Alexander Bahar und weitere Historiker schließen sich Aufruf zur Freilassung von Bogdan Syrotjuk an

Am 10. August wurde der ukrainische Sozialist Bogdan Syrotjuk wegen „Hochverrats“ zu 15 Jahren Haft verurteilt. Der Aufruf der World Socialist Web Site, gegen dieses Urteil Stellung zu beziehen, findet zunehmend Resonanz unter Historikern, die sich mit der Geschichte des Faschismus sowie der Ukraine befassen.

Zu den kritischen Stimmen gehört der deutsche Historiker Alexander Bahar. Der promovierte Politikwissenschaftler ist Mitautor eines wichtigen Buches über den Reichstagsbrand von 1933, ein Ereignis, das den Nazis als Vorwand dazu diente, ihre Verfolgung politischer Gegner – vor allem Kommunisten – massiv zu verschärfen. Das Buch, das Bahar gemeinsam mit Wilfried Kugel verfasst hat, erschien 2001 unter dem Titel Der Reichstagsbrand – Wie Geschichte gemacht wird im Verlag Edition q.

In seinem Brief an die ukrainischen Gerichte schreibt Bahar:

An das Stadtbezirksgericht Perwomajsk

An das Berufungsgericht Mykolajiw

Geehrtes Gericht,

mit Entsetzen habe ich davon erfahren, dass der Sozialist Bogdan Syrotjuk von einem ukrainischen Gericht zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Bogdan Syrotjuk wurde im Wesentlichen wegen sechs Artikeln verurteilt, die er für die World Socialist Website verfasst hatte und in denen er zur Solidarität zwischen ukrainischen und russischen Arbeitern und Jugendlichen gegen den Krieg aufrief.

Fünfzehn Jahre Haft, weil er es gewagt hat, von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung – ein in der ukrainischen Verfassung verbrieftes Recht – Gebrauch zu machen und sich gegen das blutigste Gemetzel auf europäischem Boden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auszusprechen. Fünfzehn Jahre Haft, weil er die arbeitende Bevölkerung der Ukraine und Russlands dazu aufgerufen hat, im Kampf gegen diesen Bruderkrieg ihre Kräfte zu bündeln / zusammenzustehen. Selbst in einem Land, das sich im Krieg befindet, entbehrt dieses Urteil jeglicher Verhältnismäßigkeit und wirft ein seltsames Licht auf die demokratischen Werte und die Rechtsstaatlichkeit, die der ukrainische Staat zu verteidigen behauptet.

Als Bürger eines Landes, das diesen Krieg möglich gemacht hat und ihn weiterhin uneingeschränkt und „so lange wie nötig“ finanziell und militärisch unterstützt, fühle ich eine besondere Verantwortung gegenüber den Menschen in der Ukraine und in Russland, die diesem Krieg zum Opfer fallen.

Auch wenn ich nicht alle Ansichten von Bogdan Syrotjuk teile, so respektiere und bewundere ich dennoch seine antimilitaristische Haltung und seinen entschlossenen Widerstand gegen den Krieg. Der Krieg gegen Russland liegt nicht im Interesse der ukrainischen Bevölkerung. Es handelt sich um einen Stellvertreterkrieg, der von Mächten angezettelt wurde, die keine Freunde des ukrainischen Volks sind, sondern die Ukraine und ihre Bevölkerung als Mittel zur Verfolgung ihrer eigenen hegemonialen Interessen benutzen.

Diejenigen, die sich gegen diesen Krieg aussprechen, handeln nicht im Auftrag Russlands; Bogdan Syrotjuk hat die militärische Invasion Russlands ebenso verurteilt wie die Handlungen der Ukraine, die zu diesem Krieg geführt haben und dazu dienen, ihn zu verlängern. Im Gegenteil: Er handelt im Interesse der gesamten Menschheit. In diesem Sinne fordere ich Sie dringend auf: Heben Sie das Urteil gegen Bogdan Syrotjuk auf und lassen Sie ihn unverzüglich und ohne Bedingungen frei!

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Alexander Bahar
Historiker und Autor
Heilbronn (Deutschland)

Der Fall hat insbesondere bei Historikern, die zum ukrainischen Nationalismus forschen, einen Nerv getroffen. Viele von ihnen werden seit langem von der ukrainischen Rechten angegriffen. Zwei Artikel von Syrotjuk standen bei dem Urteil des Bezirksgerichts Perwomajsk gegen ihn im Zentrum: Der eine dokumentierte die Verbrechen der faschistischen Organisation Ukrainischer Nationalisten gegen Juden, Ukrainer und Polen, der andere beschrieb die Verherrlichung der Nazi-Kollaborateure der Waffen-SS-Division „Galizien“ im ukrainischen Fernsehen. Diese Artikel stellten nach Ansicht des Gerichts eine „Neuinterpretation nationaler Helden und historischer Persönlichkeiten“ dar und wurden als entscheidende Beweise für seinen angeblichen Hochverrat herangezogen.

Mehrere Historiker, die auf dem Gebiet der Verbrechen der ukrainischen nationalistischen Bewegung führend sind, haben nun die Petition für seine Freilassung unterzeichnet oder an das ukrainische Gericht geschrieben. Zu ihnen gehört Grzegorz Rossoliński-Liebe, Historiker an der Freien Universität Berlin und Autor einer bedeutenden Biografie über den ukrainischen Nationalistenführer Stepan Bandera.

Letzte Woche schrieb John-Paul Himka, emeritierter Professor an der University of Alberta in Kanada, einen Brief an das ukrainische Gericht, in dem er das Urteil gegen Bogdan sowie den „offiziellen Kult um Täter des Holocaust und ethnischer Säuberungen“ in der Ukraine verurteilte. Himka ist Autor mehrerer historischer Studien, die zu den umfassendsten auf dem Gebiet der Verbrechen der ukrainischen nationalistischen Bewegung gehören. Zuletzt erschien das Buch Ukrainian Nationalists and the Holocaust: OUN and UPA’s Participation in the Destruction of Ukrainian Jewry, 1941-1944 in englischer Sprache beim ibidem-Verlag.

Nach Himkas Statement hat auch ein weiterer führender Experte für die Geschichte des ukrainischen Nationalismus, Per Anders Rudling, die Petition unterzeichnet. Rudling ist Associate Professor für Geschichte an der Universität Lund in Schweden.

In seiner Forschung hat Rudling die Verherrlichung der Organisation Ukrainischer Nationalisten in der heutigen Ukraine untersucht, insbesondere seit der sogenannten „Orangenen Revolution“ von 2004, die den vom Westen unterstützten Wiktor Juschtschenko an die Macht brachte. Ein Großteil dieser Forschungsergebnisse wurde in seinem jüngsten Buch Tarnished Heroes: The Organization of Ukrainian Nationalists in the Memory Politics of Post-Soviet Ukraine zusammengefasst, das 2024 ebenfalls beim ibidem-Verlag in Deutschland erschien. Er ist außerdem Autor des preisgekrönten Werks The Rise and Fall of Belarusian Nationalism, 1906–1931, das 2014 bei University of Pittsburgh Press veröffentlicht wurde.

Zu den Gründen, warum er die Petition unterzeichnet hat, erklärte Rudling: „Das ist ein Skandal, und ich unterschreibe aus Solidarität und aus Prinzip. Syrotjuk hat nichts Unrechtes getan und sollte nicht im Gefängnis sitzen.“

Zu den weiteren namhaften Historikern, die Syrotjuks Freilassung fordern, gehören Professor Mario Kessler, Senior Fellow am Leibniz-Zentrum für Zeitgeschichte in Potsdam und eine führende Autorität auf dem Gebiet der jüdischen Geschichte und der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, sowie Christian Gerlach, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Bern und einer der führenden Experten für die Geschichte des Kriegs der Nazis gegen die Sowjetunion sowie des Holocaust.

Der Soziologe Wolodymyr Ischtschenko von der Freien Universität Berlin und die Holocaust-Forscherin Marta Havryshko, Gastdozentin an der Clark University, haben auf Twitter/X ihre Ablehnung des Urteils gegen Bogdan Syrotjuk zum Ausdruck gebracht.

Bogdans Anwälte müssen bis zum 9. September Berufung einlegen. Wir rufen alle Leser dazu auf, die Petition für seine Freilassung zu unterzeichnen und zu verbreiten sowie Briefe an das Stadtbezirksgericht Perwomajsk (inbox@pm.mk.court.gov.ua) und das Berufungsgericht Mykolajiw (inbox@mka.court.gov.ua) zu senden, mit Kopie an freebogdan@wsws.org.

Darüber hinaus rufen wir jeden, der sich für die Verteidigung demokratischer Rechte und gegen Krieg einsetzen will, zu einer möglichst großzügigen Spende auf, um die Kampagne zur Befreiung von Bogdan Syrotjuk zu unterstützen.

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