Türkisches Vorwort zum Buch „Ein sozialistischer Gegner des NATO-Kriegs in der Ukraine. Der Fall Bogdan Syrotjuk“

Das Buch wurde auf Deutsch unter dem Titel „Der Ukrainekrieg und der Kampf für Sozialismus. Der Fall Bogdan Syrotjuk“ von Johannes Stern herausgegeben und ist im Mehring Verlag als Taschenbuch und E-Book erhältlich.

Am 10. August 2026 verurteilte das Stadtbezirksgericht Perwomajsk in der ukrainischen Region Nikolajew den 27-jährigen ukrainischen Sozialisten Bogdan Syrotjuk wegen „Hochverrats unter Kriegsrecht“ zu 15 Jahren Haft. Bogdan war im April 2024 vom ukrainischen Geheimdienst SBU verhaftet worden, weil er sich gegen den Stellvertreterkrieg der NATO in der Ukraine ausgesprochen und die internationale Arbeiterklasse dazu aufgerufen hatte, sich gegen den Krieg zu vereinen. Seine Opposition richtete sich gegen das Selenskyj- ebenso wie das Putin-Regime.

Dieses Buch wurde erstmals im Juli 2026 auf Deutsch unter dem Titel Der Ukrainekrieg und der Kampf für Sozialismus: Der Fall Bogdan Syrotjuk veröffentlicht. Die erweiterte türkische Ausgabe erscheint vor dem Hintergrund einer verstärkten weltweiten Kampagne für Bogdans Freilassung, die das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI), die trotzkistische Weltbewegung, nach dem Urteil intensiviert hat.

Das Cover der türkischen Ausgabe „Der Fall Bogdan Syrotjuk“

Das Urteil selbst bestätigt voll und ganz die Analyse, die Johannes Stern in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe gemacht hat. Das Gericht hat keinen einzigen Strafakt wie Spionage, Sabotage oder militärische Kollaboration zugunsten Russlands festgestellt, weil es schlicht keinen gab. Bogdan wurde wegen sechs politischer Artikel verurteilt, die auf der World Socialist Web Site (WSWS) veröffentlicht wurden, sowie wegen seiner Korrespondenz mit den Redakteuren, die diese Artikel publiziert haben.

Die vom Staat beauftragten Sachverständigen untersuchten 14 seiner Artikel und nahmen sieben davon in die Anklageschrift auf. Das Gericht sah sich dann gezwungen, einen davon aus dem Verfahren zu streichen, nachdem seine eigene Sachverständigenkommission darin keine strafbare Handlung feststellen konnte. In dem Artikel wurde beschrieben, wie ukrainische Männer auf offener Straße von den Militärkommissariaten verschleppt wurden.

In der Urteilsbegründung wird das angebliche „Verbrechen“ in einfachen Worten als „Propaganda für die kommunistische Ideologie und die politische Strömung des ‚Trotzkismus‘“ definiert.

Das Gericht ordnete die Einziehung von Bogdans Vermögen, die Beschlagnahmung seiner elektronischen Geräte und die Vernichtung der konfiszierten sozialistischen Bücher, Flugblätter und programmatischen Dokumente an. Außerdem wurden ihm die Kosten für die „Expertengutachten“ auferlegt, die zu seiner Verurteilung herangezogen wurden.

Es ist von Anfang bis Ende ein politisches Urteil, gefällt von einem faschistischen Regime in der Ukraine, das von der NATO unterstützt wird. Bogdan, der bereits bei seiner Festnahme gesundheitliche Probleme hatte, wurde über zwei Jahre lang eine notwendige medizinische Behandlung verweigert. Für ihn kommen 15 Jahre im ukrainischen Gefängnissystem, wo entsetzliche Zustände herrschen, einem Todesurteil gleich.

Die WSWS und das IKVI haben ihre Kampagne für Bogdans Freiheit, die im April 2024 begann, verstärkt. Ihr Aufruf zur Opposition gegen die politische Verfolgung Bogdans stieß weltweit auf große Resonanz. Die Petition erhielt in den drei Wochen seit der Urteilsverkündung mehr als 1.500 neue Unterschriften aus Dutzenden Ländern und hat nun über 7.200 Unterzeichner.

Zahlreiche linke Organisationen und Publikationen in mehr als zehn Ländern haben sich für Bogdans Verteidigung eingesetzt und öffentliche Erklärungen gegen das Urteil abgegeben. Die „California Scholars for Academic Freedom“, ein Zusammenschluss von rund 200 Wissenschaftlern aus zwanzig kalifornischen Bildungseinrichtungen, wandte sich schriftlich an beide ukrainischen Gerichte und erklärte, Bogdan sei wegen eines „Gedankenverbrechens“ verurteilt worden. Dutzende Briefe von Arbeitern, Lehrern, Pflegekräften und Studierenden sind bei den Gerichten eingegangen – aus der Türkei, der Ukraine, Russland, Australien und Sri Lanka über Bulgarien, Deutschland, Frankreich und Großbritannien bis nach Amerika, Kanada und Brasilien. Will Lehman, ein Sozialist und Arbeiter bei Mack Trucks, der in den USA bei der Wahl zum Vorsitzenden der Autogewerkschaft United Auto Workers (UAW) kandidiert, forderte Bogdans bedingungslose Freilassung.

Die Medien hingegen, die den Krieg verteidigen, der von den NATO-Regierungen als „Krieg für die Demokratie“ propagiert wird, schweigen über das Urteil, das grundlegende Rechte wie Meinungs- und Pressefreiheit mit Füßen tritt. Obwohl seit dem Urteil bereits Wochen vergangen sind, hat keine einzige große bürgerliche Zeitung oder Nachrichtenagentur einschließlich der New York Times, der Washington Post, der BBC und der türkischen Medien auch nur ein Wort über den Fall geschrieben. Dieses Schweigen hat seinen Grund: Über Bogdans Prozess und das gegen ihn verhängte Urteil zu berichten, würde bedeuten, dass ihre Rechtfertigung für diesen imperialistischen Krieg zusammenbricht.

Der Fall Bogdan Syrotjuk, in dem es sowohl um den Ukrainekrieg als auch um demokratische Grundrechte geht, hat unmittelbare Bedeutung für die Leserinnen und Leser in der Türkei. Die Türkei ist NATO-Mitglied und verfügt nach den USA über die größte Landstreitmacht. Sie liegt an der Schnittstelle zwischen dem Balkan, dem Schwarzen Meer, dem Kaukasus und dem Nahen Osten. Hier steht wichtige Infrastruktur der NATO – vom Luftwaffenstützpunkt Incirlik in Adana bis zur Radarstation Kürecik in Malatya. Gemäß dem Vertrag von Montreux von 1936 kontrolliert die Türkei auch die Ein- und Ausfahrt ins Schwarze Meer und ist ein maritimer Nachbar sowohl der Ukraine als auch Russlands.

In der ersten Phase des Krieges positionierte sich Ankara als „Vermittler“, indem es den Bosporus und die Dardanellen für Kriegsschiffe sperrte und die Istanbuler Gespräche ausrichtete. Im März 2022 lag in Istanbul der Entwurf einer Vereinbarung zwischen beiden Seiten auf dem Tisch. Warum diese Pläne zusammenbrachen und was das eigentliche Ziel des Krieges war, erklärte der damalige Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu im April 2022 so: „Es gibt Kräfte innerhalb der NATO-Staaten, die wollen, dass der Krieg weitergeht. Ihr Ziel ist es, dass der Krieg andauert, dass Russland weiter geschwächt wird und vielleicht auch, dass Putin abgelöst wird.“[1]

Diese Worte stammen vom Außenminister eines NATO-Mitglieds und machen deutlich, wo die Verantwortung für den Krieg liegt, der nun schon seit viereinhalb Jahren andauert. Das Leben von Hunderttausenden ukrainischen und russischen Arbeitern wurde aufgrund der Verlängerung des Krieges bereits geopfert. Das ist der Preis für eine Entscheidung, die in Washington, London und Berlin getroffen wurde. Diese Regierungen führen einen Krieg, in dem das ukrainische Regime als Stellvertreter dient.

In den vergangenen vier Jahren wurde Ankara Schritt für Schritt in die Eskalation der Kriegspolitik durch die NATO und die Ukraine eingebunden. Dieser Wandel erreichte seinen Höhepunkt auf dem NATO-Gipfel, der am 7. und 8. Juli 2026 in Ankara stattfand. Zum zweiten Mal seit dem Gipfel in Istanbul im Jahr 2004 empfing die Türkei die Staats- und Regierungschefs des imperialistischen Kriegsbündnisses, die zugleich die Architekten und Unterstützer des israelischen Völkermords an den Palästinensern im Gazastreifen sowie des US-israelischen Angriffskriegs gegen den Iran sind.

Im Anschluss an den Gipfel wurden die Militärausgaben erhöht und der aggressive Kriegskurs gegen Russland eskaliert. Und etwa einen Monat nach dem Gipfel, am 10. August, folgte das Urteil gegen Bogdan Syrotjuk. Das ist kein Zufall. Dass Kiew es wagte, einen Sozialisten wegen seiner Schriften zu 15 Jahren Haft zu verurteilen, ist eine direkte Folge der Unterstützung durch die NATO. Wie im letzten Artikel dieses Buches, „Selenskyj schließt Wahlen aus, während die ukrainische Diktatur Kriegsgegner inhaftiert“, klar aufgezeigt wird, regiert Selenskyj als Diktator gegen den enormen Widerstand der Bevölkerung, die sowohl den Krieg als auch sein Regime ablehnt. Bogdan wurde ins Visier genommen, weil er diesem Widerstand gegen den Krieg mit einem sozialistischen Programm eine Stimme gegeben hat. Während das Selenskyj-Regime ein Dutzend Parteien per Gerichtsbeschluss verboten hat, vor allem linke Parteien, hat auch das Erdoğan-Regime seine politische Unterdrückung ausgeweitet. Die Oppositionspartei CHP (Republikanische Volkspartei) und die von ihr abgespaltene Neue Partei ­sind Repressionen ausgesetzt – trotz ihrer NATO-freundlichen Ausrichtung.

Im Zuge der NATO-Eskalation gegen Russland wird auch das Schwarze Meer zum Schlachtfeld. Mit Geheimdienstinformationen und Technologien, die von der NATO bereitgestellt werden, weitet die Ukraine den Krieg immer mehr auf die internationalen Seewege und die Handelsschifffahrt aus. In den letzten Monaten wurden unzählige Schiffe und ihre Besatzungen im Schwarzen Meer ins Visier genommen. Am 26. August 2026 traf eine Drohne vor der russischen Hafenstadt Tuapse das Schiff Lider Bordo Mavi, das von einem türkischen Unternehmen betrieben wurde. Am folgenden Tag wurde auch die Lider Kocatepe, die zum Abschleppen des Schiffes entsandt worden war, angegriffen; an Bord brach ein Feuer aus. Ankara sah sich gezwungen, am 29. August den ukrainischen Botschafter ins Außenministerium vorzuladen. Die Abkehr von der Vermittlerrolle und die Anpassung der Türkei an die aggressive NATO-Politik gefährdet die Seeleute im Schwarzen Meer.

Gleichzeitig werden in verschiedenen NATO-Kreisen Forderungen nach einer „Neubewertung“ des Montreux-Vertrags laut, d. h. nach einer Öffnung des Schwarzen Meeres für die Marine des NATO-Bündnisses. Ein solcher Schritt würde bedeuten, dass die Türkei zur Frontlinie in einem direkten Krieg mit Russland wird.

All dies geschieht gegen den Willen der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung. Die NATO unter der Führung der USA ist in der Türkei verhasst. Sie wird mit Militärputschen und der Unterdrückung der Arbeiterbewegung und der linken Opposition in Verbindung gebracht. Nach dem Völkermord in Gaza hat die soziale Wut auf Amerika und Israel ein beispielloses Ausmaß erreicht. Gleichzeitig verschärft sich der Klassenkampf in der Türkei.

Als NATO-Mitglied hat die Türkei zugesagt, 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für das Militär auszugeben. Die Rechnung dafür tragen die Arbeiter – mit einem Mindestlohn unter der Armutsgrenze, unbezahlten Löhnen, Sozialkürzungen und der gewaltsamen Unterdrückung von Arbeitskämpfen. Das Regime in der Ukraine, das Bogdan Syrotjuk verfolgt, und das Regime in der Türkei, das Arbeiterführer inhaftiert, haben viel gemeinsam: Beide dienen ihrer eigenen herrschenden Klasse, sind an den Imperialismus gebunden und stehen der Arbeiterklasse feindlich gegenüber.

Dieses Buch hat das Ziel, die Kampagne für die Freilassung von Bogdan Syrotjuk zu verstärken, die untrennbar mit dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg verknüpft ist. Diese Kampagne wird in dem Maße erfolgreich sein, wie sie in der internationalen Arbeiterklasse verankert ist und diese mobilisiert. Wir rufen deshalb Arbeiter, Jugendliche, Studierende, Künstler und Intellektuelle in der Türkei auf: Lest dieses Buch, diskutiert darüber und verbreitet es.

Besucht die Website FreeBogdan.org und werdet aktiv: Unterzeichnet und teilt die Petition für Bogdans Freilassung. Verabschiedet Resolutionen für Bogdans Freiheit in euren Betrieben und Gewerkschaften, an euren Schulen und Universitäten. Schreibt an das Bezirksgericht Perwomajsk (inbox@pm.mk.court.gov.ua) und das Berufungsgericht Mykolajiw (inbox@mka.court.gov.ua), in Kopie an freebogdan@wsws.org, und fordert die Aufhebung des Urteils.

Ulaş Sevinç

31. August 2026


[1]

Republik Türkei – Außenministerium: „Exklusivinterview des Außenministers Mevlüt Çavuşoğlu mit CNN Türk für die Sendung Tarafsız Bölge, 20. April 2022“ [auf Türkisch]. URL: https://www.mfa.gov.tr/disisleri-bakani-sayin-mevlut-cavusoglu-nun-cnn-turk-tarafsiz-bolge-de-verdigi-ozel-roportaj--20-nisan-2022.tr.mfa

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