GSK Impfstoffwerk Dresden: Kämpft um jeden Arbeitsplatz!

GSK-Werk in Dresden

Am 11. September hat der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) angekündigt, sein Impfstoffwerk in Dresden zu schließen. Die Produktion soll Ende September 2027 auslaufen, die Abwicklung des Standorts bis zum Sommer 2028 abgeschlossen sein. 641 Beschäftigten droht die Entlassung in die Arbeitslosigkeit.

Das Sächsische Serumwerk Dresden, wie es traditionell genannt wird, wurde 1911 gegründet. Es versorgte einst die gesamte DDR mit Impfstoffen und stellt heute hauptsächlich saisonale und pandemische Grippeimpfstoffe her, die in über 70 Länder exportiert werden. Nach Angaben des Konzerns wurden mit den in Dresden produzierten Impfstoffen über eine Milliarde Menschen geschützt. Diese Erfahrung und die über Generationen aufgebaute Produktionskultur sollen jetzt vernichtet werden.

Die Belegschaft wurde regelrecht überfahren. Eine Mitarbeiterin sagte der Presse: „Es war ein ziemlicher Schock.“

Globales Sparprogramm

Doch schon sechs Wochen vor der Ankündigung in Dresden, am 28. Juli 2026, hatte der neue GSK-Konzernchef Luke Miels ein Dreijahresprogramm namens „Accelerate Growth“ („Wachstum beschleunigen“) vorgelegt, das bis 2029 jährliche Einsparungen in Höhe von 1,9 Milliarden Pfund (2,2 Mrd. Euro) bringen soll. Die Einsparungen sollen zu 40 Prozent aus der „Umlenkung von Ressourcen von den ausgereiften Produkten zu den Spezialpräparaten“ kommen.

Der Vorstandslogik zufolge produziert das Werk in Dresden ein „ausgereiftes Produkt“, dessen Ressourcen künftig anderweitig eingesetzt werden sollen. Diesen Zusammenhang stellt der Fachdienst FiercePharma in seiner Berichterstattung ausdrücklich her. Das Gerede, mit dem die Konzernspitze jetzt die Schließung rechtfertigt– von der sinkenden Nachfrage nach ei-basiertem Grippeimpfstoff, von WHO-Präferenzen und von der Impfpolitik in Washington – ist in Wirklichkeit die nachgeschobene Begründung für eine Entscheidung, die schon vor Monaten gefallen ist.

Zusammen mit dem Sparprogramm kündigte GSK am 28. Juli 2026 an, sein historisches Forschungs- und Entwicklungszentrum im britischen Stevenage nach 50 Jahren zu schließen. Dort arbeiten rund 1.800 Menschen. Etwa 1.000 Beschäftigte sollen in drei Neubauten auf dem Cambridge Biomedical Campus wechseln, einige weitere in modernisierte Labore. Die Verlagerung soll bis 2029 abgeschlossen sein. GSK stellt es als Verlagerung und nicht als Abbau dar, räumt aber Stellenstreichungen ein. Eine Zahl nennt der Konzern nicht. Gekoppelt ist das Ganze an eine Investition von 400 Mio. Pfund in den britischen Standortverbund.

Unmittelbar nach der Bekanntgabe des Sparprogramms stieg der Kurs der GSK-Aktie an der Londoner Börse um 6 Prozent.

Die Arbeitsplätze in Dresden sollen also nicht vernichtet werden, weil Geld fehlt oder das Produkt nicht gebraucht würde, sondern um eine hohe Gewinnspanne für die Aktionäre zu sichern. In seinem Bericht für das 2. Quartal 2026 hat GSK die Gewinnerwartungen für das Impfstoffgeschäft ausdrücklich angehoben.

Den Aktionären wird das Programm in Zahlen präsentiert, die Belegschaften erfahren es scheibchenweise, Werk für Werk. Diese Methode soll eine gemeinsame Antwort der Beschäftigten aller Standorte auf einen gemeinsamen Angriff verhindern.

Der Kurs von IGBCE und Betriebsrat

Im Gegensatz zur globalen Strategie des Konzerns verfolgen Politik und Gewerkschaft eine Politik des nationalen Standortegoismus, die Arbeitern den Blick für die größeren Zusammenhänge vernebeln soll und nur in die Niederlage führen kann.

Eine Woche nach der Ankündigung haben Betriebsrat und IGBCE angekündigt, sie würden nun gemeinsam mit externen Fachleuten einen „belastbaren Zukunftsplan“ entwickeln. Es solle geprüft werden, welche neuen Impfstoffe, Medikamente und Auftragsproduktionen nach Dresden geholt werden könnten, ob der Standort eigenständig oder mit Partnern betrieben werden kann und welche politischen und europäischen Instrumente greifen – darunter das geplante europäische Gesetz über kritische Arzneimittel.

Über den Charakter eines solchen „Zukunftsplans“ muss man sich keine Illusionen machen, und man muss es nicht auf Vermutungen stützen. Es gibt Erfahrungswerte, und sie sind eindeutig.

Der Musterfall ist der Waggonbau Görlitz. Nach Jahren der Unsicherheit und einer Investorensuche, an der die Gewerkschaft IG Metall „auf allen Ebenen“ beteiligt war, übernahm der Rüstungskonzern KNDS Anfang 2025 den Alstom-Standort. Von rund 700 Beschäftigten übernimmt KNDS in Görlitz 350 bis 400, bis zu 75 weitere erhalten Angebote an anderen KNDS-Standorten, 100 an anderen Alstom-Standorten; der Übergang läuft bis 2027.

Am Standort selbst bleibt also gut die Hälfte – und statt Doppelstockwagen und Straßenbahnen entstehen dort Baugruppen für den Kampfpanzer Leopard 2, den Schützenpanzer Puma und den Radpanzer Boxer. Verkündet wurde das im Beisein des Bundeskanzlers und desselben Ministerpräsidenten Kretschmer, der heute in Dresden „umfassende Unterstützung“ zusagt. Ein Teil der Arbeiter wird entlassen, andere bauen unter schlechteren Arbeitsbedingungen die Waffen, mit denen sie oder ihre Kinder in den Krieg ziehen sollen. Das ist die Logik des Standortnationalismus.

Oft ist der Zukunftsplan auch für alle Arbeiter der Verschiebebahnhof in die Arbeitslosigkeit. Im April 2026 übernahm eine Auffanggesellschaft das Domo-Chemiewerk in Leuna nach der Pleite des Vorbesitzers – fast genau das „Modell“, das auch für Dresden geprüft werden soll. Fünf Monate später war die Investorensuche endgültig gescheitert; Ende September wird die Produktion eingestellt, der Betrieb in 15 bis 20 Tagen heruntergefahren, danach entleert und gereinigt. Rund 400 Beschäftigte werden noch für die Stilllegung und den Rückbau gebraucht Der Rumpfbetrieb, der übrig bleibt, ist hier die Abwicklungsmannschaft.

Ein Investor kauft Kapazität, wenn sie sich rechnet – und sie rechnet sich mit weniger Personal, niedrigeren Löhnen und öffentlichen Zuschüssen. Jeder Interessent wird genau das als Bedingung formulieren. Der „Zukunftsplan“ ist damit von der ersten Seite an ein Plan, der einen Teil der 641 Arbeitsplätze aufgibt, um einen anderen Teil anzubieten.

Vergebliches Lohnopfer im Jahr 2024

Die GSK-Belegschaft in Dresden hat bereits einschlägige Erfahrungen gemacht. Nach einem Auftragseinbruch im Jahr 2024 senkten Betriebsrat und Geschäftsleitung gemeinsam die Wochenarbeitszeit um 3,5 Stunden ohne Lohnausgleich. Das kam einem Verzicht auf rund neun Prozent des Bruttoeinkommens gleich. Gut 100 drohende Kündigungen, hieß es damals, seien dadurch abgewendet worden. Das Projekt wurde gar für den „Deutschen Betriebsräte-Preis“ nominiert, der jährlich von der Fachzeitschrift „Arbeitsrecht im Betrieb“ vergeben wird, und in der Zeitschrift der SPD-nahen Hans-Böckler-Stiftung als „Stellenerhalt durch Solidarität“ gefeiert.

Doch heute, zwei Jahre später, steht die Schließung des Werks auf der Tagesordnung. Die GSK-Beschäftigten haben mit ihrem Lohnverzicht lediglich eine Galgenfrist erhalten. Ihr Verzicht hat den Konzern Zeit verschafft, die Verlagerung vorzubereiten.

Die nationale Sackgasse

Das Sächsische Serumwerk Dresden, das als Volkseigener Betrieb (VEB) der wichtigste Impfstofflieferant der DDR war, wurde 1990 zwecks Privatisierung an die Treuhandanstalt übergeben. 1992 wurde es an SmithKline Beecham verkauft, das im Jahr 2000 mit Glaxo Wellcome zu GlaxoSmithKline fusionierte.

Das Impfstoffwerk in Dresden gehörte zu den Standorten, die die „Wende“ überlebten – als Exportbetrieb eines Weltkonzerns. Genau diese Integration in den kapitalistischen Weltmarkt, damals als Rettung gefeiert, erweist sich heute als Instrument der Zerstörung.

Dass nur wenige Jahre nach Ausbruch der Covid-Pandemie ausgerechnet ein Impfstoffwerk geschlossen werden soll, ist nicht nur für die Beschäftigten ein Schlag ins Gesicht, sondern trifft alle Arbeiter. Für die Profite der Konzerne werden nicht nur die Arbeitsplätze vernichtet, sondern wird auch die öffentliche Gesundheit ruiniert. Mindestens 180.000 Menschen sind in Deutschland wegen der „Profite vor Leben“-Politik an Covid gestorben und jetzt wird begonnen, die Impfstoffindustrie abzuwickeln.

Besonders zynisch ist es daher, wenn im Rahmen des Zukunftsplans argumentiert wird, dass ein Teil der Produktion aufrecht erhalten werden müsse, um eine „strategische Autonomie“ bei Impfstoffen und Medikamenten zu erreichen – die im Kriegsfall entscheidend ist. Wenn Arbeiter also an der öffentlichen Gesundheit arbeiten, sollen sie ihre Arbeit verlieren, wenn sie aber für die Kriegswirtschaft eingesetzt werden können, sollen sie zu schlechteren Löhnen in geschrumpften Belegschaften produzieren. Und die Gewerkschaften nennen das dann auch noch einen Erfolg.

Baut ein unabhängiges Aktionskomitee im Impfstoffwerk auf!

Diese Angriffe können nur zurückgeschlagen und alle Arbeitsplätze nur verteidigt werden, wenn sich die Beschäftigten der Zusammenhänge klar sind, in denen die Vernichtung ihrer Arbeitsplätze steht. In Deutschland werden derzeit hunderttausende Industriearbeitsplätze vernichtet, um das Land kriegstüchtig zu machen und die Profite der Anleger zu steigern. Die Verteidigung der Arbeitsplätze muss deshalb mit dem Kampf gegen die Kriegspolitik und die Bereicherung der Reichen verbunden werden. Der Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze bei GSK muss als Teil dieses Kampfes verstanden werden.

Dazu muss die Belegschaft die Führung dieses Kampfs selbst in die Hand nehmen. Notwendig ist ein unabhängiges Aktionskomitee, gewählt von den Beschäftigten, rechenschaftspflichtig ausschließlich der Belegschaft, ohne hauptamtliche Funktionäre und ohne Vertraulichkeitsklauseln.

Ein solches Komitee muss von folgenden Prinzipien ausgehen:

  • Keine Entlassung, keine Schließung, kein Sozialplan! Vollständiger Erhalt aller Arbeitsplätze und der Produktion in Dresden, bei vollem Lohn.

  • Offenlegung aller Zahlen. Die Belegschaft hat ein Recht darauf, die Auftragslage, die Kapazitätsplanung, die Verlagerungsziele und die tatsächlichen Kosten des Standorts zu kennen – nicht in vertraulichen Aufsichts- und Wirtschaftsausschussrunden, sondern öffentlich.

  • Kontrolle statt Abwicklung. Wenn ein Konzern erklärt, ein funktionierendes Impfstoffwerk sei für ihn nicht profitabel genug, dann stellt sich die Frage des Eigentums. Die Impfstoffproduktion ist eine Frage der öffentlichen Gesundheit und darf nicht dem Profitmotiv unterstellt sein. Der Standort muss unter die Kontrolle der Beschäftigten gestellt und als Teil eines gesellschaftlich geplanten Gesundheitswesens betrieben werden, dessen Maßstab der Bedarf ist und nicht die Rendite.

  • Verbindung über Werke und Grenzen hinweg. GSK ist ein transnationaler Konzern. Die Kollegen in Belgien, in Großbritannien und in Kanada stehen demselben Vorstand und derselben Renditelogik gegenüber.

  • Verbindung mit den anderen Belegschaften in der Region und darüber hinaus. Kelvion, VW Zwickau, die Chemie- und Zuliefererbetriebe in Sachsen und Thüringen: Es ist ein und derselbe Angriff, geführt von denselben Institutionen, begleitet von denselben Beteuerungen der Politik. Die Milliarden, die für Aufrüstung ausgegeben werden, fehlen in Gesundheit, Produktion und Löhnen.

Wartet nicht auf den Standortgipfel, wartet nicht auf irgendein faules Verhandlungsergebnis. Setzt euch mit uns in Verbindung, diskutiert diese Perspektive und baut ein Aktionskomitee auf, als Teil der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC).

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