Die deutsche Automobilindustrie hat seit 2018, als die Branche 834.000 Menschen beschäftigte, 142.500 Arbeitsplätze abgebaut. Allein im ersten Halbjahr 2026 waren es 42.300. Nun sollen Teile der Auto- und Zulieferindustrie in lukrative Rüstungsbetriebe umgewandelt werden.
Die Rüstungsindustrie benötigt neue Kapazitäten, um die florierende Rüstungsproduktion schnell hochzufahren und Deutschland „kriegstüchtig“ zu machen. Allein Rheinmetall plant, seine Belegschaft in den nächsten drei Jahren von 30.000 auf 40.000 aufzustocken, der Umsatz soll sich bis 2030 teilweise verfünffachen. Deshalb bemüht sich der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) unter dem Slogan „Auto2Defence“ um freie Arbeitskräfte, Fabriken und technisches Wissen aus der kriselnden Automobilindustrie.
Die Bundesregierung stellt gewaltige finanzielle Mittel für die Aufrüstung zur Verfügung. Im Bundeshaushalt sind für 2026 108 Milliarden Euro für Militärausgaben vorgesehen, 2029 sollen es 152 Milliarden Euro sein. Das weckt die Begierden der Konzerne. Nach jüngsten Umfragen verspricht sich jedes dritte Industrieunternehmen neue Geschäftsfelder bei einem Einstieg in die Verteidigungsindustrie.
Der Transformationsprozess in der Auto- und anderen Industrien, der sich durch KI enorm beschleunigt hat, wird auch bei der Neuausrichtung auf Rüstungsprodukte gnadenlos ausgenutzt. Arbeiter werden vor die Wahl gestellt, entweder ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder Kriegsgüter zu produzieren.
Die IG Metall, die früher Sonntagsreden über Frieden und Abrüstung hielt, hat sich dem Kriegs- und Aufrüstungskurs der Bundesregierung angeschlossen. Für Jürgen Kerner, Vize-Chef der IG Metall, lautet die Frage nicht, ob die Gewerkschaft der Umwandlung auf Kriegsproduktion zustimmt oder nicht, sondern wie sie diese am besten unterstützen kann:
Wichtig ist, dass Betriebsrat und IG Metall von Anfang an eingebunden sind, dass der Übergang verlässlich und fair im Sinne der Beschäftigten gestaltet wird und der Arbeitgeber die Beschäftigten für die neue Aufgabe gründlich und umfassend qualifiziert.
Parallelen zu Hitlers Aufrüstung
Die gegenwärtige Expansion der Rüstungsindustrie weist starke Parallelen zur Aufrüstung unter den Nazis auf. Selbst die beteiligten Konzerne und Eigentümerfamilien sind vielfach dieselben.
Die Errichtung eines faschistischen Regimes war in den 1930er Jahren die Grundvoraussetzung, um die gigantische Aufrüstungs- und Kriegsmaschinerie für den Zweiten Weltkrieg in Gang zu setzen. Die deutsche Arbeiterklasse, die überwiegend sozialistisch gesinnt und in zwei Massenparteien, der SPD und der KPD, organisiert war, musste politisch zerschlagen und atomisiert werden. Deshalb finanzierten führende Industrielle wie Thyssen und Krupp Hitler und seine faschistischen Banden. Große Teile der deutschen Bourgeoisie sahen in ihm den letzten Ausweg vor einer drohenden sozialistischen Revolution.
Einmal an der Macht, brachten die Nazis eine gigantische Kriegswirtschaft ins Rollen. Sie diente zum einen dazu, die Eroberung Europas und den Krieg gegen die Sowjetunion vorzubereiten. Zum anderen garantierte sie deutschen Großkonzernen – Krupp, Thyssen, IG Farben, Siemens, usw. – nach der Weltwirtschaftskrise wieder hohe Profite auf Staatskosten. Die Arbeiterklasse wurde durch die Zerschlagung ihrer Organisationen, Lohnstopp, Zwangsarbeit und schließlich die Mobilisierung an die Front diszipliniert.
1934 betrugen die Militärausgaben noch 3,4 Prozent vom Bruttosozialprodukt (BSP), 1936 waren es bereits 7,6 Prozent und 1938, ein Jahr vor Kriegsausbruch, 18,1 Prozent. Im ersten Kriegsjahr 1939/40 stiegen sie weiter auf 26,4 Prozent und im zweiten Kriegsjahr 1940/41 auf 42,3 Prozent.
Diese Zahlen und neuere Forschungen über die Militarisierung der NS-Wirtschaft belegen, wie systematisch und umfangreich das Naziregime bereits fünf Jahre vor dem Überfall auf Polen den Vernichtungskrieg plante. Es ist mittlerweile auch gut dokumentiert, dass die großen Industriekonzerne wie Krupp, IG Farben, Siemens, Rheinmetall usw. aktiv an der Kriegsplanung beteiligt waren. Der NS-Staat setzte auf ein System, das Industriemanager direkt in die militärische Planung einbezog.
Die neuere Forschung zeichnet ein Bild kooperativer Verzahnung statt reiner Befehlswirtschaft. Der Staat schuf finanzielle Anreize (Mefo-Wechsel, Preisgarantien, Autarkie-Subventionen) und Organisationsstrukturen (Vierjahresplan, Wehrwirtschaftsführer, Rüstungsinspektionen), während die Konzerne selbst aktiv mitplanten, eigene Kriegswirtschaftsabteilungen aufbauten und ab 1939/40 zunehmend Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge einsetzten, um die Produktion zu steigern – ein Zusammenspiel, das laut den beiden Wirtschaftshistorikern Adam Tooze und Jonas Scherner die deutsche Industrie schon deutlich vor 1939 tief in die Kriegsvorbereitung verstrickte.
Nicht nur Rüstungsbetriebe wie Thyssen, Krupp und Rheinmetall machten satte Gewinne. Nahezu alle großen Auto- und Metallbetriebe stiegen in die lukrative Produktion von Kriegsgütern ein. Einige von ihnen hatten bereits im Ersten Weltkrieg das deutsche kaiserliche Heer mit Militärfahrzeugen, Flugzeugen, Waffen und Munition bestückt. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich auch heute wieder ab – und viele der damaligen Autokonzerne sind auch heute wieder dabei.
Der Börsenwert von Rheinmetall, der Nr. 1 unter den deutschen Rüstungskonzernen, ist seit Beginn des Ukrainekriegs vor viereinhalb Jahren von knapp 4 auf 54 Milliarden Euro gestiegen. Andere klassische Rüstungskonzerne, wie KNDS (Kampfpanzer), Airbus Defence (Flugzeuge), MBDA (Lenkflugkörper), Hensoldt (Elektronik und Radarsysteme), Thyssenkrupp Marine Systems (Kriegsschiffe und U-Boote) und Diehl Defence (Lenkflugkörper und Munition) weisen ebenfalls hohe Steigerungsraten auf.
Es gibt in Deutschland mehrere hundert klassische Rüstungsunternehmen. Der BDSV zählt inzwischen 550 Mitgliedsunternehmen. Seit Beginn des Ukrainekriegs hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Laut Bundeswirtschaftsministerium sind rund 105.000 Menschen in der Verteidigungsindustrie beschäftigt. Nach etwas breiter gefassten Kriterien sind es sogar 387.000.
Bei dieser Bonanza will die Autoindustrie nicht abseitsstehen.
Mercedes-Benz
Im Mai 2026 erklärte CEO Ola Källenius, Mercedes-Benz sei bereit, in die Rüstungsproduktion einzusteigen, wenn es wirtschaftlich sinnvoll sei. Konkrete Überlegungen gibt es zum Mercedes-Werk in Ludwigsfelde südlich von Berlin, wo derzeit etwa 2000 Beschäftigte Sprinter-Transporter und den E-Sprinter bauen. Mercedes hat angekündigt, die Sprinter-Fertigung schrittweise auslaufen zu lassen und sie spätestens 2030 komplett ins polnische Werk Jawor zu verlagern.
Laut Medienberichten steht unter anderem ein Übergangsmodell zur Debatte. Der Rüstungskonzern KNDS würde zunächst einen Teil der Werkshalle anmieten, in dem dann Sprinter-Vans und Boxer-Radpanzer parallel produziert werden, bis Mercedes den kompletten Umzug nach Polen bis 2030 abgeschlossen hat. Ein Großteil der Beschäftigten soll dann zu KNDS wechseln.
Gegenwärtig finden Gespräche zwischen Firmenleitung und IGM-Betriebsräten statt, die die Belegschaft weder informieren noch mitreden lassen. Der schrittweise Umbau des Werks in Ludwigsfelde in einen Rüstungsbetrieb würde als Testfall für ähnliche Umwandlungen in der Autoindustrie dienen.
Die Geschichte von Daimler-Benz ist die Geschichte der innigen Verflechtung eines deutschen Großkonzerns mit Faschismus, Kriegsverbrechen und der blutigen Unterdrückung der Arbeiterklasse — und zugleich die Geschichte einer weitgehend bruchlosen Nachkriegskarriere.
Während der NS-Zeit war Daimler-Benz eine zentrale Säule der Kriegswirtschaft. Das Unternehmen produzierte in großem Umfang Rüstungsgüter – Panzer, Flugzeugmotoren und Militärfahrzeuge – und profitierte massiv von der nationalsozialistischen Aufrüstung und Kriegsführung.
Wie die gesamte deutsche Großindustrie stützte sich Daimler-Benz dabei auf ein System der Zwangsarbeit. Millionen von Menschen aus den besetzten Gebieten wurden deportiert und unter brutalsten Bedingungen zur Arbeit in der deutschen Rüstungsproduktion gezwungen, darunter auch KZ-Häftlinge. Daimler-Benz gehörte zu den Konzernen, die dieses System der Versklavung aktiv nutzten, um ihre Profite zu maximieren.
Das Werk in Ludwigsfelde spielte dabei eine zentrale Rolle. Das Werk wurde 1936 von Daimler-Benz als Flugzeugmotorenwerk Genshagen als zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Kriegsrüstung errichtet.
Auf dem weitläufigen Gelände wurden die DB-601- und DB-605-Flugzeugmotoren produziert, die unter anderem die Jagdflugzeuge Messerschmitt Bf 109 und Bf 110 antrieben. Das Werk war eine hochmoderne Rüstungsschmiede, die in den Kriegsjahren in großem Umfang Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge einsetzte. Tausende verschleppte Menschen aus den besetzten Gebieten Europas schufteten hier unter brutalsten Bedingungen für die Kriegsmaschinerie des deutschen Imperialismus.
Nach 1945 ereilte Daimler-Benz dasselbe „Schicksal“ wie die gesamte deutsche Wirtschaftselite: Statt enteignet und entmachtet zu werden, setzten die Konzernlenker ihre Karrieren nahtlos fort.
Besonders bezeichnend ist der Fall von Hanns Martin Schleyer. Der SS-Offizier war in der NS-Zeit u.a. für die Arisierung der tschechischen Wirtschaft und die Beschaffung von Zwangsarbeitern zuständig und machte nach dem Krieg eine steile Karriere bei Daimler-Benz. Als Chef des Arbeitgeberverbands von Baden-Württemberg war er 1963 für die Aussperrung von 250.000 Metallarbeitern verantwortlich.
Nach 1945 wurde das Werk in Ludwigsfelde von der sowjetischen Besatzungsmacht demontiert. Nach der Gründung der DDR entstand an selber Stelle das VEB IFA-Kombinat Nutzfahrzeuge, in dem später der IFA W50, der meistgebaute Lkw der DDR, vom Band lief. Nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik übernahm die Treuhandanstalt das Werk und verkaufte es 1991 zu einem Spottpreis an Daimler-Benz.
Daimler Truck
Daimler Truck entstand 2021 durch die Abspaltung der Lkw- und Bus-Sparte von der damaligen Daimler AG. Die Mercedes-Benz Group (Pkw/Vans) mit rund 164.000 Beschäftigten und Daimler Truck (Lkw/Busse) mit 108.000 Beschäftigten sind heute zwei eigenständige, separat börsennotierte Unternehmen.
Daimler Truck ist bereits jetzt in beträchtlichem Maße im Bereich Rüstungs- und Militärgüter tätig. Es produziert den für den schweren Geländeeinsatz geeigneten Lkw Zetros, der von vielen NATO-Staaten für Versorgungs- und Logistik-Zwecke genutzt wird, die Schwerlastzugmaschine Arocs, geeignet für Panzertransporte, und den Kleinlaster Unimog, der weltweit als Mannschaftstransporter und Sanitätsfahrzeug eingesetzt wird.
Unter der neuen Dachmarke „Daimler Truck Defence“ will der Konzern seine weltweiten Verteidigungsaktivitäten bündeln. Umsatz- und Investitionsziele werden deutlich angehoben. Der Rüstungsumsatz soll bereits ab 2028 1 Milliarde Euro im Jahr betragen. Dreistellige Millionenbeträge sollen in Kürze in Entwicklung, Produktion und Kapazitätsausbau investiert werden.
Als Hersteller von Plattformen oder Fahrgestellen arbeitet Daimler Truck bereits jetzt mit anderen Rüstungsfirmen zusammen. So dienen Fahrzeuge wie der Zetros in Kooperation mit Rüstungsfirmen wie Hensoldt, Quantum Systems und Helsing als Startplattformen für Drohnen und Luftabwehr-Systeme. Durch Partnerschaften (u. a. mit dem Rüstungs-Startup ARX Robotics) entwickelt Daimler Truck unbemannte Logistiksysteme und Roboterfahrzeuge zur Unterstützung von Streitkräften im Einsatzraum.
Zivile und militärische Produktion werden eng verknüpft. Auf der Website von Daimler Truck heißt es:
Die Produktionswerke von Daimler Truck ermöglichen eine enge Verzahnung von ziviler Serienproduktion und Defence-spezifischem Know-how. Die Standorte Wörth am Rhein und Molsheim (Frankreich) bilden dabei in Europa das Rückgrat der Defence-Produktion und erlauben die Integration militärischer Varianten in die bestehenden Produktionslinien.
Darüber hinaus bietet der Konzern seinen Kunden auch die lokale Montage von Mercedes-Benz Lkw mit militärischer Ausstattung in ihren jeweiligen Ländern an.
Die Integration militärischer Varianten in die bestehenden, zivilen Produktionslinien hat für den Konzern mehrere Vorteile: Er muss keine teure neue Fabriken ausschließlich für das Militär bauen. Und tritt ein Rüstungsboom ein oder erhält der Konzern Großaufträge von Streitkräften, kann die Stückzahl militärischer Fahrzeuge schnell gesteigert werden, indem auf der bestehenden Produktionslinie einfach mehr militärische Einheiten eingeplant werden. Geht die Nachfrage nach zivilen Lkw zurück, kann Daimler Truck die Bänder so mit Rüstungsaufträgen auslasten.
BMW
Die Bayerischen Motoren Werke (BMW) waren einer der bedeutendsten Rüstungskonzerne im Dritten Reich. Bereits bei Kriegsbeginn war BMW der größte Produzent von Flugmotoren und ab 1942 produzierte es ausschließlich Rüstungsgüter. Bis Kriegsende wurden über 30.000 Flugmotoren und mehr als 500 neuartige Strahltriebwerke vom Typ BMW 003 hergestellt. Für die Wehrmacht baute BMW außerdem die Kradschützengespanne (Beiwagen-Motorräder).
Ende 1944 waren rund 29.000 Zwangsarbeiter bei BMW beschäftigt, mehr als die Hälfte der gesamten Belegschaft. Mehr als 1000 starben. BMW gilt in der historischen Forschung als Vorreiter beim Einsatz von KZ-Häftlingen in der Rüstungsindustrie: Die Unternehmensleitung schlug bereits 1941 dem Reichsluftfahrtministerium vor, KZ-Häftlinge aus Dachau als Arbeitskräfte einzusetzen.
Die Familie Quandt, die BMW 1960 übernahm und bis heute knapp die Hälfte der Anteile besitzt, gehörte zu den wichtigsten Rüstungsproduzenten im Dritten Reich. Günther Quandt wurde sogar zum „Wehrwirtschaftsführer“ ernannt.
Die Quandts waren damals noch nicht Großaktionäre bei BMW, sondern beuteten über ihre Akkumulatoren-Fabrik AFA, die spätere VARTA, und die Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken DWM zehntausende Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge unter teils unmenschlichen Bedingungen aus. Sie standen in engem Kontakt zur NS-Elite. Günther Quandts Ehefrau Magda heiratete nach der Scheidung 1931 den späteren NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Günther Quandts Sohn und spätere Erbe, Harald Quandt, wuchs teilweise im Haushalt von Goebbels auf.
Bis heute wurde kein Familienmitglied für die Verbrechen in den firmeneigenen Lagern strafrechtlich angeklagt, und die Familie selbst hat nie direkte Entschädigungszahlungen an Überlebende geleistet. Die Einschätzung von Benjamin Ferencz, einem der Ankläger bei den Nürnberger Prozessen ist eindeutig: Seiner Meinung nach wären Herbert und Günther Quandt – ebenso wie Alfried Krupp, Friedrich Flick und die Verantwortlichen von IG Farben – als Hauptkriegsverbrecher angeklagt worden, hätten den damaligen Anklägern die heute zugänglichen Dokumente vorgelegen.
Bis 2007 schwieg die Familie öffentlich über dieses dunkle Kapitel. Erst nach einer ARD-Dokumentation „Das Schweigen der Quandts” (2007) sah sie sich gezwungen, einen Historiker mit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung zu betrauen, der dafür erstmals Zugang zum Firmenarchiv erhielt.
Bisher hält sich BMW mit Rüstungsinvestitionen noch offiziell zurück, auch wenn hinter den Kulissen bereits Gespräche über Rüstungsaufträge laufen. Laut Handelsblatt gab es bereits Gespräche zwischen BMW, Mercedes und Volkswagen mit Rüstungskonzernen über einen möglichen Technologietransfer beim automatisierten Fahren – also klassischem Dual-Use-Terrain. Bereits jetzt werden Autos und Motorräder von BMW bei der Bundeswehr als Dienstfahrzeuge eingesetzt.
Volkswagen
Die Volkswagen AG hat ihre Ursprünge unmittelbar im NS-Regime. Das Unternehmen wurde 1937 als „Gesellschaft zur Vorbereitung des Deutschen Volkswagens mbH“ gegründet, um den von Ferdinand Porsche konstruierten „KdF-Wagen“ zu produzieren, lieferte aber nie einen zivilen Wagen an die Bevölkerung aus. Mit Kriegsbeginn 1939 stellte das Werk in der eigens errichteten „Stadt des KdF-Wagens“ (heute Wolfsburg) vollständig auf Rüstungsproduktion um und fertigte Kübelwagen, Schwimmwagen, Teile für Flugzeuge und die V1-Rakete.
Nun setzt ausgerechnet die Porsche/Piëch-Familie, deren Vorfahre Ferdinand Porsche den „Volkswagen“ für Hitler konstruierte und die heute die Mehrheit der Stimmrechte besitzt, erneut auf Kriegsprofite.
2024 bestätigte VW-Chef Oliver Blume, dass der Konzern einen Einstieg ins Rüstungsgeschäft „sehr gezielt“ prüfe. Im Zentrum steht das VW-Werk in Osnabrück, wo erstmals ein ganzes Autowerk in einen Rüstungsbetrieb umgewandelt werden könnte. Die Vorbereitungen sind bereits weit fortgeschritten. Die Fertigung des T-Roc Cabriolet in Osnabrück soll im Sommer 2027 nach 126 Jahren enden, 2000 bis 2300 Arbeitsplätze sind betroffen.
Seit März 2026 verhandelt VW mit dem israelischen Staatskonzern Rafael Advanced Defense Systems über eine Umwidmung des Werks zur Fertigung von Komponenten für das Iron-Dome-Luftverteidigungssystem. Geplant ist der Bau von Schwerlast-Transportfahrzeugen für den Raketentransport, Startsysteme/Abschussvorrichtungen, Stromgeneratoren und Motoren für Abfangraketen.
Dabei ist VW bereits jetzt militärisch aktiv: Die Konzerntochter MAN (Traton) liefert Basisfahrzeuge für schwere Rheinmetall-Militär-Lkw, die auch im Ukraine-Krieg eingesetzt werden. Der Getriebehersteller Renk (bis 2020 ebenfalls eine VW-Tochter), produziert Antriebe für Leopard- und Puma-Panzer. Gemeinsam mit Rheinmetall wird der Amarok M als Militärversion des VW-Pick-ups aufgelegt.
Treibende Kraft ist die IG Metall, die bereits im Februar 2024 mit der SPD und der Rüstungsindustrie einen förmlichen Aufrüstungspakt schloss.
Schaeffler
Der Autozulieferer Schaeffler unterzeichnete im Dezember 2025 eine Absichtserklärung mit dem Münchner Rüstungstechnologie-Unternehmen Helsing zur gemeinsamen Entwicklung und Skalierung von Drohnenproduktion. Im Juni 2026 folgte eine zweite strategische Kooperation mit dem französischen Drohnenhersteller Delair: Eine neue Fertigungslinie soll bis November 2026 bis zu 100 Drohnen und Abfangsysteme pro Tag produzieren, in einem Werk von Delair in Frankreich.
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
CEO Klaus Rosenfeld macht keinen Hehl aus Schaefflers Absichten: „Wir werden ein Unternehmen mit Rüstungsgeschäft.“ Auf die Frage, ob man das Verteidigungsgeschäft binnen fünf Jahren auf eine Milliarde Euro Umsatz bringen könne, antwortete Rosenfeld: „Ja, das könnte man“ – allerdings gebe es noch kein konkretes Ziel. Schaeffler erzielt mit seiner Verteidigungssparte bereits heute einen Umsatz von 100 Millionen Euro.
Schaeffler baut eine eigene organisatorische Struktur für „Defence“ auf. Als Zulieferer besitzt das Unternehmen außerdem genau die Fähigkeiten, die für militärische Systeme benötigt werden: Antriebstechnik, Präzisionslager, Mechatronik, Fertigung und Automatisierung.
Schaefflers Vorgeschichte ist besonders brisant. 1940 übernahm Wilhelm Schaeffler in Katscher (Oberschlesien, heute Kietrz/Polen) ein jüdisches Textilunternehmen namens Davistan AG. Er entriss zwar die Firma nicht direkt dem jüdischen Eigentümer, sondern erwarb sie für einen Spottpreis von der Dresdner Bank, deren Wirtschaftsprüfer er damals war.
Ernst Frank, der ehemalige Eigentümer, musste 1933 vor den aufkommenden Nationalsozialismus fliehen und seine Firma aufgeben, die dann in die Hände der Bank fiel. Die Milliardärin Maria-Elisabeth Schaeffler, heutige Eigentümerin des Schaeffler-Konzerns, beauftragte 2004 den Historiker Gregor Schöllgen mit der Aufarbeitung der Firmengeschichte. Er bestreitet eine „Arisierung im engeren Sinne”, nicht aber die Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit.
Die nach der Arisierung in „Schaeffler AG“ umbenannte Firma produzierte während des Krieges Textilien für die Wehrmacht und später Nadellager für die Rüstungsindustrie. Aus einer Publikation des staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau geht hervor, dass die Firma auch an der industriellen Verwertung von Menschenhaar ermordeter Juden beteiligt war.
Als 1944 die Rote Armee anrückte, flohen die Schaeffler-Brüder mit Maschinenteilen, Rohstoffen und mehreren hundert Mitarbeitern nach Herzogenaurach, dem heutigen Firmensitz. Ab 1946 begannen sie, zuerst für die Amerikaner und später für die deutsche Autoindustrie zu produzieren. Maria-Elisabeth Schaeffler erbte das Unternehmen 1996 nach dem Tod ihres Mannes Georg.
ZF Friedrichshafen
Auch beim Autozulieferer ZF sind Rüstungsproduktion und ein Panzerprogramm bereits im Gange. Zusammen mit Rolls-Royce Power Systems entwickelt ZF das elektrifizierte Lenkschaltgetriebe für den hybriden Antrieb des europäischen Main Ground Combat System (MGCS). Das Projekt wird vom Bundesamt für Ausrüstung der Bundeswehr beauftragt. Beachtlich ist dabei, dass ZF seine Automotive-Kompetenzen direkt in ein zukünftiges europäisches Waffensystem überträgt.
Konzernchef Mathias Miedreich bezeichnete den „Verteidigungsbereich“ als „ein wichtiger Baustein“, man wolle aber kein Rüstungskonzern werden, „dafür ist das Rüstungsgeschäft mit einem Anteil von etwa einem Prozent an unserem Gesamtumsatz zu klein“.
ZF, 1915 als Zahnradfabrik GmbH in Friedrichshafen gegründet, hat sich als Zulieferer für die Luftfahrt- und Automobilindustrie einen Namen gemacht. Bereits im ersten Jahr der Nazi-Herrschaft kooperierten ZF-Ingenieure mit Krupp und entwarfen den ersten deutschen Panzer. Ab 1936 baute ZF Getriebe für die Panzer III und IV. Die relativ kleine Belegschaft stieg bis 1938 auf 5000 Mitarbeiter, der Umsatz versechsfachte sich in sechs Jahren.
1937 eröffnete ZF ein weiteres großes Werk in Schwäbisch Gmünd. In der eigens zum 100-jährigen Jubiläum erschienene Unternehmenschronik heißt es: „ZF verdankte dem NS-Regime das größte Umsatzwachstum seiner Geschichte.“ Am Ende lieferte ZF 92 Prozent der Getriebe in deutschen Panzern, außerdem Bootswendegetriebe für die Marine und Lenkungen für schwere Militärfahrzeuge.
Ab 1941 organisierte das NS-Regime in den eroberten Gebieten eine brutale Zwangsrekrutierung, um die die Kriegswirtschaft zu expandieren. Alleine in Friedrichshafen mit seinen kriegswichtigen Betrieben (ZF, Luftschiffbau Zeppelin, Maybach Motorenbau, Dornier) waren es insgesamt rund 14.000 bis 15.000 ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene. 1942 machten Zwangsarbeiter über die Hälfte der rund 26.650 Einwohner der Stadt aus. Dort mussten vor allem Polen, Russen, Franzosen, Niederländer und Angehörige weiterer Nationalitäten Zahnräder bearbeiten und Getriebe montieren.
Erst in den 2000er Jahren wurde die Firmengeschichte offengelegt. Weitere Einzelheiten wurden bekannt. 1943 hatte ZF unter dem Tarnnamen „Waldwerke GmbH Passau“ eine Zweigstelle in Passau gegründet, die Panzergetriebe, Bunkertüren und technische Kleinteile fertigte. Wegen zunehmenden Arbeitskräftemangels wurde dort Anfang März 1944 das KZ-Außenlager Passau II errichtet.
Continental
Auch der Reifenhersteller Continental ist kein Neueinsteiger in die Rüstungsindustrie. Das Unternehmen betreibt schon seit Jahren militärische Aktivitäten. 2026 wurde auf der Pariser Rüstungsmesse Eurosatory das erweiterte Militärreifen-Portfolio vorgestellt. Continental entwickelt Reifen speziell für Militärfahrzeuge und arbeitet dabei mit Streitkräften und militärischen Fahrzeugherstellern zusammen.
Auch die Continental AG war tief in die Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt. Wie alle deutschen Konzerne, die unter dem Hitler-Faschismus und seinen Vernichtungskriegen ihr Vermögen anhäuften, hat auch Continental erst nach vielen Jahrzehnten seine verbrecherische Geschichte aufarbeiten lassen. Unter dem Titel „Zulieferer für Hitlers Krieg. Der Continental-Konzern in der NS-Zeit” hat der Konzern erst 2020, also 75 Jahre danach, eine Studie des Münchner Historikers Prof. Dr. Paul Erker veröffentlicht, indem seine Verbrechen aufgelistet werden.
Continental war laut Erker ein „Stützpfeiler“ bzw. „das eigentliche Rückgrat” der nationalsozialistischen Rüstungs- und Kriegswirtschaft. Der Konzern setzte im Zweiten Weltkrieg rund 10.000 Zwangsarbeiter ein — darunter italienische „Jungfaschisten”, belgische und dänische Leiharbeiter, französische und russische Kriegsgefangene, „Ostarbeiter”, sowie gegen Kriegsende auch KZ-Häftlinge, die unter anderem Gasmasken produzieren oder Gummisohlen unter extremen Belastungen testen mussten.
Forvia Hella
Der Autozulieferer Hella, ein führender Hersteller von Lichttechnik, wie Scheinwerfer und Heckleuchten, sowie von Autoelektrik, verfügt ebenfalls schon über eine beachtliche Militärsparte. Insbesondere werden Tarnscheinwerfer, IR-Beleuchtung, Konvoibeleuchtung, militärische Innenbeleuchtung, Elektronik, Sensorik und Beleuchtung für taktische Fahrzeuge produziert.
Auch Hella war Kriegsgewinnler. Im NS-Staat produzierte Hella Kriegsnormscheinwerfer in extrem großen Stückzahlen für die Militärfahrzeuge der Wehrmacht. Auch Hella, (vormals WMI – Westfälische Metall-Industrie) beschäftigte im großem Ausmaß Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, ab 1944 wurden sogar 344 jüdische Frauen aus dem KZ-Buchenwald direkt nach Lippstadt transportiert, um dort in den Hella-Werken ausgebeutet zu werden.
Bosch
Konzernchef Stefan Hartung sagte im Februar 2026, Bosch sei „sehr intensiv an vielen Projekten im Verteidigungsgeschäft beteiligt“, es gebe einen „anwachsenden Bedarf“. Bosch positioniert sich nicht als Rüstungsbetrieb, sondern setzt auf sogenannte Dual-Use-Güter: also Bauteile, die für zivile Fahrzeuge produziert werden, aber auch militärisch genutzt werden können.
Bosch ist sichtlich bemüht, sein ziviles Image als gemeinnützige Robert Bosch Stiftung mit einem selbst auferlegten Code of Conduct, der ethische und rechtliche Standards für alle Geschäftsaktivitäten regelt, nicht zu beschädigen. Das Rüstungsgeschäft solle kein Ersatz für das schwächelnde Autogeschäft sein und Bosch werde sich „nicht in einen Hersteller von Panzern verwandeln“, verkündete Hartung.
Wie tief Bosch bereits in der Rüstungsproduktion steckt, zeigt die Tochtergesellschaft Bosch Rexroth. Sie liefert Antriebs- und Steuerungstechnik sowie komplette Systemlösungen für Wehrtechnik, basierend auf bewährten zivilen Serienkomponenten, die für militärische Anforderungen modifiziert werden. Der Standort Lohr am Main ist nach dem NATO-Qualitätsstandard AQAP 2110 zertifiziert. Laut Hartung gibt es „keinen Panzer, der ohne uns fährt“.
Wie VW, Mercedes und andere Konzerne nutzt Bosch die wachsende Rüstungsbranche um ihren geplanten Stellenabbau von über 22.000 Arbeitsplätzen „sozialverträglich“ umzusetzen. „Wo wir umstrukturieren müssen, unterstützen wir Mitarbeiter, die sich für den Wechsel in diese Branche interessieren“, so Hartung. Er kann dabei auf die Unterstützung der IG Metall zählen.
Mahle
Mahle besitzt zwar noch keinen eigenen „Defence-Bereich“, allerdings wird bei der Diversifizierung des Unternehmens ausdrücklich über neue Anwendungen und auch militärische Komponenten diskutiert.
Wikipedia bezeichnet Mahle als „einen der größten Zulieferer für Motoren- und Flugzeugbauteile”, der „Teil der Rüstungsproduktion” geworden sei. 1944, auf dem Höhepunkt der Rüstungsproduktion, hatte Mahle 6200 Arbeiter beschäftigt, darunter auch Fremd- und Zwangsarbeitern.
Die Unternehmer Robert Bosch und Hermann Mahle gelten zwar eher als Gegner des Nationalsozialismus und werden in Verbindung mit dem bürgerlichen Widerstand gebracht. Doch beide Unternehmen paktierten mit dem NS-Regime und richteten ihre Werke sehr stark auf Rüstungsproduktion aus.
