Noch wichtiger, und das ist gut dokumentiert: Die Demokratische Partei selbst ist der Architekt der aktuellen Wohnungskrise.

Die PD-Regierung unter Matteo Renzi verabschiedete das „Salva Roma“-Dekret („Rettet Rom“), das den Grundstein für einen beispiellosen Angriff auf öffentliche Bedienstete und soziale Dienstleistungen legte und den massiven Ausverkauf öffentlicher Gebäude einleitete. Dieser Ausverkauf ist der direkte Ursprung der Situation bei Spin Time Labs. Eine staatliche Behörde hat das Gebäude aufgegeben; der Staat verkaufte es an privates Kapital, und heute setzt der Staat die Polizei ein, um Eigentumsrechte gegenüber den Bewohnern durchzusetzen.

Seit der Insolvenzkrise Roms im Jahr 2014 wurden praktisch keine Mittel mehr für den Bau neuer öffentlicher Wohnungen bereitgestellt. Die Stadtverwaltung (Comune di Roma) und die regionale Wohnungsbaugesellschaft (ATER Roma) verfügen zusammen über einen öffentlichen Wohnungsbestand von insgesamt 76.000 Einheiten (28.000 kommunale und 48.000 regionale), was bei weitem nicht ausreicht. Infolgedessen ist die Warteliste für Sozialwohnungen auf über 18.500 Familien angewachsen.

Nicola Fratoianni, der Co-Vorsitzende der oppositionellen Allianz der Grünen und der Linken (AVS), gab nach einem Treffen mit den Bewohnern von Spin Time Labs eine Erklärung ab, die die politische Funktion der Pseudolinken verdeutlicht. Fratoianni fordert „alle beteiligten Parteien“ auf, „zusammenzuarbeiten“, dankt dem Stadtrat von Rom dafür, dass er „in die richtige Richtung geht“, und erklärt: „Spin Time ist für Rom ein Gut des Gemeinwohls.“

Die AVS ist das jüngste Wahlvehikel jener politischen Tradition, die sich von Rifondazione Comunista über die SEL bis hin zur Sinistra Italiana erstreckt – dieselben Kräfte, die den Sparmaßnahmen parlamentarischen Rückhalt verschafften und sich an Regierungen der Mitte-Links-Koalition beteiligten. Ihre Funktion bestand stets darin, den Widerstand der Arbeiterklasse wieder in die bewährten Bahnen des kapitalistischen Staates zu lenken.

In der offiziellen Erklärung der AVS stellt kein einziges Wort die Eigentumsverhältnisse in Frage, die dazu geführt haben, dass 400 Menschen bei 45 Grad Celsius auf dem Asphalt schlafen müssen. Die gesamte Erklärung ist ein Appell an genau jene Institutionen – die Stadtverwaltung, die Justiz, den kapitalistischen Staat –, die die Krise verursacht haben, mit der Bitte, sie humaner zu bewältigen. Das ist keine Solidarität. Es ist die politische Instrumentalisierung des gesellschaftlichen Widerstands mit dem Ziel, sicherzustellen, dass die Wut derer, die ihr Zuhause verloren haben, wieder in die Strukturen des Eigentumsregimes gelenkt wird, anstatt sich gegen dieses zu richten.

Das Projekt Spin Time Labs ist entstanden, weil das bestehende Wohnungssystem die arbeitenden Menschen im Stich gelassen hat und die Pseudolinken es der Regierung ermöglicht haben, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Die Spin Time-Bewohner dürfen weder romantisiert werden, als hätte ihre Besetzung die Wohnungskrise gelöst, noch dürfen sie als Kriminelle verteufelt werden. Ihr Kampf ist Ausdruck eines viel umfassenderen gesellschaftlichen Widerspruchs.

Der Brand bei Spin Time Labs muss zum Ausgangspunkt für den Aufbau eines Mieter-Aktionskomitees werden, das Betroffene mit Wohnungsaktivisten und Arbeitern von ganz Rom verbindet. Es muss außerhalb der Kontrolle der Gewerkschaftsbürokratie und aller kapitalistischen Parteien gebildet werden. Ziel muss die entschädigungslose Enteignung des Finanzkonzerns InvestiRE und anderer Immobilienfonds sein, die leerstehende oder ungenutzte Immobilien zurückhalten. Diese Immobilien müssen der Kontrolle kommunaler oder regionaler staatlicher Bürokratien entzogen und in öffentliches Wohneigentum unter der demokratischen Kontrolle der Bewohner selbst umgewandelt werden.

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