Perspektive

Kinderarbeit kehrt in die USA zurück: Eine Gesellschaft im Rückwärtsgang

Dieses Foto von 1911 zeigt Jungen, die bei der Hughestown Borough Coal Co. in Pittston (Pennsylvania) arbeiten. (Department of Commerce and Labor. Children's Bureau) [Photo: Department of Commerce and Labor. Children's Bureau]

In der vergangenen Woche hat der Senat von Iowa ein Gesetz beschlossen, durch das zahlreiche Bestimmungen zur Beschränkung von Kinderarbeit in diesem Bundesstaat aufgehoben werden. So wird die Liste der Tätigkeiten erweitert, die Minderjährige legal ausüben dürfen, und die maximal zulässige Dauer einer Schicht angehoben. Zusätzlich dürfen Unternehmen die Kinder nun bis spät in die Nacht einsetzen.

Der Gesetzentwurf wurde ins Parlament des Bundesstaats, das von den Republikanern kontrolliert wird, mit der Begründung eingebracht, man wolle die Kinderarbeitsgesetze von Iowa „modernisieren“. In Wirklichkeit handelt es sich nur um die Spitze des Eisbergs bei einem gewaltigen sozialen Rückschritt. Die Vereinigten Staaten, das reichste Land der Welt, werden nicht müde, andere über „Demokratie“ und „Menschenrechte“ zu belehren. Doch in eben dieses Land kehrt die barbarische Praxis der Kinderarbeit nun zurück, von der man einst glaubte, sie sei zumindest in den fortgeschrittenen Industrieländern auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet.

Im 19. Jahrhundert rechtfertigten die Kapitalisten Kinderarbeit mit der Begründung, dass sie „gewohnheitsmäßigen Müßiggang und Verdorbenheit“ verhindern und die „Gewohnheiten des Arbeitslebens“ vermitteln würde, wie eine Studie des US Bureau of Labor Statistics erläutert. Heute werden nahezu identische Argumente vorgebracht, um die Aufweichung der Kinderarbeitsgesetze zu rechtfertigen. „Es ist wertvolle Erfahrung“, erklärte die Gouverneurin von Iowa, Kim Reynolds, zu Beginn des Monats. „Wissen Sie, die Kinder lernen dabei eine Menge, und wenn sie Zeit dafür haben und sich etwas dazuverdienen wollen, sollten wir sie nicht davon abbringen.“

Nach Angaben einer Untersuchung des Economic Policy Institute (EPI, Institut für Wirtschaftspolitik) wurden in den letzten zwei Jahren in 10 Bundesstaaten Gesetzesentwürfe zur Lockerung der Beschränkungen für Kinderarbeit in den USA diskutiert. Acht Gesetzentwürfe wurden bisher in diesem Jahr eingebracht, einer davon in Minnesota, der es Kindern erlauben würde, auf Baustellen zu arbeiten. Ein weiteres Gesetz wurde kürzlich in Arkansas verabschiedet.

Die Zahl der Minderjährigen, die von Verstößen gegen Kinderarbeitsgesetze betroffen waren, ist laut derselben Studie des EPI zwischen 2015 und 2022 von 1.012 auf 3.876, d. h. um fast 400 Prozent gestiegen. Ein Teil dieser Verstöße führte zu öffentlichen Skandalen, etwa die Beschäftigung von Dutzenden von Kindern im Alter von 12 Jahren in einem Autoteilewerk in Alabama und mehr als hundert Kinder in gefährlichen Tätigkeiten in einem Fleischverarbeitungsbetrieb in Wisconsin. In beiden Fällen handelte es sich überwiegend um Kinder von Einwanderern, die eine der am stärksten ausgebeuteten und unterdrückten Schichten der amerikanischen Arbeiterklasse darstellen.

Tatsächlich wurde die Kinderarbeit in den Vereinigten Staaten nie vollständig abgeschafft und ist in ländlichen Gebieten nach wie vor weit verbreitet. Etwa 500.000 Kinder zwischen 12 und 17 Jahren arbeiten in der Landwirtschaft. Zudem gibt es Ausnahmeregelungen für die Arbeit in der Landwirtschaft, die es Kindern ab 10 Jahren erlauben, mit Zustimmung der Eltern zu arbeiten. Die Landwirtschaft ist darüber hinaus vom bundesweiten Mindestlohn ausgenommen und auch hier sind überwiegend Einwanderer beschäftigt.

Natürlich machen US-Konzerne mit der Ausbeutung von Kinderarbeitern nicht nur in den USA selbst Profite. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) waren im Jahr 2020 weltweit 160 Millionen Kinder – fast jedes zehnte – in Kinderarbeit beschäftigt, davon fast die Hälfte in Tätigkeiten, die mit Gefahren verbunden sind. Der Prozentsatz der erwerbstätigen Kinder in den Belegschaften, der vor dem Jahr 2016 rückläufig war, stagniert seither. Die absolute Zahl der Kinderarbeiter ist indessen um 8 Millionen gestiegen.

In dem Bericht des EPI wird festgestellt, dass die wesentliche Überlegung hinter den Bestrebungen zur Abschaffung der Kinderarbeitsgesetze darin besteht, den starken Rückgang der Erwerbsquote der 16- bis 24-Jährigen umzukehren. Seit Beginn des Jahrhunderts war diese um mehr als 10 Prozentpunkte gesunken. Das sei „furchtbar wenig“, argumentierte ein Lobbyist der Lebensmittelindustrie bei einer Anhörung im Senat von Iowa und fügte hinzu, dass das neue Gesetz dazu beitragen würde, diesen Trend umzukehren.

Die Aussicht auf mehr junge Menschen, die ihre Schulabschlüsse machen und anschließend eine Hochschulabschluss erwerben, anstatt weiterhin in Jobs ohne Perspektive zu arbeiten, ist für die herrschende Klasse untragbar. Mehr Jugendliche müssen in Niedriglohnjobs gedrängt werden, um zu verhindern, dass der angespannte Arbeitsmarkt zu bescheidenen Lohnerhöhungen führt. Für die herrschende Klasse ist noch beunruhigender, dass diese Situation den Widerstand der Arbeiter verstärkt hat, die in einer Branche nach der anderen auf Streiks drängen. Die Kampagne zur Abschaffung der Kinderarbeitsgesetze wird zwar von den Republikanern angeführt, steht aber im Einklang mit der Wirtschaftspolitik der Regierung Biden und der US-Zentralbank Federal Reserve, die Zinserhöhungen einsetzt, um Massenarbeitslosigkeit auszulösen und die Löhne zu drücken.

Der Abbau des Jugendschutzes ist nicht zuletzt auf die Kriegspolitik des amerikanischen Imperialismus zurückzuführen. Der eine Billion Dollar schwere Militärhaushalt und die Dutzenden von Milliarden, die regelmäßig für den Stellvertreterkrieg der USA in der Ukraine bereitgestellt werden, sowie die immer offeneren Vorbereitungen für einen Krieg mit China, erfordern den Aufbau einer Kriegswirtschaft, die mehr und mehr zu schärfster Ausbeutung greift. Die herrschende Klasse arbeitet an Plänen mit dem Ziel, Hunderttausende von jungen Menschen für den amerikanischen Imperialismus auf fernen Schlachtfeldern gegen Atommächte kämpfen und sterben zu lassen. Sie sollen entweder zum Militär eingezogen oder durch wirtschaftliche Not dazu gebracht werden, sich „freiwillig“ zu melden.

Ob sich eine Gesellschaft vorwärts oder rückwärts bewegt, zeigt sich insbesondere an der Art und Weise, wie sie ihre verwundbarsten Teile, einschließlich der Jugend, behandelt. Macht man dies zur Grundlage, so zeichnet sich in den USA das Bild eines Landes ab, das sich, getrieben von einer tiefen und unlösbaren wirtschaftlichen, politischen und sozialen Krise, schnell rückwärts bewegt.

Tatsächlich greift die herrschende Klasse seit fast einem halben Jahrhundert systematisch den Lebensstandard der Arbeiter an. Doch man hat das Gefühl, dass insbesondere in den letzten Jahren, bedingt durch die massive Krise, die durch die Pandemie ausgelöst wurde, ein kritischer Punkt erreicht wurde.

Das Recht der Kinder auf eine Kindheit – eine soziale Errungenschaft, die nur durch erbitterte Kämpfe erreicht werden konnte – sowie alle anderen sozialen Rechte, die im Verlauf von mehr als einem Jahrhundert erkämpft wurden, werden heute in Frage gestellt. Die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse werden denen des 19. Jahrhunderts immer ähnlicher.

Dazu gehören:

  • Der Achtstundentag und die Fünf-Tage-Woche. In Fabriken in den USA ist es nicht ungewöhnlich, dass Arbeiter wochenlang ohne einen einzigen freien Tag am Arbeitsplatz gehalten werden oder 12- oder sogar 16-Stunden-Schichten arbeiten. Die Beschäftigten der Bahn stehen oftmals wochenlang rund um die Uhr „auf Abruf“ im Bereitschaftsdienst und können so keine Zeit mit ihren Familien verbringen.
  • Arbeitsschutzbestimmungen. Diese wurden ausgehöhlt und die Kontrollbehörden unterfinanziert, was zu einer Reihe von entsetzlichen Arbeitsunfällen führte. Arbeiter fielen in geschmolzenes Metall, wurden von Maschinen zerquetscht, verbrannten bei Gasexplosionen und wurden durch schwere Chemielecks vergiftet.
  • Das Recht auf Bildung. Das öffentliche Schulsystem wird in Form von Charter Schools in den privaten Sektor verschoben – ein Wachstumssektor mit einem geschätzten Volumen in Billionenhöhe. In den Städten Detroit und New Orleans sind die Mehrheit der Schulen inzwischen Charterschulen. Unterdessen kürzen Schulbezirke im ganzen Land Programme und schließen Schulen.
  • Öffentliche Gesundheit. Allein in den Vereinigten Staaten sind mehr als 1 Million gestorben, da die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie fallen gelassen wurden. Fortschritte in der Medizin, die zur Eindämmung von Krankheiten hätten genutzt werden können, und sogar seit Jahrhunderten bekannte Methoden wie die Rückverfolgung von Kontaktpersonen und Quarantäne wurden mit der Begründung abgelehnt, sie seien für „die Wirtschaft“ zu „kostenintensiv“.

Ein statistischer Vergleich gibt einen Hinweis darauf, welche Situation sich durch diese Entwicklungen insgesamt ergeben hat. Ein junger amerikanischer Arbeiter, der eine Arbeit in einem Werk aufnimmt und einen Einstiegslohn von 16 Dollar pro Stunde erhält, wie er etwa in der Automobilindustrie üblich ist, verdient real weniger als der durchschnittliche Produktionsarbeiter in den Vereinigten Staaten im Jahr 1944. Mit anderen Worten: Der gesamte Nachkriegsboom hat sich für die jüngere Generation ins Gegenteil verkehrt.

Die Gewerkschaftsbürokratie, die vollständig in die Unternehmen und die Regierung integriert ist, hat diese soziale Konterrevolution in entscheidender Weise unterstützt. In den Verhandlungen mit den Arbeitgebern haben sie alle Errungenschaften der Vergangenheit preisgegeben, um ihre eigenen Positionen und sechsstelligen Gehälter abzusichern, die aus den Mitgliedsbeiträgen der Arbeiter finanziert werden. Unter Arbeitern, deren Branche gewerkschaftlich organisiert ist, steigen die Löhne sogar noch langsamer als unter gewerkschaftlich nicht organisierten Arbeitern.

Unterdessen sind die Gewinne der Unternehmen so groß wie nie zuvor und Billionen von Dollar werden den Banken, wenn ihre spekulativen Geschäfte zusammenzubrechen drohen, sofort zur Verfügung gestellt. Die Zinserhöhungen haben nicht nur die Arbeitslosigkeit vergrößert. Sie haben auch dazu geführt, dass Großbanken wie JPMorgan Chase Rekordgewinne verbuchen konnten. Für JPMorgan beliefen sich diese für das letzte Geschäftsquartal auf über 50 Milliarden Dollar.

Die Jugend hat im Kapitalismus keine Zukunft. Der Fortbestand dieser Gesellschaftsform beruht darauf, dass sämtliche sozialen und kulturellen Errungenschaften der Vergangenheit zerschlagen werden. Auf der Ebene der technischen und wissenschaftlichen Entwicklung hat die Menschheit schon vor langer Zeit die nötigen Mittel geschaffen, um Armut, Krieg, Pandemien, Umweltzerstörung und alle anderen sozialen Probleme zu beseitigen. Dass all diese heute wieder aufbrechen, hat nur einen Grund: das kapitalistische Profitsystem.

Die Lösung besteht für junge Menschen darin, den Kampf für die sozialistische Umgestaltung unseres Planeten und die Abschaffung der kapitalistischen Ausbeutung aufzunehmen, um den Weg für den Fortschritt der Menschheit wieder frei zu machen. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale veranstaltet seine jährliche Kundgebung zum 1. Mai mit dem Ziel, eine solche internationale Bewegung aufzubauen. Unsere jüngeren Leser rufen wir auf: Nehmt den Kampf für Sozialismus auf! Nehmt an der Kundgebung zum 1. Mai teil und werdet Mitglieder der International Youth and Students for Social Equality und der Sozialistischen Gleichheitspartei!

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