Labour-Verteidigungsminister Wes Streeting hat erklärt, Großbritannien müsse innerhalb von 1.000 Tagen kriegsbereit sein. In einem Beitrag für den Telegraph am Sonntag warnte er, Großbritanniens Gegner könnten „durch ihre militärische Stärke und Kriegswirtschaft in die in die Lage versetzt werden anzugreifen. ... [Deshalb] ist es meine entscheidende Priorität... sicherzustellen, dass dieses Land bereit ist, einen Krieg zu führen und zu gewinnen. Das ist der einzige Maßstab, der zählt.“
Streeting schrieb weiter: „Um das Schlimmste zu verhindern, müssen wir uns darauf vorbereiten. Vor allem bedeutet dies die Ausweitung unserer Kapazitäten, damit unsere Gegner es sich zweimal überlegen, uns anzugreifen. Sollte das nicht klappen, müssen wir sicherstellen, dass Großbritannien kriegsbereit ist.“
Der Gastbeitrag schloss mit den Worten: „Damit bleiben uns etwas mehr als 1.000 Tage, um unsere Mission zu erfüllen: zusammen mit unseren Verbündeten bereit zu sein, zu kämpfen und zu siegen. Diese Regierung wird dafür sorgen, dass diese Mission erfüllt wird.“
Der einzige Gegner, den Streeting namentlich erwähnte, war Russland. Er erklärte, die größten Bedrohungen für Großbritannien gingen nicht einfach nur von „konventioneller Kriegsführung oder russischen Panzern aus, die über unsere Grenze rollen“, sondern von der „wachsenden Bedrohung durch staatlich unterstützten Terrorismus, Sabotage und feindselige Akte, die darauf ausgelegt sind, unser Leben zu beeinträchtigen, unsere Sicherheit zu untergraben und Angst unter unseren Mitmenschen zu verbreiten.“
Es vergeht kaum ein Tag, an dem Moskau nicht beschuldigt wird, mit „hybrider Kriegsführung“ unter Einsatz der Mittel, die Streeting beschreibt, gegen das Vereinigte Königreich vorzugehen.
Drei Tage vor Streetings Vorstoß veröffentlichte das Cabinet Office den neuen Ratgeber „Be Ready“. Er ist Teil einer auf drei Jahre ausgelegten Kampagne, die jeden Haushalt dazu aufruft, Lebensmittelvorräte für mindestens drei Tage anzulegen sowie neun Liter abgefülltes Wasser und andere überlebenswichtige Dinge für eine Situation vorrätig zu halten, in der Supermärkte oder elektronische Bezahlung nicht zur Verfügung stehen. Die Regierung erklärte, „für den Notfall vorbereitet zu sein“ sei notwendig, um sich auf „extreme Wetterlagen, Cyberangriffe, Notfälle“ vorzubereiten, welche „die Dienstleistungen, von denen Sie abhängig sind, beeinträchtigen können“.
Streetings Vorstoß macht deutlich, dass es bei dem neuen Ratgeber in Wirklichkeit um Krieg geht. Die Botschaft lautet: Wenn es zum Krieg kommt, seid ihr auf euch allein gestellt. Viele Haushalte können es sich nach 15 Jahren Sparpolitik und dem drastischen Anstieg der Lebenshaltungskosten gar nicht leisten, sich einen Vorrat an Lebensmittelkonserven, Wasser und anderen Versorgungsgütern anzulegen.
Ähnliche Anweisungen sind bereits in ganz Europa üblich. Die Regierungen, die seit fast fünf Jahren den NATO-Krieg gegen Russland in der Ukraine führen, drängen auf eine „gesamtgesellschaftliche“ Vorbereitung für einen direkten Konflikt mit Moskau. Im März 2025 schlug die Europäische Kommission in ihrer EU-Strategie für eine krisenfeste Union vor, die Bürger der Europäischen Union sollten „praktische Maßnahmen ergreifen, u.a. indem sie für den Notfall lebensnotwendige Vorräte für mindestens 72 Stunden bereithalten“.
Die Forderung, die Arbeiterklasse solle für Aufrüstung und Krieg zahlen, wird überall in den herrschenden Kreisen erhoben. Sie löst massenhaften Widerstand aus: Hunderttausende von Jugendlichen und Arbeitern demonstrieren mittlerweile in ganz Europa gegen Kürzungen der Sozialausgaben und eskalierenden Militarismus. In einer Ipsos-Umfrage vom Oktober erklärt fast die Hälfte (48 Prozent) der Erwachsenen, es gebe „keine Umstände, unter denen sie bereit wären, zu den Waffen zu greifen und für Großbritannien in den Krieg zu ziehen“.
Streetings Äußerungen und die „Be Ready“-Kampagne sind kalkulierte Versuche, diesen zunehmenden Widerstand gegen Militarismus aus den Nachrichten zu verdrängen und stattdessen Patriotismus nach dem Motto „wir sitzen alle im selben Boot“ zu schüren.
Premierminister Andy Burnham hat seit seiner Amtsübernahme, bei der er Russland als größte Bedrohung für das Vereinigte Königreich bezeichnete, 8,4 Milliarden Pfund für atomar bewaffnete Dreadnought-U-Boote bereitgestellt, der Ukraine die „Stone Cloak“-Technologie zur Störung elektronischer Netzwerke zur Verfügung gestellt und am 24. August in Kiew versprochen, geheime Konstruktionspläne freizugeben, damit die Ukraine selbst Storm-Shadow-Langstreckenraketen bauen kann.
Den Premier kümmert es nicht, dass Moskau das Vereinigte Königreich im August gewarnt hat, seine zunehmende Unterstützung für die Ukraine könnte zu „katastrophalen Folgen“ führen. „Britische militärische Einrichtungen und Ausrüstungen in der Ukraine und jenseits ihrer Grenzen“ könnten potenzielle Ziele werden.
Am 2. September wurde Putin bei einer Pressekonferenz in Bischkek nach dem Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit gefragt, ob Russland als Reaktion auf britische Waffenlieferungen Einrichtungen der britischen Rüstungsindustrie auf britischem Staatsgebiet angreifen könnte. Er antwortete: „Das ist ein Geheimnis. Ein militärisches Geheimnis.“
Ein zentrales Element der Kriegseuphorie sind die Forderungen, Finanzminister John Healey solle in seinem ersten Haushaltsplan unter Burnham, den er am 28. Oktober vorlegen wird, die Militärausgaben zu Lasten von Sozialleistungen und anderen Sozialausgaben erhöhen. Healey war am 11. Juni unter Burnhams Amtsvorgänger Keir Starmer als Verteidigungsminister zurückgetreten und hatte dem Finanzministerium vorgeworfen, es sei „nicht bereit, die Mittel bereitzustellen, die die Nation zur Verteidigung des Landes benötigt“.
Da Burnham noch nicht zugesagt hat, bis 2030 drei Prozent des BIP für militärische Kernausgaben aufzuwenden, klagte Streeting, die Kriegsbereitschaft gehe „angesichts einer Fixierung auf Prozentsätze und Daten“ verloren. Streeting erklärte weiter, er sei „zu 100 Prozent zuversichtlich“, dass bis 2035 das NATO-Ziel von 3,5 Prozent erreicht werde.
General Sir Roly Walker, Generalstabschef und Oberbefehlshaber der British Army, hielt am 15. Oktober vor 700 Soldaten in der Garnison Catterick in North Yorkshire eine Rede, die offensichtlich mit der Regierung abgestimmt war. Darin erklärte er mit Hinweis auf die Truppen: „Unsere Nation wird euch brauchen.“ Er warnte vor der „derzeit extrem gefährlichen Lage in der Welt. Und das Soldatenhandwerk rückt wieder stärker in das Bewusstsein der Nation“.
Walker erklärte weiter: „Es gab eine Zeit, in der unsere Nation nicht an eine Zeit denken wollte, in der sie ihre Soldaten einmal für einen Kriegseinsatz benötigen könnte... [aber] sehr bald werden die politischen Führer dieses Landes mit den Bürgern dieses Landes eine offene Diskussion führen müssen, darüber, was genau vor sich geht und wo Risiken drohen.“
Die Bürger „müssen bereit sein, Opfer zu bringen, um Verteidigung und Sicherheit Vorrang einzuräumen“. Dies bedeute, „letzten Endes brauchen wir ihre Unterstützung für uns, für euch, damit ihr genau das tun könnt, was nur ihr tun könnt: den Feind offensiv bekämpfen“.
Walker hob besonders die jüngere Generation hervor: „Außer in unseren Landstreitkräften gibt es meiner Ansicht nach keinen anderen Bereich, in dem die Last des Kampfs so auf den Schultern unserer unerfahrensten und jüngsten Soldaten liegt. Und ich wende mich an euch, weil die Verteidigung unserer Nation auf euren Schultern liegen wird, wenn ihr schließlich dazu berufen werdet, zu kämpfen.“
Was diese Opfer sein werden, schilderte Walker in seiner Rede bei der jährlichen Land Warfare Conference, die von der Denkfabrik Royal United Services Institute (RUSI) am 23. Juni organisiert wurde. Er erklärte: „In einem Bündnis ist Blut die härteste und wertvollste Währung, die wir beitragen können.“ Er enthüllte dabei Pläne für eine „zweite Armee“ für die Heimatverteidigung aus wiedereinberufenem ehemaligem Militärpersonal.
Walker, der seine Rede einen Tag nach Starmers Rücktritt hielt, erhöhte den Druck auf die künftige Burnham-Regierung. Er erklärte beim RUSI: „Vielleicht, wer weiß, das ist nur Spekulation und keine politische Positionierung, aber man wird vielleicht sogar eine dritte Armee brauchen, sollten wir uns mit einem langen Krieg konfrontiert sehen.“
Die konservative Oppositionsführerin Kemi Badenoch griff Walkers jüngste Rede auf und postete am 17. Oktober: „Eine eindringliche Intervention des Oberbefehlshabers der Armee. Da kommt etwas auf uns zu, und die Regierung muss aufwachen… Ich habe klargestellt, wo ich anfangen würde: die Sozialausgaben kürzen und das Geld in die Verteidigung stecken.“
Im Vorfeld der Veröffentlichung des Haushaltsplans am Mittwoch haben Vertreter des Militärs die Kampagne intensiviert. Am 21. Oktober erklärte der ehemalige Armeeoffizier und Oberstleutnant Stuart Crawford im Express, die Regierung sei „entweder nicht willens oder nicht fähig, die Verteidigung angemessen zu finanzieren“. Er forderte eine sofortige Erhöhung auf drei Prozent sowie einen Anstieg auf fünf Prozent bis Ende des Jahrzehnts: „Wenn die Verteidigung nicht ausreichend finanziert wird, und es hart auf hart kommt, dann brauchen wir keine Sozialausgaben mehr, denn dann werden wir von jemand anderem beherrscht werden.“
Die Sunday Times berichtete vorab, Healey würde „neue Verteidigungsausgaben in Milliardenhöhe“ ankündigen, die über den National Wealth Fund und die British Business Bank abgewickelt sowie durch langfristige Anleihen finanziert werden. Die Zeitung sah dies als „Anzahlung“ auf dem Weg zur Erfüllung der NATO-Ziele.
Letzten Freitag betonte die Times in ihrem Leitartikel: „John Healey muss die Gelegenheit ergreifen, um gegen die verschwenderischen Ausgaben vorzugehen.“ Die Zeitung stellte sich hinter Andy Haldane, den ehemaligen Chefökonom der Bank of England und ehemaligen Berater Burnhams: „[Haldane] hat recht, dass Burnham ,die Axt‘ an die Ausgaben ,anlegen‘ muss.“
