Der Volkswagen-Konzern plant, die Gehälter seiner weltweit rund 650.000 Beschäftigten bis 2030 einzufrieren. Das geht aus internen Unterlagen für das internationale Top-Management hervor, über die zuerst die Süddeutsche Zeitung berichtet hatte. Der Europa- und Weltbetriebsrat hat diese Pläne am Montagmorgen im Konzern-Intranet bestätigt. Betroffen sind nicht nur die Belegschaften der Konzernmarke VW, sondern auch die der Tochterkonzerne wie Audi, Porsche, Ŝkoda, Seat, Cupra, Traton und viele andere.
Für die 275.000 Beschäftigten in Deutschland würde eine vierjährige Nullrunde bei gleichbleibender Inflationsrate einen Reallohnverlust von 12,5 Prozent bedeuten. Die aktuelle Inflation liegt bei 3,4 Prozent und es wird erwartet, dass sie nächsten Jahr weiter ansteigt.
Die Pläne sollen Teil des intern „Group Target Picture“ genannten Sparprogramms von VW-Chef Oliver Blume sein. Darin ist von einer „Neuausrichtung“ der internationalen Tarifverhandlungen die Rede. Das Budget, das der Konzern bereitstellt, um Lohnerhöhungen zu finanzieren, soll zusammengestrichen werden. „Pay freeze until 2030“, ein Aussetzen von Lohnerhöhungen bis zum Beginn des neuen Jahrzehnts, berichtet die SZ.
Vom vierten Quartal 2026 an, also ab sofort, sollen weltweit neue Richtlinien gelten, die die Gehälter weiter senken: die Reduzierung variabler Vergütungen, spezieller Zahlungen und Vorteile, „höhere Produktivität, mehr zeitliche Flexibilität und die Reduzierung von Überstunden“ sowie ein weiterer Stellenabbau, insbesondere außerhalb der Produktion.
Für die in Deutschland Beschäftigten setzt das die Leitplanken für die gerade angelaufenen Lohntarifverhandlungen. Sowohl bei den Haustarifverhandlungen der Kernmarke VW als auch bei denen in der Metall- und Elektroindustrie hat die IG Metall nur 5 Prozent mehr Lohn gefordert und damit schon im Vorfeld klar gemacht, dass sie bereit ist, Reallohnsenkungen zu vereinbaren.
Der jetzige Gehaltsstopp ist nur die jüngste Eskalationsstufe eines Generalangriffs auf die Belegschaft, der bereits weit fortgeschritten ist.
Beim „Weihnachtswunder“ von 2024 vereinbarten IG Metall und Betriebsrat mit dem Konzern den Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen und Lohnsenkungen von bis zu 20 Prozent bei den 130.000 Beschäftigten der Kernmarke VW in Deutschland. Im März 2026 erhöhte Konzernchef Oliver Blume den Abbau auf 50.000 im Gesamtkonzern.
Anfang September stimmte der Aufsichtsrat unter Leitung von IG-Metall-Chefin Christiane Benner und Gesamtbetriebsratschefin Daniela Cavallo einstimmig dem Abbau weiterer 50.000 Stellen zu, davon 25.000 in Deutschland. Die voraussichtliche Schließung von vier Werken in Emden, Zwickau, Hannover (VW) und Neckarsulm (Audi) wurde „zur Kenntnis genommen“, wie die IG Metall behauptet.
Ende September kündigte VW dann zehn von 13 Tarifverträgen, die wichtige Arbeitsbedingungen regeln – wie die Höhe der Wochenarbeitszeit, der Urlaubstage, der Schichtzulagen und Sonderzahlungen sowie die Regeln bei Kündigung, Alterssicherung, Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall usw. Und nun kommen die Pläne zum Gehaltsstopp hinzu.
Die Süddeutsche Zeitung spekuliert, die IG Metall dürfte „auf die Ansage einer mehrjährigen Nullrunde mit Widerstand reagieren“ und werde die Pläne „mit allen Mitteln zu verhindern versuchen“. Das ist eine Illusion.
Zum Gehaltsstopp meldete sich als erstes der VW-Weltbetriebsrat zu Wort, dessen Präsidentin niemand anders ist als Daniela Cavallo, Konzern- und Gesamtbetriebsratsvorsitzende von VW. Ihr war laut Gewerkschaft der Gehaltsstopp schon ein paar Tage zuvor – Ende letzter Woche – bekannt.
Das Vorgehen des Vorstands spielt der Weltbetriebsrat mit den Worten „absurd“, „Schildbürgerstreich“ und „Wunschdenken“ herunter. „Ein solches Wunschdenken der Wolfsburger Arbeitgeberseite kann gar nicht real werden“, schreibt er. Schließlich würden tarifliche Fragen im VW-Konzern immer noch dezentral entschieden, von den jeweiligen Vertragsparteien vor Ort. „Und natürlich werden die gewerkschaftlich organisierten Belegschaften auch zukünftig überall auf der Welt ihren fairen Anteil einfordern und im Zweifel mit Nachdruck durchsetzen. Gestern, heute, morgen.“
Das ist dreist. Glauben Cavallo und ihre Schreiberlinge die VW-Beschäftigten seien blöd? Die 130.000 VW-Beschäftigten, für die der VW-Haustarifvertrag gilt, konnten mithilfe der IG Metall und ihrer Betriebsräte weder gestern noch heute „ihren fairen Anteil einfordern und mit Nachdruck durchsetzen“. Sie hatten beim Sparpaket 2024 neben dem Jobabbau und den Lohnsenkungen auf eine vereinbarte Lohnerhöhung von 5,5 Prozent verzichtet. Die angebliche „Beschäftigungssicherung bis 2030“, mit der Cavallo und IGM-Verhandlungsführer Thorsten Gröger die Belegschaften beruhigen wollen, schließt lediglich betriebsbedingte Kündigungen aus – die Arbeitsplätze werden über Abfindungen und Altersteilzeit vernichtet. Laut VW haben seit Ende 2024 bereits 30.000 Beschäftigte im Gesamtkonzern diese Möglichkeit genutzt. Nun sollen noch 25.000 allein in Deutschland hinzukommen.
Wenn Cavallo und ihrem Apparat nicht das Handwerk gelegt wird, werden die „gewerkschaftlich organisierten Belegschaften“ auch morgen und in Zukunft nur verlieren. Während der Aufsichtsrat am 3. September einstimmig – mit den Stimmen der IGM-Vertreter und Betriebsräte – dem Zukunftsplan 2030 zustimmte, der den Abbau von 50.000 Stellen besiegelt und die Schließung von vier Werken in Deutschland androht, soll die operative Umsatzrendite bis 2030 auf neun Prozent steigen. Mit anderen Worten: Die IGM- und Betriebsratsvertreter haben im Aufsichtsrat die Existenz der Belegschaften den Profitinteressen der Aktionäre geopfert, zu denen die milliardenschweren Eigentümerfamilien Porsche und Piëch sowie das Scheichtum Katar zählen.
Die IGM-Funktionäre sind sich darüber voll bewusst. Gröger selbst erklärte: „Während Gewinne privatisiert werden, sollen unternehmerische Kosten und Risiken nun auf die Belegschaft verlagert werden.“ Er und Cavallo organisieren das. Das ist der Sinn und Zweck der „Mitbestimmung“, die sie mit Zähnen und Klauen verteidigen – die legalisierte Korruption der Gewerkschafts- und Betriebsratsspitzen.
Und die Beschäftigten des VW-Konzerns müssen sich klar machen: Der aktuelle Gehaltsstopp ist nicht das Ende der Angriffe. Der anhaltende Einbruch des Absatzes in China – nach Europa der wichtigste Markt des Konzerns – wird dieser mit der nächsten Runde von Sparprogrammen und Standortdiskussionen beantworten.
In den ersten neun Monaten 2026 lieferte Volkswagen in China nur noch rund 1,38 Millionen Fahrzeuge aus. Das sind 30,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Allein im dritten Quartal brach der Absatz um 38,5 Prozent auf knapp 406.000 Fahrzeuge ein. Rechnet man diesen Trend für das Gesamtjahr fort, läge das China-Ergebnis bei deutlich unter zwei Millionen Fahrzeugen – gegenüber rund 2,69 Millionen im Jahr 2025.
Viele der bereits gekürzten Investitionsplanungen beruhen indes auf einem deutlich höheren China-Absatz von rund 2,7 Millionen Fahrzeugen. Diese Annahme erscheint unter den aktuellen Marktbedingungen kaum noch realistisch. Denn die Krise betrifft nicht nur Volkswagen.
Der chinesische Pkw-Gesamtmarkt schrumpfte in den ersten neun Monaten 2026 um rund 22 Prozent. Besonders die Verbrenner verlieren an Boden; auch der Markt für „New Energy Vehicles“ – also Batterieelektrische Fahrzeuge und Plug-in-Hybride – war zuletzt rückläufig. Zugleich machen NEVs inzwischen deutlich mehr als die Hälfte der Pkw-Neuverkäufe aus. Während in China elektrifizierte Antriebe zum Massenmarkt werden (erwarteter Anteil 2027: 80 Prozent), machten NEVs bei Volkswagen 2025 nur rund fünf Prozent der China-Auslieferungen aus.
Mit anderen Worten: Der Einbruch in China wird sich beschleunigen. Zahlen werden die chinesischen Arbeiter mit der Einstellung der dortigen Produktion und die europäischen mit der Schließung zahlreicher Werke.
Schon jetzt berichtet das Handelsblatt, dass der Aufsichtsrat die sogenannte Planungsrunde in diesem Jahr nicht mehr wird abschließen können. Normalerweise entscheidet der VW-Aufsichtsrat im Herbst über die Ausgaben für die kommenden fünf Jahre, nach 165 Milliarden Euro Investitionen in der vorherigen Runde, stehen nun 135 Milliarden Euro zur Abstimmung. Entschieden wird vor allem über die Belegung der gut 110 Werke im Konzernverbund sowie über Investitionen in Software, Batterietechnik oder automatisiertes Fahren. An den Entscheidungen hängen nicht nur die Arbeitsplätze beim VW-Konzern, sondern auch bei zahlreichen Zulieferern.
Die markigen Worte Cavallos von „heftigen Auseinandersetzungen“ und gar „Streik“ sind angesichts dieser Entwicklung Betrug. Sie wird wie 2024 jeden Angriff auf die Belegschaften mittragen, denn dafür wird sie bezahlt.
Die Belegschaften dürfen sich nicht auf einen Apparat verlassen, der mit dem Management gemeinsame Sache macht. Ein Kampf zur Verteidigung der Werke, Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen ist nicht mit, sondern nur gegen Cavallo, Gröger, Benner und den Gewerkschaftsapparat möglich, für den sie stehen.
Notwendig ist der Aufbau unabhängiger Aktionskomitees, gewählt von den Beschäftigten, ohne hauptamtliche Funktionäre. Sie müssen auch die Isolation der Werke überwinden und die Belegschaften international vereinen – gegen die nationalistische „Standortverteidigung“, die Konzern, Gewerkschaft, Europa- und Weltbetriebsrat gezielt nutzen, um die Beschäftigten der verschiedenen Standorte gegeneinander auszuspielen. Die Angriffe bei VW werden weltweit koordiniert; der Widerstand muss es ebenfalls sein.
Der weltweite Angriff des VW-Vorstands unter Blume kann nur durch die weltweite Mobilisierung der VW-Beschäftigten zurückgeschlagen werden. Wir rufen Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland, Spanien, Portugal, Ungarn, Polen, Slowakei, Tschechien, Italien, Großbritannien, Mexiko, Brasilien, USA, China, Indien, Südafrika und an allen weiteren VW-Standorten auf, mit uns Kontakt aufzunehmen. Füllt das untenstehende Formular aus oder schreibt eine Nachricht über Whatsapp an die +491633378340.
