Dieser Artikel erschien erstmals am 6. Oktober 2023 auf der englischsprachigen World Socialist Web Site unter dem Pseudonym Stepan Geller. Ein halbes Jahr später, im April 2024, wurde der Autor Bogdan Syrotjuk vom ukrainischen Geheimdienst SBU verhaftet und sitzt seitdem im Gefängnis unter der Anklage des „Hochverrats unter Kriegsrecht“. Die einzigen „Beweise“ der Anklage sind Artikel von Bogdan wie dieser hier, die er auf der WSWS veröffentlicht hat. Im Juni 2024 hat die Ukraine auch die World Socialist Web Site verboten.
Als Trotzkist tritt Bogdan für die Einheit der ukrainischen und russischen Arbeiter gegen den Krieg ein. Die WSWS kämpft für seine sofortige Freilassung und ruft alle Leser auf, die Petition und Kampagne zu unterstützen. Im August erscheint ein neues Buch zu seinem Fall, das auch die Artikel von Bogdan umfasst und bereits vorbestellt werden kann: Johannes Stern (Hrsg.), Der Ukrainekrieg und der Kampf für Sozialismus. Der Fall Bogdan Syrotjuk, Mehring Verlag 2026.
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Als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Ende September 2023 Kanada besuchte, feierten er und das kanadische Parlament mit stehenden Ovationen einen Nazi-Schergen, der Mitglied der 14. Waffen-SS-Freiwilligen-Division Galizien war. Diese Einheit hatte Adolf Hitler einen Eid geschworen, ihm bis in den Tod zu dienen und zu gehorchen.
Auf der Grundlage dieses Eids gegenüber dem Nazi-Führer kämpfte der Kriegsverbrecher Jaroslaw Hunka unter dem Hakenkreuz.
Im Dienste Hitlers kollaborierten die Soldaten der Waffen-SS-Division Galizien, unter ihnen auch Mitglieder der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), direkt mit Hitlers SS- und Polizeieinheiten. Eines ihrer vielen Verbrechen war die Zerstörung der Dörfer Huta Pieniacka und Bialjaki, wo schätzungsweise 800 Einwohner erschossen oder in der Kirche und ihren eigenen Häusern lebendig verbrannt wurden. Als sie in der Slowakei stationiert war, beteiligte sich eines der Regimenter 1944 an der Niederschlagung des Slowakischen Nationalaufstands. Danach wurde die Division nach Jugoslawien verlegt, um dort gegen die Partisanen vorzugehen.
Der Applaus für Hunka hallte nicht nur durch die Gewölbe des kanadischen Parlaments, sondern auch über die Tausenden Gräber und die Asche von Millionen Menschen hinweg, die vom Faschismus vernichtet wurden.
Und er ist noch nicht verhallt. Ermutigt durch die Unterstützung der imperialistischen Mächte ist er nun auf vielen ukrainischen Fernsehsendern und insbesondere auf Espreso TV zu hören.
Espreso TV wurde von Mykola Knjaschytskyj gegründet, der heute als Abgeordneter der Partei „Europäische Solidarität“ des ehemaligen Präsidenten und „Schokoladen-Oligarchen“ Petro Poroschenko in der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament, sitzt. Der Sender nahm am 24. November 2013 um 12:30 Uhr den Sendebetrieb auf – mit einer Live-Übertragung der Euromaidan-Proteste in Kiew.
Damals wie heute, also seit fast 10 Jahren, verteidigt Espreso TV den Maidan-Putsch von 2014, der vom amerikanischen und deutschen Imperialismus finanziert und organisiert wurde, und unterstützt alle politischen Maßnahmen des autoritären Regimes in Kiew.
Der Sender gehört heute Iwan Schewaho – Sohn des ukrainischen Milliardärs und ehemaligen Abgeordneten Kostjantyn Schewaho – und Larisa Knjaschytskaja, Ehefrau von Mykola Knjaschytskyj.
Weitere Anteilseigner sind Arsenij Jazenjuk, ein ehemaliger ukrainischer Abgeordneter und Vorsitzender der Partei, die zusammen mit Oleh Tjahnyboks Swoboda-Partei und Vitali Klitschkos UDAR-Partei Teil der gemeinsamen Führung des Euromaidan war, sowie Inna Awakowa, die Ehefrau des ehemaligen ukrainischen Innenministers Arsen Awakow. Nach dem Putsch in der Ukraine 2014 kam die Swoboda-Partei in die Regierung. Es war das erste Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dass in Europa eine offen antisemitische Neonazi-Partei in eine Regierung einzog.
Schon vor der Verteidigung von Hunka und der Verharmlosung der Waffen-SS-Division-Galizien profilierte sich Espreso TV mit Sendungen, in denen er sich über die Opfer des faschistischen Massakers vom 2. Mai 2014 in Odessa lustig machte.
Als die ganze Welt von dem Vorfall im kanadischen Parlament erfuhr, begann der Fernsehsender zunächst eifrig, das Ukrainische Institut für Nationale Erinnerung dazu aufzufordern, sich für die Verteidigung von Selenskyj und Hunka einzusetzen. Er stellte diejenigen, die in der Roten Armee gekämpft hatten, auf eine Stufe mit jenen, die in der SS gekämpft hatten. Und das, obwohl die überwiegende Mehrheit der Ukrainer in den Reihen der Roten Armee gekämpft hat. Einigen Quellen zufolge starben mindestens 6 Millionen Ukrainer als Rotarmisten, verglichen mit 9.000 bis 10.000, die im Kampf für die Nazis in der Waffen-SS-Division Galizien starben.
Dann begannen sie, ukrainische Akademiker einzuladen, angefangen mit dem ehemaligen Leiter des Instituts für Nationale Erinnerung, Wolodymyr Wjatrowitsch, ein offener Bewunderer des ukrainischen Faschistenführers Stepan Bandera und des Nazi-Kollaborateurs Roman Schuchewytsch sowie Abgeordneter der Werchowna Rada für die Partei von Petro Poroschenko. Am dritten Tag nach dem Hunka-Besuch luden sie die Historikerin Tetjana Schwidtschenko in die Sendung ein.
Schwidtschenko begann damit, zu wiederholen, was Wjatrowitsch zuvor gesagt hatte, nämlich dass die Division bei den Nürnberger Prozessen nicht verurteilt worden sei und keine kriminelle Nazi-Organisation darstelle, da sie im Nürnberger Urteil nicht erwähnt worden sei.
Das ist eine Lüge. Die Waffen-SS-Division Galizien war Teil der SS-Verbände. Im ganzen besetzten Europa waren SS-Einheiten am systematischen Völkermord an der jüdischen Bevölkerung, an der Deportation von Menschen nichtdeutscher Herkunft sowie an Massenmorden und der brutalen Behandlung der Zivilbevölkerung beteiligt. Das Urteil des Nürnberger Militärtribunals legte Wesen und Struktur der SS sowie ihrer Truppen und Militäreinheiten offen, deckte ihre Verbrechen auf und stufte alle Gliederungen und Bestandteile der SS, mit Ausnahme der Kavallerie, als kriminelle Organisationen an.
Danach las Schwidtschenko ein Zitat aus den Memoiren von Roman Daneljuk vor, der genau wie Hunka in der Waffen-SS-Division Galizien gekämpft hatte:
„Wir kämpften nicht gegen die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien oder Frankreich, wir kämpften gegen den Bolschewismus.“
Gegen Ende bezeichnete sie Hunka als unschuldiges Opfer von Anfeindungen.
Doch die „Fakten“, die sie anführt, um ihre Argumente zu untermauern, zeigen lediglich, dass viele Kriegsverbrecher – darunter auch die der Waffen-SS-Division Galizien – auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in den USA, Kanada und Großbritannien ungestraft davonkamen, weil die imperialistischen Mächte sie immer noch als nützlich erachteten.
Was ist die wahre Geschichte der Waffen-SS-Division Galizien?
Es war niemand anderes als Andrij Melnyk, der Anführer eines Flügels der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten), der Adolf Hitler am 12. Januar 1942 anbot, eine Militäreinheit aus ukrainischen bürgerlichen Nationalisten aufzustellen, um den Bolschewismus zu bekämpfen. Nach der Niederlage der Nazis bei Stalingrad im Februar 1943 reagierte die deutsche Führung sehr positiv auf Melnyks Appell.
Am 28. April 1943 wurde die Gründung der Division bei einer Zeremonie bekannt gegeben.
Am 15. Oktober belief sich die Stärke der SS-Division Galizien auf 4.280 Mann. Davon waren nur 820 Deutsche, während sich 3.460 Ukrainer in ihren Reihen befanden.
Bis zum 31. Dezember stieg die Zahl der Soldaten in der Division auf 12.634. Im Laufe des folgenden Monats schlossen sich weitere 2.304 Ukrainer an.
Zwischen Juli und Oktober 1944 war die Division den rückwärtigen Heeresgebieten unterstellt. Im Juli 1944 wurde sie als Teil des XIII. Armeekorps in den Raum Brody-Tarnopol (Ukraine) verlegt. Dort wurde sie unmittelbar in die Kämpfe geworfen und erlitt so schwere Verluste, dass sie nahezu vollständig aufgerieben wurde. Danach verfügte die Division nur noch über etwa 3.000 Mann.
Im März 1945 wurde sie offiziell dem Kommando der Ukrainischen Nationalarmee (UNA) unterstellt. Ab April 1945 trug sie den Namen 1. Ukrainische Division der UNA. Im Mai 1945 kapitulierte sie in Österreich vor amerikanischen Truppen.
Die offene Verherrlichung der Waffen-SS-Division Galizien im ukrainischen Fernsehen ist kein Einzelfall. Sie ist der Höhepunkt einer jahrzehntelangen, systematischen Rehabilitierung des Nationalsozialismus und seiner ukrainischen Kollaborateure. Ukrainische Faschisten und Nazi-Kollaborateure wie Stepan Bandera werden mit Denkmälern und nach ihnen benannten Straßen geehrt.
Obwohl die Rote Armee die Gebiete der Westukraine befreite und in ihren Reihen Tausende Ukrainer kämpften und starben, wird das Andenken an die Rotarmisten gezielt zerstört, Denkmäler entfernt und geschändet und ihre Gräber ausgehoben.
Die Geschichte hat die Wahrheit von Marx’ Worten bereits bewiesen, dass im Kapitalismus alle Mittel recht sind, selbst die schlimmsten Verbrechen, wenn es um Profit geht. Und heute, da das Überleben des Kapitalismus auf dem Spiel steht, wird wie früher alles in den Dienst der Reaktion gestellt. Hinter Hunka steht, wie hinter Hitler, das Kapital.
Indem sie den Faschismus rechtfertigt, öffnet die herrschende Klasse in den imperialistischen Ländern, ebenso wie die Oligarchie in der Ukraine, den Weg für neue Verbrechen, wie sie die Welt noch nie gesehen hat.
Indem sie die Verbrechen der ukrainischen bürgerlichen Nationalisten verherrlicht und diese auf die gleiche Stufe mit den Antifaschisten stellt, die sie gehängt und erschossen haben und für die sie immer grausamere Foltermethoden erfanden, versucht die ukrainische herrschende Klasse, die Anwendung derselben Methoden durch die ukrainischen Neonazis von heute zu rechtfertigen – die nur ihre Herren gewechselt haben, nicht aber ihr Wesen.
In den heutigen Ereignissen in der Ukraine, mit ihrem blutigen Slogan, bis zum letzten Ukrainer zu kämpfen, sehen wir ein Spiegelbild der Ideologie der Waffen-SS-Division Galizien.
Im Gegensatz dazu tritt das Internationale Komitee der Vierten Internationale seit Ausbruch dieses Krieges für die Vereinigung der Arbeiter der Ukraine und Russlands ein.
Nur durch den Aufbau von Sektionen des Internationalen Komitees auf der ganzen Welt, sowohl in der Ukraine als auch in Russland, nur durch die brüderliche Vereinigung der Arbeiter aller Länder kann dieser Krieg gestoppt werden, bevor er sich zu einem dritten imperialistischen Weltkrieg entwickelt.
