Albanien: Studentenproteste erschüttern Regierung

Seit Dienstag erschüttert eine Welle von Studentenprotesten die albanische Hauptstadt Tirana. Was am 13. Oktober als Kundgebung einiger Hundert Studierender vor dem Bildungsministerium begann, hat sich binnen weniger Tage zu einer breiten Bewegung gegen die gesamte Regierung von Ministerpräsident Edi Rama ausgeweitet.

Flamingo-Protest in Tirana am 14. Juni 2026 [Photo by Albinfo / Wikimedia / CC BY 4.0]

Am Mittwoch versammelten sich bereits Tausende vor dem Ministerium, nachdem sich zahlreiche Einwohner Tiranas den Studierenden angeschlossen hatten. Das Bildungsministerium sowie das Justizministerium gerieten im Zuge der Proteste in Brand, und Protestierende drangen auch in das Finanzministerium ein und zündeten Unterlagen an.

Am Donnerstag schlossen sich Gymnasiasten den Protesten an, die Schulen der Hauptstadt stellten den Unterricht ein. Das Parlament vertagte aufgrund der Proteste eine geplante Plenarsitzung auf die kommende Woche. Am Samstag protestierten erneut Tausende und im Zentrum Tiranas kam es zu heftigen Straßenschlachten.

Mittlerweile hat die Bewegung das ganze Land erfasst. Ausgehend von Kamza am Stadtrand Tiranas kam es in Shkodra, Vlora, Lushnja, Elbasan, Durrës und Korçë zu Protesten. Viele Jugendliche reisten aus der Provinz nach Tirana, um dort weiter zu demonstrieren.

Bis zum Freitag wurden allein in der Hauptstadt rund 50 Protestierende und mehrere Polizisten verletzt. Bis Samstag wurden mehr als 167 meist junge Demonstranten festgenommen. Gegen 388 Personen wurde Strafanzeige erstattet. Im Zentrum Tiranas wurden eine Bank und Räume einer Universität verwüstet.

Die Polizei geht mit großer Brutalität gegen die teilweise minderjährigen Protestierenden vor. Sie setzt Tränengas, Wasserwerfer, Schlagstöcke – und am Samstag erstmals auch Gummigeschoße – gegen protestierende Jugendliche ein. Nachdem es zu großer Empörung über das brutale Vorgehen kam, wurden fünf Beamte Berichten zufolge wegen Übergriffen auf Unbeteiligte suspendiert.

Unmittelbar protestieren die Studierenden gegen hohe Studienkosten, unbezahlbare Mieten, fehlende finanzielle Unterstützung, miserable Bedingungen an den Hochschulen und fehlende Berufsaussichten nach dem Abschluss. Dahinter steht eine tiefe soziale Krise. Albanien gilt auf dem Papier als einer der am weitesten fortgeschrittenen EU-Beitrittskandidaten, doch Löhne, Kaufkraft und öffentliche Dienste liegen weit unter dem EU-Durchschnitt. Seit vielen Jahren verlassen vor allem junge Menschen in Scharen das Land.

Der Politikwissenschaftler Afrim Krasniqi wies darauf hin, dass Studierende fast drei Monate lang friedlich protestiert haben. Die Regierung habe ihre Forderungen ignoriert und mit einer üblen Diffamierungskampagne beantwortet. Ein Jurastudent sagte dem Balkan Investigative Reporting Network (BIRN), er demonstriere, damit korrupte Politiker vor Gericht gestellt würden.

Die 24-jährige Studentin und Musiklehrerin Anjeza Marku sagte dem österreichischen Standard: „Wir haben 135 Tage lang friedlich protestiert, doch die Regierenden haben die Teilnehmenden lediglich beleidigt. Die Bevölkerung sieht in der Jugend die letzte Hoffnung Albaniens – oft wurden wir sogar mit der Jugend in Frankreich verglichen. Aber der Regierung ist es völlig egal, ob wir friedlich protestieren. Auf unsere Stimmen wird sie ohnehin nicht hören.“

Sie fügte hinzu: „Wir lehnen jegliche Diskussion mit dieser korrupten Regierung ab. Sie hat unser Vertrauen verspielt und verdient keine zweite Chance.“

Die Studentenproteste sind Teil einer breiteren Protestbewegung, die den Balkanstaat seit Ende Mai erfasst hat. Auslöser war ein Tourismusprojekt im Wert von rund 1,4 Milliarden Euro auf der Insel Sazan und an der Küste bei Zvërnec, direkt an der Lagune von Narta, einem geschützten Lebensraum für Flamingos. Hauptinvestor ist Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Nachdem die Küste abgesperrt worden war, gingen am 23. Mai die ersten Dorfbewohner auf die Straße; am 30. Mai griff privates Sicherheitspersonal Demonstranten an.

Die nach den Vögeln der Lagune benannte Bewegung breitete sich rasch auf Tirana und andere Städte aus. Sie wurde zur größten Protestwelle seit dem Zusammenbruch des stalinistischen Regimes Anfang der 1990er-Jahre und organisiert sich bewusst unabhängig von den Parteien. Ihr Ausgangspunkt – Strände, Buchten und Naturschutzgebiete werden an Milliardäre übergeben, während die Bevölkerung buchstäblich ausgesperrt wird – ist zum Symbol eines Systems geworden, in dem eine schmale Elite das Land an internationales Kapital verkauft.

Albanien zählt zu den ärmsten Ländern Europas. Mehr als ein Fünftel der Bevölkerung gilt offiziell als arm. Die offizielle Arbeitslosenquote lag im dritten Quartal 2025 bei rund 8 Prozent, unter jungen Menschen jedoch fast doppelt so hoch. Dabei spiegeln diese offiziellen Zahlen die Realität kaum wider.

Rama hatte die Bewegung im Sommer als Teil eines „hybriden Kriegs“ abgetan, angeblich gesteuert von Desinformation und ausländischen Interessen. Am Freitag machte er die Opposition und „ausländische Akteure“ für die Gewalt verantwortlich, die Albaniens Weg in die EU behindern wollten.

Rama war Ende der 1990-er Jahre als Quereinsteiger in die Politik gekommen und hatte die Führung der Sozialistischen Partei (PS), der ehemaligen stalinistischen Staatspartei, übernommen, die er in eine pro-EU-Partei umformte. Er regiert seit 2013 und gewann im vergangenen Jahr eine vierte Amtszeit.

Er reagierte auf die Proteste mit der üblichen Verachtung für die Bevölkerung und schloss bisher einen Rücktritt kategorisch aus. Der Fraktionschef der PS, Taulant Balla, machte die oppositionelle Demokratische Partei (PD) für die Ausschreitungen verantwortlich.

Rama und seine Regierung sind zutiefst verhasst und von Korruptionsskandalen zerfressen. Die Sonderstaatsanwaltschaft SPAK wirft Vizepremierministerin Belinda Balluku vor, in die Vergabe staatlicher Bauaufträge eingegriffen zu haben; Rama setzte sie nach kurzer Suspendierung zunächst wieder ein und entließ sie erst im Februar 2026 bei einer Kabinettsumbildung. Gegen mehrere frühere Minister wird ermittelt.

Von Seiten der EU können die Protestierenden keine Unterstützung erwarten. Die EU-Delegation in Tirana mahnte nur lapidar eine „verhältnismäßige“ Reaktion der Behörden an. Doch Brüssel unterstützt die Rama-Regierung seit Jahren – nicht zuletzt wegen seines Abkommens mit Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni über Lager für Flüchtlinge auf albanischem Boden, um deren Weiterreise in EU-Staaten zu verhindern.

Die rechte PD unter dem früheren Präsidenten und Ministerpräsidenten Sali Berisha versucht, die Bewegung zu vereinnahmen. Sie unterstützt nach eigenen Worten die Forderungen der Studierenden und verlangt eine Übergangsregierung sowie vorgezogene Neuwahlen. Berisha stellte sich scheinheilig hinter die Proteste und rief Ärzte und Pflegekräfte auf, sich ihnen anzuschließen.

Doch die albanische Bevölkerung hat ausreichend Erfahrungen mit Berisha und anderen rechten, korrupten Politikern seines Schlags gemacht. In Tirana skandieren Demonstranten „Rama ins Gefängnis, Berisha ins Gefängnis“. PD-Abgeordnete, die sich dem Protest anschließen wollten, wurden aufgefordert, die Demonstrationen zu verlassen.

Berisha, 2023 selbst wegen Korruption und Geldwäsche angeklagt und mit einem US-Einreiseverbot belegt, hatte das Kushner-Projekt anfangs unterstützt und sich erst dagegen gewandt, als sich die Proteste ausweiteten. PS und PD stehen gleichermaßen für Privatisierung, soziale Angriffe und Selbstbereicherung, die Albanien seit der kapitalistischen Restauration prägen.

Schon 2018 zwang eine Studentenbewegung Rama, acht Minister zu entlassen und einen „Pakt für die Universität“ zu verkünden. An den grundlegenden Verhältnissen änderte das nichts. Weder ein Kabinettsumbau noch eine Rückkehr Berishas werden die Probleme lösen.

Die Ereignisse in Albanien sind kein isoliertes Phänomen. In Frankreich blockieren Schüler seit Mitte September ihre Gymnasien. Sie protestieren gegen überfüllte und baufällige Klassenzimmer, fehlende Lehrer, belastende Stundenpläne und Parcoursup, das französische Online-Portal für die Vergabe von Studienplätzen. Gleichzeitig treibt Premierminister Sébastien Lecornu Sparmaßnahmen im Umfang von 54 Milliarden Euro voran, während zweistellige Milliardenbeträge ins Militär fließen.

Am Samstag, als die Lage in Albanien eskalierte, gingen in Frankreich 800.000 Menschen auf die Straße. Auch in Spanien, Belgien, Portugal und Irland finden seit Wochen Massendemonstrationen gegen hohe Mieten, steigende Preise und unhaltbare Lebensbedingungen statt.

Die Bewegung entwickelte sich auch in Frankreich zu einer Konfrontation zwischen der Jugend, der Arbeiterklasse und der Regierung. Nach Angaben des Kultusministeriums wurde an 891 Schulen in Frankreich der Unterricht ganz oder teilweise ausgesetzt, davon an 250 im Großraum Paris. Die Nationale Oberschülervereinigung (USL) bezifferte die Zahl der von Schülern blockierten oder von den Behörden geschlossenen Schulen auf rund 1.800, und die Studentenvereinigung meldete Blockaden von 57 Universitäten, darunter die Sorbonne und die ENS Paris-Saclay.

Die Polizei ging mit brutaler Gewalt gegen die Proteste vor. Zwei Schüler verloren durch Polizeigranaten eine Hand, einer erblindete auf einem Auge. Seit dem 28. September wurden mehr als 6.000 Menschen festgenommen, die große Mehrheit von ihnen Minderjährige.

Die Wut richtet sich auch hier längst nicht nur gegen marode Schulen. Viele Jugendliche denken an den Mai 1968, als die Repression gegen Studenten einen Generalstreik auslöste.

Die Proteste in Albanien und Frankreich sind Teil einer internationalen Welle des Klassenkampfs, die auch andere Länder, wie Spanien und Belgien erfasst hat. Überall richtet sich die Wut der Jugend und der Arbeiter gegen dieselbe Entwicklung: Gegen Sparpolitik, soziale Ungleichheit, Polizeirepression, Aufrüstung und Krieg.

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