Am 23. September vertrieb die Polizei in Madrid die 87-jährige María del Carmen Abascal, bekannt als Maricarmen, aus ihrer Wohnung im Stadtteil Retiro, wo sie seit 1956 gelebt hatte. Die Bereitschaftspolizei räumte Hunderte Unterstützer aus dem Gebäude, und Sanitäter trugen sie auf einer Trage hinaus, während die Menge skandierte: „Du bist nicht allein!“
Das Unternehmen, dem ihre Wohnung gehört, hatte mehr als das Dreifache ihrer bisherigen Miete verlangt. Ihre Zwangsräumung hat in ganz Spanien Proteste ausgelöst. Millionen Arbeiter auf der ganzen Welt sind mit derselben Bedrohung konfrontiert: Mieten, die sie nicht bezahlen können, und Vermieter, welche die Gerichte und die Polizei auf ihrer Seite haben.
Maricarmen hat ihre Miete bezahlt. Sie verlor ihr Zuhause wegen eines Mietvertrags, den ihr Vater 1956 unter dem alten spanischen System der Mietpreisbindung unterzeichnet hatte. Nach einem Gesetz aus dem Jahr 1994 kann ein Nachfahre, der einen solchen Mietvertrag erbt, diesen nur zwei Jahre lang behalten, es sei denn, es liegt eine Behinderung von 65 Prozent oder mehr vor – und Maricarmen wird eine Behinderung von 50 Prozent attestiert. Die Familie, der das Gebäude gehörte, verkaufte es 2018, und im März 2020 reichte die Immobilienfirma Urbagestión, der neue Eigentümer der Wohnung, Klage ein, um das Mietverhältnis zu beenden.
Ein Madrider Gericht entschied im Januar 2022 zu Gunsten der Mieterin. Das Berufungsgericht hob dieses Urteil im Juni 2022 auf, und im Dezember 2023 lehnte der Oberste Gerichtshof die Prüfung der Berufung ab. Urbagestión forderte 2.650 Euro monatlich, später 1.650 Euro, von einer Frau, deren Rente etwa 1.450 Euro beträgt. Das Unternehmen lehnte das Angebot eines anonymen Spenders ab, die Differenz zu übernehmen.
Im Juni forderte ein Ausschuss der Vereinten Nationen Spanien auf, die Zwangsräumung auszusetzen, solange der Fall geprüft wird, oder der Frau andernfalls eine angemessene Ersatzunterkunft zur Verfügung zu stellen. Das Gericht ignorierte diese Aufforderung.
Von ihrem Krankenhausbett aus veröffentlichte Maricarmen ein trotziges Video. „Ich habe es nicht geschafft, mein Zuhause zu verteidigen, aber ich habe gekämpft, damit andere lernen, für ihres zu kämpfen“, sagte sie. Sie rief die Zuhörer dazu auf, „bitte zu kämpfen“, und fügte hinzu: „Was ich will, ist, dass dieses Problem, das wir mit all den Geierfonds haben, ein für alle Mal beseitigt wird.“
Als Reaktion darauf marschierten am 26. September Zehntausende in Madrid unter dem Motto „Keine weitere Maricarmen“ – und es gab zudem Proteste in Barcelona, Sevilla, Valencia, Málaga und anderen Städten. Die Mieter schlugen dann ihr Lager auf der Puerta del Sol auf, dem Platz, der 2011 von der Massenbewegung gegen die Sparpolitik besetzt worden war. Die Proteste folgen auf zwei Jahre lang andauernde Demonstrationen von Hunderttausenden in ganz Spanien gegen die explodierenden Mieten.
Die Madrider Mietervereinigung, die zum Marsch aufgerufen hatte, schätzte die Teilnehmerzahl auf 300.000, während die Zentralregierung in Madrid nur von 25.000 sprach. An diesem Tag wurden in 40 Städten Proteste organisiert, nachdem es bereits Anfang der Woche Kundgebungen in 16 Städten gegeben hatte. Am Sonntagabend standen fast 200 Zelte auf der Puerta del Sol. Das Camp bestand das überwiegend aus jungen Menschen und umfasste viele Personen ohne vorherige politische Erfahrung, wie die Zeitung Público am Sonntag berichtete. Am Montag blockierten Demonstranten die Diagonal, eine der Hauptstraßen Barcelonas.
Am selben Tag erklärte sich Urbagestión bereit, Maricarmen in ihre Wohnung zurückkehren zu lassen, nach mehr als vierstündigen Verhandlungen, die von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Madrids vermittelt wurden. Sie könne einen achtjährigen Mietvertrag unterzeichnen, bei dem die Miete auf 30 Prozent ihres Einkommens begrenzt ist, müsse der Vereinbarung jedoch noch von ihrem Krankenhausbett aus zustimmen. Das Unternehmen hatte nach fünftägigen Protesten nachgegeben.
Die Madrider Mietervereinigung behielt ihr Camp an der Puerta del Sol bei, und ihre Sprecherin Carolina Vilariño sagte: „Hier geht es um mehr als nur Maricarmen.“
Diese Reaktion ist ein Zeichen für die enormen sozialen Spannungen, die sich in Spanien und anderswo aufbauen. In den letzten zehn Jahren sind die Mieten bei Neuvermietungen in Spanien schneller gestiegen als die Löhne. Sozialwohnungen machen weniger als 2 Prozent des spanischen Wohnungsbestands aus, verglichen mit einem EU-Durchschnitt von etwa 8 Prozent. Nach Angaben des nationalen Statistikamtes lebten im Jahr 2025 44,3 Prozent der Spanier im Alter von 26 bis 34 Jahren bei ihren Eltern. Seit Pedro Sánchez im Juni 2018 Ministerpräsident wurde, wurden rund 272.000 Zwangsräumungen durchgeführt – das sind etwa 90 pro Tag.
Die Immobilienpreise in der Europäischen Union stiegen zwischen 2010 und 2025 um mehr als 60 Prozent. In Portugal, wo die Preise im Jahr bis Juni um 16,5 Prozent stiegen, gab es im März in 16 Städten Proteste und Demonstrationen, nachdem die Regierung Maßnahmen zur Beschleunigung von Zwangsräumungen verabschiedet hatte. In Irland hat sich die Obdachlosigkeit unter Kindern seit 2014 versiebenfacht.
Die französische Polizei führte im Jahr 2024 rekordverdächtige 24.556 Zwangsräumungen durch – in einem Jahr, in dem 912 Obdachlose starben. In England leben mehr als 177.000 Kinder in Notunterkünften, was ebenfalls einen Rekord darstellt.
In den Vereinigten Staaten gaben 22,7 Millionen Mieterhaushalte – ein Rekordwert und fast die Hälfte aller Mieter – im Jahr 2024 mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für Wohnkosten aus. Mehr als 12 Millionen gaben sogar mehr als die Hälfte aus. Eine Erhebung der Regierung ergab im Januar 2025 mehr als 745.000 Obdachlose. In Ontario, Kanada, stiegen Eigenbedarfsanmeldungen von Vermietern zwischen 2020 und 2023 um 85 Prozent.
Die US-amerikanische Private-Equity-Gesellschaft Blackstone begann 2013 mit dem Kauf spanischer Wohnungen und war 2019 bereits der größte private Vermieter des Landes. Banken wie JP Morgan, die Bank of America und die Deutsche Bank stellten 80 Prozent der Mittel zu einem Zinssatz von etwa 3 Prozent bereit, während sie ihre eigenen Mittel von der Europäischen Zentralbank und der Federal Reserve zum Nullzinssatz bezogen, berichtete die Nachrichtenseite Infobae im Mai. Eine Regierungsstudie ergab, dass im Jahr 2023 nur etwa 39 Prozent der spanischen Mietwohnungen privaten Vermietern gehörten, die eine einzige Wohnung vermieten.
Für die Fonds ist die Mieterschutzsicherheit lediglich ein Kostenfaktor, der beseitigt werden muss. Maricarmens Fall folgt diesem Muster: Eine mietpreisgebundene Wohnung geht in den Besitz eines Unternehmens über, und der neue Eigentümer setzt Gerichte und Polizei ein, um einen Mieter zu vertreiben, der eine unter dem Marktpreis liegende Miete zahlt.
Die Wohnungskrise lässt sich nicht von Krieg und Sparpolitik trennen. Regierungen weltweit gaben im Jahr 2025 die Rekordsumme von 2,9 Billionen US-Dollar für ihre Streitkräfte aus – „das elfte Jahr in Folge mit Steigerungen“, berichtete das Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut (SIPRI) im April. In Mittel- und Westeuropa stiegen die Ausgaben schneller als in jedem anderen Jahr seit dem Ende des Kalten Krieges. In Spanien stiegen sie innerhalb eines Jahres um 50 Prozent auf rund 35 Milliarden Euro.
US-Präsident Donald Trump hat den Kongress um 1,5 Billionen US-Dollar für das Militär im am 1. Oktober beginnenden Haushaltsjahr gebeten, was einer Steigerung um 42 Prozent entspricht. Das Weiße Haus prahlte im April, dass diese Summe „sogar den Aufrüstungskurs unter Reagan übertrifft und sich den historischen Steigerungen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg annähert“. Der gleiche Haushalt sieht Ausgabenkürzungen in allen anderen Ressorts um 73 Milliarden US-Dollar vor.
Regierungen nehmen Kredite auf, um die Aufrüstung zu finanzieren, und die Zinssätze steigen. Am 16. September hob die US-Notenbank Federal Reserve die Zinssätze an – die erste Erhöhung seit 2023. Am 24. September bezifferte das Hypothekenfinanzierungsunternehmen Freddie Mac den durchschnittlichen Zinssatz für 30-jährige Hypotheken in den Vereinigten Staaten auf 7,03 Prozent. Die Mieter werden dafür mit höheren Mieten bezahlen.
In Deutschland schlossen sich im März 2025 die Sozialdemokraten den Konservativen an, um die verfassungsrechtliche Obergrenze für die Kreditaufnahme bei Militärausgaben über 1 Prozent des BIP anzuheben, und die Grünen lieferten die Stimmen, die für eine Zweidrittelmehrheit benötigt wurden.
Josh Turek, der Kandidat der Demokraten für den Senat in Iowa, hat versprochen, „Wall-Street-Private-Equity-Firmen den Kauf von Einfamilienhäusern zu verbieten“, doch die Demokraten im Kongress haben Jahr für Jahr für den Pentagon-Haushalt gestimmt. In Spanien war es laut SIPRI die Koalitionsregierung aus der Spanischen Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) und Sumar, die die Militärausgaben zum ersten Mal seit 1994 über 2 Prozent des BIP getrieben hat.
Die PSOE und ihre pseudolinken Partner, darunter Podemos, werden die Wohnungskrise nicht lösen, da sie die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse verteidigen, aus denen sie hervorgeht. Podemos, die als Partei aus den Protesten von 2011 hervorgegangen ist, trat 2020 gemeinsam mit der PSOE in die Regierung ein, und der Podemos-Ableger Sumar ist dort bis heute vertreten. Diese Regierungen haben Unternehmen und Banken gerettet und den Krieg der NATO gegen Russland in der Ukraine unterstützt, während es zeitgleich zu durchschnittlich mehr als 80 Zwangsräumungen pro Tag kam. Ihre Bilanz ist so arbeiterfeindlich, dass die Koalition die Wahlen im nächsten Jahr an ein Bündnis aus der rechtsgerichteten Partido Popular und der rechtsextremen Vox verlieren könnte.
Die massive Reaktion auf Maricarmen Racas Zwangsräumung drückt den tiefen Widerstand der Arbeiterklasse gegen dieses gesamte politische System aus. „Entweder fällt das Rentiersystem oder die Regierung“, erklärte die Sprecherin der Mietervereinigung, Valeria Racu, im Fernsehen. Doch die zentrale Forderung der Vereinigung lautet, dass genau jene Regierung, die die Krise zu verantworten hat, ein ehrgeizigeres Wohnungsbaudekret erlassen soll.
Die Lehren aus den Protesten von 2011 in Spanien müssen gezogen werden. Die Besetzung der Puerta del Sol in jenem Jahr brachte den massiven Widerstand gegen die Sparpolitik der PSOE-Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero zum Ausdruck. Das Problem war nicht ein Mangel an Militanz. Die Kräfte, die die Bewegung dominierten, erklärten sie für „unpolitisch“ und „führerlos“ und überließen das Feld jenen, die den Widerstand in die Partei Podemos und schließlich in die Regierung lenkten.
Die gleichen Fragen stellen sich heute, in Spanien und international. Wohnraum kann nicht garantiert werden, solange er eine Gewinnquelle für Blackstone und ähnliche Unternehmen bleibt. Angemessener Wohnraum für alle erfordert, dass die Immobilienfonds und die Banken in öffentliches Eigentum überführt und unter demokratische Kontrolle gestellt werden und dass die Ressourcen, die derzeit für Krieg ausgegeben werden, für soziale Bedürfnisse genutzt werden.
Die Arbeiter können diesen Kampf nicht durch Appelle an die PSOE, Sumar oder Podemos führen. Die amerikanischen Arbeiter können sich ebenso wenig auf die Demokraten verlassen wie auf Trump. Der Kampf erfordert die unabhängige Organisation der Arbeiterklasse in Aktionskomitees in Betrieben und in Stadtvierteln, die über die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) grenzüberschreitend miteinander verbunden sind. Vor allem erforderlich ist der Aufbau einer marxistisch-internationalistischen, d. h. trotzkistischen Führung – des Internationalen Komitees der Vierten Internationale – in Spanien und weltweit
