Die Unternehmensgruppe Theo Müller hat angekündigt, Standorte in Leppersdorf bei Dresden und Rogätz bei Magdeburg zu schließen. Die Schnittkäserei im sächsischen Leppersdorf soll zum Jahresende 2026 schließen, die Produktion im Homann-Saucenwerk Rogätz im September 2027 enden. Jeweils rund 160 Beschäftigte sind betroffen. Beide Betriebe seien laut Presseerklärungen angeblich veraltet und aufgrund hohen Investitionsbedarfs wirtschaftlich nicht mehr rentabel.
Beide Produktionsstätten waren nach dem Ende der DDR 1990 neu errichtet bzw. modernisiert worden. Der einstige VEB Konservenfabrik Rogätz wurde vom niedersächsischen Lebensmittelhersteller Hamker um- und ausgebaut. 2007 ging Hamker an Homann Feinkost, das drei Jahre später vom rasch expandierenden Müller-Konzern geschluckt wurde.
Müller kündigte bereits kurz nach der Homann-Übernahme mehrere Schließungen an. 2022 endete nach 146 Jahren die Produktion im einstigen Homann-Stammwerk in Dissen, 2019 wurden die kleineren Werke im thüringischen Floh-Seligenthal und Sassnitz auf Rügen geschlossen. Das Werk in Bottrop wurde an das niederländische Unternehmen Signature Foods verkauft. Damals waren insgesamt rund 1500 Arbeitsplätze betroffen.
Das einzig verbliebene Homann-Werk in Lintorf, anfangs auch von Schließungsplänen betroffen, wurde ab 2022 für 170 Millionen zum zentralen Standort für Saucen und Dressings ausgebaut. Die Belegschaft wuchs dort von 200 auf mehr als 500. Die Schließung des kleineren Werks mit überschneidender Produktionslinie in Rogätz nicht einmal 300 Kilometer weiter östlich kommt daher nicht überraschend.
Aufkaufen, rationalisieren, verkaufen oder schließen ist die Methode, mit der das weltweite Müller-Imperium geschaffen wurde, das in 55 Jahren aus einer Molkerei mit vier Angestellten zu einem Weltkonzern heranwuchs.
Ähnlich begann es auch in Leppersdorf. Der einstige VEB Dresdner Milchwerke wurde 1990 von der Stuttgarter Südmilch AG übernommen. Er firmierte jetzt als Sachsenmilch AG, die zu diesem Zweck eigens als erstes börsennotiertes Unternehmen Ostdeutschlands gegründet wurde. Parallel zur Abwicklung des einstigen Kombinats in Dresden wurde vor den Toren der Stadt ein neues Werk errichtet. Es sollte ein politisches Vorzeigeprojekt werden, endete jedoch in einem Desaster.
An der Spitze des Vorstands und Aufsichtsrats der Sachsenmilch AG stand mit Wolfgang Weber und Friedrich Wilhelm Schnitzler exakt das gleiche Duo wie an der Spitze der Südmilch AG. Schnitzler war bestens mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth vernetzt, der maßgeblich dafür gesorgt hatte, dass sein Parteifreund Kurt Biedenkopf zum ersten Ministerpräsidenten des neu gegründeten Bundeslands Sachsen wurde, und der selbst 1991 als Industriemanager (Jenoptik) nach Thüringen zog.
Die engen Verbindungen zur Politik sorgten dafür, dass staatliche Fördermittel aus Bonn und Brüssel zügig in die Sachsenmilch AG flossen. Von den insgesamt 67 Millionen D-Mark floss der Großteil jedoch weiter nach Stuttgart, um die Finanzlöcher der Südmilch AG und andere Löcher zu stopfen.
Letztlich meldete die Sachsenmilch AG 1993, ein Jahr nach dem Spatenstich, Insolvenz an. Es folgen mehrere Verfahren und Urteile gegen führende Manager. Wolfgang Weber floh im selben Jahr nach Paraguay. Zehn Jahre später kehrte er zurück und erhielt nur eine zweijährige Bewährungsstrafe. Die Südmilch AG, die ebenfalls vor dem Konkurs, stand, wurde von der niederländischen Campina übernommen. Die Sachsenmilch AG ging an den Müller-Konzern. Unter dem neuen Besitzer flossen ab 2003 weitere 70 Millionen Euro an staatlichen Subventionen nach Leppersdorf.
Die Schnittkäserei in Leppersdorf, in der etwa 160 von 3000 Beschäftigten arbeiten, produziert rund 50.000 Tonnen Schnittkäse unter der Eigenmarke Sachsenmilch und im Auftrag von Discountern. Mit der Schließung steigt Müller komplett aus der Schnittkäse-Produktion in Deutschland aus. Mozzarella und Sauermilchkäse werden vor Ort weiter produziert.
Während die Müller-Gruppe hier hohe Investitionskosten als Begründung anführt, hat sie andernorts für Millionen expandiert und hat weitere Pläne.
Erklärtes Ziel ist die Übernahme der zweitgrößten Molkerei in Sachsen, der Vogtlandmilch GmbH in Plauen. Berichten zufolge ist von einem Kaufpreis von 38 Millionen Euro die Rede. Der Betrieb, hinter dem eine Genossenschaft von Bauern aus Westsachsen und Thüringen steht, wurde erst 2025 für insgesamt 46 Millionen Euro modernisiert.
Laut Sachsenmilch-Geschäftsführer Mathias Hauer soll die Produktionskapazität von rund 200 auf 250 Millionen Kilogramm Milch pro Jahr gesteigert werden, mit Schwerpunkt auf Quarkproduktion. Gemeinsam mit Leppersdorf und der Pragolaktos-Molkerei bei Prag würde Müller seine Marktmacht damit weiter ausbauen auf rund 2,3 Millionen Tonnen Milch pro Jahr. Bereits jetzt ist es absoluter Marktführer in dem Großraum zwischen Berlin, Thüringen und den polnischen und tschechischen Grenzregionen.
Wahrscheinlicher als ein Ausbau in Plauen ist jedoch eine weitere Konzentration der Produktion Leppersdorf. Das befürchten nicht nur Plauens Oberbürgermeister Steffen Zenner, sondern auch weitere Politiker und Kritiker der Übernahmepläne. Die Erfahrungen nach der Übernahme von Homann Feinkost sprechen Bände.
Ebenso die Geschichte der Landliebe Molkerei in Heilbronn und Schefflenz. Einst eine Marke der Südmilch AG, hatte Müller diese 2022 unter Auflagen durch das Kartellamt von Campina übernommen. Zwei Jahre später wurde die Stilllegung der Produktion angekündigt. Sie wurde auf die Standorte der Müller-Gruppe in Leppersdorf und Aretsried (Bayern) verlagert.
Auch die Mitarbeiter bei der Joghurtproduktion in Lüneburg bangen um ihre Zukunft. Müller hatte 2025 das dortige Werk der krisengeschüttelten Hochwald-Gruppe zusammen mit dem Markenrechten für „Elinas“ und „Lünebest“-Joghurt abgekauft. Sein Marktanteil an der deutschen Joghurtproduktion steigerte Müller damit auf 30 Prozent. Ebenfalls 2025 wurde das Werk der Berief Food GmbH in Beckum erworben, das auf Hafermilch und andere pflanzliche Lebensmittel spezialisiert ist.
Kaufen, verlagern, schließen – so lautet die Strategie eines Konzerns, der nach eigenen Angaben 2025 einen Rekordumsatz von 10,3 Milliarden Euro erwirtschaftete und damit eine Verzehnfachung in 25 Jahren schaffte. Neben Deutschland ist der Müller-Konzern dabei vor allem in Großbritannien, Polen und Tschechien präsent.
Ein Weltkonzern, der Milliarden umsetzt, könnte ohne Weiteres in die Modernisierung der Standorte investieren und die Arbeitsplätze sichern. Dass er es nicht tut, ist keine wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern eine Entscheidung der Konzernleitung: Die Rendite des Milliardärs Theo Müller hat Vorrang vor der Existenz der Beschäftigten.
Das Vermögen von Theo Müller ist dabei nicht nur auf Kosten der Arbeiter gewachsen, sondern auch durch die Ausnutzung zahlreicher Steuerschlupflöcher. Sitz der Unternehmensgruppe Theo Müller ist seit 2011 aus steuerrechtlichen Gründen Luxemburg. Theo Müller selbst wanderte samt Familie bereits 2003 in die Schweiz aus, um in Zukunft die Zahlung der deutschen Erbschaftsteuer zu vermeiden. In der Schweiz gründete er außerdem die Theo Müller Holding, die als private Beteiligungsgesellschaft der Familie dient und dieser erhebliche steuerliche Vorteile bringt.
Der Milliardär zog in die Schweiz, um Steuern zu sparen, während er in Sachsen Subventionen für seinen Molkereibetrieb abgriff und 2021 von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) den Sächsischen Verdienstorden verliehen bekam. Mit seinen geschätzten Vermögen von rund 10 Milliarden Euro ist Müller laut Forbes auf Platz 361 unter den reichsten Menschen der Welt und auf Platz 16 in Deutschland.
Das der deutsche Oligarch offen Sympathien für die rechtsextreme AfD hegt, kann daher nicht überraschen. Er bezeichnete die AfD-Vorsitzende Alice Weidel als „Freundin“ und schlug im Rahmen der Landtagswahl 2024 in Sachsen und erneut 2026 in Baden-Württemberg eine Koalition der CDU mit der AfD vor.
Nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt im September 2026 appellierte er an Bundeskanzler Friedrich Merz, die Koalition mit der SPD zu beenden und eine Minderheitsregierung der Union gestützt auch auf die AfD zu bilden. Wie auch in den USA drängt die herrschende Finanzaristokratie nach einer Veränderung des politischen Überbaus, der den wirklichen gesellschaftlichen Verhältnissen entspricht. Daher die Hinwendung des Milch-Barons zu den Faschisten.
Für Ende des Jahres hat der AfD Wahlsieger in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, ein Gespräch mit Theo Müller angekündigt. Er bedankte sich für die Gesprächsbereitschaft um die Zukunft des Standorts Rogätz und erklärte: „Die AfD-Fraktion wird sich dafür einsetzen, dass jede realistische Chance zum Erhalt des Werks genutzt wird. Eine starke Wirtschaft braucht verlässliche Rahmenbedingungen, bezahlbare Energie und eine Politik, die Unternehmen nicht ausbremst, sondern ihnen Entwicklung ermöglicht“.
Als hätte je eine deutsche Regierung den Aufstieg des Milliardärs Theo Müller ausgebremst.
