Während die Verbraucherpreise explodieren, plant die IG Metall in der am 7. Oktober beginnenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie massive Reallohnsenkungen für die rund 3,7 Millionen Beschäftigten, von denen knapp 750.000 in der Autoindustrie arbeiten. Mit ihrer Forderung nach Sonderzahlungen für hochprofitable Unternehmen – etwa in der Rüstungsindustrie – spaltet die Gewerkschaft die Arbeiter, um die massiven Angriffe auf die Auto-Belegschaften durchzusetzen.
Gestern hat die IG Metall gestützt auf die Tarifkommissionen in den einzelnen Bezirken ihre diesjährige Forderung bekanntgegeben: 5 Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von 12 Monaten. Die Tarifkommission der IG Metall bei Volkswagen hat in der Haustarifrunde für die inzwischen nur noch rund 100.000 Stammkräfte die gleiche Forderung aufgestellt.
In der letzten Tarifrunde 2024 hatte die Gewerkschaft 7 Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von 12 Monaten gefordert. Abgeschlossen hatte sie dann eine zweistufige Erhöhung um 5,1 Prozent bei einer Laufzeit von 25 Monaten.
Man kann daher erahnen, welche Reallohnsenkungen jetzt geplant sind. Die Inflationsrate beträgt derzeit 2,9 Prozent und wird im nächsten Jahr noch steigen. Insbesondere die Energiekosten, die Arbeiter besonders stark treffen, explodieren. Ein Abschluss in zwei Stufen bei 3 Prozent über mindestens zwei Jahre würde Arbeiter in den Ruin treiben. Denn bereits die Tariferhöhungen der letzten Jahre sind alle von der Inflation aufgefressen worden. Jahr für Jahr bleibt real immer weniger im Portemonnaie.
Die Begründung der IG Metall macht deutlich, dass sie nicht die Interessen ihrer Mitglieder und aller Beschäftigten, sondern die der Konzerne vertritt.
IGM-Tarifvorständin Nadine Boguslawski erklärt, der Auftragsbestand in zwei Dritteln der Unternehmen sei „gut oder sehr gut“ und werde sich in nächster Zeit so weiterentwickeln. Gleichzeitig beobachte die IG Metall bei einem „Drittel der Unternehmen, insbesondere in der Autoindustrie oder im Maschinenbau“, eine schlechte bis sehr schlechte Auftragslage. Dem wolle die IG Metall „gerecht“ werden.
„Für manche Beschäftigte steht es im Vordergrund, den Arbeitsplatz zu sichern“, sagte vor rund vier Wochen Daniel Friedrich, IG-Metall-Bezirkschef Küste, der Süddeutschen Zeitung. „Andere dagegen sagen: Unsere Firma verdient klotzig, da möchte ich auch etwas davon haben. Wir brauchen einen Tarifabschluss, der allen gerecht wird.“
Gemeinsam mit dem IGM-Chef in Nordrhein-Westfalen, Knut Giesler, wies er darauf hin, dass „eine automatische Differenzierung von Teilen des Gehalts nach unten, wenn es einem Betrieb schlecht geht“, bereits existiere.
Giesler und Friedrich meinen die Möglichkeit, dass eine Firma, deren „Umsatzrendite unter 2,3 Prozent“ sinkt, das von der IGM eingeführte sogenannte jährliche T-Geld von 18,4 Prozent eines Monatseinkommens den Beschäftigten vorenthalten kann. Dieses Instrument ließe sich auch andersherum einsetzen, so die beiden Funktionäre. Firmen, denen es gut geht, sollten mehr zahlen. „Denkbar wäre, das T-Geld zu erhöhen, wenn ein Betrieb eine bestimmte Umsatzrendite erwirtschaftet“, sagt Giesler.
Hier wird das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ auf den Kopf gestellt. Die Höhe des Lohns wird unmittelbar an den Profit des jeweiligen Unternehmens gekoppelt. Sind die Profite hoch, sinken die Reallöhne nur wenig. Sind die Profite dagegen niedrig, werden sie – bei gleicher oder härterer Arbeit – massiv zusammengestrichen.
Was daraus folgt ist absehbar. Lohnsenkungen für Millionen Beschäftigte werden als Sicherung der Arbeitsplätze in Auto- und Maschinenbauindustrie verkauft. Arbeiter der „Luft- und Raumfahrtindustrie, Energietechnik und Rüstung,“ so die IG Metall, sollen mit zusätzlichen Einmalzahlungen abgespeist werden – auf der Grundlage der dauerhaft niedrigen Löhne und auch nur, falls es den Konzernen „gut“ geht.
Der IGM-Apparat mit seinen vielen Tausend Funktionären bereitet mit diesem Mechanismus die Verschärfung des Angriffs auf Arbeitsplätze und Löhne vor.
Bereits 2024 hatten Konzernchef Oliver Blume, IG Metall und Betriebsrat das sogenannte „Weihnachtswunder“ ausgehandelt. Darin gaben sie 35.000 Jobs preis – 5.000 mehr als vom Konzern gefordert – und vereinbarten Lohnsenkungen von bis zu 20 Prozent.
Nun verlangen die Autokonzerne den Abbau weiterer zigtausend Stellen. Der Aufsichtsrat von VW hat Anfang September mit den Stimmen der IGM einstimmig beschlossen, weitere 50.000 Jobs zu vernichten. Nun hat auch Mercedes angekündigt, zwei Werke zu schließen, zusätzlich zum bereits vereinbarten Abbau von 20.000 Stellen. Mercedes-Chef Ola Källenius fordert die Abschaffung der 35-Stunden-Woche und 5 Stunden Mehrarbeit ohne Lohnausgleich.
Neben den 50.000 bei VW, Audi und Porsche werden bei Mercedes mindestens 20.000, bei BMW 8000, bei Ford 4000 und bei Opel 650 Arbeitsplätze gestrichen. Das sind die ausgearbeiteten Pläne. Bei den Zulieferern ist es noch drastischer. Täglich schließen kleinere Firmen oder reduzieren ihre Belegschaften. Die großen Konzerne planen die Vernichtung zehntausender Arbeitsplätze: Bosch 22.000, ZF 14.000, Schaeffler 4000, Continental 3700 und Mahle 1000.
Und in jedem Konzern sind es die IGM und ihre Betriebsräte, die den Abbau durchsetzen. Die Gewerkschaftsspitzen und ihr Apparat sind längst auf die andere Seite der Barrikade gewechselt. Ihr Verrat an den Mitgliedern und den Beschäftigten kennt keine Grenzen. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als bei Volkswagen.
Dem neuerlichen Abbau stimmte der VW-Aufsichtsrat in einer geheimen Nachtsitzung zu – ohne jede Diskussion mit den Mitgliedern. Die angeblichen „Arbeitnehmervertreter“ um IGM-Chefin Benner und Betriebsratschefin Cavallo halten gemeinsam mit der niedersächsischen SPD-Landesregierung die Mehrheit im Aufsichtsrat und hätten die Pläne blockieren können. Stattdessen stimmten sie geschlossen zu.
Während Benner und Cavallo die Belegschaft kaltblütig verraten, kämpfen sie leidenschaftlich für ihre eigenen Privilegien. In einem Webinar der Wirtschaftswoche berichteten Journalisten, die den 147-seitigen VW-Sanierungsplan und die Einzelheiten der Zustimmung von Benner und Cavallo ausgewertet hatten, der Stellenabbau sei „nicht der kritische Punkt“ gewesen, über den gestritten wurde. Dieser Punkt sei „relativ schnell abgefrühstückt“ gewesen. Bei den „strittigen Punkten“ sei es vielmehr um die „Aushebelung der Marke VW“ und die „Aushöhlung des VW-Gesetzes“ gegangen – also um die sogenannte „Mitbestimmung“, die legalisierte Korruption der Gewerkschaftsfunktionäre.
Die Gewerkschaftsfunktionäre sehen die wirtschaftliche Entwicklung genauso wie die Bundesregierung und die Konzerne. Alle sind sich einig, die Kosten zu Lasten der Belegschaften massiv zu senken. Sie sollen mit ihren Arbeitsplätzen, Löhnen und Renten für Aufrüstung, Krieg und steigende Profite bezahlen.
Bereits Ende Juni hatten die Vorsitzenden der IG Metall und der IG BCE, Christiane Benner und Michael Vassiliadis, gemeinsam mit BDI-Präsident Peter Leibinger in einem Gastkommentar für das Handelsblatt bekräftigt: „Industrieverbände und Industriegewerkschaften sind gemeinsam bereit für eine Agenda für ein zukunftsfähiges Deutschland – die Kosten senkt, auch die vom Staat verursachten, und Arbeitsvolumen und Produktivität erhöht.“
Benner und Vassiliadis stimmen gleichzeitig in den Chor von Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) ein, die die Axt an Renten, Gesundheit, Pflege und soziale Absicherung legen. „Wir müssen mehr wollen und leisten!“, schreiben sie gemeinsam mit Leibinger. Parteien, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und NGOs müssten ihre Organisationslogiken überwinden – „um unseres Landes willen“.
Die Belegschaften haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie bereit sind, gegen die Angriffe und den Sozialkahlschlag zu kämpfen. Doch der Gewerkschaftsapparat reagiert darauf, indem er mit Konzernen und Regierung noch enger die Reihen schließt.
Das zeigte sich auch am Montag, dem „Aktionstag“ der IG Metall in der Autoindustrie. Nirgends wurden Arbeitsniederlegungen organisiert. Stattdessen veranstaltete die IG Metall zahlreiche eher schwach besuchte Kundgebungen während der Schichtwechsel und meistens innerhalb der Werke, abgeschottet von der Öffentlichkeit. Teilweise – wie bei Ford in Köln – dauerte der Protest weniger als fünf Minuten und war im Wesentlichen ein Fototermin.
Die IGM-Vorsitzende Benner nutzte den „Aktionstag“, um im VW-Stammwerk in Wolfsburg gemeinsam mit Cavallo schärfere Zölle gegen China, mehr EU-Subventionen für die Autokonzerne und die Fortsetzung der Altersteilzeit, die die Bundesregierung abschaffen möchte, zu fordern. Sie unterstützten uneingeschränkt den Aufrüstungs- und Kriegskurs Berlins und fordert, den Handelskrieg gegen China zu verschärfen.
Dieser Gewerkschaftsapparat ist den Belegschaften absolut feindlich gesinnt, er muss überwunden und abgeschafft werden. Er kann nicht „von innen“ unter Druck gesetzt oder „nach links gedrängt“ werden. Jeder Versuch, ihn zu „reformieren“, führt zu Frustration und Demoralisierung und stärkt letztlich die AfD.
Der Ausweg liegt im Aufbau unabhängiger Aktionskomitees, die von den Arbeitern selbst gewählt, der Belegschaft gegenüber rechenschaftspflichtig und frei von hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktionären und Betriebsratsbaronen sind.
In einem am Montag an den Werkstoren verteilten Aufruf schlug das VW-Aktionskomitee auf dieser Grundlage ein Kampfprogramm vor, mit dem die Arbeitsplätze und Löhne verteidigt werden können. Jegliche Rüstungsproduktion muss abgelehnt werden, die Belegschaften sollen darüber entscheiden, was und wie produziert wird. Dem Nationalismus der IG Metall stellt es die internationale Einheit der Arbeiterklasse entgegen.
Alle, die ernsthaft ihre Arbeitsplätze und Löhne verteidigen wollen, sollten uns über WhatsApp unter +49 163 3378340 oder über das Formular unter diesem Artikel kontaktieren.
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