Die World Socialist Web Site erhielt den folgenden Brief zur Verteidigung von Bogdan Syrotjuk von Mark D. Steinberg, einem führenden Experten für sowjetische und russische Geschichte sowie emeritierten Professor der University of Illinois Urbana-Champaign, der zuvor an den Universitäten Harvard und Yale gelehrt hat. Steinberg ist außerdem ehemaliger Herausgeber von Slavic Review und Direktor des Russian, East European and Eurasian Center in Illinois sowie Verfasser bzw. Mitverfasser von The Fall of the Romanovs, Voices of Revolution, 1917, Proletarian Imagination: Self, Modernity, and the Sacred in Russia, 1910–1925, The Russian Revolution 1905–1921 und des weit verbreiteten Lehrbuchs A History of Russia.
An das Bezirksgericht von Perwomajsk:
Entschuldigen Sie, dass ich auf Englisch schreibe, da meine Ukrainisch-Kenntnisse noch unzureichend sind. Nachdem ich das Urteil gegen Bogdan Syrotjuk gelesen habe, der wegen Hochverrats an der Ukraine verurteilt wurde, möchte ich meine Bestürzung und Enttäuschung über das Vorgehen des Gerichts und die dahinter liegende juristische und politische Logik zum Ausdruck bringen. Ich schreibe als Historiker, der sich wissenschaftlich mit den Russischen Zarenreich, der Sowjetunion, dem postsowjetischen Russland und der Ukraine beschäftigt sowie als Gegner des Putin-Regimes und des russischen Kriegs gegen die Ukraine (weshalb mich das russische Außenministerium auf eine „Sperrliste“ von Wissenschaftlern gesetzt hat, die als „russophob“ gelten und mit einem Einreiseverbot für die Russische Föderation belegt wurden).
Bedauerlicherweise entspricht die Logik Ihres Urteils – auch wenn sie gemäß Artikel 111 des Strafgesetzbuchs womöglich formal zulässig sein mag (ich bin kein Rechtsexperte) – genau dem politischen Umgang des Putin-Regimes mit abweichenden Meinungen: Dieses hat russische Kritiker des Regimes und des Kriegs als „ausländische Agenten“, Mitglieder „unerwünschter Organisationen“ oder des Hochverrats bezichtigt, viele von ihnen verhaftet und zu Haftstrafen verurteilt, während viele andere aus dem Land fliehen mussten.
Ich stehe in keiner Verbindung zur World Socialist Web Site oder zur Socialist Equality Party und unterstütze auch nicht alle ihre Positionen. Allerdings kann ich nicht schweigen, wenn ein Land, in dem ich (zu Forschungszwecken) gelebt habe und an dem mir viel liegt, die Schriften und Ansichten einer Person als Aufwiegelung oder Hochverrat behandelt. Dies trägt alle Züge eines „Gedankenverbrechens“, bei dem es nicht um den Aufruf zu Gewalt geht. Ich bin fest davon überzeigt, dass die Unterdrückung von Ideen und Meinungen und deren Äußerung, sofern sie keine Gewalt planen, keinen Platz in einer demokratischen Gesellschaft hat – nicht in den USA (wo wir ebenfalls mit Gefahren bezüglich der Einschränkung von Gedanken- und Meinungsfreiheit konfrontiert sind), nicht in Russland (das nicht mehr demokratisch ist) und nicht in der Ukraine, die ein europäisches Land sein und sich zu den europäischen Werten und juristischen Normen bekennen will. Was ich über diesen Fall erfahren habe, hauptsächlich durch das Urteil selbst – wenngleich mich einer meiner ehemaligen Studenten auf den Fall aufmerksam gemacht hat – erschüttert mich zutiefst.
Mit freundlichen Grüßen
Mark Steinberg
Emeritierter Professor, University of Illinois
Bogdans Anwälte bereiten sich darauf vor, bis zum 9. September Berufung einzulegen. Wir rufen alle Leser auf, die für seine Freilassung zu unterzeichnen und weiterzuverbreiten sowie Schreiben an das Bezirksgericht von Perwomajsk (inbox@pm.mk.court.gov.ua) und das Berufungsgericht von Nikolajew (inbox@mka.court.gov.ua) sowie in Kopie an freebogdan@wsws.org zu schicken.
Außerdem rufen wir alle Unterstützer demokratischer Rechte und Kriegsgegner dringend auf, sich mit einer möglichst großen Spende an der Kampagne zur Freilassung von Bogdan Syrotjuk zu beteiligen.
