Textilarbeiterstreik in Ägypten: ein Wendepunkt im Nahen Osten

Am 9. August hat das Management des größten Textilkonzerns Ägyptens, der Misr El Amria Spinning and Weaving Company, in Alexandria mehrere hundert Arbeiter ausgesperrt.

Das Unternehmen behauptet, das Werk sei wegen „Routine-Wartungsarbeiten, Inventur und Überprüfungen“ vorübergehend geschlossen. Die Arbeiter wiesen dies zurück und verurteilten die Aussperrung als Versuch, ihren seit dem 28. Juli andauernden Streik zu beenden. Der Grund für den Streik war die Weigerung des Managements, eine bereits zugesagte Lohnerhöhung zu bezahlen.

Protestierende Arbeiter der Misr El Amria Spinning and Weaving Company im Jahr 2020

Die Arbeiter fordern, dass die zwölfprozentige Sonderzahlung, die durch das Gesetz Nr. 75 im Jahr 2026 eingeführt wurde, auf der Grundlage ihres versicherten Lohns und nicht ihres – um ein Drittel niedrigeren – Grundgehalts berechnet wird.

Sie fordern schriftliche Garantien vom Unternehmen, die präzisieren, wie die Zulage berechnet und ausgezahlt wird, sowie eine Erhöhung der monatlichen Teuerungszulage von 600 auf 1.300 ägyptische Pfund (von 10 auf 22 Euro), was auch dem Lohn bei anderen Textilkonzernen entspricht.

Seit 2025 haben die Arbeiter mehrere Streiks wegen Löhnen, Risikozulagen und Lohnabzügen organisiert. Jedes Mal beendeten die Gewerkschaften die Aktionen, nachdem das Management Zusagen machte, die es später nicht einhielt.

Das Management hat nun mit der Einstellung des Betriebs und des Warenverkehrs reagiert und die Arbeiter aus der Fabrik ausgesperrt. Rund um das Werksgelände wurden Polizeikräfte und Einheiten der zentralen Sicherheitskräfte stationiert. Einige Arbeiter haben bereits Beschwerde bei den Arbeitsbehörden wegen der Aussperrung eingereicht.

Der Konflikt ist Teil einer breiteren Entwicklung von Arbeiterunruhen in der ägyptischen Textilindustrie. Im Gouvernement Gharbia sind Arbeiter der Samannoud Textile and Rugs Company in den Streik getreten, weil die Krankenversicherung ausgesetzt wurde. Im Januar hatte die Samannoud Health Insurance Authority ihre medizinischen Leistungen für ihre Belegschaft ausgesetzt, weil das Unternehmen seine eigenen Beiträge nicht abgeführt und auch die Beiträge, die den Arbeitern vom Lohn abgezogen wurden, zurückgehalten hatte.

Dem jüngsten Konflikt in Samannoud gingen Anfang des Jahres Streiks über verspätete Lohnzahlungen voraus, außerdem Ende letzten Jahres ein Streik wegen der Nichtauszahlung der jährlichen Boni und vor zwei Jahren ein Streik, weil der Mindestlohn nicht eingeführt wurde.

Im Jahr 2024 traten 3.700 Arbeiterinnen bei Mahalla al Kubra (Misr Spinning & Weaving) in den Streik, nachdem sie von einer landesweiten Erhöhung des Mindestlohns ausgeschlossen wurden. Dies löste mehrere Streiks bei anderen Textilunternehmen aus. Die Behörden erzwangen schließlich ein Ende des Streiks. Dreizehn Arbeiter wurden verhaftet, zwei davon befinden sich vermutlich noch in Haft.

Die Textilbranche und die ägyptische Arbeiterklasse

Die Baumwoll- und Textilbranche nehmen in der ägyptischen Wirtschaft eine Sonderstellung ein. Diese Branche umfasst die gesamte Wertschöpfungskette vom Anbau und der Entkörnung über das Spinnen und Weben bis hin zur Herstellung von Bekleidung sowie Heim- und technischen Textilien. Der Sektor ist ein wichtiger Exporteur nach Europa und in die USA. Allein im Baumwollanbau arbeiten laut Schätzungen etwa 1,2 Millionen der etwa sieben Millionen ägyptischen Landarbeiter. Die Textilbranche ist der größte Arbeitgeber in der verarbeitenden Industrie – mit etwa 1,5 Millionen Arbeitern in 7.000 Unternehmen, was 27 Prozent der ägyptischen Industrieproduktion und drei Prozent des BIP ausmacht.

Die lukrativsten Bereiche konzentrieren sich auf die nachgelagerten, kapitalintensiven, privat geführten und exportorientierten Teile – vor allem Veredelung, Bekleidung, Heimtextilien und technische Textilien. Baumwollbauern und Arbeiter in den arbeitsintensiven staatseigenen Spinnerei- und Webereiunternehmen machen einen viel kleineren Anteil aus. Letztere haben oft mit veralteter Maschinerie und chronischen Verlusten zu kämpfen, obwohl sie die Grundlage der Lieferketten bilden, von denen die lukrativeren, nachgelagerten Unternehmen abhängen. Ein Großteil des Werts wird noch weiter am Ende der Kette abgeschöpft, u.a. durch die internationalen Marken, die von Ägyptens qualitativ hochwertiger Baumwolle und billigen Arbeitskräften profitieren.

Seit jeher ist die Textilindustrie ein Epizentrum militanter Arbeitskämpfe und von politischem Aktivismus in Ägypten. In der Periode von 1945 bis 1952 standen Textilarbeiter im Mittelpunkt der längsten Streik- und Protestwelle in der modernen ägyptischen Geschichte. Ihre Erhebung trug zur Krise der pro-britischen Monarchie bei und gipfelte 1952 im Putsch der Freien Offiziere unter Oberst Abdul Nasser. Das neue Regime machte sich daran, den ägyptischen Kapitalismus zu retten und neu zu organisieren, während es die unabhängige Bewegung der Arbeiterklasse unterdrückte. 

Nasser ließ sozialistische und kommunistische Anführer verhaften und verstaatlichte gleichzeitig die Textilfabriken und baute sie aus. 

Mahalla wurde zum größten Industriekomplex in der arabischen Welt. Unabhängige Gewerkschaften wurden abgeschafft und die Egyptian Trade Union Federation (ETUF) mit einer vom Staat ernannten und überprüften Führung als einzige legale Gewerkschaft aufgebaut. Ein korporatistisches Arbeitsregime wurde errichtet, in dem die organisierte Arbeiterschaft in die politische Ordnung eingebunden wurde, statt diese herausfordern zu können. Der Gewerkschaftsapparat wurde zum politischen Stoßdämpfer und zur Polizeitruppe für das Regime – selbst wenn das Zugeständnisse an die Arbeiter erforderte.

In den 1980ern, unter Präsident Hosni Mubarak, veränderte sich die Branche angesichts der Hinwendung zu neoliberaler Politik, der internationalen Konkurrenz aus Ostasien und der Einbindung in die globalisierte Produktion. Teile der weiterverarbeitenden Industrie wurden privatisiert, während die Zahl der privaten Textilfabriken und informellen Werkstätten zunahm. Bis Ende der 1980er fiel die Zahl der Beschäftigten in den großen staatlichen Werken und Fabriken von über zwei Millionen auf etwa 1,8 Millionen. Dennoch blieb die Textilbranche der größte Industriearbeitgeber Ägyptens und nahm einen zentralen Platz in der Politik in Bezug auf die Arbeiterklasse ein. Gegen Streiks in Mahalla, Samanoud oder Alexandria wurden wiederholt Sicherheitskräfte eingesetzt.  

Im Jahr 2006 begannen Textilarbeiter des riesigen Werks der Misr Spinning and Weaving Company in El-Mahalla El-Kubra eine Welle von Arbeitskämpfen, die in den folgenden zwei Jahren eskalierten. Breite Teile der Arbeiterklasse forderten Lohnerhöhungen, um die massiv gestiegenen Lebenshaltungskosten auszugleichen. Diese Kämpfe, die sich anfangs in den staatseigenen Betrieben und dem öffentlichen Dienst konzentrierten, breiteten sich auf die Privatwirtschaft aus und entwickelten sich zur größten Welle von Arbeitermilitanz seit den späten 1940ern und frühen 1950ern. 

Die Arbeiter stellten nationale und politische Forderungen und agierten unabhängig von den verhassten Gewerkschaftsführern. Obwohl die Sicherheitskräfte hart durchgriffen, Bereitschaftspolizei und Militär mobilisiert und Streikführer verhaftet und vor Gericht gestellt wurden, setzten die Arbeiter eine Erhöhung des nationalen Mindestlohns durch. Die Streikkomitees trugen dazu bei, die Grundlagen für eine gewerkschaftliche Organisierung an der Basis und für unabhängige Gewerkschaften außerhalb der Kontrolle des Staats zu schaffen.

Textil- und andere Industriearbeiter spielten eine Schlüsselrolle bei dem Aufstand von 2011, der zum Sturz der verhassten Diktatur von Hosni Mubarak führte. Die Erfahrungen aus den Streiks in Mahalla von 2006 bis 2008 trugen zum Aufbau von militanten Betriebsnetzwerken bei und zeigten, dass Industriearbeiter Widerstand gegen Arbeitgeber und den Staat leisten können. Obwohl sie sich auf Nordafrika und Ägypten konzentrierten, breiteten sich die Streiks auch international aus.

Doch die politischen Errungenschaften der Arbeiterklasse aus den Jahren 2006 bis 2008 wurden nicht gefestigt. Der Aufstand im Jahr 2011 rückte die Frage der politischen Macht in den Vordergrund. Ohne eine Kampfperspektive, die auf dem Sturz des kapitalistischen Systems und der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft durch die Arbeiterklasse unter revolutionärer Führung beruhte, wurden die Arbeiter vor den Karren diverser bürgerlicher Kräfte gespannt, die um die Nachfolge Mubaraks konkurrierten – Offiziere des Militärs, bürgerlich-„liberale“ Parteien und die Muslimbruderschaft –, und schließlich verraten. Im Juli 2013 übernahm das Militär unter dem Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Abdel Fattah el-Sisi, die Macht und errichtete eine Diktatur, welche die Arbeiterklasse und die arme Landbevölkerung rücksichtslos unterdrückte. 

Die Wirtschaftskrise befeuert eine neue Welle von Streiks und Protesten

Seit 2022 befindet sich Ägypten in seiner schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Nach mehreren Geldentwertungen und vom IWF unterstützten Wirtschaftsprogrammen seit 2016 hat das Ägyptische Pfund 82 Prozent seines Werts gegenüber dem Dollar verloren, was die Inflation auf ein beispielloses Niveau getrieben hat. Die Preise für Grundgüter sind um das Drei- oder sogar Vierfache gestiegen. Sowohl private als auch öffentliche Arbeitgeber missachten fast durchweg den Mindestlohn, was zu einem drastischen Verfall der Reallöhne geführt hat, sodass die Arbeiterklasse und die Mittelschicht ihre Grundbedürfnisse nicht mehr decken können.

Die Wirtschaftskrise ist eng mit den schweren regionalen Unruhen verknüpft. Der Ukraine-Krieg, an dem mit Russland und der Ukraine zwei der größten Getreideexporteure der Welt beteiligt sind, hat massive Auswirkungen auf den Preis von Weizen, den Ägypten zur Ernährung seiner 120 Millionen Einwohner braucht. 

Israels anhaltender Vernichtungskrieg im Gazastreifen hat auch Auswirkungen auf die ägyptische Wirtschaft. Die Drohungen gegen die Schifffahrt durch die Huthi, die einen Großteil des Jemen und die Küste am Roten Meer kontrollieren, zur Unterstützung der Palästinenser haben den Verkehr im Roten Meer beeinträchtigt. Die Umleitung des Schiffsverkehrs um das Kap der Guten Hoffnung hat die Einnahmen aus dem Suezkanal von einem Rekordwert von 10,25 Milliarden Dollar im Jahr 2023 auf 3,99 Milliarden Dollar im Jahr 2024 sowie auf nur geringfügig höhere Beträge im Jahr 2025 verringert. 

Die Armutsquote ist seit el-Sisis Machtübernahme im Jahr 2013 von etwa 25 Prozent der Bevölkerung auf etwa 30 Prozent im Jahr 2025 gestiegen. Gründe dafür sind steigende Preise, stagnierende Löhne, hohe Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, der Abbau von Subventionen sowie ein sehr beschränktes soziales Sicherungsnetz.

Die offiziellen Statistiken erfassen das Ausmaß der Krise nicht. Zwar ist die Arbeitslosigkeit angeblich von dreizehn im Jahr 2013 auf sieben Prozent im Jahr 2024 gesunken, doch das ist darauf zurückzuführen, dass viele Menschen, vor allem Frauen und junge Menschen, nicht mehr nach Arbeit suchen. Umfragen der International Labour Organization der UN (ILO) zeigen, dass die Unterbeschäftigung stark angestiegen ist, vor allem in der Landwirtschaft, während informelle, sowie Teilzeit- und Gelegenheitsarbeit Menschen in Arbeitsplätze mit niedriger Produktivität und niedrigen Löhnen gebracht hat. Fast 50 Prozent der jungen Menschen sind arbeitslos. Daten zu Arbeitsgenehmigungen zeigen, dass immer mehr Ägypter das Land verlassen, um im Ausland Arbeit zu suchen.

Diese Entwicklungen führten im Jahr 2025 zu einer beispiellosen Protestwelle; das Egypt Protest Dataset des Open Data Tank (ODT) für 2025 verzeichnete 1.849 Protestveranstaltungen, verglichen mit lediglich 420 im Jahr 2024. Al Manassa dokumentierte 100 Arbeiterunruhen im Jahr 2025, geht allerdings davon aus, dass die tatsächliche Zahl viel höher ist.  

Der Bericht von Al Manassa erwähnt, dass sich die Unruhen im Jahr 2025 verschärften und der Staat seinen Sicherheitsapparat einsetzte, um sie „durch Festnahmen, Inhaftierungen und Einschüchterung einzudämmen und die Mobilisierung der Arbeiter zu beenden“, wofür er zahlreiche Beispiele nannte. Die meisten Arbeiterproteste konnten die Forderungen der Arbeiter wegen „schwacher Gewerkschaftsorganisation auf Betriebsebene“ nicht durchsetzen. 

Auch dies bildet die Realität unzureichend ab, da die Gewerkschaftsführungen systematisch daran arbeiteten, Aktionen zu verzögern, die Streiks und ihre militanten Anführer zu isolieren, die Koordination zwischen Fabriken zu unterbinden, Forderungen in bürokratische Kanäle umzulenken, Verhandlungen zu versprechen und geringfügige Zugeständnisse auszuhandeln, die selten umgesetzt werden. Auf diese Weise atomisiert der Gewerkschaftsapparat die Beschäftigten und verhindert, dass sich die Streiks auf andere Betriebe ausweiten.

Ägypten: eine Säule des US-Imperialismus im Nahen Osten

Ägyptens ist von enormer Bedeutung – als Land mit einer der größten Konzentrationen von Industriearbeitern, Beschäftigten des öffentlichen Dienstes und armer Stadtbevölkerung in der Region sowie mit einer Geschichte militanter Kämpfe und antiimperialistischen Widerstands. Für Washington hat Priorität, eine Wiederholung der Ereignisse von 2011 zu verhindern: Eine politisch mobilisierte ägyptische Arbeiterklasse würde die Interessen der USA vom Mittelmeer bis zum Persischen Golf bedrohen.

Seit dem Abkommen von Camp David 1979, welches das Ende der militärischen Konfrontation zwischen Ägypten und Israel markierte, hat Washington dem Land jährlich 1,3 Milliarden Dollar an Militärhilfe bereitgestellt. Im Gegenzug ist Ägypten zu einer wichtigen Säule in der regionalen Sicherheitsarchitektur der USA geworden. Washington stützt sich auf Ägypten, um Konflikte an mehreren Fronten einzudämmen: in Libyen, dem Sudan, dem Gazastreifen und bei der Nukleardiplomatie mit dem Iran.

El-Sisi spielte eine wichtige Rolle beim Völkermord in Gaza, den er im Auftrag seiner Geldgeber ermöglichte und eindämmte. Während Ägypten öffentlich das Vorgehen Israels verurteilte und humanitäre Hilfe in den Gazastreifen lieferte, arbeiteten seine Geheimdienste eng mit den USA und Israel zusammen, um Waffenlieferungen zu unterbinden und islamistische Gruppen auf dem Sinai zu überwachen. El-Sisi betrachtet die Hamas als verlängerten Arm der Muslimbruderschaft, die er 2013 gestürzt hatte. Seine Kontrolle über den Grenzübergang Rafah – den einzigen Ausgang aus dem Gazastreifen, der nicht von Israel kontrolliert wird – ist entscheidend. Er ließ die Grenze zu Israel weitgehend geschlossen, damit die Palästinenser nicht vor Israels Bombenangriffen fliehen konnten, und um die israelische Belagerung der Enklave aufrechtzuerhalten.

Selbst nach israelischen Provokationen an der ägyptischen Grenze verhinderte Kairo eine Ausweitung des Kriegs im Gazastreifen zu einem regionalen Konflikt, isolierte die Palästinenser und verhinderte damit, dass an mehreren Fronten gleichzeitig Druck auf Israel ausgeübt wird. El-Sisi spielte eine aktive Rolle bei Waffenstillstandsverhandlungen und dem Abkommen von Sharm el-Scheich, bei dem er Gastgeber war. Damit ermöglichte er es Israel, die Freilassung der verbliebenen Geiseln sicherzustellen und gleichzeitig seine Angriffe auf Gaza mit verringerter Intensität fortzusetzen.

Seine Unterdrückung der Streiks der Arbeiterklasse, der Gewerkschaften und der politischen Opposition trug zur Stabilisierung der regionalen Ordnung bei, da sie die Entstehung einer massiven antiimperialistischen politischen Kraft im größten Land der arabischen Welt verhinderte. Mindestens 65.000 politische Aktivisten sitzen in ägyptischen Gefängnissen, darunter mehr als 1.000 Frauen.

Die Lehren aus der ägyptischen Revolution von 2011–2013

Angesichts der neuen Protestbewegung der mächtigen ägyptischen Arbeiterklasse ergibt sich die Frage: Wie lassen sich die politischen Mechanismen überwinden, welche die Kämpfe der Arbeiter wiederholt zersplittert und eingedämmt haben? Die zentrale Herausforderung bei den revolutionären Erhebungen von 2011–2013 bestand darin, die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse von allen bürgerlichen Kräften zu sichern, die um Mubaraks Nachfolge wetteiferten.

Sämtliche Fraktionen und Parteien der Bourgeoisie, wie auch ihre stalinistischen und pseudolinken Anhängsel, zeigten ihren im Grunde konterrevolutionären Charakter. Sie kollaborierten mit den Imperialisten und verteidigten den ägyptischen Kapitalismus und seine Institutionen. Das galt für die Muslimbruderschaft, die mittlerweile unter Präsident Abdel Fattah el-Sisi ebenso verboten ist, wie unter Mubarak, als auch für die nasseristischen oder „liberalen“ Parteien. Auch als die Bruderschaft in der Zeit vor dem Putsch Regierungspartei war, arbeitete sie heimlich mit dem Militär zusammen, verbot Streiks und Proteste und unterstützte die imperialistischen Interventionen in Libyen und Syrien.

Die zu Unrecht Revolutionäre Sozialisten genannten RS spielten eine wichtige Rolle beim Verrat an der Arbeiterklasse. Sie sind Teil des kleinbürgerlich-pseudolinken ägyptischen Milieus und vertreten die Interessen begüterter Teile der oberen Mittelschicht. Im Jahr 2011 behaupteten die RS zunächst, die Militärjunta, die Mubarak ersetzt hatte, würde Reformen durchführen. Danach versuchten sie, den anhaltenden Widerstand der Arbeiterklasse vor den Karren der Moslembruderschaft zu spannen und behaupteten, deren Wahlsieg im Jahr 2012 sei ein „Sieg für die Revolution“. Als der Widerstand der Arbeiterklasse gegen die Regierung von Präsident Mohammed Mursi im Jahr 2013 wuchs, stellten sich die RS hinter die neu gegründete Kampagne Tamarod („Rebellion“), die vom Militär- und Geheimdienstapparat finanziert und gefördert wurde, und gaben dies als „Weg zur Vollendung der Revolution“ aus.

Das ebnete dem Militär den Weg – unter Führung von el-Sisi, damals Verteidigungsminister in Mursis Regierung, Oberbefehlshaber der Streitkräfte und stellvertretender Premierminister, und im Juli 2013 wurde Mursi gestürzt. Die RS begrüßten el-Sisis Putsch, der eine Terrorherrschaft einleitete, als „zweite Revolution“. 

Nur wenige Tage nach ihrer Machtübernahme verübte die Militärjunta ein Massaker an mehr als 900 Gegnern des Putsches, darunter Frauen und Kinder, und schlug Proteste von Mursis Anhängern auf dem Rabaa-El-Adaweya-Platz in Kairo nieder. Hamdeen Sabahi, der Anführer der nasseristischen Egyptian Popular Current, verteidigte das Massaker öffentlich und erklärte im Fernsehen: „Wir werden weiterhin zusammenstehen: die Bevölkerung, das Militär und die Polizei.“ 

Einer der Gründer der Egyptian Federation of Independent Trade Unions (EFITU), Kamal Abu Eita, wurde Arbeitsminister und war nach Mursis Sturz vom 16. Juli 2013 bis zum 1. März 2014 im Übergangskabinett unter Premierminister Hazem el-Beblawi Minister für Arbeitskräfte und Zuwanderung.

Die entscheidende Lehre aus der Ägyptischen Revolution von 2011–2013 ist die Notwendigkeit des Aufbaus einer unabhängigen revolutionären Führung vor dem Ausbruch von Massenkämpfen. Nur auf diese Weise kann die Arbeiterklasse ihre politische Unabhängigkeit von der Bourgeoisie und deren kleinbürgerlichen Verbündeten sicherstellen, die Massenbewegung mit einem sozialistischen Programm bewaffnen und die Perspektive der permanenten Revolution entwickeln, die für den Sturz des Kapitalismus notwendig ist.

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