Die Socialist Equality Party/Parti de l’égalité socialiste (Canada) hielt vom 22. bis 24. August ihren Gründungsparteitag ab, an dem Delegierte aus dem ganzen Land in Montreal zusammenkamen oder online teilnahmen. Der Parteitag stellte einen Meilenstein im Kampf für den Trotzkismus in der kanadischen Arbeiterklasse dar. Es ist ein historischer Fortschritt im weltweiten Kampf des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI) für das Programm der sozialistischen Weltrevolution.
Im Laufe der dreitägigen Beratungen verabschiedete der Parteitag drei wichtige Resolutionen. Das Dokument „Historische und internationale Grundlagen der Socialist Equality Party (Canada)“ zieht die wesentlichen strategischen Lehren aus den Kämpfen, die die trotzkistische Bewegung international und in Kanada in der imperialistischen Epoche der Kriege und Revolutionen ausgefochten hat. Diese Epoche, die bis heute andauert, ist von zwei im Kapitalismus unlösbaren Widersprüchen geprägt: einerseits dem Widerspruch zwischen dem immer stärker gesellschaftlichen Charakter der Produktion und dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, und andererseits zwischen der zunehmenden Integration der Weltwirtschaft und ihrer Aufspaltung in rivalisierende Nationalstaaten. Am Anfang der Epoche standen der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 und die Machtergreifung der russischen Arbeiterklasse unter Führung der Bolschewiki in der Oktoberrevolution 1917.
Die Delegierten billigten außerdem einstimmig die „Grundsatzerklärung“ der Partei sowie eine Resolution, in der die Freilassung Bogdan Syrotiuks gefordert wird, eines ukrainischen Trotzkisten, der zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde, weil er zur Einheit der russischen und ukrainischen Arbeiter gegen den von der NATO angezettelten Krieg und gegen alle rivalisierenden kapitalistischen Regierungen, einschließlich der kanadischen, die diesen Krieg führen, aufgerufen hatte.
Der Gründungsparteitag der SEP fand inmitten einer globalen kapitalistischen Krise statt, die sich beschleunigt, in einem Jahrzehnt, das das IKVI als das Jahrzehnt der sozialistischen Revolution definiert hat. Ein dritter Weltkrieg zwischen den imperialistischen Mächten zur gewaltsamen Neuaufteilung der Welt ist keine zukünftige Bedrohung mehr, sondern eine rasch um sich greifende Realität. Die soziale Ungleichheit hat einen Punkt erreicht, an dem es zum Bruch kommen muss. In allen großen kapitalistischen Zentren greift die herrschende Klasse zu autoritären Herrschaftsformen, um die für den Krieg notwendigen Angriffe auf die Arbeiter durchzusetzen und die Finanzoligarchie weiter zu bereichern.
Der Kampf der Partei um die Lösung der Krise der revolutionären Führung gewinnt daher enorme Dringlichkeit. Die Diskussion auf dem Parteitag wurde vom Bewusstsein getragen, dass die Radikalisierung von Dutzenden Millionen Arbeitern auf der ganzen Welt, angetrieben durch Krieg und elende Lebensbedingungen, sich immer mehr mit dem jahrzehntelangen Kampf des IKVI zur Verteidigung und Weiterentwicklung des Programms der sozialistischen Weltrevolution überschneiden wird. Dieser Prozess verläuft jedoch nicht automatisch. Er hängt vom bewussten Eingreifen des IKVI und seiner Sektionen in die Arbeiterklasse ab, um deren Kämpfe mit einem revolutionären Programm, einer Strategie und einer Führung auszustatten.
Durch die Stärkung der trotzkistischen Identität der SEP und die Ausarbeitung programmatischer Konzepte, um den sozialistischen Internationalismus in der kanadischen Arbeiterklasse neuzubeleben, hat der Gründungsparteitag diesen Kampf auf eine neue und höhere Ebene gehoben.
Historische und internationale Grundlagen der SEP
Der Parteitag wurde nur wenige Stunden nach dem Scheitern der Handelsgespräche zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada eröffnet. Gerade hatte Premierminister Mark Carney erklärt, Ottawa befinde sich „im Krieg“. Der internationalistische Charakter des SEP-Gründungsparteitags stand in krassem Gegensatz zu dem giftigen Nationalismus, den alle imperialistischen Mächte und ihre politischen Agenten in den jeweiligen Gewerkschaftsbürokratien und pseudolinken Gruppen versprühen.
Ausdruck der objektiven Einheit der Arbeiterklasse auf dem gesamten Kontinent war die Tatsache, dass eine starke Delegation der SEP (US) an allen Beratungen des Parteitags teilnahm. David North, der Leiter der internationalen World Socialist Web Site-Redaktion und SEP-Vorsitzende in den USA, sowie Joseph Kishore, der nationale Sekretär der amerikanischen Sektion, überbrachten persönlich solidarische Grüße. Aus der Ferne nahmen Mitglieder des IKVI aus anderen Sektionen teil: Peter Schwarz, IKVI-Sekretär und ein führendes Mitglied der deutschen Sektion, Chris Marsden, nationaler Sekretär der SEP (UK), Ulaş Sevinç, Vorsitzender der türkischen Sektion und Deepal Jayasekara, Generalsekretär der SEP (Sri Lanka) übermittelten die Grüße ihrer Sektionen.
Cheryl Crisp, die nationale Sekretärin der SEP (Australien) erklärte in ihrer Grußadresse: „Die Gründung einer Sektion des Internationalen Komitees ist stets ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung. Sie bedeutet, dass die objektive Krise des Weltkapitalismus durch jahrzehntelange, langwierige Kämpfe den subjektiven Faktor hervorgebracht hat, der zu ihrer Lösung erforderlich ist: den Aufbau der revolutionären Partei (…)“
Den Resolutionen und Diskussionen auf dem Parteitag lag die Erkenntnis zugrunde, dass die SEP als kanadische Sektion des IKVI, der Weltpartei der Arbeiterklasse, aufgebaut wird – und nicht als kanadische Partei. Dazu heißt es in der Einleitung der Grundsatzerklärung:
Die Socialist Equality Party/Parti de l’égalité socialiste (SEP/PES) ist die kanadische Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, der von Leo Trotzki 1938 gegründeten Weltpartei der sozialistischen Revolution. Die Grundsätze der SEP beinhalten die wesentlichen Erfahrungen der revolutionären Umwälzungen des 20. Jahrhunderts und des damit verbundenen Kampfs der Marxisten für das Programm der sozialistischen Weltrevolution. (…) Das Programm der Socialist Equality Party bringt die Interessen der Arbeiterklasse zum Ausdruck, der führenden und entscheidenden internationalen revolutionären sozialen Kraft in der modernen kapitalistischen Gesellschaft. Die zentrale Aufgabe der SEP besteht darin, die Unterstützung der kanadischen Arbeiter für das Programm des internationalen Sozialismus zu gewinnen.
In seinem Eröffnungsbericht, mit dem er die Resolution „Historische und internationale Grundlagen“ einführte, ging der nationale SEP-Sekretär, Keith Jones, auf den Zusammenhang zwischen der SEP als internationaler Partei und als Partei der Geschichte ein. Er erklärte:
Unsere Aufgabe ist es, eine Weltpartei aufzubauen, die in der Arbeiterklasse verwurzelt, von der marxistischen Theorie beseelt und an den revolutionären Kämpfen und Bestrebungen der Arbeiterklasse geschult ist, sowie am Kampf der trotzkistischen Bewegung um die internationale Einheit und politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse. Wie es im Gründungsdokument der Socialist Equality Party der Vereinigten Staaten heißt (was in unserem eigenen zitiert wird):
„Eine revolutionäre sozialistische Strategie kann nur auf der Grundlage der Lehren aus den vergangenen Kämpfen entwickelt werden. Vor allem erfordert die Ausbildung von Marxisten ein detailliertes Wissen über die Geschichte der Vierten Internationale. Die Entwicklung des Marxismus zum theoretischen und politischen Wegbereiter der sozialistischen Revolution hat ihren höchsten Ausdruck in den Kämpfen der Vierten Internationale seit ihrer Gründung 1938 gefunden. Sie richteten sich gegen den Stalinismus, den Reformismus, den pablistischen Revisionismus und alle anderen Formen des politischen Opportunismus.“
Diese Herangehensweise zeigte sich auch darin, dass ein Großteil des Parteitags einer sorgfältigen Aufarbeitung der zentralen historischen Erfahrungen der trotzkistischen Bewegung gewidmet war. Dies reichte bis zu ihrer Gründung in der Sowjetunion im Jahr 1923 zurück, die als Reaktion auf die Entstehung der stalinistischen Bürokratie erfolgte.
Die entscheidenden Erfahrungen der trotzkistischen Bewegung im vergangenen Jahrhundert wurden durch Berichte an den Parteitag systematisch aufgearbeitet, und mehr als ein Dutzend Genossen hielten Beiträge zu allen Aspekten des Dokuments „Historische und internationale Grundlagen“.
Ursprung der trotzkistischen Bewegung in Nordamerika
In seinem Eröffnungsbericht widmete Jones zwei entscheidenden Kapiteln in der Entwicklung der weltweiten trotzkistischen Bewegung besondere Aufmerksamkeit. Erstens hatten im Jahr 1928 James P. Cannon, ein Führer der Kommunistischen Partei der USA, und Maurice Spector, Herausgeber der Zeitung der Kommunistischen Partei Kanadas und deren wichtigster Theoretiker, gemeinsam beschlossen, Trotzkis Kritik am Programmentwurf der Komintern aus der UdSSR herauszuschmuggeln. Auf der Grundlage der darin dargelegten Prinzipien nahmen sie den Kampf auf, um ihre jeweiligen kommunistischen Parteien wieder für das Programm der sozialistischen Weltrevolution zu gewinnen. Zweitens kam es in den Jahren 1982 bis 1986 zur Spaltung des IKVI von der britischen, neo-pablistischen Workers Revolutionary Party.
Jones ging auch ausführlich auf die politische Auflösung der ursprünglich trotzkistischen Bewegung im Kanada der frühen 1960er Jahre ein – auf ihre Ursachen, ihre verheerenden politischen Folgen und die Lehren für die Gegenwart.
Wie Jones erläuterte, wurden Cannon und Spector sofort aus ihren jeweiligen stalinisierten kommunistischen Parteien ausgeschlossen, weil sie Trotzkis Kritik (bekannt als Die Dritte Internationale nach Lenin, 1928) verbreiteten und verteidigten. Diese Kritik entlarvte das Programm der stalinistischen Bürokratie vom „Sozialismus in einem Land“ als reaktionäre nationalistische Utopie und deckte deren Zusammenhang mit dem Streben der Stalinisten nach opportunistischen Bündnissen mit nichtproletarischen Kräften auf, was zum Verrat und zur Niederlage der chinesischen Revolution von 1925–1927 und des britischen Generalstreiks von 1926 geführt hatte.
Cannons und Spectors mutige Haltung legte den Grundstein für die Gründung der Communist League of America, wie die trotzkistische Bewegung in Nordamerika zunächst genannt wurde. Indem sie die vom stalinistischen Regime erzwungene Isolation Trotzkis und seiner Anhänger in der Sowjetunion durchbrach, leistete sie zudem einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Internationalen Linken Opposition.
Jones wies zudem auf die Analyse hin, die Trotzki in den 1920er Jahren im Gegensatz zur stalinistischen Bürokratie entwickelt hatte: die Bedeutung des Aufstiegs des amerikanischen Imperialismus zur führenden Weltmacht für die Weltpolitik und die revolutionäre Strategie. Trotzki erkannte, dass der amerikanische Imperialismus, um seine globale Hegemonie zu sichern, gezwungen war, alle Widersprüche des Weltkapitalismus zu absorbieren – und dass (wie er in Die Dritte Internationale nach Lenin schrieb) eine Krise des US-Kapitalismus eine neue Ära globaler Kriege und Revolutionen einläuten würde. Diese Erkenntnis ist nach wie vor zentraler Bestandteil der Perspektive der SEP und des IKVI.
Weil die kanadische trotzkistische Bewegung für das Programm der sozialistischen Weltrevolution kämpfte – sie prangerte die Weigerung der Stalinisten und Sozialdemokraten an, die Arbeiterklasse gegen die Nazi-Bedrohung in Deutschland zu mobilisieren, widersetzte sich der Erstickung der spanischen Revolution unter dem Banner einer „Volksfront“ mit dem vermeintlich demokratischen Flügel der Bourgeoisie und kämpfte im Zweiten Weltkrieg für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse gegen den kanadischen Imperialismus – wurden die Trotzkisten nicht nur vom kanadischen Staat, sondern auch von den Stalinisten, den Sozialdemokraten der CCF (Co-operative Commonwealth Federation) und den Gewerkschaftsbürokraten politisch verfolgt. Im Zweiten Weltkrieg war die Partei verboten und in den Untergrund gezwungen. Doch nach Kriegsende trat sie als lebendige politische Kraft hervor, um einer Welle militanter Kämpfe politisch Führung zu geben, da die Arbeiterklasse sich gemeinsam mit ihren Klassengenossen in den USA weigerte, zu den „hungrigen Dreißigern“ und den Zeiten der gewerkschaftslosen „Open Shops“ zurückzukehren.
Gründung des Internationalen Komitees im Kampf gegen den pablistischen Revisionismus
Wie Jones erklärte, war es letztlich nicht politische Verfolgung, die die erste kanadische trotzkistische Bewegung zerstörte, sondern der Pablismus: eine kleinbürgerliche, liquidatorische Tendenz, die sich innerhalb der Vierten Internationale an die Wiederherstellung des Kapitalismus anpasste. Die erneute Stabilisierung stützte sich auf die Ressourcen des siegreichen US-Imperialismus, doch sie wurde erst möglich, als es den Stalinisten gelang, den globalen revolutionären Aufschwung, den der zweite imperialistische Weltkrieg angeheizt hatte, zu unterdrücken.
Der Pablismus lehnte die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt ab. Stattdessen suchte er nach Ersatzkräften, die angeblich einen alternativen Weg zum „Sozialismus“ ebnen sollten. Er behauptete, die Stalinisten, die anderen Gewerkschaftsbürokratien und – in den historisch unterdrückten Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas – die nationale Bourgeoisie würden unter dem Druck der Ereignisse gezwungen sein, den Weg der Revolution einzuschlagen. Soweit die Vierte Internationale überhaupt eine Rolle spielte, dann als linke Pressure group und Beraterin dieser arbeiterfeindlichen Kräfte.
Die Feindseligkeit der Pablisten gegenüber dem Kampf, die Arbeiterklasse für den sozialistischen Internationalismus zu gewinnen, führte dazu, dass sie die revolutionäre Partei und ihren Kader ablehnten und danach strebten, sie zu zerschlagen.
Im November 1953 veröffentlichte Cannon, damals führender Kopf der US-amerikanischen Socialist Workers Party (SWP), den „Offenen Brief“, das Gründungsdokument des IKVI. Es richtete sich gegen den willkürlichen Gebrauch administrativer Befugnisse des Internationalen Sekretariats, mit dem Michel Pablo und Ernest Mandel ihre trotzkistischen Gegner – darunter ganze Sektionen – ausschlossen, um ihre liquidatorische Politik durchzusetzen.
Die kanadische Sektion, damals von Ross Dowson geführt, unterstützte letztendlich den „Offenen Brief“ und schloss sich dem IKVI an, jedoch nicht ohne Zögern und unter Verlust einer pro-Pablo-Fraktion, die sich abspaltete.
„Der Pablismus stellte eine virulente liquidatorische Tendenz dar“, sagte Jones in seinem Eröffnungsbericht. „Er zielte darauf ab, das trotzkistische Programm zu untergraben, und missbrauchte das Internationale Sekretariat der Vierten Internationale, um die wirklichen Trotzkisten zu verfolgen. Wie James P. Cannon erklärte, war die Kluft zwischen dem pablistischen Revisionismus und dem orthodoxen Trotzkismus so tief, dass kein Kompromiss mehr möglich war.“
Die kanadische Sektion unterschätzte jedoch fatal die Fragen, um die es bei der Spaltung mit den Pablisten ging. Sie war 1951 der Co-operative Commonwealth Federation (CCF) beigetreten und versäumte es nun völlig, die politischen Grundlagen für diesen Schritt zu überprüfen, obwohl er auf der Grundlage jener politischen Linie erfolgt war, die das von Pablo geführte Internationale Sekretariat vertrat. Die kanadische Sektion ignorierte die Warnungen Cannons und der SWP, dass eine solche taktische Anpassung an eine feindliche politische Strömung – selbst wenn sie durch die Notwendigkeit motiviert war, Teile der Arbeiterklasse zu erreichen – unweigerlich zum Liquidationismus führen musste, wenn nicht kontinuierlich dafür gekämpft wurde, einen trotzkistischen Kader auszubilden und den unabhängigen Klassenstandpunkt der proletarischen Internationalisten von allen anderen Strömungen abzugrenzen.
„Anfang der 1960er Jahre“, erklärte Keith Jones,
arbeitete die Dowson-Gruppe (damals die League for Socialist Action, LSA) offen mit der SWP zusammen, um das Internationale Komitee zu zerschlagen und sich wieder mit den Pablisten zu vereinen. Dies beruhte auf einer ausdrücklichen Ablehnung der permanenten Revolution, und die bürgerlich-nationalistische kubanische Revolution wurde ausdrücklich als Beginn der sozialistischen Revolution in Amerika gepriesen. Die LSA feierte Castro als „natürlichen Marxisten“, und sie behauptete, Kuba zeige, dass die Führung der Revolution „außerhalb der Arbeiterklasse entstehen“ und auf „nichtproletarischen Kräften“ (d. h. kleinbürgerlichen Guerillakämpfern und der Bauernschaft) beruhen könne. Sie proklamierte die Gründung der reformistischen NDP – das Ergebnis eines bürokratischen Manövers der Gewerkschaftsbürokratie und der CCF-Überreste – als das „wichtigste Ereignis“ in der Geschichte des „Kampfs des kanadischen Volkes für politische und soziale Gerechtigkeit“.
Nach dem Bruch mit dem IKVI im Jahr 1963 und der Wiedervereinigung mit den Pablisten dauerte es keine fünf Jahre, bis die LSA den kanadischen und Quebec‘schen Nationalismus propagierte, den sie als beginnenden Antiimperialismus bejubelte. Die Pablisten trugen somit dazu bei, die wesentlichen politisch-ideologischen Formen zu verbreiten und ihnen Legitimität zu verschaffen, mit denen die kanadische Bourgeoisie in den vergangenen sechs Jahrzehnten ihre Kontrolle über die Arbeiterklasse aufrechterhalten hat.
Die Wiedervereinigung der LSA und der SWP mit den Pablisten auf der Grundlage der Verherrlichung von Castro, Che Guevara und kleinbürgerlichem Guerillakampf hatte vor allem in Lateinamerika verheerende Folgen. Sie trug zur politischen Desorientierung einer ganzen Generation von Arbeitern und Jugendlichen bei. Sie bedeutete eine Abwendung vom Kampf um die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse im Kampf gegen die Stalinisten und die nationalistischen Gewerkschaftsbürokratien. Stattdessen lenkte sie den Kampf in studentische und bäuerliche Guerillabewegungen, die selbstmörderische Angriffe auf die autoritären Regime unternahmen, bei denen Zehntausende starben.
Der Kampf um die Wiederherstellung der trotzkistischen Bewegung in Kanada nach der Wiedervereinigung von 1963 wurde Anfang der 1970er Jahre von Jugendlichen unternommen, die sich vom prinzipiellen historischen Kampf des IKVI gegen Sozialdemokratie, Stalinismus und pablistischen Revisionismus angezogen fühlten. Der mehr als fünfzig Jahre währende Kampf für den Trotzkismus bis zur offiziellen Gründung der SEP im August 2026 zeugt von der tiefen Verankerung des Programms der sozialistischen Weltrevolution in der kanadischen Arbeiterklasse sowie von der Beharrlichkeit der Kader, die seit über einem halben Jahrhundert gegen den Revisionismus und für das IKVI kämpfen.
Bruch mit der national-opportunistischen WRP
Keith Jones’ Bericht und das Dokument „Historische und internationale Grundlagen“ hoben insbesondere die Bedeutung der Spaltung im IKVI von der Workers Revolutionary Party (WRP) in den Jahren 1982–1986 und die Entlarvung ihrer national-opportunistischen Politik hervor. Die Spaltung markierte das endgültige Ende einer ganzen Epoche in der Nachkriegsgeschichte der Vierten Internationale, die vom Kampf gegen den Pablismus und gegen den Einfluss des Opportunismus in ihren Reihen geprägt war. Doch die stalinistischen, sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Bürokratien übten weiterhin großen Einfluss auf die Arbeiterklasse aus. Unter diesen Bedingungen schufen die Spaltung und die Aufarbeitung ihrer Lehren die Grundlage dafür, dass das IKVI nicht nur die historischen Prinzipien der Bewegung bewahren, sondern auch das Programm der sozialistischen Weltrevolution weiterentwickeln konnte.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Der Bruch mit der WRP wurde von der Workers League (USA) angeführt und politisch und theoretisch durch die detaillierte Kritik vorbereitet, die der nationale Sekretär der Workers League, David North, ab 1982 erarbeitet hatte. Diese Dokumente und Briefe bilden bis heute eine Grundlage für die Ausbildung trotzkistischer Kader.
In ausführlichen Beiträgen unterstrichen North und Chris Marsden auf dem Parteitag die Bedeutung der trotzkistischen Grundlagen der Weltbewegung für das Verständnis, warum sich die IK-Sektionen so schnell auf die wesentlichen theoretischen und politischen Fragen einigen konnten, sobald es möglich wurde, den Opportunismus der WRP offen zu diskutieren. Die WRP-Führer Gerry Healy, Cliff Slaughter und Mike Banda hatten ihre Autorität im IKVI, die sie ihrer Rolle bei der Ablehnung der Wiedervereinigung der SWP/LSA mit den Pablisten verdankten, dazu benutzt, eine Diskussion über ihren immer opportunistischeren Kurs zu unterbinden. Ein besonders eklatantes Beispiel hierfür war der gezielte Ausschluss von IK-Sektionen von einer Sitzung der Weltpartei im Februar 1984, auf der North einen umfassenden politischen Bericht vorlegte. Darin untersuchte er die Abkehr der WRP von der permanenten Revolution und ihre feige Anpassung an bürgerlich-nationalistische Regime und Bewegungen im Nahen Osten sowie an Gewerkschafts- und Labour-Parteibürokraten in Großbritannien.
Die „Historischen und internationalen Grundlagen der SEP (Canada)“ fassen die Bedeutung des Bruchs wie folgt zusammen:
Die Spaltung von 1982–1986 beendete den dreißigjährigen Bürgerkrieg im IKVI endgültig, indem sie die politische Kontrolle der wirklichen Trotzkisten über ihre eigene Organisation wiederherstellte. Aufgrund der Lehren aus der Spaltung entwickelte das IKVI das Programm und die Strategie der sozialistischen Weltrevolution inmitten und als Reaktion auf tiefgreifende wirtschaftliche, politische und geopolitische Umbrüche.
Die einstimmige Unterstützung der Workers League of Canada für das IKVI im Prozess der Spaltung mit der neo-pablistischen WRP und ihre anschließenden Beiträge zur politischen und theoretischen Entlarvung der WRP-Abtrünnigen waren für ihre eigene Entwicklung entscheidend. Sie widmete sich nun als genuin trotzkistische Partei dem Kampf, die Arbeiterklasse auf der Grundlage des Programms der sozialistischen Weltrevolution für sich zu gewinnen und zu mobilisieren. Auf der Grundlage der Lehren aus der Spaltung und unter der politischen Führung und Autorität des IKVI gelang es ihren kanadischen Anhängern, wesentliche Fragen zu klären, die für den Kampf um die politische Unabhängigkeit der kanadischen Arbeiterklasse und die Verankerung des sozialistischen Internationalismus‘ als Dreh- und Angelpunkt von entscheidender Bedeutung sind. Besonders wichtig war in dieser Hinsicht die Abgrenzung und Ausarbeitung der programmatischen Grundlagen des Kampfs für den proletarischen Internationalismus gegen den „linken“ kanadischen Nationalismus und denjenigen der Independantisten in Quebec.
Die kreative Weiterentwicklung des trotzkistischen Programms des IKVI drückte sich in dieser Zeit in der Reaktion der amerikanischen und kanadischen Trotzkisten auf die nationalistische Spaltung der UAW im Jahr 1985 und die „Freihandels“-Debatten der späten 1980er Jahre aus. In der kanadischen Verfassungskrise der frühen 1990er Jahre und im Referendum über die Unabhängigkeit von Quebec im Jahr 1995 waren die kanadischen IK-Anhänger (damals International Workers Party, IWP) die einzigen, die für eine sozialistisch-internationalistische Alternative in der Arbeiterklasse kämpften. Die IWP lehnte das rechte, proimperialistische Programm des Quebecer Separatismus ab, ohne dabei der herrschenden Fraktion der kanadischen Bourgeoisie und ihrem föderalen Staat Zugeständnisse zu machen.
In seiner Zusammenfassung der Diskussion rief Jones zur Verabschiedung der „Historischen und internationalen Grundlagen der SEP (Canada)“ auf. Dabei betonte er die Notwendigkeit, die darin enthaltene Geschichte im aktuellen Jahrzehnt der sozialistischen Revolution im Klassenkampf bekannt zu machen. Die Lösung der Krise der revolutionären Führung hänge von der Entwicklung einer Partei ab, deren Führung und Kader sich systematisch auf die historisch gewachsene Analyse der trotzkistischen Bewegung stützen, und die ihre Initiativen zur Ausweitung ihres Einflusses in der Arbeiterklasse in ihrer Geschichte und ihren Prinzipien und Traditionen verankert.
Er wies darauf hin, dass die Zeit vom Bruch mit der WRP bis zum Ende der 2010er Jahre besonders lehrreich sei. In dieser Zeit entwickelte das IKVI sein Programm der sozialistischen Weltrevolution als Antwort auf das Aufkommen der global integrierten Produktion weiter, dabei reagierte es auch auf den endgültigen Verrat der stalinistischen Bürokratie, die die UdSSR aufgelöst und den Kapitalismus wiederhergestellt hatte. In dieser Zeit wandelte das IKVI seine nationalen Sektionen von Bünden in Parteien um und gründete die World Socialist Web Site.
Diese Renaissance des Trotzkismus schaffte die Voraussetzung dafür, dass das IKVI die Führung einer revolutionären Massenbewegung der Arbeiterklasse für den Sozialismus übernimmt. Dies unter Bedingungen, in denen Milliarden von Arbeitern weltweit durch die verschärfte kapitalistische Krise, die ihren schärfsten Ausdruck im eskalierenden dritten Weltkrieg findet, in Massenkämpfe getrieben werden.
Eine Offensive für den Trotzkismus im Jahrzehnt der sozialistischen Revolution
Die Verwirklichung des revolutionären Potenzials, das objektiv in der heutigen Situation vorhanden ist, hängt vom Handeln der Partei ab. So betont das Dokument „Historische und internationale Grundlagen“ in seinem letzten Kapitel mit dem Titel „Der Trotzkismus und die Lösung der Krise der revolutionären Führung“:
Der Kampf des IKVI und seiner nationalen Sektionen, der Arbeiterklasse sozialistisches Bewusstsein zu vermitteln und ihren Kämpfen eine revolutionäre Perspektive, ein Programm und eine Strategie zu geben, ist der Schlüssel zur Überwindung der Kluft zwischen der Tiefe der kapitalistischen Krise und dem derzeit niedrigen Bewusstseinsstand der Arbeiterklasse. Nur die Bemühungen der revolutionären Avantgarde können und werden das Bewusstsein und die Aktivität der Arbeiterklasse auf die Höhe ihrer historischen Aufgabe anheben, die darin besteht, das kapitalistische Profitsystem abzuschaffen.
Der nordamerikanische Imperialismus steht im Zentrum der Weltkrise. Von entscheidender Bedeutung für die Strategie der SEP (Canada), wie sie auf dem Gründungsparteitag festgelegt wurde, ist die Erkenntnis, dass eine sozialistische Umgestaltung Kanadas nur durch die Vereinigung der Arbeiterklasse in Kanada, den Vereinigten Staaten und Mexiko verwirklicht werden kann. Dies ergibt sich aus der Logik der Geografie, der Geschichte und der Wirtschaft. Gemeinsam müssen sie den revolutionären Kampf für die Sozialistischen Vereinigten Staaten von Nordamerika führen.
David North wies in seiner Grußansprache an den Parteitag darauf hin, dass im August 1936, vor fast genau 90 Jahren, der erste Moskauer Prozess gegen führende alte Bolschewiki begonnen hatte. Er bildete den Auftakt zu einer Massenmordkampagne der stalinistischen Bürokratie, deren Ziel es war, alle Trotzki-Anhänger in der UdSSR auszurotten und die gesamte sozialistische Kultur zu entwurzeln, aus der die Oktoberrevolution hervorgegangen war. North betonte die bleibende Bedeutung von „Sicherheit und die Vierte Internationale“, der 1975 vom IKVI eingeleiteten Untersuchung zum Mord an Trotzki im August 1940 und zum Agenten-Netzwerk, das ihn verübte. Diese Untersuchung hat die gemeinsame konterrevolutionäre Kampagne aus Gewalt und Unterwanderung aufgedeckt, die der Stalinismus und der Imperialismus gegen die trotzkistische Bewegung richteten, und das riesige Netzwerk stalinistischer Agenten dokumentiert, die die Bewegung infiltrierten, um ihre Arbeit zu sabotieren und Attentate zu organisieren. „Sicherheit und die Vierte Internationale“ war vor allem ein politischer Kampf, der die pablistischen Abtrünnigen des Trotzkismus entlarvte. Diese deckten die blutbefleckte stalinistische Bürokratie und ihre Agenten, weil sie entschlossen waren, sich politisch mit ihnen zu versöhnen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Im Einklang mit ihrer selbstgefälligen, kleinbürgerlichen Perspektive spielten sie die Notwendigkeit revolutionärer Wachsamkeit herunter und verzerrten das marxistische Verständnis über den Staat.
Mit Blick auf die aktuelle politische Lage sagte North: „Die Entwicklung der kanadischen Politik hat sich, wie so oft, etwas länger hingezogen. Aber heute rücken die Ereignisse Kanada rasch in den Vordergrund dieses globalen Strudels, und so kommt die Parteigründung zu einem entscheidenden Zeitpunkt. Die Partei entsteht in einer sehr vielversprechenden Phase, und ich bin sicher, dass sie sich in die Radikalisierung der Arbeiterklasse, die jetzt entsteht, einbringen und darin eine wichtige Rolle spielen wird.“
Joe Kishore betonte in seinem Beitrag die Notwendigkeit einer vertieften Zusammenarbeit der kanadischen und der US-amerikanischen IK-Sektionen in der besten trotzkistischen Tradition. „Im Hinblick auf die Arbeit unserer beiden Sektionen möchte ich besonders die Bedeutung der Ursprünge des Trotzkismus betonen, deren 100-jähriges Jubiläum wir bald in den Vereinigten Staaten und Kanada begehen werden“, sagte er. „Spector unterstützte gemeinsam mit Cannon Trotzkis Kritik am Programmentwurf von 1928; dies führte dazu, dass sie damals eine einzige Organisation gründeten, um sich dem politischen Kampf gemeinsam zu widmen. Im Zentrum des Dokuments, das sie damals lasen und für das sie anschließend kämpften – nämlich der Kritik am Programmentwurf der Komintern –, stand das sozialistisch-internationalistische Prinzip, das auch dieser Parteitag vertritt: Keine kommunistische Partei kann ihr Programm ausschließlich oder hauptsächlich auf der Grundlage der Bedingungen und Entwicklungstendenzen in ihrem eigenen Land festlegen. Der Angriff auf den Marxismus war stets mit einer Ablehnung dieses Prinzips verbunden.“
Der Parteitag, der am zweiten Tag seine Satzung verabschiedet hatte, endete mit der Wahl eines neuen Nationalkomitees, das die Arbeit der Partei in der kommenden Periode leiten soll. Diese wird in wachsendem Maß von dem globalen Widerstand der Arbeiterklasse gegen Krieg, Sparpolitik, Diktatur und beispiellose soziale Ungleichheit geprägt sein.
Vor Abschluss des Parteitags erfuhren die Delegierten, dass das neue Nationalkomitee Keith Jones zum nationalen Sekretär der SEP (Canada), Louis Girard zum stellvertretenden nationalen Sekretär und Roger Jordan zum nationalen WSWS-Redakteur gewählt hatte.
Die WSWS wird die Parteitagsresolutionen in den kommenden Tagen veröffentlichen.
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